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Zwangsweise Nachtschicht

Zwangsweise NachtschichtEs geht auf zwölf. Warum noch dichten?
Auch der Poet braucht seinen Schlaf.
Das Oberbett, die Kissen richten.
Und dann geschnirchelt still und brav.

Ach, wenn das mal so einfach wäre!
Die Augen zu und Schäfchen zähln
und schon beim zehnten kommt die Schwere,
mit Morpheus fest mich zu vermähln?

In Wirklichkeit quäln mich noch lange
Gedanken, flutend, flüchtig, kraus,
und wenn ich dann zu zähln anfange,
wird leicht ‘ne Mammutherde draus.

Drum bette ich mich lieber später,
bleib wachsam übers Blatt geneigt,
bis schließlich auf dem Gähnometer
der Pegel „hundemüde“ zeigt.

Dann kommt der Schlummer von alleine,
das Wollzeug wird nicht aktiviert,
des Schafskopfs eigne Hammelbeine
sind augenblicks zu Blei mutiert.

Ihr habt es also auszubaden,
Verirrte, die ihr dieses lest,
dass nachts oft halb nur aufgeladen
der Geist, der mir ins Feuer bläst.

Doch seid gewiss, ich geb mir Mühe,
dass dennoch meine Flamme brennt
und heiß aus jeder Zeile glühe
die Leidenschaft – bevor sie pennt.

Düsteres Vorzeichen

Düstere VorzeichenDer letzte Tag vorm Heimatfluge.
Nach Nerja geht noch mal die Fahrt.
Des Freundes Auto kommt zum Zuge,
das rüstig rollt, obwohl bejahrt.

Wir bummeln nach Touristenweise
mit einem Blick, der träge schweift
und bestenfalls die Ladenpreise
mit höherem Bewusstsein streift.

Die Folgen sind nicht ausgeblieben.
Ein Shop mit Souvenir-Bedarf
macht uns im Schubsen und im Schieben
mit einem Mal auf Schnäppchen scharf.

Doch kaum ham wir da was erstanden,
stellt sich ein Peterwagen ein,
was wir natürlich seltsam fanden
so ohne Mord und Räuberein.

Die Ladenhüterin, beschlagen,
indes räumt ihre Ständer weg,
um Platz zu schaffen für den Wagen
und den dahinter fahrnden Treck.

Da wand sich aus den engen Gassen
ein dunkler Trauerzug hervor,
in diesem Labyrinth zu fassen
der Kirche fernes Eingangstor.

Ein Omen, sollte ich doch meinen,
dass man auch mir die Rosse schirrt.
Als Hinterbliebne werden weinen
Bodegafrau und Kneipenwirt.

Lebensmittelexport

LebensmittelexportEin letzter Einkauf vor der Reise.
Was bring nach Hause ich von hier
als landestypisch leckre Speise
für jemand mit als Souvenir?

Da seh ich eine Hartwurst liegen,
‘nen Riesenbengel, puterrot,
x Gramm mag der wohl gerne wiegen –
ja, den nehm ich doch gern ins Boot.

Was ist da mit dem Ziegenkäse?
Ein Klumpen wie ‘n Wackerstein
und gelb, als ob er schon verwese:
Schön ausgereift, muss auch mit rein.

Von wegen erst noch lange suchen –
die Feinkost haust hier Fach an Fach;
zum Beispiel weiß glasierter Kuchen
mit Zimt und so – da werd ich schwach.

Oh, guck mal, diese Schokolade:
Ein buntes Etikett mit Nuss –
Kolumbus‘ Schalenkavalkade;
na, wenn die nicht ins Körbchen muss!

So hatte sich was angesammelt,
was meine Kauflust minimiert;
hab durch die Kasse mich gestammelt
und meinen Kunden-Dienst quittiert.

Da kann der Rückflug also steigen,
ich bin vorzüglich eingedeckt.
Zu Haus hab ich was vorzuzeigen –
España, wie es riecht und schmeckt.

Auch ‘ne Kehrseite

Auch 'ne Kehrseite2Nicht überall herrscht hier Idylle,
wenn auch zum größten Teil gewiss –
mit See und Sand und Palmenfülle
und mit der Berge Schattenriss.

Doch unweit nur vom Uferstreifen
mit seinem Bilderbuchgesicht
zieht sich die Piste hin der Reifen,
die Bahn sich durch die Häuser bricht.

Da donnern ewig die Motoren
mit ungebremster Kolbenkraft
betäubend in die wachen Ohren
der leidgeprüften Bürgerschaft.

Und Hupen, Heulen, Türenschlagen
als Folge dieser Blechmanie
bemühn sich Töne beizutragen
zum kakophonen Potpourri.

Die Burschen auf den Feuerstühlen
am besten sich auf Lärm verstehn
und, wahllos Nerven aufzuwühlen,
gern tierisch in die Eisen gehn.

Das ist die alte Küstenstraße,
die umso lieber man befährt
als sie zum Flitz- und Knatterspaße
auch manchen Ausblick noch gewährt.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen.
Kaum draußen, steh ich im Verkehr.
Drum schieb ich lieber meine Haxen
zur Hintertür hinaus – zum Meer.

Notwendiger Nachsatz

Notwendiger NachsatzDer gute Vorsatz war vorhanden,
die Sache heute durchzuziehn,
und ich recht zeitig aufgestanden,
nicht zu verpassen den Termin.

Es würde wieder warm und trocken
und war schon deshalb Grund genug,
dass ich den schmalen Kranz von Locken
zur Lüftung durch die Winde trug.

Behördengang. Doch ohne Schrecken.
Kein Übermaß an Wartezeit.
Nur einmal kurz die Nase stecken
in den Geruch der Amtlichkeit.

So schwang ich mich auf meine Sohlen
wie zu ‘nem heitren Wandertag,
um ‘ne Beschein’gung abzuholen,
die sicher schon im Körbchen lag.

Schon hatt ich hinter mir geschlossen
die Pforte, die zum Ufer führt,
als einen Hagel von Geschossen
im Lendengürtel ich verspürt.

Wie angewurzelt blieb ich stehen,
die kleinste Drehung machte Pein;
vom Scheitel runter zu den Zehen
durchzuckte mich das Zipperlein.

Das Weitre könnt ihr euch ja denken:
Mir ging’s wie einst auf der Chaussee
den Ameisen – ich musst mir schenken
den Rest der Reise. Tat das weh!

 

Leider Hausarrest

Leider HausarrestWir würden wieder Sonne kriegen.
Das zeigte schon die Dämmerung.
Ich sah zum Fenster und blieb liegen.
Zum Aufstehn fehlte mir der Schwung.

Die Bude lag schon voll im Lichte,
als ich mich zu dem Schritt entschloss –
zu der unendlichen Geschichte
vom ungeschickten Albatros.

Mit ein paar plumpen Drehfiguren
dem Bett ich schließlich mich entwand,
da alle meine Zimmeruhren
schon auf dem höchsten Sonnenstand.

Zwar war ich schon mal auf den Beinen,
doch wie ein Küken aus dem Nest,
und hielt mich wie an Rettungsleinen
an allen Möbelkanten fest.

Auch sonst dem Tanze nicht gewogen,
wär heut er ‘ne Unmöglichkeit:
Kaum dass ich meinen Leib gebogen,
er Zeter, Mordio schon schreit.

Wie ich sie kenne, die Signale,
und weiß, was sie mir sagen wolln!
Die Hüftverspannung, die totale,
wird sich so leicht nicht wieder trolln.

Adieu, ihr lieben Sonnenstrahlen,
für heute euren Fan vergesst!
Dem Alter gilt’s Tribut zu zahlen –
sprich: Hexenschuss mit Hausarrest.

Eine Art Frühsport

Eine Art FrühsportDie Sonne zeigte sich im Osten
ein Stück erst überm Horizont,
da ging, die Frühe auszukosten,
ich an des Meeres breiter Front.

Im frischen, unverbrauchten Lichte
erstrahlte mir der junge Tag
wie jener Gott, dem ins Gesichte
man wohlweislich nicht blicken mag.

In stummem Fluge Möwen kurvten
über dem schimmernden Revier,
als ob sie noch nicht stören durften
ihr schuppig-scheues Beutetier.

Und einer auf des andern Sohle
in aufgeregter Prozession
fuhrn Dampfer Richtung Hafenmole
zur Morgenmesse: Fischauktion.

Nur wenig Leute auf dem Wege.
Paar Jogger frönten ihrem Sport.
Ich setzte meine Muskelpflege
mit zielbewussten Schritten fort.

Dann war ich endlich angekommen
und kriegte meinen Wanderpreis:
Ein Hemd, das Flecken angenommen,
und Achseln, die getränkt von Schweiß.

Doch kam’s noch dicker, keine Bange:
Ausländeramt Torre del Mar.
Drei Stunden in der Warteschlange –
fürn Fünf-Minuten-Formular.

Geht schon zur Neige

Geht schon zur NeigeEin halbes Jahr ich nun schon weile
in meinem Feriendomizil,
vollkommen ohne Hast und Eile,
so wie beim Schach- und Halmaspiel.

„Gemächlichkeit“ heißt die Parole.
„Nicht heute? Dann ein andermal“.
Man lebt nicht, dass man überhole,
man füßelt nicht mit dem Pedal.

Die Landschaft lädt ja zum Betrachten
so wie ‘ne Bildergalerie.
Sie will den stillen Gang, den sachten
mit Ehrfurcht vor der Szenerie.

Gelegentlich soll man sich setzen
und sich vertiefen in das Bild.
Doch lange; nicht gleich weiterhetzen.
Vor allem beim Tavernenschild.

Ein bisschen Stärkung kann nicht schaden.
Und Essen macht ja Appetit.
Da ist ein zünft’ger Tapa-Laden
und malerisch im Strandgebiet!

Gesättigt geht es dann nach Hause,
den Bauch von Impressionen schwer.
Die Nacht: Willkommne Atempause
vor dieser Muße Wiederkehr.

Doch wird der Schlendrian unterbrochen:
Die Lust auf Heimat erst mal siegt.
Ich hoff nur, dass dort in den Wochen
die Zeit nicht auch so schnell verfliegt!

Überfällige Danksagung

Überfällige DanksagungVerehrte Leserin, verzeihe,
wenn ich dich aus dem Schlummer reiß!
Doch wie ich so die Zeilen reihe,
ich anfangs schon nicht weiter weiß.

Anfangs! Dies Unwort mag dich lehren,
wie kläglich ich vorm Blatte sitz.
Gedanken, immerhin, sie gären,
doch ohne Tiefe, ohne Witz.

Drum wage ich, dich zu beschwören,
die du mich oft beflügelt hast,
auch diesmal kritisch drauf zu hören,
ob mein Geklier zusammenpasst.

Na, leichter wird’s mir schon im Magen,
nur weil ich deinen Namen rief!
Und flinker mich die Füße tragen,
auf denen grad der Vers noch schlief.

Schon hat‘s sich wieder mal bewiesen,
dein Urteil meine Feder nährt.
Und so gilt grad in Schaffenskrisen:
Ein guter Geist ist Goldes wert.

Seit Jahren mir schon treu zur Seite
stehst, Les’rin, du mit deiner Gunst,
und nur für dich ich weiterstreite
auf diesem Feld der Musenkunst.

O was so’n Held für Abenteuer
für seine Dame einst bestritt:
Schwert, Drachengift und Höllenfeuer –
da ich nur an den Versen litt!

 

Der Herr Professor

Der Herr ProfessorIn sein Gehäuse eingesponnen
von Hypothesen und Ideen,
sieht den Professor man versonnen
gewöhnlich seiner Wege gehn.

Doch das, was wir Zerstreutheit schelten,
die sich im Blau des Hirns verliert,
muss wohl als Weltverständnis gelten,
das auf den Punkt sich konzentriert.

Da andre nur an Dingen haften,
die äußerlich und momentan,
fühlt er als Mann der Wissenschaften
den Phänomenen auf den Zahn.

Kein Wunder, geht ihm öfter flöten
der Sinn fürs Alltagstrallala:
Was kümmern Kohle ihn und Kröten?
Die Kurse sind ihm Hekuba.

Denn Macht und Mammon nachzujagen,
wie’s alle Welt mit Eifer tut,
erfüllt ihn eh’r mit Unbehagen,
da höhre Ziele er im Blut.

Dass er das Loch mal flicken müsste,
das fransig sich durchs Futter frisst –
was hülf es, wenn er’s selber wüsste –
wo Eitelkeit sein Ding nicht ist?

Ja, nennt ihn schrullig und verschroben:
Das ist es, was die Erde braucht.
Kein Macher mit ‘nem Push nach oben.
Ein kühler Kopf, der ständig raucht.