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Trost der Nacht

Trost der NachtWenn je ich attraktiv gefunden
als Jüngling oder reifer Mann –
in diesen späten Greisenstunden
ich kaum mich dran erinnern kann.

Die Zeit der angeschmiegten Wangen,
der Lippen, die sich zart berührt,
der Arme, die man fest wie Zangen
um den geliebten Leib geführt…

Sie liegt im Dämmer wo begraben
der halb vergessnen Seelenflur,
zu der wir keinen Zugang haben,
es sei denn in der Wehmut nur.

Pistole kaufen? Lauf der Dinge:
Nicht ewig währt das Freudenfest,
mit dem das Leben aus der Schlinge
der Jahre uns entwischen lässt.

Sich mit dem Status quo begnügen,
sich schicken ins Seniorenlos.
Und wenn auch nicht in vollen Zügen,
genießen, was auch kleiner groß.

Hört man gelegentlich nicht sagen,
im Alter würd man wieder Kind?
Und denkt dabei nur ans Betragen
von Greisen, die gebrechlich sind!

Ein Schuh wird draus, so will mir scheinen,
wenn weiter man die Grenzen zieht
und diese Nähe zu den Kleinen
mehr auf dem Feld der Freiheit sieht.

Die Arbeits- und die Ehesorgen
sind beiden fern mit ihrem Frust.
So saugt der Abend wie der Morgen
am Busen reiner Lebenslust.

 

Kritische Distanz

Kritische DistanzMit meiner kleinen Welt zufrieden,
leb ich von Tag zu Tag dahin,
dass ich des Marktgeschreis hienieden
oft gar nicht gegenwärtig bin.

Ich lass an mich heran nicht treten,
was andre so in Atem hält:
Die Fruchtbarkeit von Majestäten,
das Urteil, das ein Promi fällt.

Die offenkund’ge Ehekrise
der Pop-Ikone Soundso,
beglaubigt durch die Expertise
der Medien unter Null-Niveau.

Den Leichenfund im Tiefseegraben,
die Sonnenuhr im Gletscherspalt,
den Brunstschrei unsrer Küchenschaben,
der wo im Ausguss tief verhallt.

Vor allem nicht die Schlächtereien,
an denen sich der Mensch begeilt –
in Echtzeit mit den Todesschreien
und sonst als Krimi hochgestylt.

Den Blick beständig auf dem Nabel,
den man in Delphi schon verehrt,
erspar ich mir das Sündenbabel,
das um mich rum beständig gärt.

Das heißt das ewige Spektakel,
von eitler Selbstsucht inszeniert,
die sich ihr blutiges Debakel
schon in die Basis programmiert.

Der „Schwan von Avon“ hat’s besungen
so trefflich und so traurig schön,
dass unter tausend Dichterlungen
die seine man als stärkste krön…

Ein Schattenspiel nur unser Leben
mit Mimen, die man schnell vergisst,
und Irre, die den Ton angeben,
der schrill, doch völlig sinnlos ist.

Meeresstille

Meeresstille und keinerlei FahrtMal wieder einer dieser Tage,
an denen sich kein Lüftchen regt
und statt an steifen Windes Plage
man schwer an seiner Flaute trägt.

Wenn müßig wir am Strand spazieren,
indes das Auge weithin schweift,
das Leuchtturmlicht zu imitieren,
das flüchtig übers Wasser streift …

Erwarten wir von dieser Masse
polierte Glätte nicht, Parkett,
und dass sie faltenlos umfasse
die Fluten wie ein Wasserbett …

Indem sie diese fest versiegelt
mit einer künstlich-steifen Haut,
statt dass sie brodelnd widerspiegelt
das Leben, das darunter braut.

Wir wolln sie in Bewegung sehen,
im Schwung der Hüften jederzeit,
und wenn die Welln auch hoch nicht gehen,
sie lüften doch ihr nasses Kleid.

Doch Neptun hatte andre Pläne,
für die er Äolus gewann,
und setzte heut ein Meer in Szene,
das förmlich zu Gelee gerann.

Reglos am Horizont Konturen,
denen wohl gar der Einschluss droht –
Objekte auf des Bernsteins Spuren:
Ein Segel- und ein Fischerboot.

Meine kleine Nachtmusik

Meine kleine NachtmusikOb Singspiel, Oper, Oratorium,
ob Operette und so fort,
mit stimmgewaltigem Brimborium
spielt die Kapelle hier an Bord.

Das dröhnt, tamtam, durch alle Wände
und geht dem Ohr durch Mark und Bein,
dass man entnervt erkennt am Ende,
nur Kunst kann so gewaltig sein.

Zumal ja auch die Zeiten passen
wie bei der Sphinx und Ödipus –
um acht den Vorhang steigen lassen,
um zehn Uhr dreißig aus und Schluss.

‘ne weitre Ähnlichkeit zur Bühne:
An keinem Tage wird pausiert,
auf dass nicht Mutter Mnemosyne
miteins den Faden noch verliert.

Vielleicht würd es mir gar gefallen,
was sich da über mir vollzieht,
würd ’s auch im Auge widerhallen
als ein Spektakel, das man sieht.

Doch hock ich wie in der Antike
vor so ‘nem „Mauerschau“-Filou:
„Da spielt sie“, schreit er, „die Musike!“ –
den Rest denkt bitte euch dazu.

Es scheint, dass hier die Künste liegen
in nachbarlichem Widerstreit –
der oben lässt die Töne fliegen,
der unten still die Zeilen reiht.

Nun, jeder soll sein Pferdchen reiten
mit straffem Zügel oder lax:
Für Musen sind es goldne Zeiten –
vor allem auch dank Ohropax.

Staubgefäße

StaubgefäßeEin Strandlokal im wahrsten Sinne.
Nicht abseits erst in Gras und Kraut:
Vom Fundament bis hoch zur Zinne
auf allerfeinsten Sand gebaut.

Und dass die Gäste es nicht schrecke,
sich stapfend da hindurch zu mühn,
trägt ihren Fuß ‘ne ganze Strecke
ein roter Teppich, der ist grün.

Das müsste ich nicht groß erwähnen,
wär es ein Tag wie andre auch,
den in der Sonne man vergähnen
könnt mit gefülltem Hängebauch.

Doch wie ein Blitz aus heitrem Himmel
schoss heulend in die Szenerie,
den Sand verwirbelnd zum Gewimmel
ein Wind, der Gift und Galle spie!

Auf halbem Wege schon zum Schnabel,
der freudig sich geöffnet hatt‘,
riss rüd er mitten von der Gabel
das knusprigste Endivienblatt.

Und die bengal’schen Himmelbetten,
von manchem Pascha schon belegt,
sie rüttelten an ihren Ketten,
heißt an den Schleiern unentwegt.

Die Flasche, Achtung, ist ja offen,
nicht dass da Sand hineingerät!
Doch ha‘m wir ihr, eh’s eingetroffen,
‘nen Pfropfen aus Papier gedreht.

Der Kellner selbst, der, stranderfahren,
sich nicht so leicht erschüttern lässt,
hielt ängstlich, Bruch sich zu ersparen,
auf dem Tablett die Gläser fest.

Dann galt’s die Rechnung zu fixieren
und dann die Summe auch in bar,
um nicht vom Tische zu verlieren,
was absolut nicht windig war.

Lokaltypische Küche

Lokaltypische KücheZwei Stunden hab ich wohl genossen,
in meinen Korbstuhl eingesenkt,
die Feuerpfeile, abgeschossen
von Helios, der nur Grillen fängt.

Und diese Zeit mir zu versüßen,
die ohnehin schon Goldes wert,
brachte auf flinken Frauenfüßen
man Dinge mir, die ich begehrt.

Nichts Großes, könnt ihr euch wohl denken,
die Mittagszeit war ja vorbei
und damit auch das Pötteschwenken
für Hauptgericht und Völlerei.

Doch war durchaus mir noch zumute
in meinem Gaumenfreudendrang
nach Häppchen von der Angelrute
und sonst ‘nem kleinen Zwischengang.

Wie immer heftete die Blicke
ich auf der Karte Leitfossil –
den Barsch, der nach Gewicht und Dicke
ja nicht aus diesem Rahmen fiel.

Doch heute ließ ich links ihn liegen,
probierte etwas andres aus,
um auf die Zunge was zu kriegen,
das typischer für dieses Haus.

Ich seh euch große Augen machen:
Was wäre in ‘nem Strandlokal,
sofern nicht Fisch und solche Sachen,
noch angesagter denn als Mahl?

Das Urteil könnt ihr selber fällen,
hier habt ihr es von mir serviert:
Kartoffeln, Rotkohl, Frikadellen –
und mit dem Danebrog garniert!

Niedrigpreise

NiedrigpreiseAm Strand und in den Seitengassen
sind jetzt Kioske aufgeklappt,
wo Klebriges in großen Massen
in Tüten oder Gläsern pappt.

Was für ‘ne bibabunte Fülle
von Süßigkeiten aller Art,
die mit und ohne Knisterhülle
da auf vernaschte Kunden harrt!

So ‘n Ding ist wie ‘ne Bonbonnière
mit bis zum Bersten Süßem satt,
die in der Mitte nur ‘ne leere
und ausgelutschte Stelle hat.

Da lauert wie im Spinnennetze
verborgen in der Dämmerung,
dass er versilber seine Schätze,
der Budenhöker auf dem Sprung.

Und hört er draußen ein Getappe,
das jäh in Stillstand übergeht,
tritt er entschlossen an die Klappe
und neigt zu dem sich, der da steht.

Wobei die Neigung desto größer,
je kleiner ebender Klient,
der oft als halber Mutterschößer
zum ersten Mal nach Bontjes rennt.

Doch bei den Spezialitäten,
auf die die Klitsche eingeschworn,
hat selbst sie Kundschaft sich erbeten,
die noch nicht trocken hintern Ohrn.

Wie könnte da die Kasse klingeln,
sich bauchig blähn der Hosenbund,
lebt größtenteils von süßen Schlingeln,
von Kinderhand man in den Mund?

Ich hab es neulich selbst getestet
als Kräuterkaramell-Petent:
Kein Deal, der Millionäre mästet –
das Dutzend für nur dreißig Cent!

 

Kreativschiene

KreativschieneGemütlich schlurfen wir die Tage
des unbewussten Daseins hin,
gesättigt geistig, ohne Frage
an höhren oder tiefren Sinn.

Der Fuß hält sich getreu an Wege,
die ihn seit Ewigkeit geführt,
nicht anders als im Wildgehege
der Fuchs auf seinem Pfade schnürt.

Mechanisch schnappen unsre Hände
sich den und jenen Gegenstand
und wissen oft nicht mal am Ende,
wozu sie ihn denn just verwandt.

Erstarrt das Ganze in Routine –
wie ‘n Zug, der nur die Richtung fährt,
die seine Krupp- und Thyssenschiene
ihn peinlich zu befolgen lehrt.

Und wenn wir aus dem Fenster glotzen
aufs Leben, das vorüberjagt,
sehn wir von Grün die Fluren strotzen,
an dem das Bunt der Kühe nagt.

Vielleicht dass wir ein Reh erspähen,
‘nen Reiher, der auf Landung sinnt –
das Höchste, das wir uns erflehen
von Klotho, die den Faden spinnt.

Doch halt! Jetzt kann ich mal verkünden
‘nen Ausbruch aus dem ew’gen Trott,
bei dem trotz meiner Tafelsünden
mir gnädig half der Küchengott!

Denn da ich ungern nur bereite
Gerichte mir am heim’schen Herd,
bestückte er ‘ne Zeitungsseite
mit ‘nem Rezept, das lesenswert.

So sah man mich den Löffel heben,
dem Ei zersplittern das Genick
und Salz dazu, Öl, Knoblauch geben,
bis alles durchgerührt und dick.

Am Ende musst ‘s Aioli werden,
verderben konnte man es nicht.
Das einfachste Gemisch auf Erden –
und schmeckte mir wie ein Gedicht.

Eilt ja nicht

Eilt ja nichtAls Rentner kann man manches treiben,
wenn Sonnenschein nach draußen lockt –
nur eins nicht: In der Bude bleiben,
an seinen Sessel angepflockt.

Ich nahm die Beine in die Hände
und düste an die frische Luft,
dass ihren warmen Hauch sie spende
und zarten Tamariskenduft.

Die beiden weidlich dann genossen
mit wallendem Naturgefühl,
hab rastend ich mich hingegossen
in weiches Strandcafé- Gestühl.

Ein Tischchen hatt‘ für mich alleine
ich auf dem Fleck, der schön besonnt,
so dass die müden Wanderbeine
ich lang und länger machen konnt.

Da lag ich fast schon auf dem Rücken
wie auf ‘nem Sonnendeck zur Ruh
und sah mit heimlichem Entzücken
dem Flammenspiel der Wellen zu.

Weit bot das Meer sich meinen Blicken
gleich hinterm Sand, der es gesäumt,
indes die Groß-Uhr, ohne Ticken,
die Zeit mir aus dem Weg geräumt.

Da komm mal raus aus deinem Dösen,
wenn Herz und Hirn sich nicht mehr muckt!
Die faulen Glieder konnte lösen
der Dämmer erst, der ‘s Meer verschluckt.

Schlafökonomie

SchlafökonomieDu hast den Teller leergegessen,
den letzten Bissen weggeputzt
und darfst dich nun mit Wesen messen,
die stets den Mittagsschlaf genutzt.

Macht Spaß, die Beine auszustrecken,
dass man die Sofalehne spürt,
und sich wie ’n Dachs im Bau zu recken,
der Schlummer nur im Schilde führt.

Gibt es ein größeres Behagen
als dies, das die Natur uns schenkt?
Sich kurz mal in die Büsche schlagen,
in seichte Träume nur versenkt?

Das A und O: Den Wecker stellen.
‘ne halbe Stunde ist erlaubt.
Denn in den „Widrigenfalls-Fällen“
uns Morpheus in die Arme raubt.

Da kann ich aus Erfahrung sprechen.
Bin öfter schon mal eingenickt,
wenn wo auf weichen Liegeflächen
kein Zeiger mir die Zeit getickt.

Nehmt dies wie Salomonis Sprüche
als schlichte Lebensweisheit hin –
als Moritat aus meiner Küche,
die Mörderisches nicht im Sinn.

Ich will’s zum Dogma nicht erheben
mit Siegel päpstlich und mit Brief –
wenn hundemüde auch soeben,
weil ich, wer weiß, tagsüber schlief?