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Dickhäutige Bauten

Dickhäutige BautenMein Dank gilt heute den Erbauern
von Häusern, die aus einem Guss!
So sitz ich hinter dicken Mauern,
als wär ich wunders weit vom Schuss!

Der Nachbar mag die Laute schlagen,
die Stimme heben wie’n Prophet,
die Wäsche durch die Trommel jagen –
und alles meinem Ohr entgeht!

Tief eingemummt in meine Wände,
die gut gefüttert sind mit Stein,
haus friedlich ich in ‘nem Gelände,
wo selbst die Musen noch gedeihn.

Gerade jetzt zu dieser Stunde,
da längst verblich das Abendrot
und voll die Buden in der Runde,
erscheint der Bau wie mausetot.

Mag manchmal auch am Fernsehn liegen,
weil da ein Straßenfeger läuft
mit Menschen, die krepiern wie Fliegen,
in Strömen frischen Bluts ersäuft.

Doch auch die schrillen Sterbensschreie,
von seichten Krimis produziert,
sie schänden nicht die stille Weihe,
die meine Dichterklause ziert.

Trotzdem gleicht meine Gummizelle
nicht jenem Turm aus Elfenbein.
Doch Stille schafft die grüne Welle,
um rasch auf dem Parnass zu sein!

Lack ab

Lack abWenn alt und hässlich du geworden,
gibt keiner dir ‘nen Penny mehr.
Verachtung heißt den Menschen morden
mit Blicken, ohne Schießgewehr.

Ein junges Blut mit frischen Wangen,
das süß sich in den Hüften wiegt,
erweckt dagegen das Verlangen,
dass man um jeden Preis es kriegt.

So ist den meisten mitgegeben
des Leibs latentes Kapital,
dereinst von Männern abzuheben,
denen als wert es sich empfahl.

Die handeln aus der reinsten Liebe,
wie sie um einen Pol nur kreist,
das heißt gemeinhin aus dem Triebe,
der Liebe zu sich selbst beweist.

Allmählich fängt man an zu hassen,
was früher man zur Lust begehrt,
und würde liebend gerne chassen
das Kapital, das aufgezehrt.

Meist bleibt man aber noch zusammen
und lebt doch fremd für sich allein,
verbeißt die steten Seelenschrammen
nebst Vatertag und Skatverein.

Doch besser so als nach der Weise:
Zur Frühe fad, am Abend frisch.
Käm alle Schönheit erst dem Greise,
wär sicher bald der Mensch vom Tisch.

Plötzlich und unverhofft

Plötzlich und unverhofftEs war um sie schon still geworden.
Man glaubte nicht an ein Comeback.
„Längst ruht sie aus von ihrn Rekorden
an irgendeinem fernen Fleck.“

Fast dass man sie nicht mehr vermisste
und aufgab, nach ihr auszuspähn –
da springt wie’n Teufel aus der Kiste
sie wieder mitten ins Geschehn!

Der Schreck fuhr allen in die Glieder,
die mit dem Herbst sich arrangiert.
„Ich fass es nicht, da ist sie wieder,
die Schweiß uns in den Nacken schmiert!“

Die Ärmsten! Doch die meisten brachen
in Hochs und Hosiannas aus,
dass jetzt die Strahlen wieder stachen
ins bleiche Fleisch des Körperbaus.

Ja, Totgesagte leben länger,
beweist die liebe Sonnen nun,
und wie ein rechter Wiedergänger
gibt sie uns ordentlich Kattun.

Kein Wunder, dass im Handumdrehen
sie manchem auch ‘nen Stich versetzt,
dass Hör’n und Sehen ihm vergehen,
ja, auch das Hirn zu guter Letzt.

Dies Phänomen ist zu studieren
im Radio alle Nase lang.
Die Wetterfrösche delirieren
wie weiland Franz beim Sonnensang!

 

Neues Musenspiel

Neues MusenspielDer Abend ist nicht aufzuhalten.
Ich mach es mir am Tisch bequem.
Hell scheint durch die Gardinenfalten
der alte Stern von Bethlehem.

Den haben mir vom Bau die Leute
da drüben an den Kran gehängt,
die wundersam am Sonntag heute
den Schritt zur Arbeit hingelenkt.

Ansonsten liegt der Himmel droben
in Dunst und Wolken eingetaucht
mitsamt dem Volk der Leuchtmikroben,
das Funken in die Nächte haucht.

Vom Mond würd ich so ähnlich sagen,
käm’s mir nicht überflüssig vor,
in eine Kerbe hier zu schlagen,
die offen wie ein Scheunentor.

Drum rasch von der Natur zur Stube,
die nicht dem Wetter unterliegt –
da mischt er wieder, der Herzbube,
die Verse, dass er Trümpfe kriegt.

Als ob das kein Ambiente wäre,
das prickelnden Gewinn verspricht –
‘ne Hinterzimmeratmosphäre
mit schön gedämpftem Kerzenlicht!

Und bin ich etwa ‘ne Mimose,
bei Misserfolg gleich eingeschnappt?
Geht mir das Spiel auch in die Hose –
schon morgen ‘s wieder besser klappt.

 

Stille Gäste

Stille GästeWie seltsam sind mir diese Gäste,
die hier seit Tagen einquartiert –
behandelt und versorgt aufs Beste
und dennoch schrecklich reserviert!

Erfreun sich einer eignen Bleibe
als ständigem Refugium,
schön luftig ohne Fensterscheibe,
doch fest vergittert ringsherum.

Ein Teppich aus den feinsten Spänen
ist locker darin ausgelegt,
der jederzeit bequem zu dränen,
wenn er mit Flüssigkeit beschlägt.

Auch Schlafgemächer, separate,
in Birke alle, rustikal,
sie stehen hier den Träumen Pate,
den satt-zufriedenen zumal.

Dies zum Komfort. Und ist das Essen
nicht auch so recht nach ihrer Art?
So mittendrin im Heu gesessen
und auch an Gurke nicht gespart?

Das reinste Paradiesesleben –
nur fressen, dösen, ohne Pflicht.
Man lernt nicht einmal Pfötchengeben,
bedankt auch sonst sich weiter nicht.

So gehn den Meerschweinchen die Tage
in stetem Gleichmaß rasch dahin.
Nicht sehr beneidenswert, die Lage:
Das weiß ich, seit ich Rentner bin.

Noch offene Fragen

Noch offene FragenJetzt krebs ich schon so siebzig Jahre
auf diesem Schleuderstein herum
und fühl mich angesichts der Bahre
noch immer wickelwiegendumm.

Allein die Erde, nicht zu fassen:
Ein Stäubchen, das im Kosmos irrt;
und oben drauf Mikrobenmassen,
dass nur so krabbelt es und schwirrt!

Und unter diesen winz’gen Wesen
ein einz’ges, das Hosianna schreit
und das von Göttern auserlesen
sich glaubt für die Unsterblichkeit.

Der Mensch hält sich fürn Geistgiganten
und drum allein erhaltenswert,
dass er von seinen Tierverwandten
sich naserümpfend abgekehrt.

Er faselt von der Wahrheitsliebe
und lügt sie sich stets mundgerecht,
dass meistens dem Erkenntnistriebe
Begierde die Befunde schwächt.

Und hör ihn gar von Frieden schwätzen –
da grinst Tartuffe aus jedem Wort!
Sein ew’ges Hobby: Messerwetzen
für Bruder- und für Völkermord.

Ein Parasit von Gottes Gnaden,
der mählich seinen Wirt verschlingt.
Ob’s letzte Stück vom Lebensfaden
mir Licht noch in dies Dunkel bringt?

 

Unter dem Herbstmond

Unter dem HerbstmondNun wühlte aus den Wolkenschären
der Mond zuletzt sich freie Bahn
und schwimmt als großes Licht im leeren
und weiten Himmelsozean.

Der liegt in Finsternis verborgen
und zeigt nicht einen Wellenschlag,
weil ohne Kümmernis und Sorgen
sich seine Stirn nicht kräuseln mag.

Nur wo ihm auf den Leib gefallen
der Schein, den jener um sich streut,
sieht aus dem Schwarz man widerhallen
die hellen Flecken, die verbläut.

Hienieden herrscht die schönste Frische.
Die Luft ist klar, mit Reif vermengt.
Ein Monat, wieder gut für Fische,
weil ihm ein R am Hintern hängt.

Der Bäume sommergrüne Mähne
fraß schon der Rost ein wenig an,
dass man in jeder zweiten Strähne
ein braunes Schleifchen sehen kann.

Der ew’ge Gang der Jahreszeiten –
ein Kreisel, der nie stillesteht.
Und wachen Augs sieht man entgleiten
das Traumbild der Realität.

Noch hält auf die gewohnte Weise
die welke Hand den Pinsel fest.
Ob sie ihn auf der Winterreise
nicht irgendwann mal fallen lässt?

Unstillbare Jagdlust

Unstillbare JagdlustEin Löwe in Finanzgeschäften,
trägt hoch er sein entmähntes Haupt;
Rivalen beißt er weg nach Kräften,
dass keiner ihm die Beute raubt.

Ein Panzerhemd ist nicht vonnöten
für seine geist’ge Muskeltour,
er trägt für einen Haufen Kröten
die Stoffe von Armani nur.

Sein Outfit für die vielen Stunden,
die in Gesprächen er verbringt
in kleinen und in großen Runden,
bis golden ihm die Sonne sinkt.

Doch selbst der höchste „Leistungsträger“
empfindet Urlaub als Genuss,
und mancher wird zum Großwildjäger,
weil er sich mal entladen muss.

Wobei als Zeichen seiner Größe,
die er sich selber zuerkannt,
und dass ihm keiner Angst einflöße,
als Wildfang dient der Elefant.

Berappt dazu die zwanzig Mille
für die Lizenz und seinen Tross
und löchert mit der Kugelzwille
von fern den friedlichen Koloss.

Womit er wieder mal bewiesen:
Das schlimmste Tier von Kap zu Kap
lebt von Profiten und Akquisen
und schreibt die Erde langsam ab.

Fahrtenschreiber

FahrtenschreiberWas, wie, wann, wo? Wer kennt das Ende
der Rundfahrt durch die Erdenwelt –
da selbst den Anfang man nicht fände,
weil andere den Platz bestellt?

War immerhin ‘ne schöne Reise,
soweit man’s jetzt schon sagen kann.
Die Wagenräder liefen leise,
im Gleichschritt zog das Rossgespann.

Vorbei an tausenden Stationen
mit ihrem wechselnden Gesicht –
Altären, Kanzeln, Kaiserkronen,
Gemüsemarkt und Amtsgericht.

Und keiner hat dich überfallen,
sogar in tiefster Waldesnacht
hört‘ man das Halali nur schallen,
doch die Trompete nicht zur Schlacht.

Nur in der Ferne immer flammten
mal hier, mal da die Brände auf,
wo Böcke sie in Mauern rammten
in mörderischem Amoklauf.

Könnt es denn so nicht weitergehen
erschüttrungsfrei im Zuckeltrab,
bis sich die Augen blindgesehen
und abgewetzt der Wanderstab?

Würd jener Regel widersprechen,
die irgendwo ein Ziel verlangt.
Da gilt die Tour es abzubrechen,
selbst wenn sich Efeu darum rankt.

Notturno

NotturnoWie immer kam hereingekrochen
auf Spinnenfüßen ohne Laut
und ungesehen, ungerochen
des Tages schwarzvermummte Braut.

Im Freien hockt sie unter Sternen
und stumm und regungslos verharrt
und hält in Händen die Laternen
wie Kerzen, die zu Stahl erstarrt.

Die Nacht lässt sich jetzt früher blicken,
als sie im Sommer es gewohnt,
lauscht schon um acht, halb neun dem Ticken
der Uhr, die überm Kühlschrank thront.

Und schickt vertraulich ihre Schatten
ringsum in jeden Winkel rein,
wobei mir allerdings zustatten
das Lämpchen kommt mit seinem Schein.

Das lässt sich niemals unterkriegen
trotz seiner zierlichen Statur
und streut getreulich und gediegen
die Lichtpartikeln bis zum Flur.

Dem Blatt verbleibt genügend Helle,
dass Hand und Auge sich verstehn
und auf dem Weg zur Musenquelle
nicht fälschlich auseinander gehn.

Im Dämmer dieser stillen Stunde
sitzt ewig brütend der Poet
und ringt sich aus dem Herzensgrunde
sein heidnisch-frommes Nachtgebet.