Archiv der Kategorie: Mensch

Große Auswahl

Große AuswahlDer Laden unten um die Ecke,
der hält noch mehr als er verspricht.
Gefüllt mit Krempel bis zur Decke,
hat alles er – auf lange Sicht.

Laut Schild verkauft er Eisenwaren,
was auch zum größten Teil der Fall.
Doch schränkt sich sein Geschäftsgebaren
durchaus nicht ein auf dies Metall.

Da kann ich mir ‘nen Hammer holen
und Nägel, Schrauben aller Art,
‘nen Stecker, englisch, mit drei Polen
und Schlüssel mit und ohne Bart.

Das wäre dann noch auf der Schiene,
auf der er angekündigt fährt –
doch abseits auch der Gleisroutine
er querfeldein sich gut bewährt.

So mit ‘nem Salz- und Pfefferstreuer,
‘nem Zollstock und ‘nem Klebeband,
‘nem Wachstuch auch, dass man erneuer
das fettbefleckte Tischgewand.

Und, mir zu helfen aus der Patsche,
wenn mich das Biest mal wieder beißt,
zu guter Letzt die Fliegenklatsche,
die so der Mücke wegen heißt.

Da bin ich oft schon eingetreten,
hab mein Begehren klargemacht –
und unter all den Raritäten
die seltenste nach Haus gebracht.

Fischregatta

FischregattaWie von ‘nem Startblock losgelassen,
den heulenden Boliden gleich,
schossen auf ihrem Kurs, dem nassen,
die Dampfer über Neptuns Reich.

Und alle einem Ziel entgegen,
das irgendwo im Osten lag,
wie ein Verband des Krieges wegen
sich sputet, dass er Schlachten schlag.

Fürn Feind indes in diesem Falle
kann man Geschütze sich ersparn –
es fängt Sardine, Hecht und Qualle
sich schon mit bloßem Seemannsgarn.

Die Quote scheint sich ja zu lohnen,
da macht wohl jeder seinen Schnitt,
sind erst erreicht die Positionen
nach dem furiosen Wellenritt.

Rasch ausgebracht noch an der Stelle,
wo heute Floss‘ an Flosse steht,
das Netz, dem sicher die Sardelle
als erste in die Maschen geht.

Dann wie die Kühe auf der Weide
geduldig grasen in der Flut –
gemeinsam, dass nicht einer neide
dem anderen sein Beutegut.

So füllt man innerhalb von Stunden
den Bauch mit Meeresrohkost an,
bis man sich schließlich satt gefunden
und wieder heimwärts ziehen kann.

Wie sie zurück von See gekommen,
das weiß ich ja nun leider nicht.
Doch ahn ich immerhin verschwommen,
was für die letzte Strophe spricht.

Als Schwarm sind sie ja ausgelaufen
fürn fetten Fang als seltnes Glück.
Den wolln sie möglichst rasch verkaufen –
und schwärmen zur Auktion zurück!

Schöne Aussichten

Schöne AussichtenZerplatzt wie eine Seifenblase
der Wunsch, dass man nur einfach sitzt
und für die Blässe um die Nase
Frau Sonne etwas Rouge stibitzt.

Geschlossen leider die Terrasse,
auf die wir dafür fest gebaut
und wo wir von der Kaffeetasse
auf Bucht und Berge oft geschaut.

Der eine da, der „Dicke Brocken“,
der kantig in die Fluten fällt,
versteht’s speziell, den Blick zu locken,
der gern sich an Markantes hält.

Nun gut, wir lassen ihn da stehen
als Muskelprotz und Kraftpaket,
um neuerlich auf Pirsch zu gehen
nach der erhofften Lichtdiät.

Wie dass man an der „Sonnenküste“
dies nicht im Nu zustande brächt?
Längst ging der Tag noch nicht zur Rüste,
und auch El Morche ist nicht schlecht.

Lokal am Strand. Des Meeres Weite
im flachen Atem seiner Welln.
Nicht draufgeblickt. Mehr von der Seite.
Wie schrill die Möwenschreie gelln!

Da gab es Sonne noch und nöcher,
wenn ich’s so plump mal sagen darf.
Die schoss aus ihrem Strahlenköcher
noch mindestens zwei Stunden scharf.

Am Ende doch zu viel des Guten.
Die Pfeile warn miteins verbraucht,
und innerhalb von zwei Minuten
verblich der Stern, in Blut getaucht.

 

Erfüllte Träume

Erfüllte TräumeSein „All die werlt, ich hân mîn lêhen“
jauchzt‘ Walther einst den Knappen zu;
Begeist’rung war ihm anzusehen,
er wippte mit dem Schnabelschuh.

Genauso will ich minnesingen
und mir die Freud vom Leibe schrein,
dass mir in Immobiliendingen
auch Gönner ihre Gunst verleihn.

Ja, sogar einer der ganz Großen
im Internetgeschäft weltweit
hat meine Bitte nicht verstoßen
nach mehr Komfort und Wohnlichkeit

Und schickte die ersehnte Ware
grad so, als ob er Kaiser wär,
als rasche, reichsunmittelbare
mit ‘nem Kurier als Dienstmann her.

Ich musste nur den Eid ihm leisten
auf Heeresfolge und so fort,
wie’s in den AGB der meisten
Feudalherrn gleich ja Wort für Wort.

Modern gesagt, er wollte Knete
für sein gediegenes Objekt,
die, eh der Hahn noch dreimal krähte,
ich schwurgemäß ihm zugesteckt.

Nicht ohne Pflichten war und Lasten
das Gut, das Walther einst verliehn.
Ich kaufte mir fürs Brot ‘nen Kasten.
Muss dafür nicht in Kriege ziehn.

Erwünschte Sangeslust

Erwünschte SangeslustGern würd ich mal vom Stapel lassen
‘nen Hymnus, der die Seele ölt
und den man stets mit „Hoch die Tassen!“
am Siedepunkt der Stimmung grölt.

So irgendeine schlichte Weise,
die sangesfreud’ge Herzen rührt
und die in gleichgestimmtem Kreise
das Leben eines Ohrwurms führt.

Doch werd den Trick ich nie beherrschen,
da denk ich viel zu kompliziert –
und viel zu schlecht von diesen Ärschen,
die auf ‘ne Wurmkur abonniert.

So bleib ich denn bei meinem Leisten
und such nicht Massen zu erfreun,
wär froh, wenn mich die Musen preisten,
was immerhin ja auch schon neun.

Begeisterung ist, wie wir wissen,
nicht nur mit Kennerschaft gepaart –
wie viele sah ich hingerissen
von Kitsch und Nippes mancher Art.

Doch nie hab jemand ich getroffen,
der so von wahrer Kunst erfüllt,
dass er vor Rührung stockbesoffen
Sonette in die Welt gebrüllt.

Doch! Einmal ist es vorgekommen,
und ich war selber involviert.
Auf Kreta, weiß ich noch verschwommen,
ist die Geschichte mir passiert.

Wir hatten die Touristenziele
des Tages hinter uns gebracht
und schlürften in der Herbergsdiele
noch einen letzten Drink zur Nacht.

Da hat es sich dann so ergeben,
dass wir mit Leuten uns vereint,
die auch dem Saft geharzter Reben
an lausch’gen Abenden nicht feind.

Symposion griechisch. Saufgelage.
Doch irgendwie auch musisch halt:
So etwa Hamlets Schicksalsfrage
im Chor bis morgens durchgelallt.

Maritime Geisterstunde

Maritime GeisterstundeDas Meer ganz ruhig, kaum gekräuselt
und grau, so weit das Auge reicht.
Nicht das geringste Lüftchen säuselt.
Halb sieben, und der Tag verbleicht.

Paar schmuddelige Wolkenstreifen
verharren noch am Horizont,
durch die mit Rosenfingern greifen
die letzten Himmel, die besonnt.

Im trüben Licht der Dämmerstunde
liegt geisterhaft der Weg am Strand,
und Schweigen wie aus einem Munde
haucht dumpf aus jeder Häuserwand.

Ich schlurfte auf der Promenade
zum nächsten Supermarkt dahin
auf dem gewohnten Schlemmerpfade
mit sehr viel Meer als Zugewinn.

Ich füllte meinen Einkaufswagen,
so dass sein Boden grad bedeckt,
um noch bequem nach Haus zu tragen,
was immer da im Beutel steckt.

Und wie ich mich so heimwärts mühte
mit dem gewebten Henkelmann,
ein Auge jäh zyklopisch glühte
von See her mich gespenstisch an.

Es hat mich bis zur Tür begleitet,
dies luziferische Gesicht.
Ein Schiff gewiss, das Licht verbreitet.
Doch sicher bin ich mir da nicht.

Wieder Ruhe eingekehrt

Wieder Ruhe eingekehrtSchon wieder deckt mit mächt’gen Schwingen
die Nacht auch diesen Winkel zu,
und aus dem Hintergrunde klingen
nur Wellen in die Grabesruh.

Wiewohl nur von bescheidnen Maßen
das Städtchen hier, in dem ich haus,
lässt es bei Tag nicht mit sich spaßen
und holt den dicken Hammer raus.

Da brummen ständig die Motoren,
da kreischen Bremsen immer mal,
da dröhnen Hupen in die Ohren
wie Wutgeheul am Marterpfahl.

Und dann die quirligen Passanten!
Das schwätzt und schwafelt unentwegt
wie ausgemachte Kaffeetanten,
von süßer Sahnelust erregt.

Ja, öfter auch der Kirchenglocken
Attacke aus der Ewigkeit,
die jeglichen Gedanken blocken
mit Bimmeln, das zum Himmel schreit.

Das alles ist nun abgeschaltet,
der ganze Lärm auf Eis gelegt,
Irene, Friedensgöttin, waltet,
Hephäst der Waffenruhe pflegt.

Und unser Dichter, versbesessen,
versenkt sich in des Hobbys Müh,
dass ein paar Stunden weltvergessen
er Tinte auf die Blätter sprüh.

Wir wollen ihn nicht weiter stören
und lassen ihn, wie er da hockt.
Er lässt von selbst sich wieder hören –
und sehn, was er dabei verbockt.

Schwer entflammbar

Schwer entflammbarDa sieh nur einer, wie es schwächelt,
das Flämmchen da im Plastikrohr –
hab ihm ein Lüftchen zugefächelt,
doch bleibt’s asthmatisch wie zuvor.

Ihr wisst so recht nicht, was ich meine
mit dem beschworenen Objekt?
‘ne Kerze stellt euch vor, so eine,
die manchmal man auf Gräber steckt.

Und die, dass sie dem Winde trotze
an solcher ungeschützten Statt,
man wie mit einer Wetterkotze
zylindrisch fest ummantelt hat.

Folgt sicherlich die nächste Frage:
Wer oder was zum Windlicht riet?
Ist deine Bude von dem Schlage,
dass es ganz fürchterlich da zieht?

Nein. War durchaus nicht zweckgebunden,
dass grade dies ich mir gekrallt.
Ich hab es einfach geil gefunden,
zu wechseln mal die Lichtgestalt.

Tut man nicht viel zu oft im Leben
die Dinge, die „vernünftig“ sind?
Gewohnheit, die uns eingegeben
von Brauch und Sitte, farbenblind.

Umso erstaunlicher zu sehen,
dass was für draußen doch gedacht,
schon kurz davor ist auszugehen,
wo ihm kein Hauch zu schaffen macht!

Wie soll sich einer das erklären?
Das Flämmchen kümmert vor sich hin.
Steht ihm danach, sich zu bewähren
im Sturm vielleicht der stolze Sinn?

 

Übers Verseschmieden

Übers VerseschmiedenDie Neigung, sich zu wiederholen,
verliert sich wohl so richtig nie –
ob Fülln wir sagen oder Fohlen,
es ähnelt sich doch irgendwie.

‘ne Extrawurst für den Poeten
ist von Natur nicht vorgesehn.
Er nimmt wie alle die Moneten,
wie sie durch tausend Pfoten gehn.

Und flutschen sie ihm durch die Finger,
dass ihm der schöne Schatz versiegt,
dann gelten die ihm nicht geringer,
die er von früher wiederkriegt.

Das soll ihm nicht als Freibrief dienen,
sich pausenlos zu variiern
und seine ausgefahrnen Schienen
mit abgestandnem Fett zu schmiern.

Dann muss er eben länger hocken
vor seinem unbeschriebnen Blatt,
um ihm die Zeilen zu entlocken,
die es noch nie vergeben hat.

Ums mal in dem Jargon zu sagen,
der für die Raffgesellschaft steht:
Muss seine Haut zu Markte tragen
in höchster Kundenqualität.

Doch keinesfalls des Vorteils wegen
der Dichter seine Verse feil –
ihm sei nur am Parnass gelegen
und dass er bei den Musen weil!

Anhaltende Störgeräusche

Anhaltende StörgeräuscheDer Dichter wird wohl Ruhe brauchen,
damit er fleißig brüten kann
und ihm aus dem Gehirne rauchen
die Geistesblitze irgendwann.

Hat man nicht häufig sagen hören,
dass er sich gern verklausuliert
und, dass Banausen ihn nicht stören,
in Wüsten gar eremitiert?

Doch muss er unter Menschen bleiben,
was als Normalfall anzusehn,
wird ihm des Hammers buntes Treiben
ganz sicher auf den Amboss gehen.

Dem Nachbarn, der die Wand behämmert
zu mehr Ambiente und Komfort,
es in der Regel wenig dämmert,
dass er auch trifft so manches Ohr.

Darüber müssen wir nicht streiten.
Wir haben’s alle selbst erlebt.
Auch die, die Pegasus nicht reiten,
erstarren, wenn die Hütte bebt.

Doch was, wenn selbst die schönsten Klänge
dir plötzlich auf die Nerven falln –
die engelssüßen Chorgesänge,
die von der Kirche rüberhalln?

Hab eben es erfahren müssen:
Ein Sanctus und Magnifikat,
sie stören bei den Musenküssen,
die hier und heute man schon hat.