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Übers Verseschmieden

Übers VerseschmiedenDie Neigung, sich zu wiederholen,
verliert sich wohl so richtig nie –
ob Fülln wir sagen oder Fohlen,
es ähnelt sich doch irgendwie.

‘ne Extrawurst für den Poeten
ist von Natur nicht vorgesehn.
Er nimmt wie alle die Moneten,
wie sie durch tausend Pfoten gehn.

Und flutschen sie ihm durch die Finger,
dass ihm der schöne Schatz versiegt,
dann gelten die ihm nicht geringer,
die er von früher wiederkriegt.

Das soll ihm nicht als Freibrief dienen,
sich pausenlos zu variiern
und seine ausgefahrnen Schienen
mit abgestandnem Fett zu schmiern.

Dann muss er eben länger hocken
vor seinem unbeschriebnen Blatt,
um ihm die Zeilen zu entlocken,
die es noch nie vergeben hat.

Ums mal in dem Jargon zu sagen,
der für die Raffgesellschaft steht:
Muss seine Haut zu Markte tragen
in höchster Kundenqualität.

Doch keinesfalls des Vorteils wegen
der Dichter seine Verse feil –
ihm sei nur am Parnass gelegen
und dass er bei den Musen weil!

Anhaltende Störgeräusche

Anhaltende StörgeräuscheDer Dichter wird wohl Ruhe brauchen,
damit er fleißig brüten kann
und ihm aus dem Gehirne rauchen
die Geistesblitze irgendwann.

Hat man nicht häufig sagen hören,
dass er sich gern verklausuliert
und, dass Banausen ihn nicht stören,
in Wüsten gar eremitiert?

Doch muss er unter Menschen bleiben,
was als Normalfall anzusehn,
wird ihm des Hammers buntes Treiben
ganz sicher auf den Amboss gehen.

Dem Nachbarn, der die Wand behämmert
zu mehr Ambiente und Komfort,
es in der Regel wenig dämmert,
dass er auch trifft so manches Ohr.

Darüber müssen wir nicht streiten.
Wir haben’s alle selbst erlebt.
Auch die, die Pegasus nicht reiten,
erstarren, wenn die Hütte bebt.

Doch was, wenn selbst die schönsten Klänge
dir plötzlich auf die Nerven falln –
die engelssüßen Chorgesänge,
die von der Kirche rüberhalln?

Hab eben es erfahren müssen:
Ein Sanctus und Magnifikat,
sie stören bei den Musenküssen,
die hier und heute man schon hat.

Keine Geduld

Keine GeduldWenn ich erst lange warten müsste
auf irgendeine Schnapsidee,
bevor ich mich zum Reimen rüste:
Behaglich auf dem Kanapee

Gebreitet die morbiden Knochen,
den Geist nur mäßig angespannt,
und erst nach Tagen oder Wochen
das Schreibgelüst mich übermannt

Würd mir gewiss der Faden reißen,
der die Geduld am Zügel hält,
und ich den ganzen Krempel schmeißen
ins letzte Eckchen dieser Welt.

Will sie mir aus dem Quell nicht regnen,
dem Pierien Dichterkraft verlieh,
kann sie im Mondschein mir begegnen,
die bloß sporad’sche Fantasie.

Doch seht, ich mache fröhlich weiter,
mein Kuli kurvt noch übers Blatt.
Beweis: Der Musenklepper-Reiter
stets frisches Heu im Schober hat.

Sobald ich nur zur Lyra greife,
erklingen auch die Töne schon,
und völlig ohne Warteschleife
wie manchmal die beim Telefon.

Nur Störgeräusche können stoppen
den steten Melodienfluss –
am liebsten würd ich ihn verkloppen,
den Nachbarn, der jetzt bohren muss!

In den Tag geträumt

In den Tag geträumtDas ist ja eben das Fatale
an jedem Tag, der uns ersteht:
Man glaubt dem Ewigkeitsgeprahle
wie einer Liebe, die vergeht.

Er schlurft gemach uns jeden Morgen
pantoffelgrau ins Leben rein
und teilt mit uns die kleinen Sorgen
vom Gaspreis bis zum Zipperlein.

Mal reißt er uns zu Jubelstürmen
und mal zu Tränenbächen hin,
mal kommt er, Nöte aufzutürmen,
und mal mit einem Hauptgewinn.

Doch müssen wir ihn stets so nehmen,
wie launisch immer er auch sei,
weil wir in Teufels Küche kämen,
ging unsre Liaison entzwei.

Wir sind im Guten ja und Bösen
von der Natur ihm angetraut,
und nichts kann uns von ihm erlösen
als Herzinfarkt und Bilsenkraut.

Doch wer wird gleich an so was denken!
Solange wir noch hörn und sehn,
dem Wahn wir gerne Glauben schenken,
es würd so ewig weitergehn.

Das gilt für Dichter gleichermaßen,
die über diesen Punkt sinniern –
die Hosen, die sie schon durchsaßen,
Unsterblichkeit ja garantiern!

Fremde Nähe

Fremde NäheGlaubt ja nicht, dass ich gerne schwätze
von mir nur immer im Gedicht
und nicht auch eine Meinung schätze,
die klug für ihre Sache spricht.

Doch wie das auf die Reihe kriegen?
Ich gebe ja die Verse vor,
die lautlos durch die Lüfte fliegen
ins hoffentlich geneigte Ohr.

Und da ich, Leser, euch nicht kenne
und nichts von eurem Leben weiß,
beschränke ich mich wie ‘ne Henne
aufs Brutgeschäft des eignen Eis.

Das hat ja auch genügend Tücke!
Wer spräch von sich so frank und frei,
dass ungeschminkt und ohne Lücke
er schilderte sein Konterfei?

Man pickt ja immer die Rosinen
sich aus des Alltags zähem Teig,
um sie der Menschheit anzudienen
als seines Glückes Fingerzeig.

Mit einem Wort: Man kann nichts sagen,
worauf es Brief und Siegel gibt –
vom Leser nicht, dem fremden, vagen,
vom Sänger nicht, der Worte siebt.

Wirft man da konsequenterweise
die Grillenflinte nicht ins Korn
und stiehlt sich heimlich, still und leise
beschämt hinweg vom Musenborn?

Gewiss nicht. Denn wo Hermes waltet,
im weiten Reich der Fantasie,
hat stets die Welt man umgestaltet,
dass man ihr größren Reiz verlieh.

Sie eins zu eins so zu erfassen,
wie wirklich sie vor Augen liegt,
sei dem Vermesser überlassen
(der’s auch nicht auf die Reihe kriegt).

Der Dichter schreibt nicht Protokolle,
Bilanzen nicht und Logelei’n;
er hält es lieber mit Frau Holle,
lässt Federn auch mal Flocken sein.

Und für sein buntes Textgewebe
genügte ein Gerät ihm schon:
Die Wasserwaage. Schön in Schwebe,
und doch ein Maß der Präzision.

Zum Abflug bereit

Zum Abflug bereitVerrat euch ein Geheimnis heute –
doch psst!, dass unter uns es bleibt.
Geht um ein Datum, liebe Leute,
hinter die Ohren es euch schreibt!

In einer Woche schon, verstanden?,
in sieben lump’gen Tagen nur,
werd ich in Andalusien landen
zur nächsten Rentnerwinterkur.

Am liebsten wäre ich geflogen
mit diesen Profis ohne Sprit –
doch Vögel, die gen Süden zogen,
nahmen mich so bepackt nicht mit.

Ein Flugzeug also als die Krücke,
mit der man durch die Lüfte hinkt,
empfahl sich mir trotz dieser Tücke,
dass es beständig steigt und sinkt.

Und bietet auch vor Wind und Regen
mehr Schutz als so ein Gänseflug,
der hoch auf seinen Wolkenwegen
nur Luft hat um den flaum’gen Bug.

Verflixt, da komme ich ins Schwafeln,
wo’s doch um den Termin nur geht,
dass ihr nicht auf den Info-Tafeln
am Flugplatz mich erst türmen seht!

Ein halbes Jahr wird nun logieren
der Pensionär im Lichtasyl –
wird „essen“, „trinken“ konjugieren
auf Spanisch. Und im Strandgestühl.

Nächtlich fantasiert

Nächtlich fantasiertEntscheidend sind die Illusionen,
dass man sein biedres Herz erfrischt
und aus gedachten Regionen
ihm echte Stärkung untermischt.

Ist denn der Mond, der auf der Nase
mir wie ‘ne Fliege grade hockt,
nicht just in dieser vollen Phase
Frau Luna, wie sie lacht und lockt?

Ist denn die Stadt mit ihrem Schweigen
nach Stunden der Geschäftigkeit,
kein Sinnbild für den ew’gen Reigen,
aus dem uns nur die Nacht befreit?

Und dieser Becher, den ich leere,
ist er ein bloßes Trinkgefäß
und nicht Dionysos zur Ehre
auch Opferschale, zeitgemäß?

Was würd mir dieser Raum bedeuten,
wär er mir schlicht Kombüse nur
und nicht, um Verse zu erbeuten,
des Hirns unendlich weite Flur?

Und was die aufgereihten Zeilen,
die ich in Reim und Rhythmus bring,
dass ich mit Klötzen und mit Keilen
sie in genormte Strophen zwing –

Fühlt‘ ich, der kleine Unbekannte,
der Hintersass im Musenreich,
mich insgeheim nicht einem Dante,
ja, einer Kempner sogar gleich?

 

Mehr als Unlust

Mehr als UnlustIch weiß nicht, will nicht, will nicht wollen –
so ist den ganzen Tag mir schon.
Liegt sicher an dem Magengrollen,
Vulgärlatein: Indigeschtjon.

Wie hab ich mir das zugezogen?
Das brummt und grummelt pausenlos,
als käm’s da bald herausgeflogen
wie Magma aus dem Erdenschoß.

Und immer wieder Krämpfe zucken,
der Eruption vorausgesandt,
als würd man an ‘ner Kette rucken,
die mitten durch den Bauch gespannt.

Gefühl der Übelkeit im Rachen,
das bis zum leichten Würgen geht –
doch kurz vorm Eimer stets verflachen
die Wogen der Vomizität.

Allmählich auch den Kopf befielen
die Schmerzen, die nach ihm benannt,
dem Elend in die Hand zu spielen,
das so mich völlig überrannt.

Doch um nicht ganz zu unterliegen
dem rüden Angriff der Natur,
erklomm mit letzter Kraft die Stiegen
ich zum Parnass, zum Musenflur.

Zwei Strophen noch herausgestammelt,
dann warf der Jammer mich aufs Bett.
Hab heut sie wieder aufgesammelt
und, seht, erweitert zum Septett!

Frisch gewagt also

Frisch gewagt alsoAuch eine Tausendmeilenreise
beginnt mit einem einz’gen Schritt,
wusst schon der alte China-Weise,
bevor sein Fuß an Blasen litt.

Doch muss man gar so weit nicht stecken
das Ziel, das man ins Auge fasst,
die ganze Wahrheit rauszuschmecken
vom Wagnis, das den Aufbruch hasst.

Ich kann ein Liedchen davon singen,
da täglich ich ins Weite schweif,
um aus dem Brägen heimzubringen
‘nen Vers, der konsumentenreif.

Was für ein Akt, den Stift zu heben,
der lauernd überm Blatte kreist,
und jäh ihm dann den Stoß zu geben,
dass schreibend er sich drin verbeißt!

Wie zögert erst die Adlerkralle,
wie unstet hastet erst der Blick,
bis endlich flugs im Niederfalle
die Beute baumelt am Genick!

Und so befreit von weitren Zwängen,
hält sie ihr Opfer eisern fest
und bringt es in bewährten Fängen
ganz unversehrt ins Felsennest.

Ach, müsste ich wohl tausend Meilen
um eines Verses willen gehn –
ich würde lieber hier verweilen
und hunderttausend Däumchen drehn!

Kein Ende finden

Kein Ende findenMal wieder Zeit zum Schlafengehen.
Die Uhr hat Mitternacht passiert.
Auf wackeligen Füßen stehen
die Verse schon dahingeschmiert.

Das Fläschchen mit dem Korkenschnuller
hab ich schon lange ausgesaugt,
dass satt und selig ich wohl kuller
in Schlummer, der für Tage taugt.

Doch Nacht für Nacht geschieht das Gleiche,
geht meine Sitzung auf den Rest:
Statt dass ich in die Koje schleiche,
kleb wie geleimt am Stuhl ich fest.

Mit Zähnen wehr ich mich und Klauen
dagegen, dass der Tag vorbei
und schon das nächste Morgengrauen
dem Horizont im Nacken sei.

Profan: Ich kann kein Ende finden,
bin einmal ich so recht in Fahrt,
um, schnipp, den Faden zu entbinden
vom schönen Schnurrn der Gegenwart!

Mal ist sie kürzer, ist sie länger,
die Galgenfrist, die ich noch hab,
dieweil sie häufen sich, die Hänger,
und Pegasus kommt aus dem Trab.

Das Schicksal ist nicht abzuwenden,
zu dem uns die Natur bestimmt.
Der Pinsel gleitet aus den Händen;
das letzte Geisteslicht verglimmt.