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Erfüllte Träume

Erfüllte TräumeSein „All die werlt, ich hân mîn lêhen“
jauchzt‘ Walther einst den Knappen zu;
Begeist’rung war ihm anzusehen,
er wippte mit dem Schnabelschuh.

Genauso will ich minnesingen
und mir die Freud vom Leibe schrein,
dass mir in Immobiliendingen
auch Gönner ihre Gunst verleihn.

Ja, sogar einer der ganz Großen
im Internetgeschäft weltweit
hat meine Bitte nicht verstoßen
nach mehr Komfort und Wohnlichkeit

Und schickte die ersehnte Ware
grad so, als ob er Kaiser wär,
als rasche, reichsunmittelbare
mit ‘nem Kurier als Dienstmann her.

Ich musste nur den Eid ihm leisten
auf Heeresfolge und so fort,
wie’s in den AGB der meisten
Feudalherrn gleich ja Wort für Wort.

Modern gesagt, er wollte Knete
für sein gediegenes Objekt,
die, eh der Hahn noch dreimal krähte,
ich schwurgemäß ihm zugesteckt.

Nicht ohne Pflichten war und Lasten
das Gut, das Walther einst verliehn.
Ich kaufte mir fürs Brot ‘nen Kasten.
Muss dafür nicht in Kriege ziehn.

Erwünschte Sangeslust

Erwünschte SangeslustGern würd ich mal vom Stapel lassen
‘nen Hymnus, der die Seele ölt
und den man stets mit „Hoch die Tassen!“
am Siedepunkt der Stimmung grölt.

So irgendeine schlichte Weise,
die sangesfreud’ge Herzen rührt
und die in gleichgestimmtem Kreise
das Leben eines Ohrwurms führt.

Doch werd den Trick ich nie beherrschen,
da denk ich viel zu kompliziert –
und viel zu schlecht von diesen Ärschen,
die auf ‘ne Wurmkur abonniert.

So bleib ich denn bei meinem Leisten
und such nicht Massen zu erfreun,
wär froh, wenn mich die Musen preisten,
was immerhin ja auch schon neun.

Begeisterung ist, wie wir wissen,
nicht nur mit Kennerschaft gepaart –
wie viele sah ich hingerissen
von Kitsch und Nippes mancher Art.

Doch nie hab jemand ich getroffen,
der so von wahrer Kunst erfüllt,
dass er vor Rührung stockbesoffen
Sonette in die Welt gebrüllt.

Doch! Einmal ist es vorgekommen,
und ich war selber involviert.
Auf Kreta, weiß ich noch verschwommen,
ist die Geschichte mir passiert.

Wir hatten die Touristenziele
des Tages hinter uns gebracht
und schlürften in der Herbergsdiele
noch einen letzten Drink zur Nacht.

Da hat es sich dann so ergeben,
dass wir mit Leuten uns vereint,
die auch dem Saft geharzter Reben
an lausch’gen Abenden nicht feind.

Symposion griechisch. Saufgelage.
Doch irgendwie auch musisch halt:
So etwa Hamlets Schicksalsfrage
im Chor bis morgens durchgelallt.

Maritime Geisterstunde

Maritime GeisterstundeDas Meer ganz ruhig, kaum gekräuselt
und grau, so weit das Auge reicht.
Nicht das geringste Lüftchen säuselt.
Halb sieben, und der Tag verbleicht.

Paar schmuddelige Wolkenstreifen
verharren noch am Horizont,
durch die mit Rosenfingern greifen
die letzten Himmel, die besonnt.

Im trüben Licht der Dämmerstunde
liegt geisterhaft der Weg am Strand,
und Schweigen wie aus einem Munde
haucht dumpf aus jeder Häuserwand.

Ich schlurfte auf der Promenade
zum nächsten Supermarkt dahin
auf dem gewohnten Schlemmerpfade
mit sehr viel Meer als Zugewinn.

Ich füllte meinen Einkaufswagen,
so dass sein Boden grad bedeckt,
um noch bequem nach Haus zu tragen,
was immer da im Beutel steckt.

Und wie ich mich so heimwärts mühte
mit dem gewebten Henkelmann,
ein Auge jäh zyklopisch glühte
von See her mich gespenstisch an.

Es hat mich bis zur Tür begleitet,
dies luziferische Gesicht.
Ein Schiff gewiss, das Licht verbreitet.
Doch sicher bin ich mir da nicht.

Wieder Ruhe eingekehrt

Wieder Ruhe eingekehrtSchon wieder deckt mit mächt’gen Schwingen
die Nacht auch diesen Winkel zu,
und aus dem Hintergrunde klingen
nur Wellen in die Grabesruh.

Wiewohl nur von bescheidnen Maßen
das Städtchen hier, in dem ich haus,
lässt es bei Tag nicht mit sich spaßen
und holt den dicken Hammer raus.

Da brummen ständig die Motoren,
da kreischen Bremsen immer mal,
da dröhnen Hupen in die Ohren
wie Wutgeheul am Marterpfahl.

Und dann die quirligen Passanten!
Das schwätzt und schwafelt unentwegt
wie ausgemachte Kaffeetanten,
von süßer Sahnelust erregt.

Ja, öfter auch der Kirchenglocken
Attacke aus der Ewigkeit,
die jeglichen Gedanken blocken
mit Bimmeln, das zum Himmel schreit.

Das alles ist nun abgeschaltet,
der ganze Lärm auf Eis gelegt,
Irene, Friedensgöttin, waltet,
Hephäst der Waffenruhe pflegt.

Und unser Dichter, versbesessen,
versenkt sich in des Hobbys Müh,
dass ein paar Stunden weltvergessen
er Tinte auf die Blätter sprüh.

Wir wollen ihn nicht weiter stören
und lassen ihn, wie er da hockt.
Er lässt von selbst sich wieder hören –
und sehn, was er dabei verbockt.

Schwer entflammbar

Schwer entflammbarDa sieh nur einer, wie es schwächelt,
das Flämmchen da im Plastikrohr –
hab ihm ein Lüftchen zugefächelt,
doch bleibt’s asthmatisch wie zuvor.

Ihr wisst so recht nicht, was ich meine
mit dem beschworenen Objekt?
‘ne Kerze stellt euch vor, so eine,
die manchmal man auf Gräber steckt.

Und die, dass sie dem Winde trotze
an solcher ungeschützten Statt,
man wie mit einer Wetterkotze
zylindrisch fest ummantelt hat.

Folgt sicherlich die nächste Frage:
Wer oder was zum Windlicht riet?
Ist deine Bude von dem Schlage,
dass es ganz fürchterlich da zieht?

Nein. War durchaus nicht zweckgebunden,
dass grade dies ich mir gekrallt.
Ich hab es einfach geil gefunden,
zu wechseln mal die Lichtgestalt.

Tut man nicht viel zu oft im Leben
die Dinge, die „vernünftig“ sind?
Gewohnheit, die uns eingegeben
von Brauch und Sitte, farbenblind.

Umso erstaunlicher zu sehen,
dass was für draußen doch gedacht,
schon kurz davor ist auszugehen,
wo ihm kein Hauch zu schaffen macht!

Wie soll sich einer das erklären?
Das Flämmchen kümmert vor sich hin.
Steht ihm danach, sich zu bewähren
im Sturm vielleicht der stolze Sinn?

 

Übers Verseschmieden

Übers VerseschmiedenDie Neigung, sich zu wiederholen,
verliert sich wohl so richtig nie –
ob Fülln wir sagen oder Fohlen,
es ähnelt sich doch irgendwie.

‘ne Extrawurst für den Poeten
ist von Natur nicht vorgesehn.
Er nimmt wie alle die Moneten,
wie sie durch tausend Pfoten gehn.

Und flutschen sie ihm durch die Finger,
dass ihm der schöne Schatz versiegt,
dann gelten die ihm nicht geringer,
die er von früher wiederkriegt.

Das soll ihm nicht als Freibrief dienen,
sich pausenlos zu variiern
und seine ausgefahrnen Schienen
mit abgestandnem Fett zu schmiern.

Dann muss er eben länger hocken
vor seinem unbeschriebnen Blatt,
um ihm die Zeilen zu entlocken,
die es noch nie vergeben hat.

Ums mal in dem Jargon zu sagen,
der für die Raffgesellschaft steht:
Muss seine Haut zu Markte tragen
in höchster Kundenqualität.

Doch keinesfalls des Vorteils wegen
der Dichter seine Verse feil –
ihm sei nur am Parnass gelegen
und dass er bei den Musen weil!

Anhaltende Störgeräusche

Anhaltende StörgeräuscheDer Dichter wird wohl Ruhe brauchen,
damit er fleißig brüten kann
und ihm aus dem Gehirne rauchen
die Geistesblitze irgendwann.

Hat man nicht häufig sagen hören,
dass er sich gern verklausuliert
und, dass Banausen ihn nicht stören,
in Wüsten gar eremitiert?

Doch muss er unter Menschen bleiben,
was als Normalfall anzusehn,
wird ihm des Hammers buntes Treiben
ganz sicher auf den Amboss gehen.

Dem Nachbarn, der die Wand behämmert
zu mehr Ambiente und Komfort,
es in der Regel wenig dämmert,
dass er auch trifft so manches Ohr.

Darüber müssen wir nicht streiten.
Wir haben’s alle selbst erlebt.
Auch die, die Pegasus nicht reiten,
erstarren, wenn die Hütte bebt.

Doch was, wenn selbst die schönsten Klänge
dir plötzlich auf die Nerven falln –
die engelssüßen Chorgesänge,
die von der Kirche rüberhalln?

Hab eben es erfahren müssen:
Ein Sanctus und Magnifikat,
sie stören bei den Musenküssen,
die hier und heute man schon hat.

Ein Trauerfall

Ein TrauerfallBeim Kirchlein schräg mir gegenüber,
da gab’s ‘nen großen Auflauf heut,
ich fensterlte mal flüchtig rüber
und sah den Vorplatz voller Leut.

Das konnte dies und das bedeuten,
doch nichts, was an der Messe lag.
Man hörte ja kein Glockenläuten
wie sonst am Sonn- und Feiertag.

Man mochte an ‘ne Trauung denken,
die diesen Andrang produziert –
zwei, die sich ihre Schwüre schenken,
eh sich der Höhenflug verliert.

Doch wurde wer zu Grab getragen,
was diese Stille gut erklärt –
statt Hochzeitskutsche Leichenwagen
als dauerhafteres Gefährt.

Der schlug dann unter meiner Nase
den Weg nach links zum Friedhof ein
und diese ganze Metastase
gestauter Autos hinterdrein.

Die Leute langsam sich zerstreuten.
Beschleunigend nur ihren Schritt
die wen’gen, die den Marsch nicht scheuten
und gingen zum Begräbnis mit.

Die Pforte war schon bald geschlossen,
der Platz miteins wie leergefegt.
Die Glocken schwiegen unverdrossen.
Ein Herz, das nicht mehr weiterschlägt.

Keine Geduld

Keine GeduldWenn ich erst lange warten müsste
auf irgendeine Schnapsidee,
bevor ich mich zum Reimen rüste:
Behaglich auf dem Kanapee

Gebreitet die morbiden Knochen,
den Geist nur mäßig angespannt,
und erst nach Tagen oder Wochen
das Schreibgelüst mich übermannt

Würd mir gewiss der Faden reißen,
der die Geduld am Zügel hält,
und ich den ganzen Krempel schmeißen
ins letzte Eckchen dieser Welt.

Will sie mir aus dem Quell nicht regnen,
dem Pierien Dichterkraft verlieh,
kann sie im Mondschein mir begegnen,
die bloß sporad’sche Fantasie.

Doch seht, ich mache fröhlich weiter,
mein Kuli kurvt noch übers Blatt.
Beweis: Der Musenklepper-Reiter
stets frisches Heu im Schober hat.

Sobald ich nur zur Lyra greife,
erklingen auch die Töne schon,
und völlig ohne Warteschleife
wie manchmal die beim Telefon.

Nur Störgeräusche können stoppen
den steten Melodienfluss –
am liebsten würd ich ihn verkloppen,
den Nachbarn, der jetzt bohren muss!

Kurzes Interregnum

Kurzes InterregnumEin Rauschen riss mich aus den Träumen,
bevor die Sonne noch erwacht,
wie’s Wellengang an Meeressäumen
so hell und hitzig nicht entfacht.

Gewölk war heimlich aufgezogen
im Schutz von Nacht und Finsternis,
das wütend seine Regenwogen
hier in den Hof des Hauses schmiss.

War das ein Plätschern und ein Prasseln,
ein Gluckern und ein Gurgeln bloß,
den tiefsten Schlaf noch zu vermasseln
mit Wasserkünsten virtuos.

Ein Weilchen lauschte ich den Fluten,
die da ins Atrium geschwemmt,
und hab beruhigt und im Guten
ins Kissen wieder mich geklemmt.

Doch als ich um die x-te Stunde
(ich gebe zu, es wurd auch Zeit)
entstieg des Betts zerwühltem Grunde,
empfing mich Stille weit und breit.

Nur hier und da noch schwarze Schafe
hab im Azur ich ausgemacht,
die flauschig-flücht’gen Epitaphe
der jüngst verflossnen Regennacht.

Schön, wenn’s des Diebes Regel wäre,
dass ihn nur nachts der Hafer sticht –
doch sag ich zu des Regens Ehre:
Er scheut auch nicht das Tageslicht.