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Ein Hoch dem Herbst!

Ein Hoch dem Herbst!Schon ist es wieder Herbst geworden,
und traurig stimmt sein trübes Grau.
Die Luft, sie reizt und riecht nach Norden,
da Winde wehen frisch und rau.

Längst haben sie schon kahlgeblasen,
was selig einst geschwelgt in Grün,
und den Hautgout noch in den Nasen
von tausend Blättern, die verblühn.

Verwesung wabert in den Wäldern,
als feuchter, unsichtbarer Rauch,
und Krähen huschen auf den Feldern
gespenstergleich im Nebelhauch.

Viel heller nun die Sterne funkeln
und weitaus mächtiger an Zahl,
da Schleier sie nicht mehr verdunkeln
von Dunst, der sich zum Himmel stahl.

Als läg das Jahr schon auf der Bahre
unheilbar krank, dem Tod geweiht,
verfaulte, abgelaufne Ware,
die auf den Kehricht kommt der Zeit!

Und doch will ich Partei ergreifen
für dieser Tage finstren Flor –
wie Phönix aus der Asche reifen
ja Früchte auch daraus hervor!

Nicht nur dem Wild zur Freude Eicheln
und Rosskastanien ebenso –
nein, auch die unserm Gaumen schmeicheln,
sei’n sie vergoren oder roh.

Ist’s nicht die hohe Zeit der Trauben,
die aus dem Rebenfeld man liest,
des süßen Safts sie zu berauben,
der schäumend aus der Kelter fließt?

So birgt des Herbstes dunkles Wesen
doch manchen angenehmen Zug.
Auch mir gefällt es jetzt zu lesen –
hab ich denn Früchte nicht genug?

Weitgehend friedlich

Weitgehend friedlichMan könnt ‘ne Feder fallen hören,
so dünn hat sich der Lärm gemacht.
Zwei, die (un)heimlich sich verschwören:
der Feierabend und die Nacht.

Verzeiht, ich muss mich wiederholen:
Natürlich ist das Bild nicht neu,
doch stiehlt sich’s stets auf leisen Sohlen
zum Vers wie Liebende ins Heu.

Vielleicht weil ich im Centrum hause,
wo sich der Krach bei Tage ballt
und fortepiano ohne Pause
tinnitisch in den Ohren hallt

Dass ich es förmlich kann erlauschen,
wenn es mit einem Male fehlt,
dies hintergründig städt’sche Rauschen,
das nichts vom Kosmos uns erzählt

Und Stille gleichsam als Kompresse
auf der lädierten Seele liegt,
die nach der Flut urbaner Bässe
sich nun in Engelschören wiegt.

O dieser Frieden, der jetzt waltet,
schon immer Flügel mir verlieh,
da ungehindert sich entfaltet
die lärmgelöste Fantasie!

Wann immer ich euch Zeilen biete
von ausgesuchtem Reim und Klang,
war Stille schon die halbe Miete
für einen leidlichen Gesang.

Nie wäre ich, um Reime ringend,
gekommen je bis Strophe acht,
hätt Thor, den Donnerhammer schwingend,
ein Ständchen mir dazu gebracht.

Kurzum … da keucht doch ‘ne Sirene
in diesem Augenblick heran,
die ganze Säcke voll Migräne
dir in die Schläfen kippen kann!

Muss die sensible Dichterseele
nicht plötzlich sich betrogen sehn,
ich, der ich fest auf Ruhe zähle?
Jetzt bin ich mucksch. Bei Strophe zehn.

Mancher Feierabend

Mancher FeierabendIm Frieden ihrer Kuschelkaten,
den Bauch mit Stullen vollgestopft,
verharrn die städtischen Primaten
vorm Bildschirm, wo es nur so tropft.

Herr Kommissar! – Ja, bitte?
Ein Anruf vom Revier.
„Blabla. Nichts für die Sitte?
Dann überlasst es mir.“

Tief in den Sessel eingesunken,
die Hand nicht weit vom Salzgebäck,
erholt mit Mördern und Halunken
Herr Meier sich vom Alltagsschreck.

Wo hat man ihn gefunden?
– Direkt vorm „Sailor’s Inn.
Verblutet. Mehr’re Wunden.
– O. k. Wir fahren hin.

Mit unverhohlenem Int’resse
verfolgt er jede Missetat.
„Dem Schwein gehört eins in die Fresse!“ –
so ständig sein sensibler Rat.

„Der Wirt von diesem Laden?“
– „Bin ich, Herr Kommissar.“
„Sie würden sich nur schaden;
erzähln Sie, wie es war!“

Natürlich ist sich gut entrüsten,
sitzt selber man so weit vom Schuss.
Zu seinen eigenen Gelüsten
Herr Meier ja nicht stehen muss.

„Könn’n nichts zum Täter sagen?
War vorher niemals hier?
Dann keine weitren Fragen.
Erst mal ein schönes Bier.“

In höchster Spannung folgt der Bürger
dem klug gefingerten Geschehn.
Der 13-zöll’ge Schlitzer, Würger
soll seiner Strafe nicht entgehn!

Das Gläschen ausgetrunken,
blickt durch der Kommissar.
„Solln die Kollegen unken,
der Fall ist mir nun klar.“

Zufrieden unser Fahnder
das Tatlokal verlässt
und setzt als Unrechtsahnder
den Bösewicht gleich fest.

Die Sendung hat damit ein Ende
und die Gerechtigkeit gesiegt.
Herrn Meier seht, sein Blick spricht Bände:
Wie rasch so’n Abend doch verfliegt!

So muss er sich denn schlafen legen
und auf den nächsten Tag vertraun,
um nach des Alltags Nackenschlägen
die heile Welt des Mords zu schaun.

Na denn, gute Nacht,
von Bengeln bewacht!

Höhenflug

HöhenflugZur Stunde, da die Straßen schweigen
und Licht sich in den Mauern rührt,
hock ich mich hin, um zu besteigen
den Pfad, der zu den Musen führt.

Wie rau er ist und stark gewunden,
wie er so steil zum Gipfel klimmt!
Und muss ihn ganz allein erkunden,
da keiner an die Hand mich nimmt.

Ein Kerzlein nur mit trübem Scheine
durchzittert mir die Dunkelheit,
und nirgends seh ich Meilensteine,
die stumm mir sagten, noch wie weit.

Da kommt mir wenigstens entgegen
der Trank, den ich als Zehrung hab,
dass ich auf solchen wüsten Wegen
nicht trocknen Halses weitertrab.

Und kein Gedanke, aufzugeben,
geht’s weiter auch nur Stück für Stück!
Sich zu den Göttern zu erheben,
braucht’s eher Zähigkeit als Glück.

Zumal ich ja schon diese Zeilen
nach oben kraxelnd mir ersann,
dass nach dem Aufstieg ich, dem steilen,
mich als Poet beweisen kann.

Schon seh ich aus den Schatten schimmern
geheimnisvoll ein großes Licht,
so groß, wie’s aus den tausend Zimmern
gigantischer Paläste bricht!

Parnass! hör ich mich bebend flüstern
und wie es lauter schlägt, mein Herz,
und bang nach diesem Meer von Lüstern
schlepp ich mich weiter himmelwärts.

Doch an dem Tore angekommen,
auf dem doch meine Hoffnung ruht,
wie matt fühl ich mich und beklommen,
wie kraftlos, ach, und ohne Mut!

Ich wage nicht, an ihr zu rütteln,
an dieser Pforte hoch und hehr,
aus Angst, die Musen möchten schütteln
sich vor Gelächter wie Homer

Wenn sie den Streuner da erblicken
mit seiner Verse dürft’ger Fracht
und ohne Einlass heim ihn schicken
durch eine finsterere Nacht.

Aus freien Stücken ich verlasse
für heut der Dichtung heil’gen Grund.
Doch glaube keiner, dass ich passe!
Zu andrer Straßenschweigestund…

Behördengang

BehördengangFür Leute, die Kontraste lieben,
schreib diese Zeilen ich bewusst,
die ungeboren wärn geblieben,
hätt ich nicht mal zum Amt gemusst.

O Wartesaal der Extraklasse –
gigantisch, trostlos und steril!
Wohin die ganze Menschenmasse?
Identität als Reiseziel!

Und so, wie man die Abfahrtzeiten
sieht angezeigt auf der Station,
sah ich auf Monitoren gleiten
die Wartenummern. Legion!

Dass erst nach zwei geschlagnen Stunden,
als endlich meine Glückszahl kam,
erbarmend sich des späten Kunden
der Staat mich in die Arme nahm.

(‘ne Dame von charmantem Wesen,
die freundlich ihre Pflicht versah,
beileibe kein Beamten-Besen,
den eher ich erwartet da!)

Doch halt! Nicht in die Ferne schweifen!
Hier geht es um die Wartezeit:
Denn plötzlich kam (schwer, nicht zu pfeifen!)
‘ne richtig Hübsche reingeschneit

Und setzte sich mir zum Entzücken
direkt aufs Stühlchen neben mir,
dass ich auch ohne groß zu rücken
ihr nah war wie ein Kavalier.

Schnell hab ein Schwätzchen ich begonnen,
ein kluges Wörtchen kühn gewagt,
und dieser Inbegriff der Wonnen
hat mir die Antwort nicht versagt.

Chat zweier Generationen –
und deren Kluft war gar nicht krass.
Das Kind verriet, in Hamm zu wohnen,
und brauchte einen Reisepass.

Ob denn der alte abgelaufen?
Gewiss. Was sie auf Trab gebracht –
sie könne sich die Haare raufen,
dass sie nicht eher dran gedacht

Sie wolle bald in Urlaub fliegen.
Nach Übersee? Ja, nach Peru.
O Gott, ich könnt die Motten kriegen,
dass ich mich immer so vertu!

Da ist mir spanisch vorgekommen,
was von der Anden hoher Flur!
Ach, hätt ich sie vom Typ genommen
und nicht von ihrer Zunge nur!

Als Engel ist sie mir erschienen
von schwarzem Haar und brauner Haut,
ich weiß nicht, welchem Herrn zu dienen –
ich habe blindlings ihr vertraut.

Nicht um die Jungfrau zu begrüßen
mit froher Kunde kam sie her,
nein, um die Zeit mir zu versüßen,
als ob auch ich gesegnet wär.

Ein Wiedersehn wird es nicht geben;
da ist ja noch ‘ne größre Kluft.
Doch wird sie in mir weiterleben –
als Bild, als Klang, als Nähe, Duft.

Flugwunder

FlugwunderFür einen Stern würd ich’s gern halten,
der stur nicht auf der Stelle klebt
und spottend der Naturgewalten
bedächtig über Dächer schwebt

Was nur ‘ne nüchterne Maschine,
die lautlos langsam niedersinkt
und mit bewährter Flugroutine
ihr Völkchen in den Hafen bringt!

Doch halt! Dem Stern will ich bestreiten,
dass er das größre Wunder ist.
Er war’s nur bis zu diesen Zeiten,
da fliegend man den Raum durchmisst

Anstatt dass man auf Schusters Rappen,
in Kutschen oder hoch zu Ross
gezwungen, durch die Welt zu tappen,
die einem so sich kaum erschloss.

Ein Gegenstand von solcher Schwere,
noch durch die Menschenlast vermehrt,
bewegt sich in der Lüfte Leere,
wie Helios seinen Wagen fährt!

Das will mir wie ein Wunder scheinen
wie Jungfraun, die vom Geist gebärn,
auch wenn die Besserwisser meinen,
es ließ mit Auftrieb sich erklärn.

Da ist dem Menschen was gelungen,
wozu sonst Götter nur imstand,
in Sphären ist er vorgedrungen,
die einst man unerreichbar fand

Und keinen Boden ihm mehr bieten,
an den sein Fuß sich klammern kann,
liest ihm der Himmel die Leviten
mit Turbulenzen dann und wann.

Gleichwohl, des Wunders prakt’sche Seite:
Man wirft die ird’schen Krücken fort
und, dass der Horizont sich weite,
besteigt man des Vehikels Bord

Durcheilend Länder, Kontinente
mit Siebenmeilenstiefel-Schwung,
weit rascher als der Storch, die Ente
auf ihrer großen Wanderung.

Und ist auch sonst ihm überlegen,
dem Stern, der da so glänzend thront:
Kein Leben kann sich auf ihm regen –
das Luftschiff aber ist bewohnt.

(Ja, dort im Schummer der Kabine,
ein dumpfes Brausen wohl im Ohr,
bereitet mit gespannter Miene
man auf die Landung sich jetzt vor.)

Ich sah, wie es vorbeigeflogen
und wie sein Herz im Takt geblinkt.
Längst hat die Nacht es aufgesogen.
Fast hätte ich ihm zugewinkt.

Im gewohnten Trott

Im gewohnten TrottIm neuen Jahr am vierten Tage.
Zum vierten Male Abend auch.
Und wieder ich am Griffel nage
und würg mir Verse aus dem Bauch.

Und immer noch die gleiche Szene
mit Waschmaschine, Kühlschrank, Herd.
Der Wasserhahn als Hippokrene,
der Küchenstuhl als Musenpferd.

So schwer gerüstet mit Geräten,
die ohne Charme und Poesie,
bin auf dem Ritt ich, auf dem späten,
ins Wunderland der Fantasie.

(Wenn in dem nüchternen Ambiente
ich leidlich meine Kunst schon nähr,
wozu im Luxusappart’mente
die Denkerstirn wohl fähig wär!)

Indes, was soll ich mich beklagen?
Seh ich nicht stets zum Fenster raus
und seh mit bleibendem Behagen
mir vis-à-vis das Nachbarhaus

Mit seiner nächtlichen Fassade,
die wie mit Würfeln Lichts gespickt,
wo ein verwandter Stadtnomade
noch fernsieht oder Socken flickt?

Und seh ich nicht den dunklen Bogen,
in dem der Himmel sich erstreckt,
mal schimmernd grau von Wolkenwogen,
mal glänzend von Gestirn bedeckt?

Und wenn ich grad im tiefsten Sinnen
am wenigsten darauf gefasst,
den Mond nicht plötzlich übern Zinnen,
wie hoch er gleitet ohne Hast?

Die Enge meiner dürft’gen Klause,
macht sie die Aussicht denn nicht wett?
Muss, wenn ich körperlich so hause,
mein Geist auch ins Prokrustes-Bett?

Er weiß die Perlen schon zu finden,
mit denen man die Lyra schmückt,
und kennt die Kunst, den Kranz zu binden,
der Lorbeern auf die Schläfen drückt!

Und will auch gar nicht müde werden,
er hat ja mächtig Spaß dabei
und fühlt sich unter Küchenherden
wie auf dem Helikon so frei.

Wie dass ich diesem Jahr versage,
was mir von jeher wichtig doch?
Freu mich auf jeden seiner Tage –
361 noch!

Moralapostel

MoralapostelWenn unsre Welt ich, die illustre,
mir etwas näher mal beschau
und kritisch die Instanzen mustre,
die stützen den Gesellschaftsbau

Dann stoß ich immer noch auf eine,
die felsenfest als Säule steht,
obwohl so abgenutzt wie keine
und seit Millennien obsolet!

Ecrasez l’infâme! (Voltaire, 1694-1778)

Und sich in alle Lebenslagen
noch immer mit dem Anspruch mischt,
die Fackel der Moral zu tragen,
die ohne ihren Arm erlischt.

Nur von Gott her kommt die wirkliche Revolution,
die grundlegende Änderung der Welt.
(Papst Benedikt XVI., geb. 1927)

Und dabei ist ihr nicht nach Spaßen!
Ich frage mich, was größer ist:
Die Frechheit, dies sich anzumaßen?
Die Dummheit dessen, der es frisst?

Umgekehrt provoziert automat. Einwände gegen sein Handeln,
wer gegen die Prinzipien verstößt, die er selbst als
moral. Behauptet und (womögl. bewußt fälschl.)
für sein Tun beansprucht. Wir sprechen dann von Doppelmoral.
(Wörterbuch des Christentums, München 1995)

Ein flücht’ger Blick in ihre Akten,
in denen sich ihr Wesen zeigt,
verrät genug schon von den Fakten,
die sie bis heute gern verschweigt.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. (Matth. 7, 16)

Wohlweislich! Da ihr Tun und Treiben
zu keiner Zeit ein Ruhmesblatt!
Ihr Hauptzweck: alles zu entleiben,
was eine eigne Meinung hat.

Denn ein Feuer ist angegangen von meinem Zorn
und wird brennen bis in die unterste Hölle. (5. Mos. 32,22)

Nur was sie selbst für wahr befunden,
hat sie als Gottes Wort gelehrt
und hat es jedem aufgebunden,
und sei’s mit Feuer, Strick und Schwert.

Extra ecclesiam nulla salus.
(Cyprianus, um 200/210-258, und Augustinus, 354-430))

Sie schuf ‘nen Wust von Glaubenssätzen,
der, wenn verworrn auch und absurd,
für ihre steten Ketzerhetzen
zur mörderischen Richtschnur wurd.

Credo, quia absurdum. (Tertullian, um 145-220)

Und das in eines Meisters Namen,
der ohne Bosheit, Falsch und List
anstatt in Dogmen rumzukramen,
beherzt getan, was menschlich ist!

Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…
(Joh. 8,7)

(Wohl niemals sonst in der Geschichte
wurd so verfälscht, was wer gelehrt,
ein edler Geist so sehr zunichte
und grad ins Gegenteil verkehrt!)

Was hat Christus die Welt gelehrt?: Schießt einander tot;
hütet den Reichen die Geldsäcke; unterdrückt die Armen,
nehmt ihnen das Leben in meinem Namen, wenn sie zu mächtig werden…
(Emil Belzner, 1901-1979)

Und diese ausgebuffte Bande,
die sich durch Christi Lehre log,
sie kommt auch heut noch gut zurande,
verbiegend, was sie stets verbog!

Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich. Wenn sich jemand — was Gott verhüte — herausnehmen sollte, dieser unserer endgültigen Entscheidung zu widersprechen, so sei er ausgeschlossen.“ (1. Vatikanisches Konzil, 1870)

Ein Augenaufschlag: und gesungen
mit Inbrunst, die wie Demut klingt.
Und tausend Herzen sind bezwungen
von Schäfchen mit ‘nem Schafsinstinkt.

Wo Musik ist, da kann nichts Böses sein. (Cervantes, Don Quijote, 1605/1615)

(Der Todgeweihten Schrei’n und Stöhnen,
das die Jahrhunderte durchzieht,
es ließ sich auch wohl übertönen
mit so ‘nem Halleluja-Lied.)

Ein würdevolles Kesselschwenken,
dass Weihrauch rings die Luft erfüllt,
um in die Seelen sich zu senken,
die wohlig er in Nebel hüllt.

Beschwörung, feierlich gesprochen,
und Hokuspokus drumherum,
und schon ist auf den Leim gekrochen
das hochverehrte Publikum.

Die Brüder sind nicht totzukriegen,
so wenig wie der Gläub’gen Wahn:
Schamanen, die auch heut noch fliegen
zur Audienz bei Ma’at und Pan!

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir
und hörte mein Schreien. (Psalm 40,2)

Sie holn sich aus den Himmelssphären
(wofür man weidlich sie belohnt)
den Gotteswilln, d. h. den Bären,
den aufzubinden sie gewohnt.

Und unsre Zeiten, die doch schüren
des Geistes Feuer ungestüm,
lassen am Nasenring sich führen
von Clowns im Kardinalskostüm.

Als Schabernack ließ ich’s noch gelten,
als harmlos-kind’schen Mummenschanz –
doch nicht als Einbruch höh’rer Welten
zur Stärkung der Moralinstanz!

Was Kant schon glaubte zu zermalmen
mit unbestechlichem Verstand,
es wedelt immer noch mit Palmen
und Bußregistern, gottgesandt.

Man fühlt sich wie im Mittelalter,
sieht man die Herrn im Kirchenkleid,
Gebete leiernd aus dem Psalter –
Phantome der Vergangenheit.

Doch weiter gilt’s zurückzugehen
als nur ‘ne Handvoll Säkula,
wolln diesen Mumpitz wir verstehen
von Brot und Wein etcetera.

Im Altertum sind wir gefangen,
solang nicht nach der Götterwelt
auch die, die draus hervorgegangen,
der Pfaffen Schöpfung endlich fällt!

Sapere aude! (Horaz, 65-27 v. Chr.)

Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!
(Kant, Was ist Aufklärung? 1784)

Trüber Tag

Trüber TagEs ist erst gar nicht hell geworden.
Im Dämmerlicht der Tag verrann.
Mit tausendfältigen Akkorden
gab Grau in Grau den Ton heut an.

Und hin und wieder Nieselregen,
der kraftlos auf die Erde sank,
zu schwach, um wo sich einzuprägen
mit Wasserflecken, schwarz und blank.

Der Bäume traurige Gerippe,
sie standen seltsam still und stumm.
Der sonst riskiert ‘ne große Lippe,
der Wind trieb sich woanders rum.

Wer weiß, wo er die Backen blähte
und Frösteln in die Fluren blies,
für diese Jahreszeit, die späte,
er nichts als Wärme hinterließ.

Man konnt mit offnem Kragen gehen.
Man hat die Heizung abgestellt.
Man glaubte nicht mehr an die Krähen
auf neblig hart gefrornem Feld.

Ein Thermometer kann nicht lügen.
Die Säule ragte, dorisch schlicht,
unwiderruflich zu verfügen,
was doch dem Frühling nur entspricht.

Ach, Blumen werden uns nicht sprießen,
denn die Natur kennt ihre Zeit.
Es werden Monate verfließen,
bis ihrer Brut sie sich befreit.

Doch auch die an den Fensterscheiben
im eis’gen Hauch des Frosts gedeihn,
wir müssen in den Wind sie schreiben –
es friert nun mal nicht Stein und Bein!

Will den Kalender mal befragen,
der kennt sich ja gut aus im Jahr.
Das Datum also aufgeschlagen:
Vom Winter spricht es klipp und klar!

Hier Wettergott, hier Jahreszeiten:
Der Widerstreit ist oft enorm.
Was bräucht’s, ein End ihm zu bereiten?
Ich fürchte, ‘ne Naturreform!

 

Rund ums Fest

Rund ums FestMein Weihnachtsfest, wie soll ich sagen,
ist ohne Glanz und Gloria.
Mir reicht’s, die Zelte aufzuschlagen
wie stets der Krippe möglichst nah.

Werd also in der Küche hocken,
dass meine Fantasie sie nähr,
wenn in Sandalen (ohne Socken!)
ich Verse aus dem Bauch gebär.

Es bringt, um diese zu verehren,
kein König mir ‘ne Kostbarkeit,
doch werd vom Saft ich gerne zehren,
den willig mir die Rebe leiht.

Und da ich auf poet’schem Felde
der einz’ge Hirt wohl weit und breit,
erwarte ich auch nicht in Bälde
Besucher hier von dieser Seit.

Nicht einmal Freunde und Verwandte.
Nicht einmal Esel oder Ochs.
Doch bleib ich gerne der Verbannte,
der Eremit des dritten Stocks.

(‘nen Engel würd ich gern begrüßen,
der sich in meinen Stall verirrt
und gleichsam wie auf Freiersfüßen
beschwingt mir um die Ohren schwirrt.)

Ein Kerzlein ist ja stets zur Stelle,
beflackert heimelig den Raum
und dient mir mit bescheidner Helle
als ausgemachter Weihnachtsbaum.

Und blicke ich aus meinem Koben
zum klaren Winterhimmel auf,
seh ich im Lichtgestöber droben
den Stern von Bethlehem zuhauf.

Auf diese anspruchslose Weise
auch diesmal ich das Fest begeh:
so wie ich jeden Abend leise,
doch fest im Sold der Musen steh.

Und mit dem heiligsten Bestreben,
wie man es sich nur denken mag,
der Liebe will und Wahrheit leben.
Denn Weihnacht ist mir jeden Tag.