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Der Berg ruft

Einst galt als Wohnsitz er der Götter,
ein Berg, der in den Himmel ragt,
und nicht einmal der größte Spötter
hätt auf den Gipfel sich gewagt.

Als aufgeklärter dann die Zeiten
und sich die heil’ge Scheu verlor,
ließ man von Neugier sich verleiten
und strebte ohne Furcht empor.

Doch nicht mal so mit vollen Bäuchen,
wie auf ‘ner kleinen Wandertour,
nein, klettern hieß es, kämpfen, keuchen
gegen die eigene Natur.

Und mancher musst sein Leben lassen,
weil er den Aufstieg unterschätzt
und auf die trügerischsten Trassen
vertraulich seinen Fuß gesetzt.

Ob tot, ob lebend: Pioniere,
die einen neuen Weg gebahnt –
dass der einst trägt auch Herdentiere,
hat keiner damals wohl geahnt.

Heut tummeln sich die Gipfelstürmer
zu Tausenden am Berge gleich
und fühlen sich als Erdenwürmer
da oben wie im Himmelreich.

Und wie nicht anders zu erwarten
von einem sündigen Geschlecht,
verlangt in diesem Edengarten
der Magen auch nach seinem Recht.

Zwar wird kein Manna hier geboten
nach alter Väter Speiseplan,
dafür indessen so Exoten
wie Bratwurst, schweinisch und vegan.

Dermaßen sank die höchste Spitze
der majestätischsten Region
vom exklusiven Göttersitze
zu ‘ner Touristenattraktion.

Da kraxeln nun die Menschenmassen
bequem auf ausgebautem Pfad,
sofern sie sich nicht liften lassen
per Seilbahn zum Vergnügungsgrat.

So zieht mit immer flinkren Füßen
der Fortschritt seine krude Spur,
und nichts muss schwerer dafür büßen
als unsre Mutter, die Natur.

Familie Feuerstein

Wie gingen sich die Steinzeithorden,
wenn’s richtig dicke kam, ans Fell?
Man kann auch mit den Händen morden,
doch mit dem Faustkeil doppelt schnell!

Dass man sich wen vom Halse schaffe,
nahm man dies Schab- und Schlitzgerät –
die allererste Mehrzweckwaffe,
ein Faktum, das für Fortschritt steht.

Der war dann kaum noch aufzuhalten,
man hatte nun mal Blut geleckt
und ließ das Hirn nicht mehr erkalten,
das so was Schlaues ausgeheckt.

Wie lange haben Pfeil und Bogen
durchlöchert wen in tück‘schem Flug,
bis man dann lieber blankgezogen
und sich den Kopf vom Rumpfe schlug!

Doch dies Zerhauen und Zerstechen,
geziemt es sich für Christenhand?
Darum nach manchem Kopfzerbrechen
ein Typ das Feuerrohr erfand.

Ein Kügelchen bescheidner Größe
schlägt pfeifend in den Gegner ein,
und rascher als durch Degenstöße
fährt ihm der Tod durch Mark und Bein.

Der nächste Schritt, das lässt sich denken,
sich beinah schon von selbst empfahl –
die Kugel dicker und sie lenken
in eine größre Menschenzahl!

So mauserte die blaue Bohne,
die man für einen Loser lud,
sich unversehens zur Kanone
mit tausendfach verspritztem Blut.

Der Fortschritt hat ein Maß gewonnen,
dass es auf keine Kuhhaut geht –
was mikrolithisch einst begonnen,
zielt immer mehr auf Quantität.

Jetzt äußert er sich durch Raketen
mit Höllenfeuerkraft an Bord –
da platzen gleich aus allen Nähten
die Friedhöfe am Einsatzort.

Was für ein Wahnsinn, nicht zu fassen,
doch mit globaler Tradition:
Wie müssen sich die Völker hassen,
die sich mit solchen Waffen drohn!

O ihr, die ihr als Schliemanns Erben
der Steinzeit heute auf der Spur,
sucht nicht in Schotter und in Scherben –
sucht in der menschlichen Natur!