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Kleine Vogelkunde

Im Grunde sind es auch Touristen,
die es hierher verschlagen hat,
nur dass sie schon seit ewig nisten
im Himmelbett aus Palmenblatt.

Doch tragen sie noch als Gefieder
der alten Heimat schöne Tracht
und pflegen treulich auch die Lieder,
die sie von dort einst mitgebracht.

Und dass sie ja sie nicht vergessen
(von Auslandsdeutschen uns vertraut!),
üben sie täglich wie besessen
mit Inbrunst sie, will sagen laut.

Das hört sich längs der Promenade
dann eher wie Gekreische an,
dass unser nordischer Nomade
sich einfach nur noch wundern kann.

Und lässt sich davon so bestricken,
wie von Sirenen süß umgarnt –
doch findet mit den schärfsten Blicken
die Vögel nicht, die gut getarnt.

Wenn ihn nach längerem Verharren
die Götter doch einmal erhörn,
sieht in des Baumdachs grünen Sparren
er Papageien, könnt er schwörn.

Und liegt damit nicht weit daneben,
denn was da durch die Krone huscht,
sind Sittiche, nur kleiner eben,
doch auch so herrlich bunt getuscht.

In Scharen hausen sie da oben
und zwitschern alle unentwegt,
ob Stille herrscht, ob Stürme toben,
stets gleicherweise aufgeregt.

Das Narrenkleid in satten Farben,
der Flug bizarr und flatterhaft –
ihr Wohnrecht hier sie wohl erwarben
als Clowns- und Kaspar-Bruderschaft.

Was umso leichter zu begreifen,
schaut man sich um zum Meeressaum,
wo Vögel auf die Töne pfeifen
für schwarzen und für weißen Flaum.

Die Möwe, die sich in den Weiten
des Himmels über Wasser hält,
gewiss zu manchen Tageszeiten
genauso in Geschrei verfällt.

Doch nur, wenn sie die Beute wittert,
die unter ihr die Wellen quert –
den Fisch, der zappelt und der zittert,
wenn sie lebendig ihn verzehrt.

Kann sie dann, satt, nicht papp mehr sagen,
steht nach Entspannung ihr der Sinn
und mit ‘nem prall gefüllten Magen
hockt sie zuhauf am Strand sich hin.

Das muss man mal gesehen haben,
wie sie in Dreier-, Viererreihn
geduldig sich am Anblick laben
der See im Mittagssonnenschein!

Die Sitzung kann ‘ne Weile dauern,
der Hering hält noch lange vor;
doch eh sie ganz an Land versauern,
treibt es zum Nachtisch sie empor.

Da könnten sie die Uhr nach stellen –
die Dampfer, in gestrecktem Lauf,
mit Netzen, die von Beute schwellen,
sie tauchen plötzlich wieder auf.

Und wie gewohnt die Wellen teilen,
im Schlepp die eigne Möwenschar,
zum Hafen, zur Auktion zu eilen,
wo man Sardinen wiegt in bar.

Da hebt der Pulk sich von den Füßen
und lässt ein Stück landab sich wehn,
die Artverwandten zu begrüßen,
die sich auf Hochseefang verstehn.

Das muss den Möwen man ja lassen –
sie wissen wohl, was sich gehört:
Gedrängel nur beim Essenfassen,
dann Ruhe wieder, ungestört.

Womit sie fein sich unterscheiden
vom Vogelvolk im Palmenhain –
und unsern Grillern, die schon leiden,
passt keine vierte Wurst mehr rein!

Möwenmesse

MöwenmesseMan geht sich höflich aus dem Wege,
belässt dem andern sein Revier.
Am Strande hocken sie gern träge,
die Menschen da, die Möwen hier.

Und ist die Dämmrung angebrochen
und Kühle kriecht dir ins Gebein,
trollst du dich heim, um Tee zu kochen,
und lässt die Möwen Möwen sein.

Wer wird schon mit der Flinte zielen
auf diesen Tran, der Flügel hat?
Nach Bessrem wird der Jäger schielen,
des Angel schon sardinensatt.

Man lässt sie ungeschoren harren
und stört sie nicht beim Nachtgebet.
Oh, wie aufs Meer hinaus sie starren,
bis dieses Licht da untergeht!

Tagsüber sich an Fischen labend,
die mühsam sie im Flug erjagt,
genießen sie den Feierabend
wie alle, die die Arbeit plagt.

Und auch wie alle, die in Muße
Gedanken endlich Raum gewährn,
stehn gleichsam sie in stummem Gruße,
des Daseins Wunder zu verehrn.

Ein Maß von Andacht und von Staunen,
dass unsre Ehrfurcht es erheisch.
Die Wellen selbst hört man es raunen:
Die Möwe, mehr als nur Gekreisch.

Poesie wird kleingeschrieben

Poesie wird kleingeschriebendie dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der schwächer wird
der möwe schreie die verklingen
die fledermaus die lautlos schwirrt

in schattenrouge getaucht die mauern
für ihre hochzeit mit der nacht
die ersten blassen sterne kauern
grad aus dem wolkenbett erwacht

gedämpfter schleichen sich die töne
in meines küchenstudios ohr
kein krach mehr heute kein gedröhne
die ambulanz mal außen vor

in den fassaden angegangen
schon hier und da das stubenlicht
ein glühen auf den häuserwangen
das eckig aus dem dunkel sticht

der mond rollt ruhig auf dem pflaster
das locker seine bahn bestimmt
kein pkw sonst da kein laster
rein nichts was ihm die vorfahrt nimmt

und auch die loreley da drüben
die fensterfrau im dritten stock
scheint weiter sich darin zu üben
dass sie die blicke auf sich lockt

o rad das niemals anzuhalten
die speichen schaufeln finsternis
bis morgens sie dann kurz erkalten
weil sie verschnaufen müssen bis

die dämmerung in zähem ringen
mit einem tag der ihr erliegt
verstummt der amsel vespersingen
gespenstisch wie die eule fliegt

nun rühren sich millionen wesen
die klug das licht des tages scheun
im schutz der dunkelheit zu lesen
im lebensbuche für nach neun

und morgen übermorgen wieder
wer weiß in tausend jahren noch
macht dann wohl solche küchenlieder
gekonnter gar ein sternekoch