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Zunehmend Stückwerk

Zunehmend StückwerkGanz langsam, langsam wie auf Krücken
schleicht sich die Zeit in Fleisch und Bein,
um mir beharrlich wegzupflücken
mit jedem Tag ein Stückchen Sein.

Was schlimm genug ist. Doch noch schlimmer,
dass sie so roh zu Werke geht
wie`n Hufschmied oder Kohlentrimmer,
der triefend vor der Flamme steht

Und um das Weitre unbekümmert,
das seinem blinden Fleiß entspringt,
die Stoffe schmelzt und sie zertrümmert,
als wär dem Teufel er verdingt.

So trag auch ich denn ihre Spuren
verstreut schon längst am ganzen Leib,
die selbst mit Wässerchen und Kuren
ich nicht mehr von der Pelle reib.

Wie bei `nem Apfel, der gebraten,
die vormals glatte Haut sich wellt,
so auch dank Chronos` Missetaten
die meine mir in Falten fällt.

Und wo so gern die Winde spielen,
sei`s friedlich, sei`s im Übermut,
die Federn bis auf Reste fielen
zum Haarkranz unterm Doktorhut.

Nicht einmal mittschiffs meinen Hüften
erspart bisweilen sie Verdruss
und schickt mir jäh aus linden Lüften
`nen wohlgezielten Hexenschuss.

Dazu dann noch `ne Darmgeschichte,
die unvermittelt aufgetaucht
und die beim besten Heilsberichte
mich auch noch heute ziemlich schlaucht.

Da sollte ungetrübt sie lassen
das Auge, das sich beugt und biegt?
Es mag die Ferne noch erfassen,
doch nichts, was vor der Nase liegt.

Und schließlich hat auch, viel beschworen,
ihr Zahn die Beißer mir benagt –
die einen gingen schon verloren,
den andern nur der Rumpf noch ragt,

So dass `nem findigen Dentisten
ich mich am Ende anvertraut,
der Ersteren zu überlisten,
mein Maul zur Festung ausgebaut.

Was ist nun im maroden Leibe
nicht alles schon zurechtgeflickt!
Ob auch der Geist, aus dem ich schreibe,
noch einmal vor sich selbst erschrickt?

Beim Schmökern

Beim SchmökernSchon ist der Mond vorbeigesegelt
und hab ihn flüchtig nur erhascht,
in meinen Sessel faul geflegelt,
in meinem Taschenbuch genascht.

Auch sitzend will ich dazu stehen:
Oft fesselt mich so`n Lesestoff,
dass meine Blicke Streife gehen
nur in den Seiten statt im Off.

Spricht ja beredt für die Lektüre,
mit der ich meine Muße stopf:
“Kompendium der Maniküre”,
“Das Kuckucksei als Wiedehopf”.

Zum Beispiel. Oder auch Romane
histor’scher und aparter Art:
“Die Kirchenmaus in der Soutane”,
“Der Schlüssel mit dem Rauschebart”.

Versteht sich, dass bei solchen Themen,
die größtenteils noch unverbraucht,
der Geist, und wenn die Preußen kämen,
tief in den Wälzer eingetaucht.

Was hat ihn jetzt ans Blatt geknetet,
dass kaum ihm noch ein Auge wert
der Mond, der glänzend majestätet,
wie mit dem ganzen Hof er fährt?

Victor Hugo mit seinen Zeilen
hat aus dem Häuschen mich gebracht.
Warum dann noch an meinen feilen?
Ein Meister, der mich sprachlos macht.

Blumiges

BlumigesSeid mir gegrüßt, ihr Herbstzeitlosen,
die ihr der Erde grad entschlüpft
und, Erben der verblichnen Rosen,
euch in den Flor des Lebens knüpft!

Kein Blatt, das eure weichen Stiele
mit monotoner Zier umfängt,
kein Wettstreit kühner Farbenspiele,
der`s Auge auf die Blüte lenkt.

Wie schmucklos reckt ihr und bescheiden
aus eurer Wiege euch empor,
um diese Lüfte zu beweiden
im Hauch des Windes rück und vor!

Man könnte meinen, eure Blässe
bewies `ne kränkliche Natur
und dass die Kühle und die Nässe
euch längst schon in die Gene fuhr.

Sucht ihr wohl deshalb euresgleichen
und bildet gerne einen Kreis,
der ja die Töne, diese bleichen,
zumindest zu verdoppeln weiß?

Wenn ihr nicht selbst den Geist mir lenket,
dringt er in euer Herz nicht ein –
nur dass ihr`s dem September schenket,
erscheint erwiesen mir zu sein.

Doch grolle ich euch nicht deswegen,
dass mich nicht eure Liebe trifft:
Der Monat steht genug im Regen –
wie gönn ich ihm dies süße Gift!

Anachronismus

AnachronismusNoch haben hier und da gehalten
sich Menschen in geringer Zahl,
die nach der Art der Steinzeit-Alten
ihr Leben fristen recht frugal.

Denn was sie brauchen zu dem Zwecke,
gibt ihnen die Natur direkt –
mal Nahrung um die nächste Ecke,
mal nichts, was ihr Bedürfnis deckt.

Auch für Geräte und für Waffen
die Stoffe der verschiednen Art,
und die, um Schurze sich zu schaffen,
in denen man die Scham bewahrt.

Doch muss ich wohl konkreter werden
und sagen, wer so obsolet:
Nun, für Fossilien hier auf Erden
in diesem Fall der Buschmann steht.

Ihn brachte mir `ne Sendung näher,
die hinter die Kulissen blickt,
indem sie `nen Reporter-Späher
noch in den letzten Winkel schickt.

Der düste also voll Kanne,
die ganze Technik mit an Bord,
auf wüster Bahn durch die Savanne
zum dörflichsten Bestimmungsort.

Da durft er mit den Leuten tanzen,
auf Gnus und seltne Vögel gehn,
mit Pfeilen schießen oder Lanzen
und Fas`riges zum Faden drehn.

Und kriegte so im Schnellverfahren
`nen Eindruck jener Lebenswelt,
den seinen Fernsehkuckerscharen
er filmisch vor die Nase hält.

Wie mir, der mit gespitzten Sinnen
gesehn den Beitrag und gehört.
Ein hartes Los im Busch da drinnen –
nur hat das Handy mich gestört!

Wir Königskinder

Wir KönigskinderDen Nachbarn grade gegenüber
hab ich seit Wochen nicht gesehn;
nicht weil die Stimmung plötzlich trüber,
nein, nur als Zufall zu verstehn.

Und dennoch, wollt`s mir nicht verübeln,
da auch der Zufall manchmal irrt,
beginn allmählich ich zu grübeln,
woran es liegt, dass es nichts wird.

Wir streifen ja nicht durch die Steppe
in namenlosen Weiten hin –
ein Haus, ein Flur und eine Treppe,
mehr ist für unsereins nicht drin.

Dass wir Begegnungen entbehren
mit dem, der um die Ecke lebt,
lässt höchstens dadurch sich erklären,
dass er in jener sich vergräbt,

Wenn endlich er sie überwunden,
die Arbeit im Kollegenkreis,
und sich für seine Mußestunden
geborgen in der Bude weiß.

Wir wolln die Ruhe ihm nicht stören,
aus der die nöt’ge Kraft ihm fließt,
doch weiß ich, einfach so vom Hören,
dass gern er draußen sie genießt.

Auf dem Balkon mit Töpfen, Schalen,
dass einer Blumenschau er gleicht,
gleich neben meinem eher kahlen –
sieht man ihn ebenfalls. Vielleicht.

Regenfreuden

RegenfreudenDen lieben langen Tag sie zogen
in trüber Prozession dahin,
in grauen Kutten, Wollewogen,
und eine Richtung nur im Sinn.

He, ihr, wohin geht eure Reise?
So mochte noch so sehr ich schrein,
sie zogen, zogen still und leise –
es mussten wohl Trappisten sein.

Nur kucken habe ich und gaffen
mit blödem Unverstand gekonnt,
weil sie wie alles Werk von Pfaffen
mir gingen übern Horizont.

Nun, soll es ihr Geheimnis bleiben –
sie hielten ihre feuchte Fracht,
um sie wer weiß wohin zu treiben,
wo sie den Fluren Freude macht.

Doch folgten diesen Pilgerhorden
danach noch schwärzre hinterher,
und plötzlich sind sie nass geworden,
die Lüfte, nass und regenschwer.

Um sich in Schauern zu entladen –
zunächst mit kurzen Pausen noch,
dann stopften sie nach Strich und Faden
das allerkleinste Wolkenloch.

Und nun ein einziges Geprassel –
der Himmel schießt aus allen Rohrn
und liegt bis zu den Kellerasseln
dem ganzen Hause in den Ohrn.

Indessen sitz ich warm und trocken,
an Poesie mich zu erbaun,
und lass mich gerne drum verlocken,
gelegentlich mal rauszuschaun.

Da windet unter steten Schlägen
von blindem Regen sich und Wind
das Kraut, an dem mir so gelegen,
die Erika, mein Kübelkind.

Sie scheint indes nicht sehr zu leiden –
die Wangen glänzen rosig-fett,
als würden gern sie satt sich weiden
in diesem Wasserhimmelbett!

Keine Extrawurst

Keine ExtrawurstDer weitaus eitelste Geselle
auf dieser ganzen Erdenwelt
ist der, der einzig sich für helle
und ergo für unsterblich hält.

Nein, nein, ihr seid auf falscher Fährte,
habt ihr den Pfau jetzt in Verdacht,
das alte Beispiel, das bewährte –
doch hier geht`s nicht um Federpracht.

Auch nicht um Hörner und Geweihe,
Gesäße, prächtig angeschwolln,
nicht um die eindrucksvollen Schreie
der Tiere, die sich paaren wolln.

Um Homo geht`s, um unsresgleichen,
der sich verbittet Balz und Brunft,
um Göttern um den Bart zu streichen,
Verwandten gleichsam durch Vernunft.

Ein Humbug, der seit Olims Zeiten
ihm seine Nichtigkeit verklärt
und die, die für den Glauben streiten,
noch heut mit seiner Hefe nährt.

Doch aus dem Kopf nicht rauszukriegen,
weil`s ihn mit Extraelle misst,
dass ungleich Fröschen er und Fliegen
dem ird`schen Los enthoben ist.

Vom Stammbaum aber, fest verwurzelt
in der Entwicklung tiefstem Grund,
ist nie und nimmer noch gepurzelt
ein Lebewesen bis zur Stund.

Mag er, die ihn an jenen schweißen,
die Ketten noch so sehr verschmähn –
wie`n Käfer muss ins Gras er beißen,
wie`n Köter vor die Hunde gehen.

Beetbrüder

BeetbrüderHe, Gärtner, die ihr am Balkone
gern euren grünen Daumen wetzt,
ich hoffe nicht, euch schert die Bohne,
was in die Kübel ich gesetzt!

Dem Buchsbaum, muss ich euch gestehen,
dem meine große Hoffnung galt,
hat es gefallen, einzugehen,
nachdem er reichlich gelb schon bald.

Nur kurz mal euren Blick erheben
und mit Int`resse hergeschaut –
dann seht ihr an den Gitterstäben
im Tongefäß das Heidekraut!

Und statt dass Grün, wie`s fröhlich prangte,
bevor es gallig sich empfahl,
zur höchsten Blüte nun gelangte
ein zartes Rosa auf einmal.

Mögt ihr wie ich euch dran erfreuen
als Nachbarn, die mir lieb und wert,
doch würde ich mich auch nicht scheuen
zu hörn, was ihr als Kenner lehrt.

Sind das robuste Zeitgenossen,
die Wind und Wetter widerstehn
und selbst in höheren Geschossen
nicht schleunigst in den Keller gehen?

Wie häufig muss ich mit der Kanne
die Erde rings besprengen wohl,
damit in angemessner Spanne
die Wurzel sich ihr Quäntchen hol?

Gern folg dem Rat ich der Experten,
dern Kunst mir in die Augen fällt,
weil gleich den hängenden, den Gärten,
sie ihr Fassadenbeet bestellt.

So weit bring ich es nie indessen:
Semiramis zum Greifen nah –
doch hätt zumindest gern besessen
recht lang die schöne Erika!

Außenwerbung

AußenwerbungWenn ich mal aus dem Fenster blicke,
kuck ich auf `ne Reklamewand.
Dern Mieter haben’s sicher dicke,
denn riesig wirkt sie und markant.

Nicht einfach `ne pompöse Pappe,
die da wer weiß wie lange klebt,
bis vier, fünf Jahre später, schlappe,
sie blätternd sich vom Boden hebt.

Nein, eher so was wie ein Segel,
das an den Seiten gut geschnürt
und das man bis zum höchsten Pegel
an Schoten in den Himmel führt.

Doch müssen auch nach oben steigen
die Burschen, die das Ding montiern,
und ihre Kletterkünste zeigen,
um an der Wand nicht abzuschmiern.

Und schließlich zerren sie und zurren
das Plastiklaken derart fest,
dass, mag das Windrad noch so schnurren,
es sich nicht blähn und knicken lässt.

Erledigt. Und der Lohn der Mühen?
Ein Bild, das in den Lüften schwingt
und mit Krediten, Quark und Kühen
gleich jedermann ins Auge springt.

So kriegt denn im Vorübergehen
und –fahren unser Bürger mit,
was er noch dringend muss erstehen
an dem und jenem Killefit.

Als Sokrates` gefühlter Erbe
mir jedes Marktgeschrei missfällt –
dies balzhaft blendende Gewerbe
um Kunden und ihr liebes Geld.

Und doch kann ich mich nicht entziehen
dem, was verlockend da gemalt,
wenn mit dem Licht, das ihm geliehen,
es nachts in meine Träume strahlt.

Etwas Latein

Etwas LateinHabt ihr noch viel im Kopf behalten
vom Wissen, das euch eingebläut –
von Fakten und von Lichtgestalten,
die euch der Pauker vorgekäut?

Sic: Heldenhafte Römerschlachten,
sic: Feldherrn, Konsuln, Senatorn,
sic: Stoiker, die weiter dachten,
sic: Catilina, der verschworn?

Und auch, mit diesen eng verbunden,
die Sprüche, die sie ausgesandt,
dass sie den Erdkreis nun umrunden,
weil sie so treffend wie markant

Und noch nach Tausenden von Jahren
den Geist der Alten konserviern,
wenn Cato wir und die Cäsaren,
Horaz und Seneca zitiern?

Wohl eher nur im Allgemeinen,
was nolens volens noch bewusst:
Augustus‘ jämmerlich Beweinen
des Varus, Varus Schlachtverlust,

Und dann der mit der Pinkelsteuer,
der reinwusch vom Verdacht das Geld,
es sei nicht mehr so ganz geheuer,
wenn sich Odeur dazugesellt.

Wohl auch vom Würfel noch die Worte,
die einst der Julier fallen ließ,
als er am Rubikon die Pforte
zur Macht am Tiber offen stieß.

Fragmente, die im Hirne hausen
in einem Winkel wo versteckt,
doch manchmal auf die Zunge sausen,
vom Ruf der Eitelkeit erweckt.

Dann will der Mensch mit Bildung glänzen
als Erbgut der Pennälerschaft,
das er mit Schlafen und mit Schwänzen
sich weiß der Henker wie errafft.

Non scholae, sed vitae discimus.
Mens sana …, … fortiter in re.
In infidelium partibus.
Et patrimonium in spe.

Zusammenhängend so zu schwätzen
tut nirgends auf der Welt noch not.
Doch geht mit solchen Redefetzen
die tote Sprache auch nicht tot!