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Dickhäutige Bauten

Dickhäutige BautenMein Dank gilt heute den Erbauern
von Häusern, die aus einem Guss!
So sitz ich hinter dicken Mauern,
als wär ich wunders weit vom Schuss!

Der Nachbar mag die Laute schlagen,
die Stimme heben wie’n Prophet,
die Wäsche durch die Trommel jagen –
und alles meinem Ohr entgeht!

Tief eingemummt in meine Wände,
die gut gefüttert sind mit Stein,
haus friedlich ich in ‘nem Gelände,
wo selbst die Musen noch gedeihn.

Gerade jetzt zu dieser Stunde,
da längst verblich das Abendrot
und voll die Buden in der Runde,
erscheint der Bau wie mausetot.

Mag manchmal auch am Fernsehn liegen,
weil da ein Straßenfeger läuft
mit Menschen, die krepiern wie Fliegen,
in Strömen frischen Bluts ersäuft.

Doch auch die schrillen Sterbensschreie,
von seichten Krimis produziert,
sie schänden nicht die stille Weihe,
die meine Dichterklause ziert.

Trotzdem gleicht meine Gummizelle
nicht jenem Turm aus Elfenbein.
Doch Stille schafft die grüne Welle,
um rasch auf dem Parnass zu sein!

Neues Musenspiel

Neues MusenspielDer Abend ist nicht aufzuhalten.
Ich mach es mir am Tisch bequem.
Hell scheint durch die Gardinenfalten
der alte Stern von Bethlehem.

Den haben mir vom Bau die Leute
da drüben an den Kran gehängt,
die wundersam am Sonntag heute
den Schritt zur Arbeit hingelenkt.

Ansonsten liegt der Himmel droben
in Dunst und Wolken eingetaucht
mitsamt dem Volk der Leuchtmikroben,
das Funken in die Nächte haucht.

Vom Mond würd ich so ähnlich sagen,
käm’s mir nicht überflüssig vor,
in eine Kerbe hier zu schlagen,
die offen wie ein Scheunentor.

Drum rasch von der Natur zur Stube,
die nicht dem Wetter unterliegt –
da mischt er wieder, der Herzbube,
die Verse, dass er Trümpfe kriegt.

Als ob das kein Ambiente wäre,
das prickelnden Gewinn verspricht –
‘ne Hinterzimmeratmosphäre
mit schön gedämpftem Kerzenlicht!

Und bin ich etwa ‘ne Mimose,
bei Misserfolg gleich eingeschnappt?
Geht mir das Spiel auch in die Hose –
schon morgen ‘s wieder besser klappt.

 

Fahrtenschreiber

FahrtenschreiberWas, wie, wann, wo? Wer kennt das Ende
der Rundfahrt durch die Erdenwelt –
da selbst den Anfang man nicht fände,
weil andere den Platz bestellt?

War immerhin ‘ne schöne Reise,
soweit man’s jetzt schon sagen kann.
Die Wagenräder liefen leise,
im Gleichschritt zog das Rossgespann.

Vorbei an tausenden Stationen
mit ihrem wechselnden Gesicht –
Altären, Kanzeln, Kaiserkronen,
Gemüsemarkt und Amtsgericht.

Und keiner hat dich überfallen,
sogar in tiefster Waldesnacht
hört‘ man das Halali nur schallen,
doch die Trompete nicht zur Schlacht.

Nur in der Ferne immer flammten
mal hier, mal da die Brände auf,
wo Böcke sie in Mauern rammten
in mörderischem Amoklauf.

Könnt es denn so nicht weitergehen
erschüttrungsfrei im Zuckeltrab,
bis sich die Augen blindgesehen
und abgewetzt der Wanderstab?

Würd jener Regel widersprechen,
die irgendwo ein Ziel verlangt.
Da gilt die Tour es abzubrechen,
selbst wenn sich Efeu darum rankt.

Etwas Farbenlehre

Etwas FarbenlehreMan hockt, die Menschheit zu beschallen
mit unerhörter Verse Klang
und läuft dabei Gefahr zu fallen
in Schmalz doch alle Nase lang.

Kaum hat den Pinsel man erhoben,
die ersten Striche zu vollführn,
zwingt irgendwas im Hirn da oben
dich, kräftig Farben anzurührn.

Doch statt die Strophen zu beleben
mit Tönen, sparsam ausgestreut,
erliegt dem Trieb man, dem Bestreben,
das sich am Blumigen erfreut.

Man fährt da noch in alten Gleisen,
die die Romantiker gebaut
und immer noch die Richtung weisen
dem Künstler, der nach hinten schaut.

Nicht einfach, da die rechte Weiche
zu finden aus dem Schienenstrang,
dass man nicht ewig weiterschleiche
als Bummelzug von Kuhdorfrang.

O Herr und Meister jener Pfeife,
die alles in Bewegung setzt,
befrei mich aus der Wahnsinnsschleife,
die endlos mich im Kreise hetzt!

Wer hätte sich wohl träumen lassen,
dass so ein Trillerer nach Plan
sich mit den Musen sollt befassen?
Ein Notfall. Höchste Eisenbahn!

Schwere Lider

Schwere LiderWie ärgerlich, sich jäh zu trennen
von seinem Lieblingssteckenpferd,
weil langsam schon die Augen brennen,
der Müdigkeit geheimer Herd.

Obwohl noch die Gedanken schweifen
im Zauberreich der Fantasien
und hier und da sich Bilder greifen,
gerahmt auf Verse sie zu ziehn.

Und da auch noch die flüss’gen Reben,
des Dichters süße Arzenei,
den Geist mit solcher Kraft beleben,
als ob ihm nichts unmöglich sei.

Der Pinsel, Kuli notabene,
noch lauernd in der Rechten liegt,
weil er vom Quell der Hippokrene
den Hals noch immer voll nicht kriegt.

Die Segel also vor dem Winde,
am Horizont schon Land in Sicht –
Kommando ree!, was, noch gelinde,
für ausgemachten Blödsinn spricht!

Der allerdings ist anzulasten
der strengen Fuchtel der Natur,
die Nacht für Nacht uns zwingt zu rasten
nach abgehakter Tagestour.

Und selber für die müden Knochen,
verrentet schon und altersschlapp,
wird diese Regel nicht gebrochen:
Der Sandmann kommt und streut dich ab!

 

Nicht entflammt

Nicht entflammtWieso hab ich denn heut vergessen
das Flämmchen, das zum Träumen reizt?
Hab sonst doch, kaum am Pult gesessen,
die Kerze erst mal angeheizt!

Muss als Symptom ich das nicht werten,
dass mein Gedächtnis kollabiert
und sich auf der Erinnrung Fährten
schon die und jene Spur verliert?

Werd jedenfalls im Blick behalten,
wie’s weitergeht mit dem Malheur –
ob ich zum Eisen schon, zum alten,
ob ich zum Schrott bereits gehör.

Wobei, das gilt’s zu überlegen,
man selbst womöglich gar nicht spürt,
wenn auf des Hirns gewundnen Wegen
es immer wen’ger Lasten führt.

Verlässlicher will mir da scheinen,
der Schreibkunst auf den Zahn zu fühln
und zwischen Versfuß-Strophenbeinen
den goldnen Auswurf aufzuwühln.

Solln mir die Musen doch orakeln,
ob wohlgeritten Pegasus
oder, den Zaum ihm abzutakeln,
ich runter von der Mähre muss.

Mag der Parnass höchstselber richten,
was meinem Urteil sich entzieht –
belauschen, wägen und gewichten:
So liegt mein Schicksal denn im Lied.

 

Nur Kleinkunst

Nur KleinkunstDer Abend will zur Neige gehen;
zur Hälfte ist das Wachs verbrannt –
doch dürftig sind erst die Trophäen,
die ich dem Helikon entwand.

Das trübe Fazit vieler Stunden,
da brütend überm Blatt ich hing:
dass ich den Ton nicht recht gefunden,
mit dem ich sonst mein Liedchen sing.

Doch soll’s Papier darunter leiden,
dass ihm der Schmuck der Kunst verwehrt?
Ich will in ein Gewand es kleiden,
das schlichter, aber nicht entehrt.

Bin schon dabei, daran zu stricken,
wozu mir eine Nadel reicht –
der Stift nur, der in Augenblicken
die größten Flächen überstreicht.

Drum fehlt nicht viel, es zu vollenden
in der geschilderten Manier
und ohne den Geschmack zu schänden,
dass er im Faden sich verlier.

Hab übertriebne Ambitionen
mit diesem Stück ich auch zerstreut,
würd meine Mühe es doch lohnen,
wenn’s, Leserin, dich trotzdem freut!

Ein Lehrstück! Sieh, mit welchen Tücken
man als Poet so kämpfen muss:
‘nem schweren Kopf, ‘nem Magendrücken –
und mit der Wanduhr Tinnitus.

 

Im Dichterwinkel

Im DichterwinkelDer Vorhang ohne eignen Willen
vom Ventilator nur bewegt –
wie Segel, die im Winde killen,
der sie nach nirgendwo verschlägt.

Im Abenddämmer liegt die Stube,
vom Lämpchen spärlich nur erhellt,
das wie ein Helmlicht in der Grube
nur auf begrenzte Flächen fällt.

Die Lichtung aber mittendrinnen,
die es der Dunkelheit entreißt,
reicht, Sicht dem Pinsel zu gewinnen,
dass sicher übers Blatt er kreist.

Da ragt auch dieses Glasgebilde,
das wie ein Kirchturm sich verschlankt
und mit des Weines würz’ger Milde
das träge Dichterherz betankt.

Mit Feuereifer ihm zur Seite
die Flamme, die ihr Schicksal kennt –
dass hitzig auf dem Docht sie reite,
dem Ast, der unter ihr verbrennt.

Die alten, wohlerprobten Zeugen
bürgerlich-biedrer Kritzelein.
Bin ich der Typ, das Recht zu beugen?
Nicht mal die Verben in Latein.

Ich lass nur die Gedanken treiben,
wie dieser Vorhang treibt im Wind:
Gedichte, die sich selber schreiben,
homerisch sozusagen, blind.

Der Kunstgenießer

Der Kunstgenießer‘ne Bilderschau mit alten Meistern –
fürn Kunstfreund absolutes Muss.
Er eilt herbei, lässt sich begeistern,
verschmerzt den Eintrittsobolus.

Mit feierlich gestimmter Seele
buckelt er dann die Wand entlang,
gemessen, dass er nicht verfehle
das unscheinbarste Werk von Rang.

Bisweilen kommt er mit der Nase,
da er als Kenner sich gefällt,
bis an des Opus Rahmenglase –
und anderen die Sicht verstellt.

Das geht wohl noch ein Weilchen weiter,
solange ihn der Eifer nährt.
Doch Fülle, dieser Wegbereiter
des Überdrusses an ihm zehrt.

Saal 4. Die Schritte werden schwerer.
Der Blick nimmt nur noch flüchtig wahr.
Hier Grafik also. Leichter, leerer.
Ermüdung schwächt das Augenpaar.

Er hat sich schließlich sattgesehen.
Sein Hirn ist bis zum Platzen voll.
Den Rest lässt er im Regen stehen.
„Hab ohnehin erfüllt mein Soll.“

Spuckt in Gedanken große Töne
und wird im Nu schon wieder schwach:
Sieht er ‘ne ungerahmte Schöne,
ist er auf einmal glockenwach!

Wieder Nachtgedanken

Wieder NachtgedankenNa, wie ich so zur Wanduhr blicke,
zeigt grade Mitternacht sie an –
kein Wunder, dass ich manchmal nicke
und meinen Kopf nicht halten kann!

Wie aber auch die Stunden rennen!
Wenn ich so brüte überm Blatt,
mag fast die Kerze runterbrennen,
bevor die Welt mich wiederhat.

So tief in Fantasien versunken,
dass ich der Worte Perlen find,
bleib ich, von ihrer Fülle trunken,
für alles Ungeträumte blind.

Die Perlen aber, zugegeben,
sind manchmal groß und manchmal klein
und auch sich voneinander heben
durch hellen oder matten Schein.

Nicht alles, heißt’s in Volkes Munde,
was glänzt, auch Gold deswegen ist,
drum sag ich mir bei schlichtrem Funde:
Auch Kleinvieh macht den Musen Mist.

Man kann’s wohl auf die Spitze treiben,
indem man Höchstes nur begehrt –
und viel wird ungeschrieben bleiben,
was wirklich des Bewahrens wert.

Die Weisheit euch noch auf die Schnelle,
bevor der Schlaf mich übermannt.
Und bitte: Nicht mit strenger Elle
dies Opus messt von müder Hand!