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Schnippchen schlagen

Schnippchen schlagenSchon wieder Herbst, September wieder.
Dem Sommer geht die Puste aus.
Das Korn fällt auf die Knie nieder.
Der Himmel zieht die Stirne kraus.

Und früher übern Hals gestiegen
kommt diebisch uns die Dunkelheit,
da wir ein erstes Frösteln kriegen,
wenn Sturm uns in die Löffel schreit.

Der Abendmond trägt schon den Schleier
aus feinstem flandrischen Batist:
Nur hinderlich, wenn er im Weiher
sich durch die Entengrütze frisst.

Das grüne Gold der Eichenkronen
glänzt üppig noch um Zweig und Ast –
doch bald auch diese Baumikonen
der Pesthauch des Verfalls erfasst.

Na gut, das ew’ge Stirb und …
Ich sag’s erst gar nicht, kennt man doch;
verkriech mich hinter meinem Herde
und nudel Verse noch und noch.

Das Flämmchen, in Gedanken schweifend,
das rechts hier auf dem Tisch postiert,
als Freudenfeuer eh’r begreifend
denn als ein Grablicht deprimiert.

Ja, so ein Rentner hat gut reden:
Der Herbst flößt Schrecken ihm nicht ein.
Er spinnt schon seine Winterfäden
nach Süden in den Sonnenschein.

 

Etwas Farbenlehre

Etwas FarbenlehreMan hockt, die Menschheit zu beschallen
mit unerhörter Verse Klang
und läuft dabei Gefahr zu fallen
in Schmalz doch alle Nase lang.

Kaum hat den Pinsel man erhoben,
die ersten Striche zu vollführn,
zwingt irgendwas im Hirn da oben
dich, kräftig Farben anzurührn.

Doch statt die Strophen zu beleben
mit Tönen, sparsam ausgestreut,
erliegt dem Trieb man, dem Bestreben,
das sich am Blumigen erfreut.

Man fährt da noch in alten Gleisen,
die die Romantiker gebaut
und immer noch die Richtung weisen
dem Künstler, der nach hinten schaut.

Nicht einfach, da die rechte Weiche
zu finden aus dem Schienenstrang,
dass man nicht ewig weiterschleiche
als Bummelzug von Kuhdorfrang.

O Herr und Meister jener Pfeife,
die alles in Bewegung setzt,
befrei mich aus der Wahnsinnsschleife,
die endlos mich im Kreise hetzt!

Wer hätte sich wohl träumen lassen,
dass so ein Trillerer nach Plan
sich mit den Musen sollt befassen?
Ein Notfall. Höchste Eisenbahn!

Immer hin und her

Immer hin und herPhilosophie der Klimazonen:
Im Sommer Wärme, moderat,
empfiehlt im Norden dir zu wohnen
auf kühlen 55 Grad.

Doch winters ist den Frostgefilden
der Süden weitaus vorzuziehn,
wo im Dezember noch, im milden,
der Sonne große Kraft verliehn.

Dies, kurzgefasst, die reine Lehre,
die wetterfühlig wer erdacht,
als ob ihm völlig schnuppe wäre,
wie solcherart Spagat man macht.

Mit schweren unsichtbaren Ketten
hält dich der Job am Platze fest,
der nicht zu jeder Zeit dich jetten
und keinesfalls für länger lässt.

Und könnte man denn seinen Lieben
so einfach mal ‘ne Nase drehn,
um nach dem Motto abzuschieben:
„Bis nächstes Jahr, auf Wiedersehn“?

Ja, wär man im Besitz von Flügeln
und sonst auch wie ein Vogel frei,
vermöchte man wohl abzubügeln,
was an dem Trip bedenklich sei.

Doch solche Leute gibt es viele!
Geborgte Schwingen, rascher Flug –
so finden sie die fernsten Ziele.
Ornithologisch: Rentnerzug.

Schwere Lider

Schwere LiderWie ärgerlich, sich jäh zu trennen
von seinem Lieblingssteckenpferd,
weil langsam schon die Augen brennen,
der Müdigkeit geheimer Herd.

Obwohl noch die Gedanken schweifen
im Zauberreich der Fantasien
und hier und da sich Bilder greifen,
gerahmt auf Verse sie zu ziehn.

Und da auch noch die flüss’gen Reben,
des Dichters süße Arzenei,
den Geist mit solcher Kraft beleben,
als ob ihm nichts unmöglich sei.

Der Pinsel, Kuli notabene,
noch lauernd in der Rechten liegt,
weil er vom Quell der Hippokrene
den Hals noch immer voll nicht kriegt.

Die Segel also vor dem Winde,
am Horizont schon Land in Sicht –
Kommando ree!, was, noch gelinde,
für ausgemachten Blödsinn spricht!

Der allerdings ist anzulasten
der strengen Fuchtel der Natur,
die Nacht für Nacht uns zwingt zu rasten
nach abgehakter Tagestour.

Und selber für die müden Knochen,
verrentet schon und altersschlapp,
wird diese Regel nicht gebrochen:
Der Sandmann kommt und streut dich ab!

 

Brühkünste

BrühkünsteGelegentlich bei schmaler Rente
schafft man sich doch mal Neues an:
Von der Maschine ich mich trennte,
aus der bisher mein Kaffee rann.

Wobei ich nicht mal von alleine
auf die Idee gekommen bin,
denn Freunde machten mir erst Beine
mit einem Tipp so obenhin.

Die Neue die gemahlnen Bohnen
nicht mehr als Haufen filtern lässt –
sie unterteilt sie in Portionen,
die sie in flache Säckchen presst.

Das war’s auch schon. Nur wen’ger Masse.
Heiß Wasser drüber, stripp, strapp, strull,
und unten lauert schon die Tasse
und süffelt sich die Plautze vull.

Sehr praktisch, muss ich schon gestehen.
Man häufelt und man löffelt nicht –
ein Pad nur, und im Handumdrehen
Aroma in den Zinken sticht.

Das Ding war mir sofort willkommen.
Gering der Aufwand, rasch die Lust.
So habe freudig ich genommen
schon manche Bohne mir zur Brust.

Kaffee im Beutel: Die Methode,
als ob sie nicht schon älter wär!
Doch eben frisch und groß in Mode –
mein letzter Tee ist Wochen her!

Mondlose Nacht

Mondlose NachtAnstatt massiv sich aufzustauen,
verteilten übern Himmel sich
die Wolken, die beim Mondbeschauen
mir andernfalls sehr hinderlich.

Doch war die Sicht auf den Trabanten
auch so noch völlig ungewiss,
da Nebel ihre Netze spannten
zum Trocknen in die Finsternis.

Und warn auch winzig ihre Maschen,
es schlüpften immer wieder doch
die Schauer durch, die kurzen, raschen,
und machten alles trüber noch.

Was letztlich nicht verhindern sollte,
dass er verschwommen wo zu sehn.
Doch ich konnt glotzen, wie ich wollte,
er ließ mich heut im Regen stehn.

Da fing es langsam an zu dämmern
dem Hirn, das manchmal sich verrennt,
dass sie nicht jeden Abend hämmern
die Scheibe da ans Firmament.

Prosaischer gesprochen: Nächte,
in denen dieser Spaß entfällt,
sind mondlos und nach höchstem Rechte
den andern völlig gleichgestellt.

Mag astronomisch das auch stimmen,
wird’s dicht’risch auf den Punkt gebracht:
Sieht Mondlicht man in Wolken schwimmen,
erschaut das Urbild man der Nacht!

Im gleichen Rhythmus

Im gleichen RhythmusWenn morgens ich dem Pfühl entstiegen
und blinzelnd meinen Tag beginn,
lass alles erst mal links ich liegen
und schlafwandle zum Radio hin.

Knips an, und aufgeweckte Töne
verscheuchen meine Müdigkeit:
Ein Moderator plus Gedröhne
der Popmusik, die hip zurzeit.

Ich aber will vor allem wissen,
wie’s heute mit dem Globus steht,
da ich in meinem Schlummerkissen
nicht mitgekriegt, wie er sich dreht.

Die Nachrichten will ich befragen.
Bedeutungsvoll und schön sonor
hör meistens Tote ich beklagen –
was anderes kommt wen’ger vor.

So ist die Welt sich treu geblieben,
stell wieder mal enttäuscht ich fest.
Geschichte wird nicht umgeschrieben.
Gewalt auch heute, Not und Pest.

Und immer wieder Kriege, Kriege,
die alte Mordlust im Quadrat.
Millionen Menschen für zwei Siege.
Der Feldherr freut sich. Psychopath!

Ich schalte ab. Folgt Körperpflege
und was man macht von Stund zu Stund.
Kein Ärger, keine Schicksalsschläge.
Auch etwas Leerlauf, ja, na und?

Nicht entflammt

Nicht entflammtWieso hab ich denn heut vergessen
das Flämmchen, das zum Träumen reizt?
Hab sonst doch, kaum am Pult gesessen,
die Kerze erst mal angeheizt!

Muss als Symptom ich das nicht werten,
dass mein Gedächtnis kollabiert
und sich auf der Erinnrung Fährten
schon die und jene Spur verliert?

Werd jedenfalls im Blick behalten,
wie’s weitergeht mit dem Malheur –
ob ich zum Eisen schon, zum alten,
ob ich zum Schrott bereits gehör.

Wobei, das gilt’s zu überlegen,
man selbst womöglich gar nicht spürt,
wenn auf des Hirns gewundnen Wegen
es immer wen’ger Lasten führt.

Verlässlicher will mir da scheinen,
der Schreibkunst auf den Zahn zu fühln
und zwischen Versfuß-Strophenbeinen
den goldnen Auswurf aufzuwühln.

Solln mir die Musen doch orakeln,
ob wohlgeritten Pegasus
oder, den Zaum ihm abzutakeln,
ich runter von der Mähre muss.

Mag der Parnass höchstselber richten,
was meinem Urteil sich entzieht –
belauschen, wägen und gewichten:
So liegt mein Schicksal denn im Lied.

 

Tiefsommer

TiefsommerDie Fenster blieben heut geschlossen,
auf dass nichts in die Bude schwapp!
In brüderlichen Bächen flossen
die Tropfen draußen dran herab.

Nur schemenhaft war zu erkennen
durch diese Scheiben, wie ein Spuk,
dass da wie aufgescheuchte Hennen
Geäst verzweifelt um sich schlug.

Was für ein Wind! Und dann die Kühle,
die was weiß ich durch welches Loch
reptilisch an die Küchenstühle
und in die Hosenbeine kroch!

Doch stärker, muss ich eingestehen,
als ich, der ich schon leidlich litt,
bekam, ach, traurig anzusehen,
der Vorbau dieses Elend mit!

Der Regen rauschte auf die Bretter,
dem Gitter perlte kalter Schweiß –
und er kriegt von dem Schweinewetter
nicht weg den zementierten Steiß!

Bald färbten sich die bleichen Bohlen,
gebeizt von Nässe, dunkelbraun.
Und ab und zu ging ich verstohlen,
mir diese Wandlung anzuschaun.

Das Bild indes war stets das gleiche.
Es schüttete nach Herzenslust.
Belastungsprobe für die Deiche.
Ein Herbsttag mitten im August.

 

Wenig erbaulich

Wenig erbaulichWas für ein Hämmern, Kreischen, Bohren
den ganzen Tag von dort gedröhnt,
wo jetzt im Finsteren verloren
ein Baukran die Fassade krönt!

Wie eifrig geht man da zu Werke,
dass man im Nu den Richtkranz schau,
und steigert noch der Laute Stärke
durch das Geschrei des Manns vom Bau.

Der ist so fleißig bei der Sache
und so zufrieden nebenher,
als ob der Job mit seinem Krache
ihm auf den Leib geschnitten wär.

Was sollt ihm auch den Spaß vermiesen?
Dass er zerstört, was vielgeliebt?
Er sieht ja nur den Neubau, diesen,
den mählich er zum Himmel schiebt.

Er schwingt ja nur die Maurerkelle
zu seines Handwerks Lob und Preis –
da bleib man ihm doch von der Pelle
mit diesem ganzen Mietenscheiß!

So wird das Viertel stets entrunzelt
und örtlich faltenfrei gemacht,
wobei das Steuersäckel schmunzelt
und sich der Hai ins Fäustchen lacht.

Das Alte wird zu Klump geschlagen –
lebend’ger Menschen Heim und Hut.
Und protzig-profitabel ragen
dann Türme ohne Fleisch und Blut.