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Wenig Spielraum

Wenig SpielraumJa, immer Wolken nur, die jagen,
ja, immer Regen nur und Wind
und Blätter, wie sie um sich schlagen
ins Blaue immer nur und blind!

Mehr hat der Sommer nicht zu bieten,
das ist sein ganzes Füllhorn schon –
ein Wettertopf mit lauter Nieten,
`ne graue Masse, Ton in Ton.

Mit Freunden wo im Freien grillen
so lange, bis die Sonne sinkt?
Unmöglich selbst beim besten Willen:
Südwester? Ölzeug? Abgeschminkt.

In Wald und Flur spazieren gehen,
wo süß der Vögel Sang erklingt?
Vermummt vom Kopf bis zu den Zehen
im Taucheranzug? Abgeschminkt.

Im Garten unter Fichten hocken,
wo Kaffee man und Kuchen bringt?
`ne Bademütze übern Locken,
auf die es pieselt? Abgeschminkt.

Wer wird denn vor den Toren schweifen,
ist’s warm und trocken am Kamin?
Entspannt lausch ich den Autoreifen,
die platschend durch die Pfützen ziehn.

Mit diesem kleinen Zungenbrecher
entlass ich, Leser, euch für heut.
Und wünscht, der Regen werde schwächer –
sonst nerv ich euch damit erneut!

Im Stau

Im StauDie Lebensmittel, grad erstanden
am angestammten Einkaufsort,
wie üblich erst einmal verschwanden
im Kofferraum für den Transport.

Dann kletterten wir in die Kiste
und nahmen unsre Sitze ein,
um auf der altvertrauten Piste
ruckzuck gleich wieder heim zu sein.

Doch nur ein paar Minuten später
war’s aus mit der beschwingten Fahrt,
weil eine Schlange, Kilometer!,
sich plötzlich vor uns offenbart.

Da hieß es in die Eisen steigen,
dass man ihr auf den Schwanz nicht trat,
und ungewollt sich vorwärts neigen
so à la Bodenakrobat.

Ist grade noch mal gutgegangen,
zwei Zentimeter weiter und…
Dafür in diesem Stau gefangen,
der kaum ein besserer Befund!

Wir hatten aber keine Eile
und waren mäßig nur frustriert.
Geplaudert und aus Langeweile
die Staugenossen inspiziert!

Ein Musterbuch der Automarken
war aufgeschlagen ringsherum –
mit großen, kleinen, schwachen, starken,
mit Mittelmaß und Premium.

Und wie es üblich in `nem Buche,
wo sich ein Bild ja nicht bewegt,
schien’s, dass gebannt von einem Fluche
das Blech hier feste Wurzeln schlägt.

Mercedes standen da und Porsche,
der Tiguan und der Touareg,
der ganze Nobelclub, der forsche,
hier lahmgelegt an einem Fleck.

Doch dann ist Leben reingekommen.
Man hat sich schließlich Luft verschafft
und wieder Tempo aufgenommen
nach seiner Pferde Leistungskraft.

Der Eitelkeit die Zügel schossen,
je mehr der Tacho hochgeschnellt,
und rasch war zwischen Boys und Bossen
der Abstand wiederhergestellt.

Die Stockung aber stimmt mich heiter,
weil blind sie für den Status ist:
Der dickste Schlitten kommt nicht weiter,
wenn noch so viel er Super frisst!

Verschiedene Aussichten

Verschiedene AussichtenJetzt sind sie weg, die Hütten eher
als Häuser man zum Wohnen heißt,
gekappt vom großen Rasenmäher,
dem Bagger, der nur niederreißt.

Und in der Lücke, die geschlagen,
damit sie ein Investor schließt,
inzwischen auch die Türme ragen,
aus denen ihm die Kohle fließt.

Die fast bis an den Himmel reichen
mit ihren Balken, Sparrn und Spiern,
um die Profite einzustreichen,
die aus der Höhe resultiern.

Als Nachbar würd ich nicht behaupten,
dass mir der neue Blick gefällt –
die Steine, die sich höher schraubten,
ha’m ziemlich mir die Sicht verstellt.

Doch damit lässt es sich ja leben –
kein Beinbruch für das Aug, das schweift,
nur: Wo hat der sich hinbegeben,
dem man das Dach vom Kopf gestreift?

Ich grüß euch, strahlende Fassaden,
die ihr aus Schutt geboren seid,
und mit euch diesen Luxusladen
und das Hotel im Sternenkleid!

Wo habt den Bruder ihr gelassen,
die Schwester, die den Ort bewohnt?
Sie starben unter Ziegelmassen,
hat auch der Bagger sie verschont.

Freie Meinung

Freie MeinungNun, nennen wir ihn mal zum Spaße,
auch wenn er überall zu Haus,
den Mann (Verzeihung!) von der Straße
mit Namen Kuddel oder Klaus.

So einer kreuzte meine Pfade
erst neulich in `nem Supermarkt,
wo er, erleuchtet von der Gnade,
mit Weisheitssprüchen nicht gekargt.

Der Fremdling, so sein Weheklagen,
die werte Kundschaft zu belehrn,
empfindet größres Wohlbehagen
als unsereins, sich zu vermehrn.

Und scheut sich nicht zu produzieren
in großer Menge Kind für Kind,
um diese Lande zu regieren,
wenn Deutsche ausgestorben sind.

Nicht jedem in der Kassenschlange
gefiel, was der da hingeschwatzt,
und deshalb dauert‘ es nicht lange,
bis wem der Kragen auch geplatzt.

Doch gab sich der Prophet geschlagen,
warf er die Flinte gleich ins Korn?
„Ich will ja nur die Wahrheit sagen“ –
(ein Luther!) und begann von vorn!

Die Ströme derer, die vertrieben,
indessen immer weiter schwelln –
und auch die Rufe, abzuschieben
die ungebetnen Tischgeselln.

Ein Beispiel nur: Der Volksgenosse,
der sich dem Leid der andern sperrt
und seine Gründe aus der Gosse
herbei sich an den Haaren zerrt.

Die Art von Deutschen, meine Güte,
was wär an denen denn verlorn?
Ich schleppe meine Einkaufstüte,
das Keifen lang noch in den Ohrn.

Liebe Sommerzeit

Liebe SommerzeitWohin, mein Herz, um Freud zu suchen
in dieser feuchten Sommerzeit?
Ein Fehler wär’s, Natur zu buchen:
Die fröstelt unterm Regenkleid.

Genauso wenig wär zu hoffen
von ihrem Widerpart, der Stadt,
zu deren Schluchten, sträflich offen,
ja ihre Nässe Zutritt hat.

Da peitscht der Wind dir um die Ohren
so klatschend, dass man’s nicht beschreibt
und selbst den Funk-Berufs-Euphoren
das „Immerhin“ im Halse bleibt.

Um den Humor nicht zu verlieren,
mit dem ja alles steht und fällt,
empfiehlt es sich, zu retirieren
ins wasserdichte Ziegelzelt.

Und da geduldig abzuwarten
der Wetterfrösche Prophetie,
die wie der Wahrsagerin Karten
ja immer richtig – oder nie.

Geborgen hinter dicken Mauern,
die kein Zyklon ins Wanken bringt,
lässt sich’s auf bessre Zeiten lauern,
die kommen müssen – unbedingt.

Doch wer würd `ne Prognose wagen?
Bevor der Sommer noch entflohn?
Der aber zählt nur noch nach Tagen –
die ersten Blätter fallen schon.

Unter Hausarrest

Unter HausarrestWo jede Freiheit ich genossen,
wo jeder Weg mir offen stand –
wie in ‘nem Kerker eingeschlossen
nun eisern zwischen Tür und Wand!

Zwar klappert keiner hier die Runde
mit amtsgewalt’ger Miene ab
und scheppert mit dem Schlüsselbunde
auf leisen Sohlen, tapp, tapp, tapp.

Auch kommt kein Anstaltspsychopater,
der auf den Brägenbusch mir klopft,
um rauszukriegen, ob Theater,
ob Ernst mir von den Lippen tropft.

So wie’s auch fehlt am Herrn Direktor,
der über allen Wolken schwebt
und drum in seinem schmalen Sektor
fast nur noch als Legende lebt.

Doch hält mit ihren schwarzen Krallen
die Nacht mich fest in meinem Bau
und lässt nur in den Schlaf mich fallen,
damit ich ihre Fratzen schau.

Indes von draußen, von der Treppe
tönt jäh mir ein Geräusch ins Ohr,
als ob sich da ein Nachbar schleppe
mit schwerem Schritt nach oben vor.

Gewiss ein armer Zeitgenosse,
der gleichfalls sich in Haft begibt
und über mir im Dachgeschosse
den Hintern in die Zelle schiebt.

Doch ehrlich, was wir nachts erleiden,
ist andrerseits durchaus human.
Wir müssen uns nicht streifig kleiden
wie einer auf der schiefen Bahn.

Und können mancherlei genießen –
Lektüre etwa, Film und Funk,
und, um den Vogel abzuschießen,
‘nen ausgesuchten Schlummertrunk!

Reine Lyrik

Reine LyrikWie heiter plätschern meine Verse
von Strophe so zu Strophe hin,
Gedanken im Gepäck, diverse,
und manchmal ‘ne Idee im Sinn.

Ein schöner Fluss, der weder Schnellen
noch irgendwelche Strudel kennt,
geschweige denn in Wasserfällen
koppheister aus dem Ruder rennt.

Doch will er nicht den Anschein wecken,
er flöss in blinder Seligkeit
und sähe nicht die Schmuddelecken
an seinen Säumen weit und breit.

Die voll von ekligen Gerüchen
nach allem, was zersetzt, zerkaut,
und mehr noch nach den Teufelsküchen,
wo Hass und Gräuel man verbraut.

Oft möcht er übers Ufer treten
in stetig aufgestauter Wut
und all den Dreck, der ungebeten,
ersäufen in der Verseflut!

Doch sträubt sich meine Musenquelle,
der Frische über alles geht,
dass ich in einen Dienst sie stelle,
der wenig Sauberkeit verrät.

Wenn Dichter mit erregten Zeilen
nur pausenlos im Unrat rührn,
wer sollte dann das Bild ‘ner heilen
und bessren Welt vor Augen führn?

Solln sie mit hellrem Pinsel malen
der Menschen finsteres Gemüt –
wer weiß, ob unter rauen Schalen
nicht heimlich schon die Rose blüht?

Fruchtwechsel

FruchtwechselMit welcher Frucht ließ sich verführen
Schneewittchen, lebte heute sie,
um solche Esslust zu verspüren
wie einstmals auf den Apfel die?

Ich könnt mir ‘ne Banane denken,
kanarisch klein und wohlgewürzt,
auf die, in Honig sie zu schwenken,
sie mit Begeisterung sich stürzt.

‘ne Mango auch mit Rosenwangen
auf einem Teint von feinem Grün,
die selbst schon vor Verzehrverlangen
dem feuchten Kuss entgegenglühn.

Auch eine Kiwi käm in Frage
mit ‘nem Aroma, das apart
und das man wohl nicht alle Tage
so fruchtig frisch im Mund bewahrt.

Ja, auch ein Pfirsich mit der rauen
und rundherum beflaumten Haut,
wie ist er’s wert, ihm zuzutrauen,
dass er sich butterweich zerkaut!

Und schließlich auch noch die Melone,
die auf den Zähnen süß zerfällt,
dass gierig aus der Schalenzone
die letzten Fasern man noch pellt.

‘n Apfel? Ach, du meine Güte –
ein Märchen nur aus alter Zeit!
Der heute in der Einkaufstüte
ist längst ja vom Geschmack befreit.

Und zwar egal von welcher Sorte –
ein Früchtchen ohne Saft und Kraft,
das nur noch in der Apfeltorte
dem Gaumen etwas Kitzel schafft.

Der bleibt auch so im Halse stecken,
auch ohne dass es wer erzwingt.
Den müsst zum Leben man erwecken –
bevor er in die Kiste springt!

Müllsorgen

MüllbergWie oft wir wohl an einem Tage,
den Deckel hoch und weg damit!,
dem Eimer in diskreter Lage
den Rachen stopfen so im Schnitt?

Ein Zählwerk, dies uns anzuzeigen,
zurzeit sie noch nicht installiern,
und auch wir selbst nicht dazu neigen,
uns alle Würfe zu notiern.

Ein Blick nur hinter die Kulissen
die ganze Wahrheit uns enthüllt –
der Müll, den wir so weggeschmissen,
‘ne Grube, die gigantisch, füllt.

Die, mag sich noch ins Zeug so legen
der Bagger mit gefräß’gem Maul,
des lückenlosen Nachschubs wegen
nur immer stinkend voll und faul.

Und auch die Flamme, die da lodert,
wie sie verschlingt, verschluckt, verprasst,
verekelt sich an dem, was modert,
und es mit spitzer Zunge fasst.

Selbst Herkules würd’s nicht gelingen
ganz auszumisten diesen Stall –
die Forke müsst er ewig schwingen
wie’n Sisyphus als Sonderfall.

Als Umweltschützer erster Stunde
fällt mir der Sokrates da ein,
der auf dem Markt einst ging die Runde
gemächlich durch der Stände Reih’n.

Und schüttelte der Waren wegen,
die rangekarrt aus Stadt und Land,
den Kopf mitsamt dem Denkerbrägen,
weil nichts davon er nötig fand.

Wenn die bescheidne Lebensweise
bei unsereins in Mode käm,
erledigte sich still und leise
von selber auch das Müllproblem.

Verborgene Schätze

ErmutigungWas sollte, Hellas, dir denn fehlen?
Warum misstraust du deiner Kraft?
Wenn Blinde die Talente zählen,
was Wunder, wenn ‘ne Lücke klafft!

Ist nicht dein Reichtum ohne Grenzen
schon in der frei’n Natur allein?
Kann Andros nicht mit Bächen glänzen,
die bis zum Rand gefüllt mit Wein?

Führt nicht der Paktolos am Grunde
seit ew’gen Zeiten schon das Gold,
das, wuchernd ihm an Hand und Munde,
ein Midas nicht mal mehr gewollt?

Und hast du nicht in kühnem Zuge
die fernen Widder einst geraubt
und aus der Vliese feinster Fuge
das glitzernde Metall geklaubt?

Steht dir nicht Plutos zu Gebote,
der dir sein Füllhorn nicht verwehrt
und, Gott aus echtem Korn und Schrote,
die Schätze deiner Scheuern mehrt?

Gab Zeus, der schönen Liebe wegen,
nicht seinem Herzen einen Stoß
und senkte sich als goldner Regen
in Danaes verschämten Schoß?

Ach, höre nicht auf die Banausen,
die dir mit nackter Armut drohn –
nie wirst in einem Fass du hausen
als deiner letzten Weisheit Lohn!

Was reichlich du an ihr besessen
verschriest du nicht für Gut und Geld,
doch notfalls (Thales und die Pressen!)
hast ihren Wert du klargestellt.

Und heute wagen dich zu schmähen
die Pfennigfuchser ungestört,
die nur den eignen Nabel sehen,
weil sie von Delphi nie gehört!

Geh feiern, lass die Puppen tanzen!
Den Sauertöpfen Spott und Hohn!
Für Hellas sprechen die Bilanzen,
für Hellas vier Millennien schon!