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Das tönende Paradies

Ich brauch nicht mal den Hals zu recken:
Mein Blick auf Berge – unverstellt,
die Lust zu wandern mir zu wecken
in ihre rustikale Welt.

Genauso hinter meinem Rücken,
ich müsste nur den Kopf mal drehn,
säh ich auf tausend schwanken Brücken
das Meer bis nach Marokko gehn.

Und dass ihm fern vom festen Lande
der Mut nicht unversehens sinkt,
das Palmenvölkchen längs dem Strande
ihm ständig „Gute Reise!“ winkt.

Idylle, wie auf Ansichtskarten
sie kitschig zum Klischee gerann,
doch hier mit diesen beiden Sparten
die Schöpfung selber sich ersann.

Indes der schönsten Bildkulisse
nun leider mal kein Laut entfährt –
darum, Tourist und Leser, wisse,
was diese Gegend wirklich wert.

Wofür ich mich bei aller Liebe
bestimmt im Leben nicht erwärm,
das ist, als ob er Sprossen triebe,
der ständig blühnde Straßenlärm.

Der ganze Klüngel der Vehikel,
die hier man auf die Piste lässt,
kriegt offenbar erst die Matrikel
nach strengstem Anti-Flüstertest.

Was mühelos den dicken Vettern,
den Brummis aller Art gelingt,
die über Abbremsschwellen brettern,
dass donnernd hoch die Ladung springt.

Doch auch die Kleineren der Sippe,
die Autos für den Hausgebrauch,
riskieren gern ‘ne große Lippe
mal eben aus dem hohlen Bauch.

Als Sprachrohr sie die Hupe nutzen,
auf die sie unablässig haun,
dass Leute auf dem Gehweg stutzen,
um ihnen lange nachzuschaun.

Doch nenn ich dies noch einen leisen,
gemessen an dem nächsten Ton,
wenn voll sie gehen in die Eisen
ans Limit von Gehör und Phon.

Die Straße, langgestreckt und eben,
reizt offenbar das Raserherz,
noch einmal richtig Gas zu geben,
bis aufheult der Motor vor Schmerz.

‘nen solchen Druck auf die Pedale
ist das Motorrad nicht gewöhnt,
man geht schon in die Vertikale,
wenn’s nur im Leerlauf brummt und stöhnt.

Und wer die Freaks einmal erlebte,
wenn sie in langen Reihen rolln,
der weiß, wie da die Erde bebte
unter beständgem Donnergrolln.

Doch wenn du denkst, das Maß der Qualen,
das einem Ohr man schaffen kann,
erschöpft sich schon mit diesen Malen,
dann hör dir Folgendes noch an!

Beginnen tut’s mit einem Knurren
noch fern im ländlichen Gefild,
das hörst du immer näher schnurren,
wobei es ständig weiterschwillt.

Auf deiner Höhe angekommen,
verbreitet’s einen solchen Krach,
dass alle Sinne dir genommen
und nur die Nerven glockenwach.

Das ist ein Knattern, Kreischen, Heulen,
dass dir das Blut im Leib gefriert,
und das erst bei Gibraltars Säulen
sich irgendwo im Nichts verliert.

Was da so im Vorüberjagen
‘nem Düsenjet im Tiefflug glich,
es war, von niemand sonst zu schlagen,
ein Moped: Das Geräusch an sich.

Der Herr der Fliegen alter Zeiten,
den Babylon mit sich begrub,
der Teufel mag ihn heut hier reiten
als neuer Dezibelzebub.

Erst wenn der Weg von allen Wagen
und allen Lastern wieder frei,
entfällt der Grund, sich zu beklagen,
dass die Idylle trüg’risch sei.

Und wenn wir Tag und Nacht vertauschen,
von Morpheus‘ starkem Arm besiegt,
dann hörn wir nur das Meer noch rauschen,
das sacht uns in den Schlummer wiegt.

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