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Seefahrt in Not

In ungezählten Feierstunden,
wenn der Historie man gedenkt,
der Redner stolz und unumwunden
die Sprache auf die Heimat lenkt.

Und singt sein Loblied auf die Werte,
die hoch man heut in Ehren hält,
da lang doch die Geschichte lehrte,
wie schlecht um diese es bestellt.

Bei so viel edleren Gefühlen
(„christlich, human und hilfsbereit“)
wälzt sich bis zu den letzten Stühlen
‘ne Woge der Zufriedenheit.

Doch stehln wir uns auf leisen Sohlen
mal fort aus der Festivität,
erkennen wir gleich unverhohlen,
wie’s wirklich um die Dinge steht.

Man nehm ein Boot, das vollgeladen
mit Menschen, die verzweifelt sind –
die Humanität, schon geht sie baden:
„Soll es doch sehn, wo’s Rettung find‘t!“

Ob irgendwer in Wind und Wellen
sein Leben wie ein Hund verliert –
(man hört die Schreie ja nicht gellen)
die Ob’ren wenig intressiert.

Bleibt leider noch hinzuzufügen:
Des Menschen Herz war stets aus Stein;
geschickt verbirgt er’s hinter Lügen,
Versprechungen und Heuchelein.

Ein Rückblick: Just vor achtzig Jahren
warn’s Juden, die von Hamburg her
dem Wüten völkischer Barbaren
entkommen wollten übers Meer.

‘ne Irrfahrt ist daraus geworden:
die „Staaten“, Kuba, Kanada,
wo man wie bei den Nazi-Horden
sich unerwünscht und lästig sah.

Am Schluss die höchste aller Strafen:
Ein „Rolling home“ ins Mutterland –
bis doch noch dann Antwerpens Hafen
dem Rettungsdampfer offenstand.

Gut hundert Jahre rückwärts springen
heißt’s zu ‘nem ähnlich schlimmen Fall:
Da wollt man neue Siedler bringen
von Frankreich in den Senegal.

Dann Schiffbruch kurz vor dessen Küste!
Die Rettungsboote reichen nicht!
Zum Sterben, Freunde, man sich rüste –
Minuten, bis der Rumpf zerbricht!

Indes noch Zeit, ein Floß zu bauen
als einzig mögliches Rezept,
das voller Männer, Kinder, Frauen
ein Schwesterschiff dann mitgeschleppt.

Doch kam’s nur langsam von der Stelle
mit seiner schweren Last am Heck,
da kappte so ein Mordgeselle
zum Floß die Leine einfach weg!

Und steuerlos umhergetrieben,
verzweifelnd, dass man Land gewann,
haben sie dort sich aufgerieben
bis beinah auf den letzten Mann.

Des Dreierkonvois Kommodore
bekam drei Jahre Festungshaft.
Heut schießt man eh‘r mit vollem Rohre
auf jede Seenotrettungskraft!

Und die Italo-Schreibtischtäter,
die Paragrafen rezitiern,
sie wolln, dass Mütter, Kinder, Väter
„legal“ im Ozean krepiern.

Man nennt die Brüder „Populisten“
und trifft genau den Sachverhalt:
Sind wie Millionen Pseudo-Christen,
die Mitleid schrein und sän Gewalt.

Vgl. Die Irrfahrt der „St. Louis“, !939,
und Théodore Géricault, „Das Floß der Medusa“
(Gemälde 1819, Louvre)

 

13. Juli 2019