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Kleiner Donner

HintergrundgeräuscheGewitter? Nein – beim zweiten Hören
ein Feuerwerk nur irgendwo.
Doch statt mein Auge zu betören,
brennt`s hinter Dächern lichterloh.

Wie Glühwürmchen nur Autos huschen
durch der Gardine Maschenzaun.
Ich bastle wieder Liederluschen –
am Tisch, wo andre Essen kaun.

Ach, wie der Knüppel, der vom Hauen
nicht abließ, eh der Bann gelöst,
muss ich wohl fleißig Verse bauen,
bis in die Kuhle man mich stößt!

Doch gibt`s nicht schlimmere Manien?
Geschreibsel, das im Schapp verstaubt!
Nichts was in fremde Ohrn geschrien,
denselben die Besinnung raubt!

Dafür jetzt Martinshorngeleier!
Sie hörn es nicht? Dann sei`n Sie froh!
Man lebt hier nicht an Wald und Weiher,
nein, dicht beim Feuerwehrdepot!

Jetzt Pyro-Böller-Donnerschläge.
Mein Heim wird zum Kanonenrohr!
Als Ausgleich zu besäuseln pflege
ich das Idyll am Gartentor.

Ein Tisch gehäufter Illusionen,
Geschirr gleich, das man stehen lässt.
Ich kann ihn nicht davon verschonen –
der Träume ungekautem Rest.

Das Blatt muss ich zur Lampe schieben,
dass ich die Zeiln erkennen kann –
die Augen sind nicht jung geblieben
und blinzeln müde dann und wann.

Auch kann ich mich dabei ertappen,
dass Bilder melden sich verstohln
vom Kindheitsort, wo fahle Knappen
das schwarze Gold zu Tage holn.

Wie oft sah ich den Tag schon bleichen,
das Fenster mit Gestirn gefüllt,
die ew’ge Wiederkehr des Gleichen,
die `s Altern uns der Zeit verhüllt!

O Glas, in Mauern eingelassen,
das du dem Blick die Welt erschließt –
wie muss den Spiegel man da hassen,
wo in der Miene man nur liest!

Zeigt Furchen schon bei kurzem Äugen,
die ihr die Jahre eingepflügt,
und Tränen mögen wohl bezeugen,
dass dieses Konterfei nicht lügt.

Gewitter nicht, Naturgewalten –
nein, Garben flücht’gen Feuers nur,
die steigend langsam schon erkalten,
und fall’nd verhauchen ihre Spur.

Gefundenes Fressen

Gefundenes FressenHab ich denn noch was auf der Pfanne,
was sich aufs Blatt zu bannen lohnt,
ein Tröpfchen aus der Musenkanne,
das Blüten zeugt, die ungewohnt?

An Themen keine Mangelware:
In den Regalen steht die Welt.
Bedenklich nur die vielen Jahre,
in denen sich das Zeug schon hält.

Darum beherzt nur zugegriffen,
bevor`s am Ende noch verdirbt,
dass mit bewährten Küchenkniffen
es lyrischen Geschmack erwirbt!

Mal sehn, was steht hier auf der Dose?
„Der Schöpfungsakt aus Bibelsicht.“
Aha, das erste Büchlein Mose –
was grade meinem Wunsch entspricht.

„Am Anfang schuf…“, na, und so weiter,
ihr kennt den Text ja bis aufs Haar
und dass der große Wegbereiter
am sechsten Tag schon fertig war.

Doch heut, ein paar Millennien später,
nachdem er ihn vermeintlich schuf,
entlarvt als Mythos seiner Väter
der Mensch des Bauherrn guten Ruf.

Inzwischen weiß er, wie die Dinge
sich wirklich einmal abgespielt
und dass, damit der Wurf gelinge,
das Nichts sich keinen Jahwe hielt.

Doch so mit allem Wägen, Messen
erfassend mählich Zeit und Raum,
hat er sich leider überfressen
vom leckeren Erkenntnisbaum.

Jetzt will sein Sinnen und sein Trachten,
dass übern Rand hinaus er schieß –
`nen Wohnsitz fern sich wo zu pachten
in `nem Planetenparadies.

Dass Gott behüte! möcht man schreien
ungläubig , ach, vor solchem Graus –
erst durft die Erde er entweihen
und schwärmt nun in den Kosmos aus?

Bloß nicht noch weitre Herde schaffen
humanviraler Infektion.
Bei Eseln ist sein Platz und Affen –
dass alles andre er verschon!

Kurz abgetaucht

Kurz abgetauchtMir ist`s wie in `ner Taucherglocke
hier im bescheidnen Zimmerlein,
wo halbwegs ich im Schatten hocke
bei falbenfahlem Lampenschein.

Von draußen stört kein Laut die Stille
und drinnen nur mein Atemzug,
als ob des nahen Meeres Wille
mich wirklich unter Wasser trug.

Durchs Bullaug’ blick ich: Schwarze Masse,
an der man sich die Nase stößt.
Ein Bursche bloß von seltner Rasse
laternenhäuptig darin döst.

Kein Kalmar, kein betagter Krake,
der träge durch die Wogen pflügt –
nichts rührt sich in der trüben Lake,
die träumerisch sich selbst genügt.

Nur etwas weiter in der Ecke,
die optisch grad ich noch im Griff,
so was wie`n Wrackteil ich entdecke –
den Bug von einem Kirchenschiff!

Schon schlägt mein Herz mit Freud und Bangen,
dass ich `nen seltnen Fund gemacht:
`nen Ort, der einst zu Grund gegangen
in einer einz`gen Sturmesnacht!

Da schrillt wie`n Wecker in den Schlummer
auf einmal mir das Telefon –
und reißt zu meinem größten Kummer
mich aus der Tiefsee-Illusion!

Reklamation

ReklamationDa klebt es bunt ihr an der Stirne,
das Angebind aus Glas und Licht,
ein Bild, erschaffen aus der Birne,
die glühend sich zum Muster flicht.

Und das Motiv, das wir erkennen
in dem Fassaden-Diadem,
ist äußerst weihnachtlich zu nennen –
die Stallgeburt in Bethlehem.

Ganz schön auf Draht, muss man schon sagen
fürn Kirchlein in so`m lütten Fleck:
Es weiß die Trommel laut zu schlagen
auch optisch für den heil`gen Zweck.

Grad heute gingen durch die Pforte
ihm wieder viele Schäfchen ein,
um dem gesalbten Priesterworte
auf hartem Holz Gehör zu leihn.

Doch wohlgemerkt nach dem Kalender,
wie er in diesen Breiten gilt,
dem als bewährtem Festtagsspender
viel Rot aus seinen Zeilen quillt.

Die Feier jetzo: Dass empfangen
Maria einst des Geistes Lust
und mit der Jungfrau eignem Bangen
ihr nicht zu wehren hat gewusst.

Und dass dem wundersamen Akte,
der doch platonisch wohl verlief,
ein Kind entsprang nach kurzem Takte,
das Kön`ge an sein Krippchen rief.

Der Jesus, der uns da geboren,
war wahrlich mehr als diese wert,
die gold- und myrrhegeilen Toren,
die schenkend Mammon noch verehrt.

Der Göttlichkeit, ihm unterschoben
von Schwindlern nur aus Geltungsdrang,
hört nie man ihn sich selber loben
sein ganzes kurzes Leben lang.

Prophet, so nannt er sich bescheiden,
beschwörend, seiner Zeit zum Trotz,
das Volk, Gewalt und Hass zu meiden
als Kinder eines Vatergotts.

Da glänzt er nun als Lichterkette
aus seinem grellen Neonpfühl
mit den Laternen um die Wette
im frostigen Metallgestühl.

So wird seit je sein guter Name
als Kirchenzugpferd gern verwandt –
die heute, Meist’rin der Reklame,
ihn poppig vor den Karren spannt.

Die Tretmühle

Die TretmühleMit allerlei Gepflogenheiten
der Mensch ja seinen Tag verbringt:
So morgens mit dem Gockel streiten,
der wütend aus dem Wecker klingt.

Und ist er seinem Schrei erlegen,
dass aus dem Kissen er sich wälzt,
wird er zum Frühstück sich bewegen –
noch steif natürlich, dass er stelzt.

Und so mit allem immer weiter,
was soll ich da noch groß erklärn?
Ich bin ja hier kein Kursusleiter,
um „Binsenweisheit“ ihn zu lehrn.

Ihr wisst ja selbst (ich will mal wagen,
hier von zwei Lesern auszugehn),
dass solche Bräuche Wurzeln schlagen,
bis sie im Ruf des Heil`gen stehn.

Jetzt kuckt ihr dämlich aus der Wäsche
und fragt euch, was das Ganze soll.
Zur nächsten Strophe drum ich presche
und geb euch dies zu Protokoll:

`nen Rhythmus habe ich gefunden,
der alles Übliche umfängt
und doch mich zu gewissen Stunden
ein bisschen in die Büsche lenkt.

Noch kryptisch? Also deutsch gesprochen:
Ich hab `nen Trip mir angewöhnt,
der mir als altem Rentnerknochen
den Tag mit frischer Seeluft krönt.

Am Hafen lüft ich meine Sohlen,
des Atem Fisch und Gammel speit,
am Strand, wo still sich zu erholen,
die Möwen hocken weit und breit.

Und hab mit Berg- und Meeresblicken
die Seele ich mir eingelullt,
lass langsam ich den Tag verticken
zu Haus an meinem Dichterpult.

Da zieh ich mächtig dann vom Leder
wie sonst nur einer in der Schlacht;
doch nicht die Sau-, die Gänsefeder,
die quicklebendig Jamben macht.

Jambon? Nein, Jamben, Leseratte,
die sollten dir geläufig sein –
nicht Schenkel für die Schinkenplatte,
doch Füße für das Versebein.

Egal, der Geist kann auch goutieren
auf seine eigne Gaumentour:
Sich nachts in Fantasien verlieren –
ich glaub, das toppt wohl Manna nur!

Gesprächstechnik

GesprächstechnikDer Technik haben wir`s zu danken,
dass wir uns zügig kontaktiern
und über alle Landschaftsschranken
den roten Faden nicht verliern.

Fand einst selbst über kleine Strecken
man höchstens mit Gebrüll Gehör,
kommt heut bis an der Erde Ecken
man flüsternd wie ein Rossdompteur.

Das sollte man nicht Fortschritt nennen –
`nen Laberkasten im Gepäck,
dass wo wir rasten oder rennen
er uns die neuste Nachricht steck?

Und in gewissen krassen Fällen
ist so was schließlich Goldes wert –
zum Beispiel um ein Gleis zu stellen,
auf dem man in die Klinik fährt.

Um einen Notruf abzusetzen,
fasst man in seine Tasche bloß
und holt sich aus den „Tempo“-Fetzen
Gerät samt Nummer auf den Schoß.

Doch alles, was wir so erfinden,
geht über seinen Zweck hinaus,
so dass wir leicht ans Bein uns binden
Effekte Marke Irrenhaus.

Denn statt es sinnvoll zu verwenden
fürn wichtigen Gedankentausch,
behält man`s permanent in Händen
zum ambulanten Dauerplausch.

Da labert man des Laberns wegen,
als ob der Hafer einen stäch,
um irgendwie sich abzuregen
im Dialog – heißt Selbstgespräch.

Und wie im Beichtstuhl sozusagen,
wo man den Lauschenden nicht sieht,
kann leichter man zu Markte tragen,
was sonst dem Lippen nicht entflieht.

Drum hält sich der Gewinn in Grenzen,
den uns auch diese Kunst gewährt,
indem wir findig sie ergänzen
durch dies und jenes Troja-Pferd.

So könnt ich lang das Hirn verrenken
des Fortschritts wegen unsrer Zeit –
doch, ach, es hat sich was mit Denken:
Es klingelt grade. Tut mir leid…

Der Dichter

Der DichterWie Sie sich wohl `nen Dichter denken?
Lassen Sie mich raten, bitte sehr!
Ich glaube, ohne Sie zu kränken,
in dieser Weise ungefähr:

Ein Bursche, kränklich schon seit Kindesbeinen,
doch mit ‘nem starken Geist begabt,
mit Abscheu vor dem Niedrigen, Gemeinen,
der nur an Nektar und pp. sich labt.

Er pflegt in Gärten gern sich zu ergehen,
damit ihn Rosendüfte inspiriern,
ja, schon im Mai die blütenweißen Schlehen,
die rings des Feldrains Büsche ziern.

Und schreibend mit sensiblen Händen,
führt leicht er übers Blatt den Kiel,
Signale seines hohen Herzens auszusenden
in einem vornehm antiquiertem Stil!

Er hat sich seine eigne Welt erschaffen,
in der er wohler sich als in der wahren fühlt,
ein Eden ohne lieben Gott und Pfaffen,
vom Musenquell elysisch nur umspült.

Et cetera. Was sagen Sie? Hab ich’s getroffen?
Hab ich Apollos Jünger auf den Punkt gebracht?
Nur zu! Ich bin für Ihre Korrekturen offen.
Sie schweigen? Gut, das hab ich mir bereits gedacht.

Doch unter uns (ich denk, ich weiß, wovon ich rede):
Sie schleppen da ein Zerrbild mit sich rum.
Vergessen Sie die Einzelheiten schleunigst, jede!
Und nehmen Sie`s Zerpflücken mir nicht krumm!

Wenn ich mir auch nicht schmeichle, als Poet zu gelten,
sollte mein Beispiel Sie indes belehrn
und wo bisher, Pardon!, ein Vorurteil Sie fällten,
Ihr Blick sich für die Fakten klärn.

Die Welt, in die er taucht in stillen Stunden,
kann ihn von Alltagspflichten nicht befrein,
zu eisern ist an Amt er und Büro gebunden,
um sich allein dem Helikon zu weihn.

Ein Paradies kann ihm das schönste Lied nicht bieten
und Milch und Honig nicht der schönste Versefluss –
nur Planken sind`s im Meere der Quiriten,
an die sein Geist sich klammern muss.

Und was er schreibt, kliert er mit grober Klaue,
dass er`s zu Blatt erst einmal bringt –
Laokoon und seine Söhne schaue:
So heillos Zeile sich in Zeile schlingt!

Doch läuft er nicht in obsoleten Hosen!
Er ist geläutert vor Damaskus, ist schon Paul –
kein Freund rhetorischer Preziosen,
schaut er dem Volk gut lutherisch aufs Maul.

Ihn zu verstehn, muss man nicht Sterne deuten,
den del’schen Taucher nicht bemühn,
nicht den Gelehrten bitten, den zerstreuten –
fürs Schlichte muss man nur erglühn.

Und als ein Quell der reinsten Freude
gilt die Natur ihm jederzeit,
mit der er schmückt sein Versgebäude,
weil sie ein grünes Dach ihm leiht.

Doch über Veilchen, Rosen und Narzissen,
Holunder, Dost und Brombeerstrauch
schlägt ihm des “Boten“, Claudius‘ Gewissen:
„Und unsern kranken Nachbar auch.“

Mag er dem Schönen gern auch Blicke schenken,
verschließt er sie doch vor der Fratze nicht –
vor Monstern, die mit Blut die Erde tränken,
das aus den Wunden von Millionen bricht.

Und nicht als Tropfen nur, die fettig quellen,
nein, auch als feiste Ader auf der Stirn,
die dazu neigt, gleich anzuschwellen
aus Fremdenhass im unbedarften Hirn.

Spaliere liebt er, die sich unter Rosen biegen,
Gemäuer, das sich hoch zum Dome fügt,
doch ohne sich in diesem Wahn zu wiegen,
der sich zum Schönen stets das Gute lügt.

Wenn er auf kunsthistor`schen Pilgertouren
mit Staunen vor der Gotik steht,
sieht er des Glaubens grandiose Spuren,
doch auch des Jammers grause Majestät.

Was als Kultur wir überschwänglich preisen
ist nur der Aufsatz dumpfer Barbarei –
kann man mit Tryptichen die Armen speisen,
macht Maßwerk hör`ge Bauern frei?

Cellini hat man Morde gar vergeben,
nur dass er weiter modellier –
symbolisch fürs soziale Leben,
das Elend zu verbergen hinter Zier?

Wer sich erfreut an Bildern und an Tönen,
fühlt auch sich in den Nächsten ein –
die wahre Liebe zum Erhabnen, Schönen,
kann uns nur edel machen, nicht gemein.

Doch die, die alle Fäden der Ästhetik ziehen,
mit Kennermiene jedem Stück sich nahn,
Experten, Sammler, Händler, Galerien,
fühln statt dem Wert dem Markt nur auf den Zahn.

Sie lecken sich zu gerne nur die Lippen,
doch nicht aus Spaß am Kunstgenuss,
nein, weil sie auf ein hübsches Sümmchen tippen,
wenn Meister X mal untern Hammer muss.

Dazu warn viele ja, die heute unbestritten,
zu ihrer Zeit verspottet und verkannt
und in dem Sein, das für die Kunst sie litten,
nach allen ihren Regeln abgebrannt.

Mit Melodien, von jemandem erschaffen,
des Spur im Armengrabe sich verliert,
kann heute wer Millionen sich erraffen,
der ihn nur „kongenial interpretiert“.

(In eigner Sache eingeschoben:
Auch mir kommt keiner: „Gut, mien Jung!“
Mich wird wohl erst der Trauerprofi loben –
als Muss bei der Beerdigung.)

Doch wollt uns Salomo nicht lehren,
dass allen gleich die Sonne scheint?
Drum soll man Verse jedem auch verehren,
selbst wenn er ihren Sinn verneint.

Sich schenken ohne Gegengabe.
Und hoffen, dass man einige erfreu,
die`s, mehr auf Sein begierig denn auf Habe,
nicht schaudert vor dem geistigen Gebräu.

Doch nicht wie einer, unter Räuber grad geraten,
in heller Panik ihnen alles überlässt –
nein, die Gedanken wägend und die Taten,
zu nichts gezwungen und gepresst.

Kein Milchgesicht von stubenreiner Blässe,
von Pickeln pink und peinlich übersät
als Folge ungezählter geist’ger Aderlässe
und mickrig-magenschonender Diät.

Nein, einer, dessen rosig-runde Backen
er guter Hausmannskost verdankt,
nach der in plötzlichen Attacken
es sein Gelüste oft verlangt.

Und nicht gewillt, nur Feingeist zu verblasen,
kratzt er auch manchmal wem am Lack –
Hautgout ist nicht nur was für Hasen,
auch bei Honor’gen müffelt’s unterm Frack.

Kurzum: Wir müssen uns von Spitzweg lösen,
der drollig uns den Dichter porträtiert:
als zipfelmützig unbedarftes Kammerwesen,
das sich heroisch durch die Verse friert.

Würd dafür heute jemand Hunger leiden?
Sich für ’ne Handvoll Reime ruiniern?
In teures Tuch will man sich kleiden,
mit Kettchen seine bronznen Glieder ziern.

(Sie sehn: Ich hab den Trampelpfad verlassen,
auf dem ich selbst virgilisch neben Ihnen ging.
Das Folgende mag für die Starpoeten passen –
nicht mehr für mich als bloßen Dichterling.)

Wo war ich eben doch noch stehn geblieben?
Ach ja, ich hatte mich dem Mammon zugewandt,
den unsre Literaten heute derart lieben,
dass wohl ihr Unwort wär: Verkannt.

Man möchte in der Musenliga ganz nach oben,
die Spitze sich erobern in der Bücherschlacht,
nur Sachen liefern, die die Texte-Schiris loben,
auf dass mit „Toren“ man schön Kasse macht.

Sind Sie nicht auch schon mal so tief gesunken,
dass denkfaul Sie sich diesen Listen anvertraut
und von der süff’gen Sülze der Skribenten trunken,
begeistert `nen trivialen Fraß gekaut?

Ist Ihnen dabei denn nichts aufgefallen?
Na, dieses Muster, dieses ständige Rezept:
Sich hauen, stechen, prügeln und verknallen –
schön zeit- und ortsexotisch aufgepeppt?

Was Helden so in Kassenschlagern treiben,
das hat System, wie`s den Autoren nützt –
die möglichst platte Sensationen schreiben,
auf die sich gern ein Drehbuch stützt.

Ich will’s mal bissig formulieren,
weil mich womöglich Neid bewegt:
`ne Lyra kann man noch so schmieren,
das Publikum sie kaum erregt.

Viel Action, Puppen und Randale –
da liegen Film und Prosa vorn.
Das Schlichte, Sanfte, Minimale
verdient sich keine goldnen Sporn.

Und überhaupt: Sich Thriller auszudenken!
Gibt’s davon „live“ nicht schon genug?
Warum dem Bösen so viel Augen schenken?
Ist das nicht auch ein böser Zug?

Warum denn Blumen nicht besingen,
ganz harmlos, ohne krumme Tour?
Auch wenn sie Quoten nicht erringen –
sind es nicht Wunder der Natur?

Von Monstern

Von MonsternAus Bergen holt man sie und Schluchten,
aus schwarzer Wälder Einsamkeit,
aus schroffen, gottverlassnen Buchten,
wo grässlich die Harpyie schreit.

Man holt aus Gräbern sie und Grüften,
aus Krypta und aus Kirchenchor,
wo sie die schwersten Quader lüften
des Nachts beim Großen Mauseohr.

Und auch aus Löchern und Verschlägen,
wenn sie schön finster sind und feucht
und sich nur Ratten darin regen
und Ungeziefer kreucht und fleucht.

Und sollte dieses noch nicht reichen
fürn Horror, FSK-empfohln,
kann in den Kosmos man entweichen,
um Monster sich ins Haus zu holn.

Da wuseln sie in Varianten,
doch eklig alle und brutal,
Vampire, Zombies und Mutanten
als Schreckgespenster erster Wahl.

Der Fundus unsrer Filmemacher
für den gepflegten Schock zur Nacht
ist proppenvoll und desto flacher,
je mehr Gebrauch davon gemacht.

Die Sache hat nur einen Haken:
Sie spart das Obermonster aus –
den viergefüßten Superkraken,
der mitten unter uns zu Haus!

Den Menschen. Der das größte Grauen
stets über seinesgleichen bringt,
der Männer mordet, Kinder, Frauen
wie Vieh in seine Dienste zwingt.

Der stiehlt, betrügt, zerstört und schändet,
verstümmelt, foltert und verhöhnt
und jederzeit Gewalt verwendet,
die oft er mit `nem Blutbad krönt.

Wieso da auf den Grusel warten
bis nächtlich spät vor Tag und Tau?
Man findet ihn in allen Sparten
um acht schon. In der „Tagesschau“.

Feuerzeichen

FeuerzeichenDas Flämmchen seh ich heftig schwanken
auf seinem blütengelben Pfühl,
als trüg es sich mit Fluchtgedanken
vom halb verkohlten Dochtgestühl.

Mir will es jedenfalls so scheinen,
es möcht sich lösen von dem Halt,
der da an seinen Feuerbeinen
gekrümmt sich in die Wade krallt.

Will es sich nur vom Sitz erheben,
um einmal kreuz und quer zu gehn,
den steifen Gliedern Raum zu geben,
die in den blauen Bauch ihm stehn?

Will`s übern Rand nur einmal lugen,
der seine winz`ge Welt umgibt
und dennoch wie aus allen Fugen
beharrlich sich nach unten schiebt?

Vielleicht will`s sogar weiter fliegen,
hat es die Fessel erst verlorn,
und hoch sich in den Wolken wiegen,
so wie der Phönix neugeborn?

Und sich am Ende gar vereinen
mit jener fern geballten Glut,
die als verwandt ihm mag erscheinen
mit ihrem hitzig wallnden Blut?

Nur Fragen. In die Feuerseele
dring mit Gewissheit ich nicht ein,
heißt unumwunden ich verfehle,
ihr irgend Sinn und Zweck zu leihn.

Um „Flammenflüstrer“ sich zu nennen,
hat keiner wohl den Bogen raus –
entweder würde er verbrennen
oder erstickt sie, löscht sie aus!

Allmählich dämmert`s

Allmählich dämmert'sDie heimeligste Atmosphäre:
Mein Stübchen in gedämpftem Licht;
nicht Helle und nicht schwarze Schwere –
des Dämmers mildes Angesicht.

Die Wände, blass in Gelb gehalten,
verraten noch der Farbe Ton,
der da nur, wo die Schatten walten,
dem Regenbogen schon entflohn.

Das Sofa, das wie angegossen
genau in seine Ecke passt,
zeigt sich in Blau noch, leicht verschossen,
doch dass die Netzhaut es erfasst.

Laternenschein hat sich verfangen
in der Gardine dichtem Flor,
doch bleibt, wenn auch mit glühnden Wangen,
auf dem Balkone außen vor.

Dazu dann die perfekte Stille.
Kein Mäuschen raschelt noch herum.
Und selbst die Glocken (Gottes Wille!)
stehn seit dem Angelus schon stumm.

Da sammle ich denn die verstreuten
Gedanken auf ein Blatt Papier,
um zum Poeten mich zu häuten,
der züngelt durch sein Sprachrevier.

Wie immer dauert`s eine Weile,
bis ich `nen guten Fang gemacht.
Stellt euch nur vor, bei dieser Zeile
(erst Strophe sieben!) wird`s schon Nacht!