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In Bremerhaven

In BremerhavenMan isst mit Seeblick. Auf die Weser.
Tief unten zieht ein Schiff vorbei.
Für Einzelheiten bräucht man Gläser.
Wie: Heimathafen, Reederei.

Danach die Schifffahrtsschau betreten.
Modelle und Maschinen satt.
`ne Riesenauswahl an Geräten –
was man an Bord nun mal so hat.

Das Prunkstück aus den Hanse-Tagen:
`ne Kogge, aus dem Strom geholt.
In seinem Schlamm die Planken lagen.
Verwittert alles und verkohlt.

Jetzt auf die Uferpromenade.
Ganz hinten winkt der „Zoo am Meer“.
Die Robben tummeln sich im Bade.
Und Meister Petz, der weiße Bär.

Der Hafen mit den Fischfabriken –
die Nummer Eins im ganzen Land.
Da hatten schön wir was zu kieken:
So viele Hallen fürn Versand!

Und schließlich liegt an festen Tauen
am Kai da noch ein alter „Topf“,
ganz rot und rostig anzuschauen,
doch selbstbewusst als „Hinrich Kopf“.

Ja, dies das alte Wesermünde,
durch das als Kind ich manchmal fuhr.
Doch damals hatt ich andre Gründe –
und sah kaum seinen Bahnhof nur!

Lautmeldung

LautmeldungDer Mensch ist wohl ein eitles Wesen,
das gerne von sich hören macht.
Besonders dafür auserlesen:
Silvester, wenn es richtig kracht.

Die Mucker, die sonst kreuzbescheiden
den Bossen um die Bärte gehn,
gebärden sich dann wie die Heiden,
die johlend vor den Toren stehn

Und mit gewalt`gen Wurfmaschinen,
mit Rammbock und mit Feuerpfeil
die Städte schießen zu Ruinen,
dass Pest und Elend sie ereil.

Das heißt: Da diese ihnen fehlen,
reicht ihnen so ein Kracher auch,
um die Bevölkerung zu quälen
mit Donnerschlag und Pulverrauch.

Was in des Jahres Friedenszeiten
dem Bürger strikt verboten ist,
darf doppelt Gaudi ihm bereiten
zu dessen letzten Tages Frist.

Und grade dann die grauen Mäuschen,
die unauffällig übers Jahr,
geraten völlig aus dem Häuschen,
droht ihnen keine Bußgefahr.

Dann können sie mal richtig zeigen,
was an Talent in ihnen steckt
und wie nach lang geübtem Schweigen
ihr innerer Vulkan geweckt.

Und der entlädt sich mit Getöse
plus Ascheregen auf die Flur –
papierne Hülsen samt Gekröse:
Prost Neujahr, liebe Müllabfuhr!

Das geht so an die halbe Stunde,
bis dann verklingt der letzte Ton.
Die Stillen gaben von sich Kunde.
Jetzt schlafen sie wohl wieder schon.

Gedächtniskunst

GedächtniskunstViel würd, o Freund, ich gern behalten,
im Kopf und tief im Herzen drin,
so etwa all die zig Gestalten,
von denen selbst ich eine bin.

Die Welt möcht wissend ich umfassen:
Der Sterne Zahl und Galaxien
und ob in diesen Raum sie passen,
aus dem sie offensichtlich fliehn.

Beim Namen möcht ich all sie nennen,
wie Kastor, Kassiopeia schon,
vom Hörensagen sie zu kennen,
wenn ich auch fern von ihnen wohn.

Das Pflanzenreich möcht ich durchmessen,
kein Hälmchen sollte mir entgehn,
auch ihre Namen nicht vergessen
und mit welch Kräften sie versehn.

Und Tiere aller Herren Länder
möcht im Gedächtnis ich bewahrn,
des bunten Lebens Unterpfänder,
die mit uns durch den Kosmos fahrn.

Was von dem Seelenlosen sagen?
Auch Steinen gilt mein Wissensdrang.
Nach Gneis und Gabbro möcht ich fragen,
Pyrit, Porphyr mein Leben lang.

Dass ich nach Fakten mich verzehre,
ist etwas, das im Blut mir liegt,
wie jemand sonst bei Macht und Ehre
wie Pawlows Hund `nen Jieper kriegt.

Die Welt zu sehn mit tausend Brillen,
das schwellt und weitet mir die Brust,
und statt den Eifer mir zu stillen,
weckt schauend es mir neue Lust.

Doch nicht, um damit anzugeben –
für Wagner keine Sympathie!
Und Tipp für faustisches Bestreben:
Mehr Gretchen, wen’ger Galaxie!

Nur wahllos in den Brägen stopfen
sich Wort- und Zahlenzeug en gros,
lässt uns zur Datenbank verkopfen,
die proppevoll mit Bohnenstroh.

Schön an der Weisheit Brüsten saugen
und nicht am trocknen Hungertuch:
Da wird ein Shakespeare besser taugen
als hundert „Schmidt“ im gelben Buch!

Warum hast, Freund, du nichts erfunden,
das unsern Geist für Prosa stählt,
die man in langen Winterstunden
den endlos Lauschenden erzählt?

Und was in Worte eingeschlossen,
und was in Klang und Rhythmus schwingt,
den offnen Herzen eingegossen,
zum Guten sie und Schönen bringt?

O könntest dieses du mich lehren,
ich fiel vor deiner Kunst aufs Knie.
Doch einen Dreck solln sie mich scheren,
die Hinterkommastelln von π!

Nachtschwärmer

Späte AusfahrtJetzt ziehen sie zur Dämmerstunde
noch auf die stille See hinaus,
das Einkaufsnetz bereit für Funde
in Neptuns großem Warenhaus.

Wie Käfer einer nach dem andern
entschlüpfen sie der Mole Schoß,
um schwankend zum Geschäft zu wandern,
drei Meilen vor der Küste bloß.

Schon haben bis an Ort und Stelle
die Ersten ihren Kahn gelenkt
und schöpfen aus der Nahrungsquelle,
was sie an Früchten ihnen schenkt.

Die andern sind noch auf dem Wege
und steuern völlig zielbewusst
nach diesem wogenden Gehege,
das offen ist für Fracht und Frust.

Mehr kann ich euch dazu nicht sagen.
Lachsrot färbt sich der Horizont,
indes mich langsam weitertragen
die Füße an der Wasserfront.

Wie viele Schritte ich gegangen?
Ich weiß nicht, gab nicht acht darauf;
die Dunkelheit hat angefangen,
schon leuchten die Laternen auf.

Da draußen, wo die Kutter kreisen,
ist alles finster schon und blind,
und ihre Lichter nur beweisen,
dass sie da noch vorhanden sind.

Die wird kein Wind so leicht verwehen
noch löschen rasch geborgner Fang.
Da heißt es erst noch Schlange stehen –
die Nacht des Fischers, sie ist lang.

Alles Märchen

Alles MärchenWie sie sich gleichen bis aufs Härchen –
Programme je nach Jahreszeit:
Zu Weihnachten die schönsten Märchen
den lieben langen Bildschirm breit!

Schneewittchen permanent im Bilde,
Rapunzel mit dem dicken Zopf,
der Rübezahl genannte Wilde
und Fallada, der Pferdekopf.

Auch Aschenputtel darf nicht fehlen,
der Veteran vom „Blauen Licht“,
das Schneiderlein, dem `s Fliegenzählen
ein heldenhaftes Los verspricht.

Es wimmelt nur so von Gestalten,
die man geprügelt und gehetzt
und die doch durch des Schicksals Walten
ihr Schnäppchen machen noch zuletzt.

Da geht es mit natürl’chen Dingen
bekanntermaßen wenig zu –
mit Fröschen, die auf Küsse dringen,
mit Blut im falschen Frauenschuh.

Mit Bärn, die sich als Prinz entpuppen,
und Raben, die verwunschen sind,
mit Zwergen, einzeln und in Gruppen,
und Läufern, schneller als der Wind.

Die Wunder geben sich die Klinke
da sozusagen in die Hand,
dass man als Kind schon – winke, winke –
sie ungemein sympathisch fand.

Da kann das größte selbst von diesen,
das Weihnachtswunder nicht verwirrn –
ein Klacks dagegen das von Riesen
und Täubchen, die um Linsen girrn.

Ein Knäblein, das im Stall geboren,
weil Gott ihm kein Hotel gebucht,
und, Ochs und Esel um die Ohren,
von Majestäten doch besucht!

Und dieser Gott, der schon beim Werden
dem Sprössling nur die Scheune ließ,
nahm rüde ihn dann auch von Erden
mit Geißel, Kreuzigung und Spieß!

Ein Kindesmord von höchster Stelle,
dem alle Welt Hosianna singt,
weil er nach offizieller Quelle
den Billigern Erlösung bringt.

Nicht wahr und auch nicht gut erfunden,
doch tief ins Herz uns eingesät
mit frühen Katechismus-Stunden
und kuscheligem Nachtgebet.

Als Märchen halte ich`s in Ehren,
der Sprache wegen schon allein –
um wie viel mehr, könnt es mich lehren,
wie Wasser wandelt man in Wein!

Hoch motiviert

Hoch motiviertSchon wieder so ein Blatt zerrissen,
das mit Ideen ich gespickt,
Entwürfe, die ins Gras gebissen,
bevor sie`s Licht der Welt erblickt.

Ja, fast am wichtigsten beim Dichten
ist die Versorgung mit Papier,
um noch beim Schreiben zu vernichten,
was nicht gehört auf DIN-A4.

Die Verse, die ich mir ersitze
vom Abend bis es wieder tagt,
sind nur des Berges dünne Spitze,
die aus dem Meer der Zeilen ragt.

Doch krieg ich deshalb graue Haare,
ein Herz, das schwächlicher entbrennt?
Als ging es hier um Massenware,
Profit, Produkt und Produzent!

Den Musen dienen heißt sich placken
und bringt dir keinen Obolus,
und dennoch glühen mir die Hacken,
wenn zum Rapport mal rauf ich muss.

Im Gegensatz zu unsern Bossen
verstehn sie sich aufs Motiviern,
indem sie ihre Kampfgenossen
ermuntern statt zu deprimiern.

Die Leine, Lyriker zu führen,
wie lang sie ist und niemals straff!
So lässt sich unbehindert rühren
der Kopf, dass er sich Räume schaff.

Beim Schnuppern deshalb und beim Stöbern,
die kein Kommando ihm vergällt,
schlägt schließlich selber er die gröbern
und faden Funde aus dem Feld.

Ob ihm der große Wurf gelungen,
wird ihm indes nicht mitgeteilt –
doch wer hier einmal vorgesungen,
auf ewig in dem Chor verweilt.

Doch will die Lerche Beifall haschen,
`nen Bravo-Sturm die Nachtigall?
Sie füllen sich nicht ihre Taschen,
erfreun sich nur am schönen Schall!

Jenseits der Mauern

Jenseits der MauernNur einen Katzensprung entfernt: Die Fluren,
sich duckend unterm Dämmer wie die Stadt.
Man trägt ja überall die gleichen Uhren –
den Mond, die Sonne, ohne Zifferblatt.

Die Heidewälder sind zur Ruh gegangen,
die Stirn geschmiegt in funkelndes Gestirn,
da tausend Wesen durch die Nacht sich bangen,
um morgen durch `nen neuen Tag zu irrn.

Das Korn ist von den Feldern abgefahren,
die rau im Stumpfe ihrer Stoppeln stehn.
Wie schön sie noch vor wen`gen Wochen waren:
Ein Meer, sich wellend unterm Schrei der Krähn!

Und wo die Apfelbäume lang marschieren
an der Chausseen kräuterreichem Rand,
mag jetzt ein Wanderer sich noch verlieren,
ein Zecher, der noch nicht nach Hause fand.

Im Stübchen, ganz von mildem Licht durchflossen,
geh träumend ich auf städtefernen Spurn.
Der Regen rauscht seit Stunden unverdrossen –
so rauscht er jetzt wohl auch auf diese Flurn.

Stilles Wasser

Stiller OzeanSo reglos hat es heut gelegen,
so lakenmäßig knitterfrei,
so unbehaust von Wellenschlägen,
als ob ein Meer es gar nicht sei.

Eh`r glich es jenen stillen Weihern,
die ewig ohne Ebb und Flut
und die mit Lidern, blass und bleiern,
verdösen ihre Mittagsglut.

Hätt nur gefehlt noch Entengrütze
und Schilfrohr irgendwo am Rand,
man hätte seine Schiffermütze
wohl zum Klabautermann gesandt.

Indes auch unsre Möwen mieden
die unbewegte Wogenflur,
als ob sie in dem faulen Frieden
verlören ihrer Beute Spur.

Sie hockten auf dem schmalen Streifen
von grauem, grobem Ufersand
und ließen ihre Blicke schweifen
in dunst`ge Weiten unverwandt.

Doch war kein Kutter wo zu sichten,
der mit dem Tagesfang im Schapp
den Bug zur Mole mochte richten,
dass man von dem ein Häppchen schnapp.

Nur eine einz`ge große Fläche,
die eingeebnet, abgeflacht,
und schimmernd wie Millionen Bleche
bis wo die Kimm `ne Biege macht.

Und nicht mal mit `nem leichten Fächeln
gefiel`s den Winden da zu wehn –
die Sonne konnt ihr schönstes Lächeln
im blanken Meeresspiegel sehn.

Ja, wär es nicht in diesen Breiten,
in die es Fröste kaum verschlägt,
man hätt versucht ihn zu beschreiten,
zu testen, ob das Eis schon trägt.

War dies das atemlose Schweigen,
bevor er brüllt, der Donnergott?
Nein, nur im Jahreszeitenreigen
ein kleines Schrittchen aus dem Trott.

Dämmertörn

DämmertörnUnd wieder lauern vor der Flinte
die flüchtigsten Gedanken mir,
dass ich sie schieße und in Tinte
aufs Blatt, auf meine Strecke schmier.

So flüchtig etwa wie der Schimmer,
der westlich noch das Meer bedeckt,
als in der Dämmrung ich wie immer
die Nase in den Wind gesteckt.

Ein zart orangefarbner Streifen
lag hell noch überm Horizont,
um bis zu`n Bergen auszugreifen,
die kalt schon warn und unbesonnt.

Doch wie ich schlurfe so und schaue,
verändert sich die Szenerie:
Das Abendrot mutiert ins Graue –
so rasch indes wie Gene nie.

An einen Vorhang musst ich denken,
der stets im Hintergrund bereit,
sich zügig nach dem Akt zu senken,
bevor noch jemand Beifall schreit.

Ich latsche, latsche und ich lande
im leeren Kinosaal der Nacht.
Zum Glück war seitlich überm Strande
der Mond noch nicht ganz ausgemacht.

Der hing da noch als Deckenlampe,
zur Sichel sparsam abgedimmt,
hoch über der verwaisten Rampe,
dass wenigstens die Richtung stimmt.

So hab ich gut nach Haus gefunden,
den Blick nach oben stets gewandt,
vom Lichte, diesem schmalen, runden,
geführt an kosmisch langer Hand.

Und dann vergingen nur Minuten,
bis ich zur Flinte wieder griff
und mir, wie schon gesagt, ihr Guten,
die Kugel um die Ohren pfiff!

Wärmelehre

WärmelehreDie Therme tut bemüht das Ihre,
und kommt`s auch einem Röcheln gleich,
dass ich das Feuer nicht verliere
für meinen nächsten Musenstreich.

Ich weiß nicht, wie mit Frost im Finger
und Gänsehaut an Brust und Bein
als Sprachdompteur und Versbezwinger
man halbwegs könnt erfolgreich sein.

Damit das Hirn sich frei entfalten
und alle Schleusen öffnen kann,
muss man die Heizung höher schalten,
bis man Dynamik ihm gewann.

Am Beispielwill ich euch beweisen,
dass dies schon immer Flügel lieh,
und nehme kurz euch mit auf Reisen
ins alte Reich der Poesie.

Petrarca sei als erster Sänger
dabei vor Augen euch gebracht –
hätt nördlich, wo die Schatten länger,
so warm er Lauras wohl gedacht?

Und Beatrice: Hätt ein Dante
so glänzend sie in Licht verklärt,
wenn nur die Dunkelheit er kannte,
in der die Kälte sich verzehrt?

Ein Shakespeare selbst in unsren Breiten,
die`s Licht nur flüchtig streifen mag,
zu welchem Hymnus konnt verleiten
ihn so ein schöner Sommertag!

Der Therme also, der bemühten,
von hier aus (Strophe acht) sei Dank,
die Verslein glücklich auszubrüten
aus meiner Seele Samenbank!

Ob ich genannten Dichterfürsten
wohl irgendwann das Wasser reich?
Ich weiß nicht; will nur weiterdürsten
nach Tröpfchen aus dem Musenteich.