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Nächtlich fantasiert

Nächtlich fantasiertEntscheidend sind die Illusionen,
dass man sein biedres Herz erfrischt
und aus gedachten Regionen
ihm echte Stärkung untermischt.

Ist denn der Mond, der auf der Nase
mir wie ‘ne Fliege grade hockt,
nicht just in dieser vollen Phase
Frau Luna, wie sie lacht und lockt?

Ist denn die Stadt mit ihrem Schweigen
nach Stunden der Geschäftigkeit,
kein Sinnbild für den ew’gen Reigen,
aus dem uns nur die Nacht befreit?

Und dieser Becher, den ich leere,
ist er ein bloßes Trinkgefäß
und nicht Dionysos zur Ehre
auch Opferschale, zeitgemäß?

Was würd mir dieser Raum bedeuten,
wär er mir schlicht Kombüse nur
und nicht, um Verse zu erbeuten,
des Hirns unendlich weite Flur?

Und was die aufgereihten Zeilen,
die ich in Reim und Rhythmus bring,
dass ich mit Klötzen und mit Keilen
sie in genormte Strophen zwing –

Fühlt‘ ich, der kleine Unbekannte,
der Hintersass im Musenreich,
mich insgeheim nicht einem Dante,
ja, einer Kempner sogar gleich?

 

Altes Erbe

Altes ErbeDer Völker ewig gär’nde Säfte,
aus denen Hader quillt und Hass,
erfordern starke Ordnungskräfte –
Bewachung für ein Pulverfass.

Noch immer stimmt die alte Lehre
vom allgemeinen Zoff und Zank,
wenn nicht der Arm des Staates wäre
als leidlich sichre Friedensbank.

Im Massenauflauf gut zu sehen,
wo man das Recht in Anspruch nimmt,
für seinen Glauben einzustehen –
und Andersgläubige vertrimmt!

Die Mehrheit dieser Menschenwesen
wurd mit lokaler Milch gestillt –
was sie als Kind gehört, gelesen
als wahr und heilig ihnen gilt.

Und das auch noch in einem Maße,
das nichts mehr mit Vernunft gemein:
Sie massakriern nur zu dem Spaße,
um Helden in Walhall zu sein.

Des Kinderglaubens blinder Eifer,
der noch zur Logik nicht erblüht,
erfüllt auch, wenn der Mensch schon reifer,
sein ungehobeltes Gemüt.

Man könnte dieser Dummheit spotten,
wärn nicht die Folgen so fatal –
die stete Lust, sich auszurotten –
und immer für ein Ideal!

Im Meer des Himmels

Im Meer des HimmelsEin schöner Vollmond zieht am Himmel
in dunklen Wolken seine Bahn,
den Weg sich suchend durchs Gewimmel
wie durch die Welln ein Fischerkahn.

Sein Strahl, vorausgeworfen, mündet
ins Auf und Ab der dunst’gen Flut,
die in dem Kegel sich entzündet
zu kalter, diaphaner Glut.

Wie wild dahin die Wolken stürmen,
kopfüber wie ein Tümmlertrupp,
sich strecken, biegen, krümmen, türmen
den Wogen gleich im Salzgesupp!

Der Suchscheinwerfer aber gleitet,
dass er den rechten Weg ertast,
gemächlich, wie Selene schreitet
und sicher ihn am Henkel fasst.

Ich seh ihn noch ein Weilchen wandern,
von Strähnen grauen Rauchs meliert,
bis er von einem Nu zum andern
sich irgendwo im Nichts verliert.

Es folgt ihm niemand auf dem Fuße.
Leer liegt die Flur, wie abgebrannt.
Die Sterne auch, sie tun heut Buße
im sündhaft schwarzen Mönchsgewand.

Sonst ist von da nichts zu berichten.
Wird Zeit, dass ich der Ruhe frön.
Vielleicht werd ich den Guten sichten
im Traum erneut so voll und schön.

Kein Lichtblick

Kein LichtblickMond grade schon vorbeigetrudelt,
sah flüchtig noch sein Halbgesicht.
Erspart, dass ich ihm lobgehudelt
laut lyrischer Trabantenpflicht.

Auch sonst da oben tote Hose.
Kein Blümchen auf der öden Au.
Nicht Aster und nicht Herbstzeitlose,
kein Arktur und kein Bärenklau.

Da wär nichts weiter zu besingen
als Finsternis, von Blau entblößt ,
die, wiegend sich auf weichen Schwingen,
gedankenlos die Nacht verdöst.

Dies übern Dächern. Und darunter
des müden Himmels Spiegelbild:
Die späte Stadt kein bisschen bunter
und reglos wie ein Straßenschild.

Ist absolut nix rauszuholen
aus der frugalen Szene heut,
mit Flügelschuhen zu besohlen
den Musengaul, der Leerlauf scheut.

Für diesmal also muss ich passen –
dem Pinsel mangelt’s am Motiv.
Und ungeschrieben will ich lassen
zig Verse fürs Parnass-Archiv.

Da lagern allerdings schon viele,
frei anzusehn: http://,
das Kürzel zu besagtem Ziele,
plus reinerschraderPunktde.

Stetes Lärmproblem

Stetes LärmproblemUnunterbrochen dies Gelärme –
wann hält sie einmal still, die Stadt?
Wie’n Motor wälzt aus dem Gedärme
sie endlos, was an Mumm sie hat.

Die Siegespalme für die Wagen,
die nächtlich, wenn die Piste frei,
von einem Busch zum nächsten jagen
wie’n Sandsturm in der Wüstenei!

Und nur vier Dezibel dahinter,
unangefochten zweiter Platz,
die bullig-brumm‘gen Zweirad –Sprinter,
die Harleys auf der Ampelhatz.

Auch Ambulanzen tun das ihre,
dass der Spektakel lückenlos
und nicht in Stille explodiere,
die gähnend wie in Abrams Schoß.

Das dröhnt und donnert in den Ohren,
das blitzt und flimmert vor dem Aug,
dass nicht ein Bürger ungeschoren
am Feierabendpfeifchen saug.

Geschweige denn imstande wäre
ein Dichter, sich zu fokussiern
auf Zeilen, die die Standesehre
mit frischem Lorbeer aufpoliern.

Zwar gibt es sie, die Unentwegten,
wie man’s ja hier auch wieder sieht –
doch hämmert Schmuck nicht, den gepflegten,
nur Grobes, ach, der Verseschmied!

Vertrauter Spaziergang

Vertrauter SpaziergangWie ist das alles hochgeschossen,
seitdem ich es zuletzt gesehn!
Drei Jahre sind wohl schon verflossen,
drei Jahre, die gefühlt wie zehn.

Dies Mammutblatt mit seinen Ohren,
dem Elefanten abgeschaut,
es schoss, zu Höherem geboren,
am allerstärksten wohl ins Kraut.

Doch auch was sonst in Beet und Wiese
an Flora hier und da gedeiht,
war ähnlich hypertroph wie diese
emporgewuchert mit der Zeit.

Wenn’s noch in voller Blüte wäre –
es stünde gut ihr zu Gesicht!
Doch traf sie schon mit ganzer Schwere
des Welkens schlimmes Strafgericht.

In wild verworrenem Gewölle,
dem alles Leben ausgepresst,
lag offen hier die Pflanzenhölle
mit Blatt und Halm als Schattenrest.

Vertraut und traurig gleichermaßen:
Erinn’rung trifft auf Gegenwart.
Da ist mit Freude nicht zu spaßen –
weh dem, der seine Tränen spart!

In diesem Garten jede Blume
ließ meine Seele einst erblühn –
und heute, nach des Sommers Ruhme,
wir beide durch den Herbst uns mühn.

Bunter Aufmarsch

Bunter AufmarschGrad kam mit Waren schwer beladen
ich aus ‘nem Einkaufsparadies,
als ich von Meister Zufalls Gnaden
auf einen Zug Protestler stieß.

Die bogen brüllend um die Ecke
genau in diese Straße ein,
auf der auch ich noch eine Strecke
marschieren musst, daheim zu sein.

Da lief ich also Seit an Seite
mit einer aufgebrachten Schar
und wusste nichts von jenem Streite,
durch den ihr Herz verwundet war.

Erregte Rufe und Parolen!
Das hallte durch die Häuserschlucht!
Ich stand und lauschte unverhohlen
wie’n Has, verhoffend auf der Flucht.

Erfolgreich. Denn aus dem Skandieren,
das dumpf und rhythmisch ich vernahm,
konnt einen Sinn ich extrahieren,
der mir die Ungewissheit nahm.

So dass sie meinen Beifall fanden,
die Worte, gipfelnd im Appell,
den völkermörderischen Banden
zu gerben das Banditenfell.

Die Fahnen nur dabei mich störten
als ‘ne Couleur, der man sich weiht –
wie buntgescheckt sie sich empörten,
doch keine schlicht aus Menschlichkeit!

Mehr als Unlust

Mehr als UnlustIch weiß nicht, will nicht, will nicht wollen –
so ist den ganzen Tag mir schon.
Liegt sicher an dem Magengrollen,
Vulgärlatein: Indigeschtjon.

Wie hab ich mir das zugezogen?
Das brummt und grummelt pausenlos,
als käm’s da bald herausgeflogen
wie Magma aus dem Erdenschoß.

Und immer wieder Krämpfe zucken,
der Eruption vorausgesandt,
als würd man an ‘ner Kette rucken,
die mitten durch den Bauch gespannt.

Gefühl der Übelkeit im Rachen,
das bis zum leichten Würgen geht –
doch kurz vorm Eimer stets verflachen
die Wogen der Vomizität.

Allmählich auch den Kopf befielen
die Schmerzen, die nach ihm benannt,
dem Elend in die Hand zu spielen,
das so mich völlig überrannt.

Doch um nicht ganz zu unterliegen
dem rüden Angriff der Natur,
erklomm mit letzter Kraft die Stiegen
ich zum Parnass, zum Musenflur.

Zwei Strophen noch herausgestammelt,
dann warf der Jammer mich aufs Bett.
Hab heut sie wieder aufgesammelt
und, seht, erweitert zum Septett!

Frisch gewagt also

Frisch gewagt alsoAuch eine Tausendmeilenreise
beginnt mit einem einz’gen Schritt,
wusst schon der alte China-Weise,
bevor sein Fuß an Blasen litt.

Doch muss man gar so weit nicht stecken
das Ziel, das man ins Auge fasst,
die ganze Wahrheit rauszuschmecken
vom Wagnis, das den Aufbruch hasst.

Ich kann ein Liedchen davon singen,
da täglich ich ins Weite schweif,
um aus dem Brägen heimzubringen
‘nen Vers, der konsumentenreif.

Was für ein Akt, den Stift zu heben,
der lauernd überm Blatte kreist,
und jäh ihm dann den Stoß zu geben,
dass schreibend er sich drin verbeißt!

Wie zögert erst die Adlerkralle,
wie unstet hastet erst der Blick,
bis endlich flugs im Niederfalle
die Beute baumelt am Genick!

Und so befreit von weitren Zwängen,
hält sie ihr Opfer eisern fest
und bringt es in bewährten Fängen
ganz unversehrt ins Felsennest.

Ach, müsste ich wohl tausend Meilen
um eines Verses willen gehn –
ich würde lieber hier verweilen
und hunderttausend Däumchen drehn!

Kein Ende finden

Kein Ende findenMal wieder Zeit zum Schlafengehen.
Die Uhr hat Mitternacht passiert.
Auf wackeligen Füßen stehen
die Verse schon dahingeschmiert.

Das Fläschchen mit dem Korkenschnuller
hab ich schon lange ausgesaugt,
dass satt und selig ich wohl kuller
in Schlummer, der für Tage taugt.

Doch Nacht für Nacht geschieht das Gleiche,
geht meine Sitzung auf den Rest:
Statt dass ich in die Koje schleiche,
kleb wie geleimt am Stuhl ich fest.

Mit Zähnen wehr ich mich und Klauen
dagegen, dass der Tag vorbei
und schon das nächste Morgengrauen
dem Horizont im Nacken sei.

Profan: Ich kann kein Ende finden,
bin einmal ich so recht in Fahrt,
um, schnipp, den Faden zu entbinden
vom schönen Schnurrn der Gegenwart!

Mal ist sie kürzer, ist sie länger,
die Galgenfrist, die ich noch hab,
dieweil sie häufen sich, die Hänger,
und Pegasus kommt aus dem Trab.

Das Schicksal ist nicht abzuwenden,
zu dem uns die Natur bestimmt.
Der Pinsel gleitet aus den Händen;
das letzte Geisteslicht verglimmt.