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Aufgestört

Man fühlt sich immer angesprochen,
sobald das Telefon ertönt –
doch Mitternacht ist angebrochen
und jede Störung mir verpönt.

Es muss sich um ‘nen Notfall handeln,
ich kann’s mir anders nicht erklärn;
jetzt noch mit jemand anzubandeln,
läg selbst ‘ner Quasselstrippe fern.

Darum nicht einfach ignorieren,
woran als Erstes ich gedacht.
‘s ist ja die hohe Zeit der Viren –
wer weiß, bei wem sie Halt gemacht!

Mein Geist indessen, alt und träge,
mahlt langsam nur an dem Entschluss,
dass er die späten Glockenschläge
zunächst bis 10 noch zählen muss.

Dann scheint es sogar ihm zu reichen,
und endlich kommt er nun auf Trab
und nimmt beim nächsten Klingelzeichen
erwartungsvoll den Hörer ab.

Am andern Ende Grabesstille.
Zu spät. Schon wieder aufgelegt.
Was nützt mir da der beste Wille,
wenn sich mein Hintern nicht bewegt!

Am nächsten Tag noch mal das Ganze,
und diesmal war ich schneller dran.
Doch zu dem gleichen Totentanze –
der Zeit, wie schweigend sie verrann.

Will jemand sich ‘nen Scherz erlauben,
ein Witzbold oder Tunichtgut,
um mir den ersten Schlaf zu rauben,
vielleicht mit Alkohol im Blut?

Ich schildre meinem guten Engel
zuletzt das stumme Tête-à-Tête,
nicht ohne einen Schuss Gequengel,
wie sehr mir’s auf den Zeiger geht.

Doch Mitleid dieser lässt vermissen
und Schelte für den Störenfried,
mich durch die Blume aber wissen,
dass ich ein Depp auf dem Gebiet.

Es will kein Schwein mich da erschrecken
mit Schüben nächtlichen Radaus:
Die Uhr steht einfach nur auf „Wecken“ –
ein Click, und die Funktion ist aus!

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Versmaß

VersmaßIst denn der Mond schon aufgegangen?
Oh, fragt was Leichteres mich heut.
Mit Wolken alles dicht verhangen,
kein Fünkchen, das da Licht verstreut.

Doch vom Gefühl her würd ich sagen,
dass es schon ziemlich spät sein muss.
Kaum hier und da noch mal ein Wagen
in des Verkehrs verdünntem Fluss.

Kaum noch mal eines Menschen Kehle
im dumpfen Straßenplauderton,
kaum die ‘ner großen Säuferseele,
die heimwärts rollt mit tausend Phon.

Und ringsherum auch dieser Kasten,
in dessen Schublade ich haus,
scheint mir schon feierlich zu fasten
mit Stille wie ‘ne Kirchenmaus.

Aus meiner Ruhe hat seit Stunden
kein schriller Anruf mich geweckt,
nicht mal ‘n „Verzeihung, falsch verbunden“ –
als wär das Telefon defekt.

Na ja, mögt ihr vielleicht jetzt denken,
die Zeichen deuten schon auf Nacht,
doch können erst Gewissheit schenken,
wenn ein Beweis auch beigebracht.

Auch daran soll es euch nicht fehlen:
Hab ich denn kein perfektes Maß?
Ich muss nur meine Verse zählen
und weiß, wie lange ich hier saß!

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