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Viel zu schwül

Viel zu schwülMit dieser Schwüle werd ich niemals Frieden schließen.
Zwei Tage hab ich mich nicht aus dem Bau gerührt.
Solln andre dieses „Warm und sommerlich“ genießen,
das Schauder bei mir nur und Ekel schürt!

„Auch heute können wieder wir für Hitze bürgen –
ein super Tag beschert uns bis zu 30 Grad“.
Ich könnt die Tussi mit der Honigstimme würgen,
die Sonnenfetischistin da im Apparat.

Viel lieber würde ich durch Gothab stapfen,
dem Eiswind stellen mich in Labrador:
Kristall’nes Weiß ringsum und glas’ge Zapfen,
ein Pelzchen über Bauch und Ohr.

Dazu ein Grog am prasselnden Kamine,
der die erstarrten Glieder neu belebt –
viel schöner, als wenn warm wie Vaseline
dir Schweiß, igitt!, am Körper klebt.

Es gibt kein schlechtes Wetter, wie wir wissen,
nur Kleidung, die dazu nicht passen will –
doch hast du alles dir vom Leib gerissen,
schmorst du erst richtig auf dem Sonnengrill!

Vor Eis und Schnee kann man sich schützen,
bei Sturm und Regen helfen Schirm und Hut,
doch was hilft gegen schweiß’ge Pfützen
aus tropenfeuchter Treibhausglut?

Ganz ruhig, nur nicht ohne Not bewegen –
ein Schritt zu viel, da sprudelt es schon los!
Ein Ventilator ist da`n wahrer Segen,
kühlt er den Bug auch vorne bloß.

Doch wenn die Flammenschwerter blitzen
und krachend diese dicke Luft zerhaun,
dass ihr die Teilchen nur so auseinander spritzen,
statt sich zu neuem Nass zu staun,

Und wenn in einer rauschenden Kaskade
der Himmel seiner Fluten sich entlädt,
damit die Erde wieder jung er bade,
die jetzt so sterbenselend vor ihm steht,

Dann ist der Jammer überwunden,
dem ja nicht ewig Zeit geliehn;
dann hab ich meinen Sommer noch gefunden –
und seinen Tort ihm sicher bald verziehn!

Weltveränderung

WeltveränderungWohin des Weges, ihr Gedanken
in eurem überstürzten Flug,
der ledig euch des Leibes Schranken
bis in mein freudsches Ego trug?

Was gibt es denn darin zu orten
an Jammer, Hoffnung und Begehr,
dass ich umschreibend es mit Worten
der einz’gen Leserin erklär?

Zufriedenheit müsst ich da nennen,
die selig stets sich selbst beschaut
mit Augen, die behaglich brennen,
so wie der Sommerhimmel blaut.

Woher? Von diesen Erdenbreiten,
die tiefer um des Globus Bauch
und sich mehr Sonnenschein erstreiten
als weiter nördlich es der Brauch.

Da hab ich also die Pantinen
vorübergehend abgestellt
und andre Dinge, die mir dienen
in meiner neuen Urlaubswelt.

Denn wie lässt besser sich genießen
die Muße, deren man sich freut,
als wenn ins Kraut die Tage schießen
und lange noch kein Abschied dräut?

Grad in die Sonne erst geflogen,
in den Azur, der unbefleckt,
an Wasser mit gestreckten Wogen,
die Wind nicht aus dem Schlummer weckt.

Zu Büschen, wie sie üppig grünen
mit feschen Blüten hinterm Ohr,
die Füße selbst in Sand und Dünen,
Hibiskus treibend noch hervor!

Und, und… Ich will hier innehalten
und keine Liste runterspuln
naturgegebner Wohlgestalten,
die rings um alle Sinne buhln.

Genauso wie aus heitrem Himmel
ein Stäubchen mal ins Auge fliegt,
so hab ich aus dem Hirngewimmel
dies ins Bewusstsein halt gekriegt.

Und habe mit spontanen Zeilen,
die ich im Nachgang noch verschlankt,
dem Fleck, wo nun die Botten weilen,
ein bisschen immerhin gedankt.

Am Schaalsee

Am SchaalseeHat nicht die Woche eben erst begonnen,
der Montag, der zur Arbeit zwingt,
dass trunken noch von Mußewonnen
man frisch ins kalte Wasser springt?

Drei weitre Tage sind vergangen
und ich entsinn mich ihrer kaum;
der Himmel mit entfärbten Wangen
gibt schon dem Freitagabend Raum.

O halte feiernd fest die Stunde,
die sonst nur umso rascher flieht –
mit Versen sprudelnd aus dem Munde,
bis ihm der Schlaf das Wort entzieht!

Zwei Tage sich in Träumen wiegen,
in Dornenhecken eingehüllt,
zwei Tage fix beim Wickel kriegen,
was wirbelnd unsre Welt erfüllt.

Zwei Tage durch die Büsche streifen
und Blüten zählen, jedes Blatt,
mit Vögeln um die Wette pfeifen,
nach Leben hungernd nimmersatt.

(Bei Regen anders sich vergnügen:
Auch Bücher bieten Blätter dar.
Sie lesen. Tee in kleinen Zügen.
Der Duft der Seiten – wunderbar!)

„Geh aus mein Herz…“ in alle Weiten,
in alle Tiefen geh auf Fahrt,
der Kimm entgegen aller Zeiten,
dem kleinsten Fleck der Gegenwart!

So schwelgend in den Musenkünsten,
erstickt der Dämmer mir das Licht
mit Schatten, die aus Äckern dünsten,
mit Kühle, die aus Sträuchern bricht.

Wie alle Wunder da ergründen:
den Mückentanz, der Sonne Flug,
die Würmchen, die sich selbst entzünden,
wenn in die Nacht es sie verschlug?

Der Alltag reißt uns rasch aus Träumen,
die näher an den Kern uns führn,
mit „Realismus“ uns zu zäumen,
wie ihn die Karrengäule spürn.

„Tomorrow…” – wer kann’s besser sagen?
Mein Kerzenstummel schmilzt dahin.
Bin Schatten, irrnd in tollen Tagen,
Statist im Drama ohne Sinn.

Einst kannte ich noch viele Morgen,
jetzt wächst nur die Vergangenheit –
die will mir, knauserig, nicht borgen,
hockt auf dem Säckel ihrer Zeit.

Hab heut ein Schnippchen ihr geschlagen –
zum Schaalsee raus, nach Zarrentin:
Sechs Stunden Sonne und Behagen –
ein Tag, der mir wie’n Sommer schien!

Gehalt und Transfer

Gehalt und AblöseDas Leder kreuz und quer zu treten
so übern gut gepflegtes Feld,
bringt manchem Kicker viel Moneten
und Prominenz als Medienheld.

Was andere im Köpfchen haben,
hat er im rechten, linken Fuß,
zu rennen, dribbeln, blocken, traben
mithilfe seines Stollenschuhs.

Und wenn ihm gleichsam angewachsen
die Kugel am bewegten Bein,
dass Tritte selbst ihm in die Hachsen
ihn von derselben nicht befrein,

Hat eine Kunst er so vollendet,
die abzielt auf des Gegners Tor,
dass nicht einmal ein Fehlpass schändet
sein Ansehn beim Tribünenchor.

Der lässt es sich ‘ne Menge kosten,
zu sehn, wohin`s den Ball verschlägt
und ob im Netz er zwischen Pfosten
sich manchmal kurz zur Ruhe legt.

Und dieses Faible fürs Vergnügen,
sich aus dem Alltag zu befrein,
trägt denen, die den Acker pflügen,
besagte reiche Früchte ein.

Heißt nicht nur fürstlich sie entlohnen
als Stars in ihrem Elfertrupp,
nein, sie auch ködern mit Millionen
für irgendeinen Superclub.

Solln sie der Pfründen sich erfreuen
für ihren Unterhaltungswert,
der Fangemeinde auch, der treuen,
die schlachtenbummelnd sie verehrt!

Nur flüchtig ja aus diesen Massen
das unverhoffte Glück sie hebt,
wie es mit prall gefüllten Kassen
an ihren goldnen Hacken klebt.

Denn hat ihr Stündchen erst geschlagen,
ist auch die Knete für die Katz.
Wie Bürger X wird man sie tragen
nach schwarzer Karte, ach, vom Platz.

So plötzlich auf den Hund gekommen,
die flinken Flitzer schwer wie Blei,
wird in den Kader man genommen
des Fußballgotts. Ablösefrei.

Lichtgestalten

LichtgestaltenIm rauen Hauch der Abendstunde,
da Licht sich schon am Himmel rührt,
gehn Kinder heute ihre Runde,
die durch vertraute Gassen führt.

In Händen `ne Papierlaterne,
in der ein Flämmchen sich verzehrt,
damit sie gleiche einem Sterne,
der flackernd durch die Nächte fährt.

Mitunter gehn sie stumm und leise,
ihr Licht erhoben nur dahin,
mitunter singend eine Weise
von schlichtem Ton und schlichtem Sinn.

Als Aufgeklärte wolln wir wissen,
was das für alte Bräuche sind,
die von dem warmen Herd gerissen
nach draußen sie in Nacht und Wind.

Es ist, wird leicht man uns belehren,
die Kirche, die dahintersteckt:
Die hat ja, um sich selbst zu ehren,
schon manchen Lazarus erweckt.

Das heißt in dem speziellen Falle:
Martinus, in des Heeres Sold,
der hat, dass Satan ihn nicht kralle,
gewandelt sich zum Tugendbold.

Und gab `nem Bettler, den am Wege
er antraf vorm Erfrieren knapp,
als Lustobjekt der Armenpflege
die Hälfte seines Mantels ab.

Der Herrgott selber solche Milde
mit einer Pfründe ihm vergalt,
nachdem der Krieger, dieser wilde,
sich seinem Dienst geweiht alsbald.

Und hat ihm königlich gesegnet
des Lebens und des Nachruhms Spur –
dass ihm als Bischof Manna regnet
und Martin er wird, Sankt, von Tours.

Des Bettlers leid’ges Los dagegen
verzeichnet unsre Chronik nicht.
Er ist dem Frost wohl doch erlegen –
wofür der halbe Mantel spricht.

Im Ortsnetz der Erde

Im Ortsnetz der ErdeAuf Erden hab ich `ne Adresse,
wer mich hier sucht, kriegt mich beim Schopf;
und wenn ich selber sie vergesse,
behält ein Speicher sie im Kopf.

Wenn jemand, Nachricht mir zu schicken,
dem Internet sich anvertraut,
verweile ich nicht, prompt zu klicken
das Knöpfchen, das dahinterschaut.

Und will die Zeit wer noch verkürzen
per Einwahl in mein Trommelfell,
dann seht mich unverzüglich stürzen
zum Klingelkasten von Herrn Bell.

Sich heutzutag zu kontaktieren
geht ja so leicht und wie der Blitz –
noch Tinte aufs Papier zu schmieren,
das wär der reinste Aberwitz!

Doch trotz der vielen Möglichkeiten,
sich gegenseitig aufzuspürn,
versagen vor des Kosmos Weiten
die höchsten Telefongebührn.

Wo in den Sternenkatalogen,
wo in der Galaxien Archiv
find ich die Strippen, die gezogen,
dass mich das All beim Namen rief?

Wir werden nicht mal wahrgenommen,
als gäb`s uns gar nicht auf der Welt!
Ein Vorteil doch – weil eh verschwommen
das Netz uns auf die Nerven fällt.

Eine Art Geisterstunde

Eine Art GeisterstundeKaum war mein Flieger hier gelandet,
im Schapp mein Trolley abgestellt,
als es mir war, als wär gestrandet
ich in `ner wahren Höllenwelt.

Der letzte Dämmer, und im matten,
noch schläfrigen Laternenschein
bewegten überall sich Schatten
mit andern Schatten im Verein.

Die meisten nur von Kindeslänge,
doch auch ein großer stets dabei,
als ob die kleineren er zwänge,
zu folgen seinem Konterfei.

So huschten stumm sie durch die Gassen,
in die die Nacht sich langsam stahl,
um kurz nur manchmal Fuß zu fassen
vor einem offnen Hausportal.

Da schmetterten sie in die Helle
`nen Schlachtruf, wenn nicht alles trog,
worauf der Hausherr auf die Schnelle
`ne Münze aus dem Säckel zog.

Er mochte wohl zu Recht erschrecken
vor diesen Fratzen, kriegsbemalt,
die Hörner an den Schläfenecken,
mit denen auch der Teufel prahlt.

Und diese aufgeputzte Bande,
von Ruß geschwärzt und Finsternis,
zog fröhlich plündernd durch die Lande
wie’n tausendfüß’ger Schattenriss.

Doch statt zu beben und zu bangen
vor ihrem schauerlichen Zug,
war mir beizeiten aufgegangen,
dass er den Schalk im Nacken trug.

Es war ja Allerseelen morgen,
der Tag, Verstorbene zu ehrn
und zünftig auch dafür zu sorgen,
dass sie nicht grauslich wiederkehrn.

Sind da denn unsre lieben Kleinen
in ihrem lust’gen Übermut,
als Schreckgespenster zu erscheinen,
nicht auch als Geisterbanner gut?

So ziehen sie auf sachten Pfoten,
auf ihren leichten Kinderschuhn,
zu bändigen die Allertoten,
die nichts mehr wem zuleide tun

Von Mond zu Mond

Von Mond zu MondErst jetzt vor wenigen Minuten
hab kurz den Schimmer ich gespürt,
der auf des Himmels dunklen Routen
den Mond auf seinem Wege führt.

Doch eh ich mehr noch sehen konnte,
war hinter Dächer er entflohn
und der von diesem bleich Besonnte
längst über alle Berge schon.

Grad heute find ich’s jammerschade,
dass mir sein kühner Flug entging,
wo ich doch sonst an seinem Pfade
mit des Poeten Treue hing!

Der Herbst bestimmt die Wetterlage
nach allen Regeln seiner Kunst –
halkyonisch schon die letzten Tage,
die Abende mit leichtem Dunst.

Und auf den hohen Himmelsauen,
da wo der Wind die Schäfchen treibt,
wie zaubrisch wär er anzuschauen,
der Mond im Nebel, lichtbeleibt!

Verpasst nun mal. Doch gut zu wissen,
dass der Trabant noch länger kreist,
und wenn wir heute ihn vermissen,
er morgen umso schöner gleißt.

Was macht es, wenn um tausend Meilen
ich meine Bleibe dann verlegt?
Er wird sie immer mit mir teilen,
solang mein Herz noch für ihn schlägt.

Gedenken

GedenkenDer einunddreißigste Oktober,
vor Allerheiligen die Nacht.
Verstreute Blätter: Gold, Zinnober.
Der Toten wird demnächst gedacht.

Der Heil`gen, die ihr ganzes Leben
asketisch ihrem Gott geweiht,
bis zu dem Punkt, es hinzugeben
nachfolgend Christi eignem Leid,

Dass sie mit des Martyriums Krone
auf ihrem Haupte, ungebeugt,
den Kniefall tun vor Gottes Throne,
wo ewig man ihr Blut bezeugt.

Drum viele ihrer nun gedenken
mit Lichtern, auf dem Grab postiert,
dass Fürsprache sie ihnen schenken,
wird einst nach Gut und Bös sortiert.

Was für ein Flackern und ein Flimmern
sich breitet überm Gräberfeld,
als kämen aus den Totenzimmern
direkt die Flammen hochgeschnellt!

Gefunkel aus dem Fegefeuer,
das auf die Erde sich verirrt?
Kein Wunder, dass nicht ganz geheuer
so manchem bei dem Schauspiel wird.

Zypressen lauern. Friedhofsruhe.
Und kalte, weiße Nebel ziehn.
Gleich steigen sie aus ihrer Truhe,
die Geister selbst: O Halloween!

Erfolgsrezept

AbgefundenDer Mann der Tat ist zu beneiden:
Nicht lange fackeln, zugepackt!
Und Ehrgeiz muss man ihm bescheiden –
kein Typ, der kleine Brötchen backt.

Wo andre lang und breit erwägen,
springt er schon aufgeregt im Kreis;
im Hintern Hummeln und im Brägen,
macht allen er die Hölle heiß.

So wird zum Macher er gestempelt,
zu einem, der nur kommt und kuckt
und, gleich die Ärmel hochgekrempelt,
mit Schmackes in die Hände spuckt.

Und zwar zu welchem Zweck auch immer –
nichts, was sein Selbst erschüttern kann,
heißt: Von der Sache keinen Schimmer,
doch treibt begeistert sie voran.

Wer würde ihn Versager nennen,
missglückte ihm mal irgendwas –
es sind die andren ja, die pennen:
„Auf wen ist heute noch Verlass?“

Doch wolln wir am Erfolg ihn messen,
nicht an der Zungenfertigkeit,
und fragen, ob herauszupressen
Gewinn gelang ihm mit der Zeit.

Na klar. Doch nicht fürs Unternehmen,
das er so rosig stets gemalt.
Nur für sich selbst – dank der Tantiemen,
die man beim Rausschmiss ihm gezahlt.