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Häusliche Lautmalerei

Häusliche LautmalereiO, andre Völker, andre Sitten?
Da hämmert wer noch wo und klopft,
indes die Nacht schon vorgeschritten
und Wermut in die Stille tropft.

Doch nicht genug der Hammerschläge,
die hemmungslos zur Unzeit falln –
als Frucht der späten Wohnungspflege
noch weitre Laute widerhalln.

Mal knallt ein Gegenstand zu Boden,
mal schrammt ein Stuhlbein übern Grund,
als gäb mit seinen Klangmethoden
Xenakis sich hier fröhlich kund.

Doch kakophon, naturbelassen,
nicht in der Richtung Kunstgenuss.
Nur Krach, sich an den Kopf zu fassen,
Vampirbiss anstatt Musenkuss.

Es wird die kleinen Kinder wecken,
nachdem es ihren Traum zerstört,
in dem sie untern Kuscheldecken
den schweren Schritt der Angst gehört.

Es wird der Großen Nerven rauben,
die nach des Alltags Last und Müh,
ihr Körnchen sich wie Friedenstauben
erpicken aus dem Filmmenü.

Vom Dichter wolln wir gar nicht reden,
der halb um den Verstand gebracht
und sich auf dieses Höllen-Eden
auch keinen rechten Reim gemacht.

Echter Feiertag

Echter FeiertagDas halbe Land ist auf den Beinen.
Ein Tag, den Heiligen geweiht.
Man picknickt mit den lieben Seinen
und macht sich in Tavernen breit.

Auch ich, um’s hier gleich klarzustellen,
entzog mich dieser Sitte nicht
und ging, mich Freunden zu gesellen,
um vierzehn Uhr auf Mittagschicht.

Ein Plätzchen irgendwo im Freien,
von andern Feiernden umringt,
mit Blick auf Meer und Leckereien,
die unser Tisch kaum unterbringt.

‘ne Tellermasse, ‘ne amorphe,
wie Waben um die Flasche klebt,
die wie ein Kirchturm auf dem Dorfe
sich hoch aus dem Gewimmel hebt.

Mit dem Vergleich, verehrte Christen,
sei das Sakrale abgehakt –
das wohl auch jene nicht vermissten,
die neben mir ihr Huhn benagt.

Hab ich denn jemand seufzen hören
Sankt Pepe, Peter oder Paul?
Sie wälzten, würde ich beschwören,
Sankt Pulpo bestenfalls im Maul!

Doch gilt’s der Heil’gen zu gedenken,
weil dieses Wunder sie vollbracht:
‘nen Extrasonntag uns zu schenken,
der rot aus dem Kalender lacht!

Brauchtumspflege

BrauchtumspflegeMan geht mit spitzen Hexenhüten
heut Abend modisch aufgeputzt,
die man zum Tanz der Troglodyten
an diesem einen Tag benutzt.

Ach, selig diese süßen Kleinen,
die leicht zum Guten man verlockt
und deren tönern Kindesbeinen
so viele Lügen aufgebockt!

Da lässt man sie auf Besen reiten
mit treibstofffreier Zauberkraft,
in wallend schwarzen Kutten schreiten
wie Teufel auf der Wanderschaft.

Und impft das Spuk- und Schauerwesen
so drastisch in ihr junges Blut,
dass lebenslang sie nicht genesen
von diesem frühen Bildungsgut.

Nicht dass sie an Gespenster glauben,
wenn sie entschlüpft den Kinderschuhn,
doch lassen den Verstand sich rauben
von andern Pseudo-Geistern nun.

Doch stopp, wir wolln den lieben Lütten
den Spaß ja schließlich nicht vergälln,
um mit dem Bad sie auszuschütten,
bevor sie selbst ihr Urteil fälln!

Ein kleiner Hinweis nur: Die Mütze,
die Magiern Respekt verleiht,
ist, Mitra, auch des Pfaffen Stütze,
wenn er nach seinem Götzen schreit.

Küstennaher Seniorentreff

Küstennaher SeniorentreffHeut auf der Palmenpromenade.
Wie herrlich noch die Sonne schien!
Zwei, drei Susannen da im Bade,
dem Möwen nur ihr Auge liehn.

Am Strand indes noch viele Liegen,
gebogen unter Leibeslast,
wo mittagsmüd man und verschwiegen
Teutonenblässe Braun verpasst.

Wer aber Sand und Welln verschmähte,
nahm seinen Sitz am Ufer ein
bei „Rudi“ oder „Tante Käthe“ –
konnt notfalls auch ein Spanier sein.

Normales Urlaubsambiente?
Familien, kind- und kegelfest?
Von wegen! Alles roch nach Rente,
auf Meilen nach Seniorennest.

Plissierte Haut mit spitzen Knochen,
Gewölbe- oder Hängebauch.
Die Damen flöten hochgestochen,
die Herrn trompeten Schall und Rauch.

Den ganzen Fundus der Gebrechen
trägt ungeniert man hier zur Schau
und lässt sich eh’r von Mücken stechen
als zu kaschiern den Körperbau.

Und das ist nach den Strandgesetzen
kein strafenswerter Tatbestand,
denn Licht und Luft sich auszusetzen,
braucht’s möglichst wenig an Gewand.

Ästhetik ist nicht zugelassen,
da schafft kein Richter Remedur –
man mag die nackte Plautze hassen,
beleidigt ist das Auge nur.

Ich ließ nur ungern mich so sehen
als Wrack, das an der Zeit zerschellt –
doch soll ja Strandgut nicht verschmähen,
das raue Volk der Küstenwelt.

In den Tag geträumt

In den Tag geträumtDas ist ja eben das Fatale
an jedem Tag, der uns ersteht:
Man glaubt dem Ewigkeitsgeprahle
wie einer Liebe, die vergeht.

Er schlurft gemach uns jeden Morgen
pantoffelgrau ins Leben rein
und teilt mit uns die kleinen Sorgen
vom Gaspreis bis zum Zipperlein.

Mal reißt er uns zu Jubelstürmen
und mal zu Tränenbächen hin,
mal kommt er, Nöte aufzutürmen,
und mal mit einem Hauptgewinn.

Doch müssen wir ihn stets so nehmen,
wie launisch immer er auch sei,
weil wir in Teufels Küche kämen,
ging unsre Liaison entzwei.

Wir sind im Guten ja und Bösen
von der Natur ihm angetraut,
und nichts kann uns von ihm erlösen
als Herzinfarkt und Bilsenkraut.

Doch wer wird gleich an so was denken!
Solange wir noch hörn und sehn,
dem Wahn wir gerne Glauben schenken,
es würd so ewig weitergehn.

Das gilt für Dichter gleichermaßen,
die über diesen Punkt sinniern –
die Hosen, die sie schon durchsaßen,
Unsterblichkeit ja garantiern!

Dem Herbst entkommen

Dem Herbst entkommenOktoberkühle, Nieselregen,
auf allen Wegen feuchtes Laub.
Da hilft ein Mittel nur dagegen:
Man macht sich schleunigst aus dem Staub.

Begab mich also für ‘ne Weile
als Gast in einen Vogelzug,
der mich zwar nicht in spitzem Keile,
doch länglich durch die Lüfte trug.

Genauer: In zwei gleichen Reihen,
die aus drei Sitzen je gehäuft,
aus denen man nur schwer befreien
sich könnte, wenn die Blase läuft.

Die schleppten mich in gut drei Stunden
bis weit an die Peripherie,
bis endlich sie ‘nen Grund gefunden,
der förmlich nach ‘ner Landung schrie.

Da nämlich grade, wo der Süden
am südlichsten sich präsentiert –
am Fuß Iberiens, des prüden,
das mit der Sonne kokettiert.

Hat sich als Windei nicht erwiesen.
Der Himmel österlich noch blau,
und lammfromm-linde Lüfte bliesen
bei vierundzwanzig Grad genau.

Schon in Vergessenheit geraten
der Herbst des Morgens, vor der Flucht.
In Licht getaucht die Fischerkaten,
in Silberdunst die Abendbucht.

Fremde Nähe

Fremde NäheGlaubt ja nicht, dass ich gerne schwätze
von mir nur immer im Gedicht
und nicht auch eine Meinung schätze,
die klug für ihre Sache spricht.

Doch wie das auf die Reihe kriegen?
Ich gebe ja die Verse vor,
die lautlos durch die Lüfte fliegen
ins hoffentlich geneigte Ohr.

Und da ich, Leser, euch nicht kenne
und nichts von eurem Leben weiß,
beschränke ich mich wie ‘ne Henne
aufs Brutgeschäft des eignen Eis.

Das hat ja auch genügend Tücke!
Wer spräch von sich so frank und frei,
dass ungeschminkt und ohne Lücke
er schilderte sein Konterfei?

Man pickt ja immer die Rosinen
sich aus des Alltags zähem Teig,
um sie der Menschheit anzudienen
als seines Glückes Fingerzeig.

Mit einem Wort: Man kann nichts sagen,
worauf es Brief und Siegel gibt –
vom Leser nicht, dem fremden, vagen,
vom Sänger nicht, der Worte siebt.

Wirft man da konsequenterweise
die Grillenflinte nicht ins Korn
und stiehlt sich heimlich, still und leise
beschämt hinweg vom Musenborn?

Gewiss nicht. Denn wo Hermes waltet,
im weiten Reich der Fantasie,
hat stets die Welt man umgestaltet,
dass man ihr größren Reiz verlieh.

Sie eins zu eins so zu erfassen,
wie wirklich sie vor Augen liegt,
sei dem Vermesser überlassen
(der’s auch nicht auf die Reihe kriegt).

Der Dichter schreibt nicht Protokolle,
Bilanzen nicht und Logelei’n;
er hält es lieber mit Frau Holle,
lässt Federn auch mal Flocken sein.

Und für sein buntes Textgewebe
genügte ein Gerät ihm schon:
Die Wasserwaage. Schön in Schwebe,
und doch ein Maß der Präzision.

Wirklich die Krönung

Wirklich die KrönungDer Schöpfung selbsternannte Kronen,
jetzt hocken sie an Heim und Herd,
sich mit Entspannung zu belohnen
fürn Tag, der an den Kräften zehrt.

Und da die Hausmusik veraltet
wie Halma oder Blindekuh,
man still zumeist die Fäuste faltet
und schaut den Serienmördern zu.

Nichts ist ja besser für die Nerven
und macht sie wieder drahtseilfit
als Killer, die die Messer schärfen.
„Gleich nach der Werbung“: Gurgelschnitt.

So ist die Glotze, viel verspottet,
ein Spiegelbild des Lebens nur –
der Mensch, der sich so gern vergottet,
‘ne jämmerliche Witzfigur.

Die plustert sich mit bunten Fummeln
und schreitet wie ein Pfau daher,
um optisch sich hinaufzuschummeln
in Sphären, die bedeutungsschwer.

Und das ist noch das kleinste Übel –
die Mehrheit ist nicht eitel bloß,
sie kippt auch gern den ganzen Kübel
der Bosheit in des Nächsten Schoß.

Ja, häufig kramen sie die Knarre
aus irgendeinem Loch hervor
und spieln auf dieser Blitzgitarre
das Lied vom Tod ins taube Ohr.

Da wär ein Schöpfer tief gesunken,
hätt er sich so ein Werk erdacht –
gekrönt von Mördern und Halunken
in Biedermeierbürgertracht!

Blasphemischer könnt man nicht lästern
ein Wesen von so hoher Kraft,
als dass man mit den Brüdern, Schwestern
ihm bucklige Verwandte schafft!

Wärn Fische, Flöhe oder Quallen
am Busen der Vernunft gestillt,
sie würden gleichfalls drauf verfallen:
Gestatten, Gottes Ebenbild!

Um sich genauso auszuhecken
‘nen Masterplan für nach dem Tod –
lever du roi: Gott wird uns wecken
„und hilft uns frei aus aller Not“.

Da müsst ein Christus lange sterben,
bevor er so ein Pack erlöst!
Das Fell sollt er ihm lieber gerben,
das Fleisch, das da im Fette döst!

Doch geht der Abend schon zur Neige
und Schatten fällt auf meinen Geist –
wird besser sein, dass ich nun schweige,
da er in andre Träume reist.

Zum Abflug bereit

Zum Abflug bereitVerrat euch ein Geheimnis heute –
doch psst!, dass unter uns es bleibt.
Geht um ein Datum, liebe Leute,
hinter die Ohren es euch schreibt!

In einer Woche schon, verstanden?,
in sieben lump’gen Tagen nur,
werd ich in Andalusien landen
zur nächsten Rentnerwinterkur.

Am liebsten wäre ich geflogen
mit diesen Profis ohne Sprit –
doch Vögel, die gen Süden zogen,
nahmen mich so bepackt nicht mit.

Ein Flugzeug also als die Krücke,
mit der man durch die Lüfte hinkt,
empfahl sich mir trotz dieser Tücke,
dass es beständig steigt und sinkt.

Und bietet auch vor Wind und Regen
mehr Schutz als so ein Gänseflug,
der hoch auf seinen Wolkenwegen
nur Luft hat um den flaum’gen Bug.

Verflixt, da komme ich ins Schwafeln,
wo’s doch um den Termin nur geht,
dass ihr nicht auf den Info-Tafeln
am Flugplatz mich erst türmen seht!

Ein halbes Jahr wird nun logieren
der Pensionär im Lichtasyl –
wird „essen“, „trinken“ konjugieren
auf Spanisch. Und im Strandgestühl.

Stillvergnügte Poesie

Stillvergnügte PoesieDer Eindruck hat sich mir verdichtet:
Poeten liegt der gute Ton.
Zwar von Gemüt und Geist belichtet,
verschmähn sie dumpfe Aggression.

Ausnahmen kaum von dieser Regel.
Fast nur Tyrtaios‘ Schlachtgeschrei;
erinnert euch: Spartanerflegel,
frustriert von seinem Haferbrei.

Auch Pindar. Doch die Kampfesweise,
die er besang mit dunkler Glut,
war die des Sports, und Lorbeerpreise
bekränzten Siege ohne Blut.

Villon vielleicht noch von der Sorte,
doch kämpferisch für sich privat:
Ein Bein stets an der Kerkerpforte,
eh’r Fluchtstratege denn Soldat.

Mehr Leute hab ich nicht auf Lager
und kenn doch manchen Lebenslauf.
Gewaltausbeute also mager.
Da sind die Maler besser drauf.

Es findet in der Kunstgeschichte
sich ja so mancher Finsterling,
der dem verdienten Hochgerichte
mit mächtig Dusel nur entging.

Kurzum, die einfühlsamen Musen
bestimmten mich zur Poesie,
kaum dass aus vollem Babybusen
ich fröhlich nach der Zitze schrie.

Die, die zur Staffelei geboren,
sie krähen wohl auf andre Art,
was nur sensible Götterohren,
nicht mal die Mütter je gewahrt.

Doch lassen wir das Spekulieren.
Fakt ist: Ich habe das Talent,
mit pp. Pinsel zu jonglieren,
wohl in der Wiege schon verpennt.

Und hab den Strohhalm gern ergriffen,
den mir Apollo hingestreckt,
mich nach Pierien einzuschiffen,
wo man auch Dichtern zollt Respekt.

Da fand ich keine Stürme wüten,
die trägen Wellen aufzuwühln,
und hübsche Nereiden hüten
Delphine, die sich glücklich fühln.

Das war so recht nach meiner Mütze –
und kaum war ich von Bord an Land,
baut‘ ich als Bleibe mir und Stütze
‘nen wetterfesten Unterstand.

Und mocht so gern da schließlich leben,
dass ich nicht mal zu sagen wüsst,
was ich als Wohnsitz, Haupt- und Neben-,
dem Steuerviz erklären müsst.

Nun hab ein Hüttchen ich hienieden
und bei den Musen ebenso.
In beiden von der Welt geschieden,
werd ich des Friedens doppelt froh.