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Lange Leine

Lange LeineSitz abends ich am Küchentische
Gedanken angelnd vor mich hin,
hab ausnahmslos ich kleine Fische
im Eimerchen der Beute drin.

Den großen bin ich nicht gewachsen,
die zieh ich einfach nicht an Land.
Der Fang von Dorschen oder Lachsen
wär einem Wunder sinnverwandt.

Doch lass ich mir drum nicht vermiesen
den Spaß, der mir so wichtig ist,
und denk (der Volksmund sei gepriesen!),
auch Kleinvieh macht ja schließlich Mist.

Kopf hoch somit und weitemachen
und weiter gründeln im Gehirn,
um, sei’s auch nur für sieben Sachen,
Poseidon vor den Karrn zu schirrn.

Doch was selbst das für Mühe kostet!
Man hält die Angel alias Stift
und wartet bis sie, halb verrostet,
noch irgendeinen Stromer trifft.

Am höchsten gilt bei diesem Sporte
aus gutem Grunde die Geduld.
Man hockt bewegungslos am Orte,
bis jäh es zuckt – mit Petri Huld.

Ein dicker Brocken eingefangen,
was Fettiges für Rost und Rauch?
Ach, wieder Schalen nur und Zangen!
Na, Austern, Krabben tun es auch.

Reisefertig

ReisefertigWas hat euch grade heut bewogen
zur lyrischen Erkundigung?
Schon nächste Woche wird geflogen,
auf Koffern sitz ich, auf‘m Sprung!

Ich zirkel eben meine Zeilen
als dichterisches Testament
der Zeit, die ohne zu verweilen,
von einem Flug zum andern rennt.

Ein halbes Jahr nicht mal vergangen,
und schon wird wieder sich getrollt.
Der Himmel heute grau verhangen,
als ob er’s mir erleichtern wollt.

Doch sachte mit den jungen Pferden –
da bräuchte es schon größren Trost.
Wie könnt ich heimatflüchtig werden
ganz ohne Kehle, die bekloßt?

Allein die Treffen mit den Lieben,
die ihre Nester hier gebaut,
wärn Grund schon für ein „Dageblieben
in diesem Winkel, der vertraut!“

Und auch der Herbst an stillen Tagen,
wenn nicht das kleinste Lüftchen weht
und zaubrisch wie in alten Sagen
der Nebel um die Weiden steht!

Und, und, und, und. Nicht aufzuzählen,
was alles fürs Verweilen spricht,
und nicht ein Grund sich fortzustehlen,
das heißt nicht einer von Gewicht.

Nur um die Sonne zu genießen,
die selbst zur Weihnachtszeit noch glüht,
und lass dafür den Winter schießen,
wenn glitzernd hier der Schnee erblüht?

Ein Argument, das zu bedenken.
Doch das ich zu entkräften weiß:
Die Küsten werden Wärme schenken,
die fernen Gipfel Schnee und Eis!

Streitkultur

StreitkulturDie große Lust, sich totzubeißen,
liegt ihnen immer noch im Blut,
den Wesen, die sich Menschen heißen
als sinnverwandt mit herzensgut.

Lass über Meer und Erde streifen
den Blick von höh`rer Warte aus,
um aus der Ferne zu begreifen
den Bruderzwist im Hinterhaus!

Da wuseln sie zu Millionen,
die Körper käferhaft verkeilt,
im Schlachtgetümmel wie die Drohnen,
die pflichtgemäß der Tod ereilt.

Und eh sie sich den Garaus machen
zu mannigfachem Exitus,
zur Weißglut sie den Hass entfachen,
der derart sich entladen muss.

Da helfen Fäuste in die Fresse,
da hilft ein wohlgezielter Stich,
ein Angriff in der Pöbelpresse
auf „Hunde“, die ganz fürchterlich.

Auch Bomben bestens sich bewähren,
die Leidenschaft zu eskaliern –
im Maß, wie sich die Opfer mehren,
sie Gegenopfer produziern.

Ein Wahnsinn, der nicht mal Methode
im Oberstübchen wo verrät,
nur dass als böser Antipode
man blind sich an die Gurgel geht.

Exempel kann ich mir ersparen –
die Medien sind voll davon.
Man liegt global sich in den Haaren
vom Kreml bis zum Pentagon.

Und alle haben gute Gründe,
fundiert in der und jener Schrift:
Die Missetat gilt nicht als Sünde,
sofern sie nur den andern trifft.

Wobei dies „Anders“ notabene
so eng wie möglich ausgelegt,
zum Beispiel (das ich Swift entlehne)
wie man ein Ei zu köpfen pflegt.

Das Tier, dem kein Verstand gegeben,
verhält sich klüger allemal.
Es frisst nur, um zu überleben –
das andre ist ihm schietegal.

Fidele Rentner

Schön falschDas Bild, das sich die Leute machen
von einem, der schon pensioniert,
ist meistens schief und eh’r zum Lachen,
weil`s ihn zum Faulpelz karikiert.

Frühmorgens, wenn die Wecker krähen
das Arbeitsvolk zur nächsten Schicht,
kann er sich auf die Seite drehen,
denn dieser Ruf berührt ihn nicht.

Er kuckt erst mal den Traum zu Ende
und lässt die Lider noch verbleit,
verweilt auch wach noch im Gelände
der Liegenschaft geraume Zeit.

Und erst an Kaffee der Gedanke,
der jäh ihm in die Nüstern schlüpft,
bewirkt, dass mit missglückter Flanke
er endlich übern Rahmen hüpft.

Folgt Frühstück, Zeitung, Mittagshappen,
ein Nickerchen, weil Muße stresst,
dann geht er, sich `nen Kumpel schnappen,
mit dem es sich gut labern lässt.

Ist aber auch `ner frohen Runde
von Mitseniorn nicht abgeneigt,
vorzüglich wenn aus aller Munde
der Blumenduft des Bieres steigt.

Ein Fall, der selten nur gegeben.
Man liegt nicht auf der Bärenhaut.
Die Rente reicht nicht mal zum Leben,
zumal der Staat sie noch beklaut.

Und statt die Jahre zu genießen,
die doch als Lohn der Müh gedacht,
verdingt man sich zum Blumengießen
und Schließerdienst um Mitternacht.

Auch bademeistern geht bisweilen
man für bescheidnes Tagegeld
und Zettel hier und da verteilen,
was gleichfalls über Wasser hält.

Doch Spott, der immer überzogen,
damit er auch Gelächter weckt,
ist nie total herbeigelogen,
weil drin ein Körnchen Wahrheit steckt.

Das aber macht ihn so perfide –
er schildert sie als allgemein:
Aha, die Renten sind solide.
Lieb Vaterland, magst ruhig sein.

Zwischenruf

ZwischenrufDrei Sterne aus dem Nebel steigen,
der bleich sich übern Himmel zieht,
drei Sterne, deren eis`ges Schweigen
wie Geifer ihrem Leib entflieht.

Kein andres Licht an ihrer Seite
und keins, das etwas ferner wär –
nur diese drei wie Todgeweihte
im uferlosen Nebelmeer.

Der Abend liegt auf schwarzen Knien
bewegungslos vorm Firmament,
dem heute nicht die Lust verliehen,
dass es mit tausend Fackeln brennt.

So wie im Dämmer der Kapelle
verlöschend noch das Stümpfchen glüht,
der Himmelswölbung ganze Helle
aus dieser trüben Trias blüht.

Und wie sich Laut und Lärm verbieten,
wo Andacht herrschen und Gebet,
vollzieht sie die astralen Riten
in kosmisch stiller Majestät.

Hier unten auch, am Fuß der Leere,
mit etwas Erde aufgefüllt,
kommt nichts dem Frieden in die Quere,
nicht mal ein Wind, der bläst und brüllt.

Gegröl! Und schon eins in die Fresse
dem schön naiven Dichtergeist:
Der Störenfried hat `ne Adresse,
die, leicht zu lesen, „Homo“ heißt.

Doch nur in Panik nicht verfallen –
der Süffel schwankt im Nu vorbei
und seine Arien rasch verhallen
zwei Ecken weiter oder drei.

Die Sterne aber sind verschwunden,
als hätte sie der Typ verschreckt,
und lecken jetzt wohl ihre Wunden,
von Watte ganz in Grau bedeckt.

Zeichen deuten

Zeichen deutenVor allem nachts ist es zu spüren,
wenn man, geschmiegt ins warme Nest,
die Fenster und Terrassentüren
noch einen Spalt weit offen lässt.

Auf einmal, schon im schönsten Schlummer,
umweht dich ein kristallner Geist,
der sicherer als Uhr und Summer
dich aus den tiefsten Träumen reißt.

Dann liegst du fröstelnd und benommen
noch kurz in angestrengter Ruh,
um schließlich zu dem Punkt zu kommen:
Mehr Decke oder Fenster zu?

Wobei das Letztre zu empfehlen,
auch wenn du aus den Federn musst,
weil dich von Zeit zu Zeit sonst quälen
die eis’gen Schauer auf der Brust.

Den Herbst, der sich auf leisen Sohlen
ins Land schlich, wirst du so gewahr,
gewillt, sich seinen Teil zu holen
vom wetterwend`schen Erdenjahr.

Ist dir tatsächlich denn entgangen,
dass er dem Laub das Fell schon gerbt
und seine blühend grünen Wangen
mit allen Tönen Rots gefärbt?

Indes hat in den letzten Tagen
die Sonne er noch so geschürt,
dass keinen Grund er gab zu klagen,
er hätt den Sommer schon entführt.

Doch Schnee von gestern. Jetzt verkünden
die Nächte seinen Siegeszug.
Und der wird in den Winter münden.
Wird Zeit, ich folg dem Vogelflug.

Jagdglück

JagdglückMal einfach nur im Lager lungern,
faul auf die Bärenhaut gestreckt,
hieß für die Menschen früher hungern –
das Kaufhaus war noch nicht entdeckt.

Wer täglich nicht mit spitzem Speere
sich selbst sein Frühstück angeschafft,
den hätte bald die Magenleere
zu seinen Ahnen hingerafft.

Doch hat dem Fortschritt es gefallen,
sich zu befrein vom Halali
und Homo nahrhaft zu bestallen
mit Schweinen und mit Federvieh.

Von da bis zu den Massenwaren
im Supermarkt Co Kommandit
war`s dann von vier-, fünftausend Jahren
nur noch ein winzig kleiner Schritt.

Hätt ich mir heut was jagen müssen,
was freie Wildbahn nur gewährt,
dann wär ich reich an Regengüssen
zumindest wieder heimgekehrt.

Doch anders als die Hominiden,
die sicher zimperlich nicht warn,
verkroch ich mich in meinen Frieden,
mir nasse Füße zu ersparn.

Wo wär ein Blutzoll noch zu zahlen,
dass Beute man nach Hause brächt?
Die Mammuts ruhen in Regalen,
entbeint, enthäutet, mundgerecht.

Szenenwechsel

Auf und davonOktober. Und vor Augen halten
will ich mir meine Doppelwelt:
Hier Blätter, die schon Rost entfalten,
da Sonne, die den Sommer hält.

Spagat erfolgt in wen`gen Tagen,
wenn mich die Flügel, längst gebucht,
an jene Küsten-Costa tragen,
die wohl berühmt, doch nicht verrucht.

Tourismus, sicher. Doch in Massen
nicht, wie von anderswo man`s kennt,
da wo die Strände kaum noch fassen
die Pelle, die sich rosig brennt.

Nicht hektisch und nicht überlaufen,
nicht lärmend und nicht überdreht,
kein Tischtanz und kein Komasaufen,
kein Koberer, der dich verlädt.

Doch ohne Stich auch ins Mondäne,
der typisch ja für Bäder just –
Casinos, Clubs und Luxuskähne
nebst Kettchen vor der Heldenbrust.

Nein, einfach nur ein Fleckchen Erde,
das dem und jenem wohl gefällt,
der aus der großen Menschenherde
sich gern ein bisschen abseits stellt.

Nun seid ihr sicher drauf versessen,
zu wissen, wo dies Fleckchen liegt –
ach, im Moment hab ich`s vergessen;
na da, wohin mein Flieger fliegt!

Nachrichtensperre

NachrichtensperreAch, habt ihr`s noch nicht aufgegeben
am Morgen, just vom Schlaf erquickt,
die Hand an diesen Knopf zu heben,
der Töne in die Stille schickt?

Was wollt ihr von der Kiste wissen,
die unablässig plärrt und schwätzt
und aus dem sanften Ruhekissen
euch in den rauen Alltag hetzt?

Die wohlsortierten Neuigkeiten,
die tief in Träumen ihr verpasst,
dass ihr vom großen Buch der Zeiten
kein Jota euch entgehen lasst?

Wo aber in den Kurzberichten,
die man gewichtig psalmodiert,
lässt sich tatsächlich Neues sichten,
das so zum ersten Mal passiert?

Es sind die ewig gleichen Sachen,
die ewig monoton geschehn
und umso mehr Furore machen,
als ihre Spuren rasch verwehn.

Die News von heute: Ladenhüter,
die, kunterbunt zur Schau gestellt,
für unsre schlichteren Gemüter
so frisch wie aus dem Ei gepellt.

Halunken, die den Frieden stören,
und Krater, die Verderben spein –
man muss nicht erst ins Radio hören,
um jederzeit im Bild zu sein.

Doch davon einmal abgesehen –
an der Gewohnheit haltet fest.
Am besten auf „Musik“ gleich drehen,
die fröhlich euch erwachen lässt!

Mehr als genug

Mehr als genugSo`n Bursche hat genügend Knete,
dass es für tausend Jahre reicht,
und wenn die Welt zu Tisch er bäte,
er speiste locker sie und leicht.

Was soll er mit `nem Reichtum machen,
der ihm gewährt auf Lebenszeit
und der, selbst wenn die Börsen krachen,
ihm sicheren Gewinn verleiht?

Zuerst muss er den Leuten zeigen,
wie prächtig seine Hütte ist
und dass, um auf den First zu steigen,
der Weg nach Kilometern misst.

Als Zweites dann den Luxusschlitten,
der so viel feinen Sprit verzehrt,
dass von den Kosten unbestritten
man monatlich `nen Bauch ernährt.

Dann lässt den Gaumen er beeiden,
nur Haute Cuisine zu akzeptiern
und jede Art von Kost zu meiden,
die Prolos um den Bart sich schmiern.

Die Urlaubsreisen möglichst teuer –
Bahamas, Tonga – weit vom Schuss,
dass er des Grandhotels Gemäuer
nicht mit Mallorca teilen muss.

Und auch in allen andern Dingen,
da lieg ich sicherlich nicht schief,
will seinen Goldberg er bezwingen
mit Botten fein und exklusiv.

So stelzt er stolz und selbstzufrieden
durch seine sorgenfreie Welt,
die, weil sein Alter reich verschieden,
er für sein gutes Erbe hält.

Sein Füllhorn wird sich niemals leeren,
und lebte er in Saus und Braus.
Doch wie viel mehr müsst er entbehren,
gingen die Wünsche ihm mal aus!