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Der Lauf der Dinge

Der Lauf der DingeDes Tages erste Nachricht heute:
Die Soul-Queen tot, und vor der Zeit.
O welchen Ruhms sie sich erfreute!
Erschütterung weltweit.

Und da, wo man gerade Preise
für schöne Popmusik verlieh,
schickte zu Gott man auf die Reise
ein Stoßgebet für sie.

In Hellas ging man auf die Straße,
weil diese Rechnung viel’n nicht passt:
Der Staat muss sparn: im Übermaße
dem kleinen Mann zur Last.

Ein Stadtfürst, den das Amtsgewissen
trotz Fehlverhaltens nicht geplagt,
wurd wie von einem Schwarm Hornissen
vom Volk davongejagt.

Auch König Fußball hat geschwungen
sein Zepter, das von purem Gold.
Zig Tore sind herausgesprungen.
Der Ball…der Rubel…rollt.

Am Wetter auch war nichts zu rügen.
Seit Tagen unverändert kalt.
An vielen Orten Eisvergnügen –
und leicht verlorner Halt.

Mit einem Wort: der Lauf der Dinge.
Was eben immer so passiert.
Der eine springt über die Klinge,
der andre triumphiert.

Der eine kann sein Mütchen kühlen,
der andere steckt Schläge ein.
Und über beiden Wolken wühlen,
mal mit, mal ohne Sonnenschein.

Was aber hat damit zu schaffen
die Welt in ihrer Majestät?
Der Mensch, mag ruhn er oder raffen,
sich mit der Erde dreht

An die er sich so krampfhaft klammert
wie’n Käfer an ‘ne Kugel Mist,
doch die (o Homo, sei bejammert!)
ihm nicht zu Willen ist.

Sie trägt ihn auf dem breiten Rücken
und jagt mit ihm durchs Firmament –
ein Leib, der beinlos ohne Krücken
wie wild im Kreise rennt.

Was aber wär des Tages Wesen
dann bitte, auf den Punkt gebracht?
Nun, dies, in keinem Blatt zu lesen:
dass er uns älter macht!

Nicht schon wieder

Nicht schon wiederDen Vollmond könnte ich bedichten,
der funkelnd übern Himmel streicht,
bisweilen auch durch Wolkenschichten,
die er mit trüber Helle bleicht.

Dies Stück indessen steht so lange
schon auf dem Spielplan der Natur,
dass, tief gesunken heut im Range,
ein Gähnen würd’s entlocken nur.

Das kann ich zwar nicht richtig finden,
denn spannend ist die Welt allzeit
und monoton nur einem Blinden,
der ständig nach Spektakeln schreit.

Doch will ich mich der Mode beugen,
die Mond und Sterne fortgewischt,
und meine Fantasie bezeugen,
die immer neu die Karten mischt.

Mein Kühlschrank also von der Marke***
(ich hasse Werbung im Gedicht),
in einem Winkel ich ihn parke,
wo er mir stets ins Auge sticht.

Natürlich hat das gute Gründe,
die man mir sicher nicht verdenkt,
weshalb ich folgend sie verkünde,
wenn auch summarisch nur, gedrängt.

Als Erstes müsst ihr nämlich wissen,
dass stark der Kerl und untersetzt –
doch grade das möcht ich nicht missen,
auch die 1,70 nicht (geschätzt).

Was er denn da nicht auch an Bürde
von Tag zu Tag mir schultern muss!
Ich glaub, ein Schmächtigerer würde
verzweifeln an dem Überfluss.

Es steht ja gut gefüllt die Scheuer
mit fester und mit flüss’ger Last,
solang nicht höher steigt die Steuer,
mit der die Renten man erfasst.

(Dies ist mir peinlich fast zu sagen,
da’s immerhin zum Leben reicht –
was hätten jene erst zu klagen,
von deren Wen’gem man noch streicht?)

Kurzum, ein Magazin der Freuden,
nach dem sich gern der Gaumen reckt,
gewohnt, kein Fitzchen zu vergeuden,
das ihm nach seiner Mütze schmeckt.

Und dann, und dann – die Ohren spitzen! –
trägt er ‘ne geistige Mission;
mag er auch Eis und Wasser schwitzen,
er tut es nicht um Gotteslohn.

Denn wenn mit seinen schönen Gaben
er mir die Schaffenskraft genährt,
darf an den Versen er sich laben,
die meine Muse ihm verehrt.

Ich denkt, das weiß er nicht zu schätzen?
Da kennt ihr meinen Frigo schlecht!
Er schnurrt so wohlig zu den Sätzen,
als wärn sie ihm von Herzen recht!

He, was ist das? Ich seh euch gucken
so ausgesprochen teilnahmslos,
als würd das Thema euch nicht jucken,
von dem ich rede hier so groß.

So’n Kühlschrank ist nicht eure Sache?
Das seid ihr lyrisch nicht gewohnt?
Na gut. ‘nen Punkt ich dann mal mache.
Man sieht sich! Morgen wieder Mond?

 

Schweinekälte

SchweinekälteSibirien, sag ich nur, Sibirien!
Das nenn ich frieren Stein und Bein!
Wenn’s so was gäb wie Frostdelirien,
sie müssten glänzend jetzt gedeihn!

Ganz tief bis in den Keller runter
gefallen sind die Grade schon
und treiben’s Tag für Tag noch bunter
mit ihrer eis’gen Depression.

Im Minus stehen schon die Tage –
doch erst die Nächte: grauenhaft!
Ägyptisch, diese Kälteplage,
von bitterböser Götterkraft!

Die Hände rissig, voller Schrunden,
auch wenn man sie mit Krem bestreicht,
und grade diese winz’gen Wunden,
sie brennen wirklich furchbar leicht.

Zum Kolben aufgebläht die Nase,
die rot im schneid’gen Wind erglüht,
aus deren Löcher schmaler Vase
ein dauerhafter Tropfen blüht.

Schnell abgestorben sind die Ohren,
lässt man sie gänzlich ungeschützt,
und gehn womöglich noch verloren,
falls man sie zünftig nicht bemützt.

Und wie erst unsre Zehen leiden,
stets zu erfrieren in Gefahr!
Da hilft es nur, sie einzukleiden
gleich doppelt mit ‘nem Sockenpaar.

Zu Hause selbst, wo fleiß’ges Feuern
verhindert, dass die Kälte klirrt,
würd man nicht unbedingt beteuern,
dass richtig kuschelwarm es wird.

Am besten schnapp ich mir ‘ne Decke,
setze den Fuß nicht vor die Tür
und wart in meiner Rentnerecke
auf bessre Zeiten. Doch wofür?

 

Auf leisen Sohlen

Auf leisen SohlenGrad hab ich ihn doch noch gesehen
da oben ganz verhuscht und klein,
ein Nachtgespenst auf leisen Zehen
in seinem eignen Mondenschein.

Nun hat er sich davongeschlichen –
ich war inzwischen abgelenkt
von meinen lyr’schen Pinselstrichen,
hab keinen Blick ihm mehr geschenkt.

Und was er hinterließ, ist Leere,
in die er keine Spur geprägt!
Die Finsternis in ganzer Schwere
hat auf die Dächer sich gelegt.

Da sieht man keine Sterne glühen
wie Feuerqualln in salz’ger Flut,
wie Lilien, die im Meere blühen
von Gras mit chlorophyllnem Blut.

Schaute man näher, feine Schlieren
Gewölks man nur gewahren würd,
wie einen Kaffee sie auch zieren,
wenn schlechte Milch man drin verrührt.

Und hier die Stadt in einer Stille,
als ob man sie erdrosselt hätt,
als läge ohne Wunsch und Wille
sie auf des Asphalts Totenbett.

Der Ton, der jähe, ‘ner Sirene
auf Rädern wie Erlösung klingt –
was ich besonders hier erwähne,
weil er mich sonst zum Heulen bringt.

Ein bisschen Leben auf den Gassen
empfiehlt sich auch zur Abendzeit.
Man fühlt sich weniger verlassen,
auch wenn man ihm sein Ohr nur leiht.

Da blitzt’s auf einmal in der Weite
des Himmels wie ein Streichholz auf,
ein Flämmchen zieht sich in die Breite,
und, husch!, erlischt’s in seinem Lauf!

Als Wink nehm ich dies gute Omen
und komm herunter vom Parnass.
Drum tschüs, ihr Verben und ihr Nomen –
ich geh ins Bett und wünsch mir was!

 

Weiter auf Wache

Weiter auf WacheUm Himmels willn nicht müde werden,
nicht jetzt schon, kaum ist zwölf vorbei!
Soll ich die lump’ge Zeit auf Erden
auch noch verschlafen? Narretei!

Seht die Minuten, wie sie rasen,
und wie der Tag die Kurve kratzt!
Wie’n Luftballon, der aufgeblasen
im nächsten Augenblick zerplatzt.

Da soll man sich den Luxus leisten,
auch noch verschwendrisch umzugehn
mit Stunden, die sich doch erdreisten
zu türmen hastenichgesehn?

Die Augen möglichst offenhalten
und alle Sinne in Alarm!
Aktivitäten stets entfalten
wie’n blütengeiler Bienenschwarm!

Was gibt’s nicht alles auch zu gucken –
schafft sich die Welt nicht täglich neu?
Ein Rindvieh, wer mit Achselzucken
meint, dass sie alles wiederkäu!

Und wie in wunderbaren Tönen
voll Leidenschaft sie zu uns spricht –
mit Winden, die in Schluchten stöhnen,
mit Brandung, die am Fels sich bricht!

Begleitet von Millionen Düften,
die schmeichlerisch sie stets umwehn,
die Räume lieblich zu durchlüften,
dass freudig wir die Nüstern blähn.

Und wenn wir hungrig unsre Kehlen
mit Speisen aller Art traktiern,
lässt vierfach Würze sie uns wählen,
dass den Geschmack wir nicht verliern.

Ja, gab sie uns denn nicht auch Hände,
den andern Sinnen beizustehn,
wenn mit der Finger spitzem Ende
sie tastend auf Erkundung gehn?

Und was ist mit dem Sang der Musen –
macht nicht auch er die Welt uns wert,
dass der Poet an Chronos’ Busen
vom Tag wie von der Nacht sich nährt?

Wär nicht der Schlaf, verruchte Ruhe!,
mit seinem unstillbaren Drang,
wär alles, was ich träum und tue,
mein ganzes Leben doppelt lang!

Geistesnahrung erwünscht

SeraphDie Nacht ist weiter vorgedrungen.
Nach zwölf zeigt an der Wand die Uhr.
Seit neun hab Verse ich gesungen –
‘ne Handvoll Zeiln als Lebensspur.

Voraus die übliche Kulisse:
Gebäude, spärlich noch erhellt.
So sieht man nicht die ersten Risse,
die manche Mauer schon entstellt.

Natürlich gibt’s auch einen Himmel,
den braucht man ja als guter Christ.
Zieht irgendwann nicht an der Bimmel
man da, wo Petrus Pförtner ist?

Indessen hätte heut man Mühe,
zu sehn das Paradiesestor,
denn eine weiße Wolkenbrühe
steht einem Seraph gleich davor.

Nichts aber kann den Blick mir trüben,
wenn meine Klause er durchschweift:
die Küche, eine Kunst zu üben,
mit der man zu den Sternen greift.

(Hier ist von Kochen nicht die Rede,
wenn’s vordergründig auch so klingt:
Ich schaff’s als guter Logopäde,
dass selbst der Wasserkessel singt.)

Den Dichteraugen offenbaren
seit ewig sich hier unverhüllt
die Schränke und die Essenswaren,
mit denen er den Bauch sich füllt.

Und die den Unterbau ihm bieten
(hier hat der Trierer nicht geirrt)
für dies Gewusel von Termiten,
das als Ideen im Kopf ihm schwirrt.

Nein, dies bekannte „Plenus venter“,
das hungrig uns studieren heißt,
gilt nicht in meinem Musencenter,
wo grad die Nahrung nährt den Geist.

Ob sie bekömmlich auch dem Zwecke,
dass schwanengleich ertönt mein Sang,
dies, Leser, für dich selbst entdecke –
lies, wie ich schreibe: nächtelang!

Vom Vogelsang

Vom VogelsangDer Morgen stumm. Kein Tirilieren
versüßt das Ende dir der Nacht.
Noch weilt in seinen Notquartieren,
was sonst hier die Musik gemacht.

Denn die gefiederten Touristen,
die’s ewig schon nach Süden zieht,
sie zögern noch, sich einzunisten
erneut in ihrem Brutgebiet.

So müssen wir uns denn begnügen
(den Freund des Vogelsanges graut’s)
mit denen, die sich diesen Zügen
verweigern: Eule oder Kauz.

Dern dumpfes Hu durchhallt die Wälder
gespenstisch in der Dunkelheit,
melodisch wie ein Feuermelder,
der manisch seine Warnung schreit.

Dafür in kürzeren Kadenzen
die Krähe unsre Stille trübt –
gewiss tat sie die Schule schwänzen,
als den Belcanto man geübt.

Man sieht sie stromern auf den Äckern
und in den Städten hier und da.
Oft hat die Gute was zu meckern,
dann zwitschert sie im Bass: krakra.

Mann, einen hätt ich fast vergessen,
der auch die weite Reise scheut –
ein Hänfling, an Statur gemessen,
der unser Ohr doch hoch erfreut!

In Schnee und Eis lässt ja erklingen
der Zaunkönig sein süßes Lied,
so warm, um bald zum Blühn zu bringen,
was jetzt den frost’gen Tag noch flieht.

Wie einsam singt er und verlassen –
doch mit Gewissheit nicht mehr lang:
Die Amsel wird ein Herz sich fassen,
zurückzuschlagen mit Gesang!

Eingeschränkte Haltbarkeit

Eingeschränkte HaltbarkeitDas wird nicht lange liegenbleiben,
zu fadenscheinig ist die Schicht.
Die Wärme wird sie rasch vertreiben,
bis Abend, glaub ich, hält das nicht.

Hübsch macht es sich ja, zugegeben,
dies himmlisch-makellose Weiß –
‘s ist schade um sein kurzes Leben,
wie oft es, ach, der Schönheit Preis!

Allmählich auf den größren Flächen,
wo’s Plätze oder Wiesen deckt,
wird Zephir jene Blume brechen,
die ihm kristalln im Herzen steckt.

Und wo es gleichfalls unverhohlen
direkt auf einem Gehweg weilt,
zertreten es die blinden Sohlen
des Bürgers, der vorübereilt.

Indes auch in der Ziegel Senken
der höchsten Dächer eingeschmiegt,
wird keine Macht ihm Dauer schenken,
selbst wenn es langsam nur versiegt.

Noch wen’ger wird’s Besitz ergreifen
vom vielbefahrenen Asphalt –
da schmelzen es die heißen Reifen
und machen, mit Verlaub, es kalt.

Eins muss man allerdings ihm lassen,
ist’s dünn auch wie ein Negligé:
Zum ersten Mal liegt auf den Gassen,
liegt heuer hier ein Hauch von Schnee!

Ausgedichtet

AusgedichtetDa steht die Buddel, leergetrunken,
und die Gedanken lallen schon.
Die Sterne funkeln. Oder unken?
Verspotten sie den Erdensohn?

Wie sind die Häuser da verschwommen
in ihrer bleichen Finsternis!
Bin ich schon auf den Hund gekommen?
Ich glaub, mir fehlt es noch an Biss.

Was hab im Ohr ich für so Geräusche,
das braust und brummt nur immerzu!
Die Autos, wenn ich mich nicht täusche.
Man wohnt ja nicht im „Waldesruh“!

Zur Abwechslung mal ‘ne Sirene,
die sticht noch aus dem Lärm hervor.
Wohl Nachschub für die Ärzteszene –
dem Blaulicht einen Korridor!

Womöglich auch ein Peterwagen,
der grade auf ‘ner heißen Spur.
Null Schonzeit fürs Verbrecherjagen –
Gesetze kennen keine Uhr.

Doch jetzt herrscht erst mal wieder Stille.
Vielleicht nur, weil ich nichts vernehm,
weil mein Gehör, o bittre Pille,
so manchen Laut verschluckt extrem?

Noch immer steht mir da vor Augen
die Buddel ohne Sinn und Zweck,
will nur noch fürn Container taugen –
gleich morgen bringe ich sie weg.

Da steht sie, doch mit welcher Leere
starrt glas’gen Blickes sie mich an;
und wie ich mich danach verzehre,
dass ich ihm Glanz verleihen kann!

Ob wirklich ich ‘ne neue Quelle
des Rebensaftes mir erschließ
und noch mal eben auf die Schnelle
mir ‘n Tröpfchen in die Gurgel gieß?

Mal sehn…Doch werd ich nicht verraten,
was meinem Leumund schädlich wär!
So viel nur: ‘s dürstet mich nach Taten.
Nach Dichten allerdings nicht mehr.

Mangelware Schnee

Mangelware SchneeWo bleibt denn bloß der Schnee, ihr Lieben?
Wir haben schließlich Januar –
da müsste man in Massen schieben
das weiße Zeug vom Trottoir!

Nicht eine Flocke ließ sich blicken,
seitdem der Winter eingekehrt,
das Pflaster mit Kristalln zu spicken,
darauf die Sohle Schlitten fährt.

Meist tief und dicht von Dunst verhangen,
schien oft der Himmel gleich zu schnein.
Dann hat’s zu regnen angefangen
aus Wolken, die nur Wasser spein.

Und wieder fiel nicht der ersehnte,
die Welt verklärnde Niederschlag,
nein, weiter jene nackt sich dehnte
mit ihrem schmutzigen Belag.

Und dass die Winde stürmisch blasen,
passt auch in dies gestörte Bild
von der Natur verschobnen Phasen,
bei denen keine Regel gilt.

Sie jagen keine Kälteschauer
uns übers zitternde Gebein,
ach, linder wehen sie und lauer
als in des Frühlings Sonnenschein.

Den wir als harten Burschen schätzen,
der sich bei Frost am wohlsten fühlt,
und selbst wenn eis’ge Stürme fetzen
gelassen bleibt und unterkühlt

Ist er verweichlicht gar am Ende,
gebrochen seine frühre Kraft,
der stolze Fürst der Sonnenwende
zu einem Winterchen erschlafft?

Ach was! Er meidet nur die Breiten,
die als gemäßigt ihm bekannt,
entfaltet seine Fähigkeiten
im Norden und im Bergesland.

Doch kommt der Berg nicht zum Propheten,
muss dieser halt zum Berge gehn:
Am liebsten wär im schneeumwehten,
ein Urlaub mir im Pleistozän!