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Frank und frei

Von der Leber wegSei es im Urlaub, sei’s zu Hause,
da gibt es keinen Unterschied –
das ganze Land ‘ne Dichterklause,
in die man sich zum Reimen flieht!

Kein Schnüffler pocht dir an die Pforte,
dein stilles Schaffen zu vergälln,
kein Zensor fordert zum Rapporte
Geschriebenes, dich bloßzustelln.

Gedanken lässt man und Gefühlen
nach Gusto einfach freie Fahrt
und kann auch mal sein Mütchen kühlen,
sofern dabei die Form gewahrt.

Kein Terror mehr von Staatsorganen,
die auch den kleinsten Freiheitsdrang
in Worten ihrer Untertanen
mit Kerker ahnden lebenslang.

Kein Terror mehr von Klerikalen,
„aus Liebe“ so in Hass entflammt,
dass sie zu mörderischen Qualen
den kleinsten Widerpart verdammt.

Es ist, o saeculum, zu leben,
auch heute eine wahre Lust.
Man braucht den Griffel nur zu heben
und nimmt sich alle Welt zur Brust.

Nun ja, auch diesmal mischt sich Galle
ins Bild, das auf Europa passt:
Das Maul aufreißen könn’n nicht alle –
der halbe Globus ist ein Knast.

Späte Rache

Späte RacheDer Globus hier, auf dem wir kleben,
was schleppt der nicht so alles mit!
Nicht nur das Kribbelkrabbel-Leben,
nein, auch den zugehör’gen Shit.

Das ganze Grünzeug bohrt die Quanten
ihm kitzlig in die Humus-Haut
als tiefverwurzelte Garanten
für ein gedeih’ndes Oberkraut.

Dazu dann die Millionen Fratzen,
die auf ‘nem Fahrwerk rumstolziern
und ihm den schönen Bauch zerkratzen,
zerschneiden oder asphaltiern.

Ja, wenn es dies und das nur wäre,
dann wäre es schon schlimm genug –
doch rechnet sich’s der Mensch zur Ehre,
dass er nicht ein-, doch neunmalklug.

Entsprechend auch die Resultate:
Verblendung hat die Oberhand
und steht selbst feierlich noch Pate,
wenn sie den Täufling tot schon fand.

Ein Irrsinn, der sich widerspiegelt
in Plastik, Blech und sonst’gem Schrott –
mit Müll wird unsre Welt versiegelt,
Konsum zu unserm Supergott.

Und tief ins Innerste sich wühlen
die Bagger, Bohrer dicht an dicht,
ihm gierig auf den Zahn zu fühlen
nach allem, was Profit verspricht.

Schon ist, was in Milliarden Jahren
sich sinnvoll fügte zur Struktur,
weitgehend an die Wand gefahren
von dieser „Krone der Natur“.

Zwar weiß ich nicht, wie viel Epochen
die Plünderung noch dauert fort,
doch ist noch lange nicht gesprochen
der Artgeschichte letztes Wort.

Denn dass da einer sich verbreite
(„Macht euch die Erde untertan!“),
das ist weiß Gott nur eine Seite:
der religiöse Größenwahn.

Die Erde will sie alle betten,
dass jeder wo sein Plätzchen find
und so in tausenden Facetten
das Leben seinen Faden spinnt.

Sie wird gewiss nicht drauf verzichten,
das einzurenken, was entgleist:
Einst wird der Mensch sich selber richten –
mit seiner Selbstmordwaffe „Geist“.

Zeitläufte

ZeitläufeSchon wieder Mittwoch; und erst gestern
hat auch den Tag man so genannt!
Sind es nicht Brüder alle, Schwestern,
sich alle ähnlich und verwandt?

Wie sie denn auseinanderhalten?
Sie zeigen mir nur ein Gesicht:
am Tag Beton und Mauerspalten,
das Gleiche nachts bei Neonlicht.

Dazu in ständ’gem Wiederkehren,
genauso monoton und stur,
die Zeiten, die sich vierfach jähren
im raschen Wandel der Natur.

Da steigt aus einem Meer von Blüten
ein junger Gott, der Frühling auf
und lässt die Vögel wieder brüten
und den Gefühlen ihren Lauf.

Doch kaum hat er die frost’ge Erde
zu neuer Lebenslust entfacht,
hat ihm das ew’ge Stirb und Werde
auch selbst den Garaus schon gemacht.

Triumph der Sonne: Sommertage
mit Licht und Lerche überm Feld;
wo alles reift, indes die Waage
schon früchteschwer zum Herbste fällt.

Dann müssen sich die Blätter färben,
dann stirbt, was erst der Lenz gesät:
Zeit des Verfalls – die zu beerben
der Winter schon gestiefelt steht.

Des Kosmos ew’ges Fliehn und Kreisen,
hier findet es gespiegelt sich:
ein Globus immer nur auf Reisen,
der Zeit nicht achtend, die verstrich.

Mag er sie meinethalb verschwenden,
er hat davon weiß Gott genug –
doch meine wird in Kürze enden
und schwindet dennoch wie im Flug!

Hab ich von Mittwoch grad gesprochen?
Auch er schon fort wie weggefegt:
Ein neuer Tag ist angebrochen.
Dem Dichter keine Stunde schlägt.