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Gut beschirmt

Bin ich kein pfiffiger Geselle
(nach Alter längst im Meisterstand),
dass ich mal eben auf die Schnelle
‘ne Lücke in den Wolken fand?

Doch trotzdem nicht den Schirm vergessen,
denn Regen ist ja prophezeit
und schon im Voraus streng vermessen:
Am Boden fast zwei Finger breit.

Indessen konnte ich frohlocken –
in dem Moment kein Tröpfchen fiel,
so brachte ich uns beide trocken
vom Wind geföhnt ins Domizil.

Doch oben in den Wolken braute
und brodelte es kolossal,
dass ich verstand, warum es saute
hier unten über Berg und Tal.

Die Brandung ließ sich auch nicht lumpen,
sie brüllte wie ein Kinderschreck
und blies, wie’s Zecher tun beim Humpen,
den Schaum sich von der Kimme weg.

Ein Wetter, um es zu verfluchen.
Ein Wunder, dass es mich verschont.
Ich will doch gleich nach Fällen suchen,
die gleicherweise ungewohnt!

Ergebnis meiner Blitzrecherche:
Der Auszug aus Ägyptenland.
Mit Moses viele Tagesmärsche –
und dann die hohe Wasserwand!

Doch freundlich haben sich die Fluten
für diese Flüchtenden geteilt,
dass ohne Schiffe, ohne Schuten
sie glücklich ihrer Fron enteilt.

Nun, eines guten Gottes Walten
schließ ich in meinem Falle aus.
Doch dumpf die Tropfen widerhallten,
kaum hatte ich den Fuß im Haus!

Hochgezüchtet

Ein Züchter seit der ersten Stunde,
da Ziegen er in Pferche zwang,
zeigt beispielhaft der Mensch am Hunde,
was ihm an Wundern schon gelang.

Denn anders kann man’s wohl nicht nennen,
wenn Fiffi, Purzelchen und Co
den Wolf als ihren Urahn kennen
in diesem ihrem Status quo!

Bei andern treuen Domestiken
ergab sich kaum ein Unterschied,
dass nahezu man wie Repliken
den Opas noch sehr ähnlich sieht.

Doch Vorsicht, unter dieser Decke
noch manche Überraschung steckt,
denn zu dem edlen Züchtungszwecke
hat man sich manches ausgeheckt!

Gibt Leute, die sich Vögel krallen
in frischer, freier Waldesluft,
dass ihre Sänge auch erschallen
aus eines Käfigs Gittergruft.

Gibt Leute, die sich Hühner halten
und zwar zu Hunderten im Schnitt,
die selbst im Winter noch, im kalten,
für stetes Eierlegen fit.

Gibt Leute, die mit Melkmaschinen
und automatisiertem Stall
an Kühen dämlich sich verdienen,
dern Euter immer prächtig prall.

Gibt Leute, die auf Pferde setzen,
die, hart trainiert und tough getrimmt,
wie panisch über Hürden hetzen,
bis mit dem Kranz die Kohle stimmt.

Genug, die Sache zu umreißen,
denn langer Rede kurzer Sinn:
Dass Menschen auf die Viecher scheißen,
solange sie Gewinn verheißen,
Gewinn, Gewinn, Gewinn, Gewinn!

Den müssen teuer die bezahlen,
weil höchste Leistung höllisch schlaucht:
Im Gegensatz zu den Normalen
ist drum ihr Leben rasch verbraucht.

Wär schön, wenn es ein Karma gäbe,
‘ne kosmische Gerechtigkeit,
dass einst man in ‘nem Leibe lebe
als Folge der Vergangenheit!

Der Bauer würd als Kuh geboren,
als Henne der mit Eiern dealt,
der Rennstallboss mit Pferdeohren
und Ringelschwanz der Schweine hielt!

Die Aussicht würde manchen schrecken,
wär diese Frage denn gelöst,
um in dem Elend nicht zu stecken,
in das er jetzt die Tiere stößt.

Die Mehrzahl von den armen Tropfen
ist aber auf den Tag fixiert,
dass in dem Drang, den Bauch zu stopfen,
der Blick am Nabel sich verliert.

Was können Dogma da und Lehre,
geht’s um die menschliche Natur?
Den Geist zieht stets die Erdenschwere
hinab auf seine Schneckenspur.

Da haftet er am grünen Grunde
nicht anders als der Halm im Feld,
schaut statt nach oben in die Runde
und glaubt, er sieht die ganze Welt.

Dem kann man nicht mit Hölle kommen,
mit eines Teufels Strafmandat –
dem wabern kaum im Hirn verschwommen
Gefühle einer Missetat.

Der Kälbertanz von Moses‘ Kindern:
der größte Welt- und Dauerhit.
Den konnte auch kein Gott verhindern –
die Kirche tanzte ihn ja mit!

Randa

Dasselbe ist NähRandae und Ferne zwischen dem Freund und dem
Geliebten. Denn so, wie sich Wasser und Wein vermischen,
vermischt sich die Liebe des Freundes mit der Liebe des
Geliebten; wie Wärme und Licht ist ihre Liebe verknüpft;
und wie Wesen und Sein stimmen sie überein und sind
einander nahe.

Ramon Llull, Vom Freund und dem Geliebten, 1283/84

Heut will ich, einz’ge Leserin, dich bitten,
dass du mir folgst nach ’nem bestimmten Ort.
Sei unbesorgt, ich wahr dabei die Sitten –
ich geb dir schriftlich hier darauf mein Wort!

Lass einen Hügel beide uns besteigen,
der einsam aus dem Tiefland sich erhebt –
ich möchte dir die Welt einmal so zeigen,
wie wenn als Adler man darüber schwebt.

(Anmerkung 1: Beinah 500 Meter
ragt dieser Buckel aus dem Grund empor,
steilt sich nicht nepalesisch in den Äther
und kommt doch hoch dem Autoklettrer vor.)

Wenn wir zur Spitze glücklich dann gedrungen
auf unsrem kurvenreichen „Knüppelpfad“,
sehn wir tief unter uns, vom Meer umschlungen,
die halbe Insel schön im Wellenbad.

Und Felder überall sich landwärts strecken,
von Büschen hier und Hecken da begrenzt,
mal weizenblond, wo Ähren sie bedecken,
mal silbrig, wo des Ölbaums Blatt erglänzt.

Auch, leicht für Haufen Feldgesteins zu halten,
die Dörfer, über diese Flur verstreut,
doch ledig aller Wagen und Gestalten
und selbst der Glocken klingendem Geläut.

Wie Äderchen die Wege sich verzweigen,
um sich in lichten Dünsten zu verliern.
Die ganze Erde unten atmet Schweigen,
scheint in der Glut des Mittags zu gefriern.

Lässt man den Blick dann immer weiter gleiten
bis an der Augenkünste Horizont,
verschwimmen diese abgesteckten Weiten
in einer schaumig-flachen Nebelfront.

Im Norden nur gewahrt man die Konturen
massiver Berge überm Küstensaum,
die bleiern lasten auf den fernen Fluren,
doch majestätisch auch in ihrem Raum.

Damit der Schöpfung Schönheit man empfinde,
hat diesen hohen Ausguck sie erbaut –
dass unbehindert wer in alle Winde
und alle prächt’gen Panoramen schaut.

Was heil’ge Schriften ehedem verheißen
als der Gerechten immerwährnden Lohn,
hier sieht man‘s unterm Blau Mariens gleißen,
ein Paradies auf sünd’ger Erde schon.

(Anmerkung 2 will ich dem Lullus weihen,
der hier vorzeiten seine Zuflucht nahm,
sich um der Wahrheit willen zu kasteien,
dass er in Lust und Luxus nicht verkam.)

Dem Zauber dieser Insel längst erlegen,
besonders auch dies Fleckchen mich entzückt,
ein wenig abseits von gewohnten Wegen,
dem Erdentreiben meilenweit entrückt.

Wie Moses einst vor dem Gelobten Lande,
das ihm sein Gott als Bleibe anbefahl,
so steh ich gern an dieser Klippen Rande
und blick ins weite, herrlich blühnde Tal.

Gefundenes Fressen

Gefundenes FressenHab ich denn noch was auf der Pfanne,
was sich aufs Blatt zu bannen lohnt,
ein Tröpfchen aus der Musenkanne,
das Blüten zeugt, die ungewohnt?

An Themen keine Mangelware:
In den Regalen steht die Welt.
Bedenklich nur die vielen Jahre,
in denen sich das Zeug schon hält.

Darum beherzt nur zugegriffen,
bevor`s am Ende noch verdirbt,
dass mit bewährten Küchenkniffen
es lyrischen Geschmack erwirbt!

Mal sehn, was steht hier auf der Dose?
„Der Schöpfungsakt aus Bibelsicht.“
Aha, das erste Büchlein Mose –
was grade meinem Wunsch entspricht.

„Am Anfang schuf…“, na, und so weiter,
ihr kennt den Text ja bis aufs Haar
und dass der große Wegbereiter
am sechsten Tag schon fertig war.

Doch heut, ein paar Millennien später,
nachdem er ihn vermeintlich schuf,
entlarvt als Mythos seiner Väter
der Mensch des Bauherrn guten Ruf.

Inzwischen weiß er, wie die Dinge
sich wirklich einmal abgespielt
und dass, damit der Wurf gelinge,
das Nichts sich keinen Jahwe hielt.

Doch so mit allem Wägen, Messen
erfassend mählich Zeit und Raum,
hat er sich leider überfressen
vom leckeren Erkenntnisbaum.

Jetzt will sein Sinnen und sein Trachten,
dass übern Rand hinaus er schieß –
`nen Wohnsitz fern sich wo zu pachten
in `nem Planetenparadies.

Dass Gott behüte! möcht man schreien
ungläubig , ach, vor solchem Graus –
erst durft die Erde er entweihen
und schwärmt nun in den Kosmos aus?

Bloß nicht noch weitre Herde schaffen
humanviraler Infektion.
Bei Eseln ist sein Platz und Affen –
dass alles andre er verschon!

Musen-Arche

Musen-ArcheIn meiner Arche hock ich wieder
und dümple still im Häusermeer,
da schwerelos vom Himmel nieder
die Schatten fallen um mich her.

Ich habe keine Passagiere,
ich bin der Einzige an Bord.
Giraffen, Löwen, Trampeltiere,
die zogen längst schon von hier fort.

‘ne Küchenfliege, meine Güte!,
gewiss hier wo im Winkel steckt!
In der geräumigen Kajüte
verliert sich aber so’n Insekt.

Auch eine Taube fehlt im Boote,
wie Noah gern sie zu sich lud,
dass flatternd sie ihm einst erlote,
ob wieder Land erwüchs der Flut.

Den Vogel kann ich gut entbehren,
da immer schon im Morgengraun
die Schatten sich im Licht verzehren
und mählich von der Erde taun.

Mein Floß, es irrt nicht auf den Wellen,
in Wind und Wasser, wild erregt,
da Blitze seinen Tanz erhellen
und Donner ihm die Pauke schlägt

Dass es nach vierzig langen Nächten,
in Angst verbracht und Einsamkeit,
den einzigen vor Gott Gerechten
zum Moses mach ‘ner neuen Zeit!

So viel Gefahr muss es nicht wagen,
bis heim es auf begrünter Flur,
es soll ja ungestört mich tragen
durch diesen einen Abend nur.

Und mit mir, dass sie nicht entfliehen,
die luft’ger als lebend’ge Fracht:
Ideen, Bilder, Fantasien –
zum Musen-Ararat gebracht.