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Durchlaucht Kunde

Als Bürger kannst du dich noch wehren,
hast du das Grundgesetz dabei,
doch die Erfahrung wird dich lehren:
Als Kunde bist du vogelfrei.

Besonders deutlich zu erkennen,
wenn du den Tag dir nicht verdirbst
und, ohne vor die Tür zu rennen,
dir online deinen Kram erwirbst.

Da glotzt man ständig auf die Pfoten
‘ner Kundschaft, die verborgen bleibt,
um desto tiefer auszuloten,
zu welcher Beute es sie treibt.

Du hast bestellt ‘nen Gummiknochen,
weil örtlich keiner damit dealt?
Sei sicher, dass für viele Wochen
man Hundefutter dir empfiehlt.

Du kaufst ‘ne edle Kaffeesorte,
die in der Nähe niemand führt?
Schon öffnest du die Werbepforte
für Sahne, die man rein da rührt.

‘ne Hose hast du gar erstanden,
die, wie du erst bemerkt zu spät,
in fernen asiat’schen Landen
für deutsche Bäuche man genäht?

Ach, die Distanz spielt keine Rolle,
ein Klacks ja heutzutage nur,
da elektron‘sche Protokolle
dir weltumspannend auf der Spur.

Es lässt bestimmt nicht lange warten
Reklame für ein Kleidungsstück,
das heißt, Textilien aller Arten,
die grad noch fehln zu deinem Glück.

Und doch war’s erst vor wen’gen Jahren,
dass die Proteste Legion,
‘ne Zählung könnte offenbaren
zu viel in puncto der Person.

Nur noch naive Nostalgien!
Der Zug ist lange abgefahrn,
die Kunst des Ausspähns so gediehen,
dass wir sie fast nicht mehr gewahrn.

Und so pfeift stets uns um die Ohren
ein Sturm der Werbung, ungewarnt,
der sich, zur Heuchelei geboren,
als „Schnäppchentipp für Kunden“ tarnt.

Der Konsument ist längst schon „gläsern“
und in Dateien gut verwahrt –
auch künftgen finstren Reichsverwesern
bleibt ja viel Arbeit so erspart.

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