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Kleine Freuden

Kleine FreudenKeine besondren Vorkommnisse.
Der Tag, er schleppte sich dahin
als Schnecke auf der Zeitabszisse
mit Wackelbauch und Doppelkinn.

Nicht dass ich nicht erledigt hätte,
was heute er von mir begehrt,
doch in der ew’gen Pflichtenkette
ist das ja kaum der Rede wert.

Ein bisschen Einkauf, Staubverteilen,
mit feuchtem Lappen Streifen ziehn,
die Nägel schneiden und befeilen,
zum Feudeln auf den Fliesen knien.

Allein dass dieses ich erwähne –
ich müsst mich schämen als Poet!
Nicht ein Moment, nicht eine Szene,
die gern in Versen man verbrät!

Doch mag sich drum auch Unmut regen –
erzwingen lässt sich so was nicht.
Soll etwa selbst ich Feuer legen,
es zu besingen im Gedicht?

Zum Nero bin ich nicht geboren,
hab eher Epikur im Blut –
auf kleine Freuden eingeschworen,
zufrieden stets und frohgemut.

Und überhaupt: Auch dieses Leben,
das man verächtlich Alltag nennt,
hat so viel Poesie zu geben,
die unsre Poesie nicht kennt!

Tagewerk geschafft

Tagewerk geschafftDas nächste Blatt ist abgerissen
vom schwindenden Kalenderblock,
‘ne neue Ziffer sitzt beflissen
auf unsrer Reise Kutscherbock.

Was mag wohl von dem Tage bleiben,
der grad vollendet seine Bahn,
um unaufhaltsam fortzutreiben
in des Vergangnen Ozean?

Nur wer ein großes Glück gefunden
in diesem flüchtigen Moment,
ihn bis in seine letzten Stunden
voll Seligkeit beim Namen nennt.

Und wer in dieser winz’gen Dauer
das allergrößte Unglück litt,
nimmt sicher dieses Tages Trauer
bis in den Tod getreulich mit.

Wem aber ohne Emotionen
in stetem Fluss die Zeit verrinnt,
dem wird nichts im Gedächtnis wohnen,
worauf er lebhaft sich besinnt.

Darum ich schleudere Gedichte
als Flaschenpost in dieses Meer,
dass irgendwann sie jemand sichte –
und so der Tag gerettet wär.

Doch etwas Ordnung ist vonnöten,
damit die Sache funktioniert –
denn jedes Zeitgefühl geht flöten,
wenn man die Handschrift nicht datiert!

 

Bildsprache

BildspracheWir sind umringt von Gegenständen
von ausgesuchtem Sinn und Zweck,
die alle einzeln zu verwenden
wie Werkzeug aus dem Marschgepäck.

So sitz ich etwa, um zu schreiben
am Küchentische dann und wann,
den auch man zum Kartoffelreiben
und Suppelöffeln nutzen kann.

Doch um mal reinen Tisch zu machen,
brauch ich des Lappens Hilfe nicht,
geschweige Salben und so Sachen,
sofern mich mal der Hafer sticht.

Denn oft ist wörtlich nicht zu nehmen,
was doch so unvermittelt klingt –
ein Bild nur für die trocknen Themen,
die so man spritzig rüberbringt.

Kann in Prozenten wer es sagen,
was wirklich ist und was Symbol?
Da müsste man die Pfaffen fragen,
die führend auf dem Sektor wohl.

Von Adams Apfel bis zur Taube,
vom Lamm bis hin zu Wein und Brot –
der bildgewalt’ge Christenglaube
kommt niemals in Erklärungsnot.

Auch ich bezeichne gern als Klause
mein lärmgeplagtes Domizil.
So wünsch ich mir halt mein Zuhause –
auch wenn ich weiß, es hilft nicht viel.

Voller Fundus

Voller FundusWird mir der Vorrat denn an Reimen
nicht eines Tags zu Ende gehen?
Dies hübsche Aneinanderleimen
von Wörtern, die sich ähnlich sehn?

Schon jetzt hab manchmal ich’s Empfinden,
dass vieles ständig wiederkehrt
und sich im Gleichklang nur verbinden
‘ne Handvoll Silben, die bewährt.

Gewiss kann man sie kombinieren
auf tausendfach verschiedne Art –
doch nur, wie Kräuter variieren,
wenn man den gleichen Eintopf gart.

Dem gilt, Poet, es vorzubeugen:
Die Sprache, die dein A und O,
ist, wie die Größten grad bezeugen,
ein unerschöpfliches Depot.

Geh meinetwegen mit Laterne
bei Stille und bei Sturmgebraus,
bei Tag und Nacht in die Kaverne
und fisch dir die Kleinodien raus!

Ist es der Fülle anzulasten,
verliert sie jemand aus der Sicht?
Vorm reich gedeckten Tisch zu fasten,
geziemt dem Mönch – dem Barden nicht.

Um Vorräte ist mir nicht bange,
man schürf nur fleißger nach ‘nem Fund:
Nicht zaghaft mit der Zuckerzange –
mit Baggern bis zum tiefsten Grund!

Kauffrust

KauffrustWie wählerisch ist doch die Zunge!
An trockne Weine angepasst,
an alte und an frische, junge,
sie jeden Hauch von Süße hasst.

Willst du sie ärgern? Gott bewahre!
Sie würde Gift und Galle spein.
Kauf also „secco“ und erspare
dir diesbezüglich Schererein.

So weit, so gut. Doch auszuschließen
ist leider ja ein Missgriff nie.
Mir selbst gelang’s, den Bock zu schießen
im Krämerladen vis-à-vis.

Ich warf in meinen Einkaufswagen
‘ne Sorte, die mir koscher schien –
bekömmlich für den werten Magen
und für die Seele Medizin.

Da hättet ihr mich sehen müssen,
als ich zu Hause sie probiert –
statt rau den Gaumen mir zu küssen,
hat lieblich sie ihn malträtiert!

‘ne kalte Dusche wirkt nicht schlimmer –
ich zuckte wie vom Nagelbrett
und schwor auf ewig und auf immer
Beachtung für das Etikett.

Ergibt sich gleich die nächste Lehre
fürn Kauf von wichtigem Bedarf:
Mit einem Kneifer dich bewehre,
sind deine Klüsen nicht mehr scharf!

Heute Nachtdienst

Heute NachtdienstOb schon im Schlaf die Musen liegen?
Ich klopfe an. Halb zwei, o je!
Warum denn kalte Füße kriegen?
Die haben einen Nachtportier!

Man wird in den Parnass gelassen
rund um die Uhr und rund ums Jahr.
Kontrollen gibt es nicht und Kassen,
für Kunst nur den Empfangsaltar.

Da legt man seine Gaben nieder,
gemalt, gemeißelt, schriftlich auch,
und zieht sogleich zurück sich wieder
bescheiden, wie es Künstlerbrauch.

Am Opfer mangelt’s mir indessen,
das hier ist noch nicht makellos,
den Göttern noch nicht angemessen
mit ihrem Riecher, der famos.

Ich muss daran noch weiterfeilen,
bis musentauglich wird mein Lied
und aus den hingeworfnen Zeilen
der Geist des Flüchtigen entflieht.

Doch wenn ich’s noch mal überfliege –
ein Prachtstück wird daraus nicht mehr.
Am besten mach ich jetzt die Biege
und trotte morgen wieder her.

Am Abend sprudeln die Gedanken
und sprühen Verse aufs Papier.
Die Nacht indes setzt ihnen Schranken:
Blockade spätestens ab vier!

Möbelglück

Möbelglück‘nen neuen Freund hab ich gewonnen,
wenn er es selber auch nicht weiß.
Mit einer Lücke hat’s begonnen,
‘nem Klafter zwischen Glut und Eis.

Um’s wen’ger kryptisch auszudrücken:
In meiner Küche war vom Herd
zum Kühlschrank hin zu überbrücken
ein Zwischenraum, der nutzenswert.

Da war ja einfach Platz vorhanden,
fehlte die rechte Füllung nur –
wir gingen also und erstanden
ein Tischchen mit Idealfigur.

Das hat vier stramme Eisenbeine,
auf denen eine Platte ruht,
dazu, zur Lagerung der Weine,
zwei Zwischendecks für Sondergut.

Darüber eine große Lade,
in der sich was verstauen lässt –
und dieses Prachtstück passt so grade
in den noch unmöblierten Rest.

Ich kann die Augen gar nicht wenden
von dieser hübschen Novität,
die hilft, die Küche zu vollenden
bis auf das letzte Hilfsgerät.

Schon hab ich es ins Herz geschlossen,
das kleine, praktische Gestell.
Vom Lückenbüßer zum Genossen:
Auf lange Freundschaft, Tischgesell!

Alles Ambiente

Alles AmbienteSchon sitz ich an der Fenstertüre,
ein Stückchen Himmel im Visier,
wo ich die Glut der Sterne schüre
und in Gedanken mich verlier.

Dabei stütz ich den Ellenbogen,
den rechten, auf den Küchentisch,
den Kuli schon gezückt, gezogen,
dass Verse aus dem Blatt er fisch.

Ein Lämpchen wirft sein Strahlenbündel
direkt vor meine Nase hin,
in dessen Helligkeit ich gründel
nach Ausdruck und nach Hintersinn.

Ein bisschen weiter nur im Zimmer
ist schwach es schon und abgezehrt,
als ob ihm jemand mit ‘nem Dimmer
den Zutritt da zum Flur verwehrt.

Das ist so recht die Atmosphäre
für einen zünft’gen Musenspuk:
Der Dämmer nimmt die Erdenschwere
und ruft das Hirn zum Höhenflug.

Der Auswurf lässt nicht auf sich warten –
folgt Viererpack auf Viererpack,
doch immer in verschiednen Sparten,
vom Urknall bis zum Hafersack.

Das kann so ewig weitergehen,
denn unerschöpflich ist die Welt.
Der Zauberbesen wird erst stehen,
wenn es dem Meister da gefällt!

Poetische Kleiderordnung

Poetische KleiderordnungDer Abend hält die Tagesschwüle
noch zäh in seinen Klauen fest.
Ich hocke zwischen Herd und Spüle
und schwitz wie beim Idiotentest.

Und da die Witterung nicht knausert
mit Schweiß, den von der Stirn man tupft,
hab ich mich kurzerhand gemausert
und mir das Hemd vom Leib gerupft.

Da seht den nimmermüden Sänger,
wie er den Kleiderzwang bezwingt
und sich je lieber desto länger
Gedichte aus dem Brägen wringt!

Nun will ich mal ‘ne Frage wagen,
die selbst Horaz sich nicht gestellt:
Darf lediglich mit Schlips und Kragen
beackern man sein Musenfeld?

Legt man sich nicht mit här’nem Kittel,
womöglich gar noch unbeschuht,
genauso engagiert ins Mittel,
wie man’s mit einem Smoking tut?

Mir scheint, dass doch aus gutem Grunde
tabu das Thema seinerzeit –
das goldne Wort aus Dichtermunde
verdarb nicht mal ein Lumpenkleid.

Und selbst wenn ich hier meinen Käse
hätt splitternackt mir ausgeheckt –
wer nähm es wahr, wenn er es läse?
Die Zeilen halten sich bedeckt.

 

Echter Budenzauber

Echter BudenzauberDass man mal überwältigt wäre,
ist selten wie ein Bindestrich,
nur Freude gibt sich oft die Ehre,
Begeisterung gelegentlich.

In unserem Gefühlskataster
ist Überschwang nur schwach markiert,
es sei denn der für Liebeslaster,
der uns hier wen’ger int’ressiert.

Doch grade weil so kurz gehalten
die Glut, die in den Adern schwelt,
kann sie zum Ausbruch sich entfalten,
wenn es an Brennstoff ihr nicht fehlt.

Stellt euch mal vor, nach langer Reise
kehrt ihr zurück ins Domizil –
das sich auf wunderbare Weise
verändert hat mit Stumpf und Stiel!

Wo alles strahlt in neuem Glanze –
geweißt, entrümpelt und möbliert,
und aus dem alten Totentanze
Komfort und Frische generiert.

Als ob mit ihrem Zauberstabe
hier eine Fee gefuchtelt hätt,
dank dessen Heinzelmännchengabe
blitzsauber alles und adrett.

Das war es, was mich umgehauen.
Wär untertrieben, mich zu freun.
Werd morgen nach den Wichteln schauen –
da muss ich keine Erbsen streun.