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Dämmertörn

DämmertörnUnd wieder lauern vor der Flinte
die flüchtigsten Gedanken mir,
dass ich sie schieße und in Tinte
aufs Blatt, auf meine Strecke schmier.

So flüchtig etwa wie der Schimmer,
der westlich noch das Meer bedeckt,
als in der Dämmrung ich wie immer
die Nase in den Wind gesteckt.

Ein zart orangefarbner Streifen
lag hell noch überm Horizont,
um bis zu`n Bergen auszugreifen,
die kalt schon warn und unbesonnt.

Doch wie ich schlurfe so und schaue,
verändert sich die Szenerie:
Das Abendrot mutiert ins Graue –
so rasch indes wie Gene nie.

An einen Vorhang musst ich denken,
der stets im Hintergrund bereit,
sich zügig nach dem Akt zu senken,
bevor noch jemand Beifall schreit.

Ich latsche, latsche und ich lande
im leeren Kinosaal der Nacht.
Zum Glück war seitlich überm Strande
der Mond noch nicht ganz ausgemacht.

Der hing da noch als Deckenlampe,
zur Sichel sparsam abgedimmt,
hoch über der verwaisten Rampe,
dass wenigstens die Richtung stimmt.

So hab ich gut nach Haus gefunden,
den Blick nach oben stets gewandt,
vom Lichte, diesem schmalen, runden,
geführt an kosmisch langer Hand.

Und dann vergingen nur Minuten,
bis ich zur Flinte wieder griff
und mir, wie schon gesagt, ihr Guten,
die Kugel um die Ohren pfiff!

Erfolgsrezept

AbgefundenDer Mann der Tat ist zu beneiden:
Nicht lange fackeln, zugepackt!
Und Ehrgeiz muss man ihm bescheiden –
kein Typ, der kleine Brötchen backt.

Wo andre lang und breit erwägen,
springt er schon aufgeregt im Kreis;
im Hintern Hummeln und im Brägen,
macht allen er die Hölle heiß.

So wird zum Macher er gestempelt,
zu einem, der nur kommt und kuckt
und, gleich die Ärmel hochgekrempelt,
mit Schmackes in die Hände spuckt.

Und zwar zu welchem Zweck auch immer –
nichts, was sein Selbst erschüttern kann,
heißt: Von der Sache keinen Schimmer,
doch treibt begeistert sie voran.

Wer würde ihn Versager nennen,
missglückte ihm mal irgendwas –
es sind die andren ja, die pennen:
„Auf wen ist heute noch Verlass?“

Doch wolln wir am Erfolg ihn messen,
nicht an der Zungenfertigkeit,
und fragen, ob herauszupressen
Gewinn gelang ihm mit der Zeit.

Na klar. Doch nicht fürs Unternehmen,
das er so rosig stets gemalt.
Nur für sich selbst – dank der Tantiemen,
die man beim Rausschmiss ihm gezahlt.

Mehr als genug

Mehr als genugSo`n Bursche hat genügend Knete,
dass es für tausend Jahre reicht,
und wenn die Welt zu Tisch er bäte,
er speiste locker sie und leicht.

Was soll er mit `nem Reichtum machen,
der ihm gewährt auf Lebenszeit
und der, selbst wenn die Börsen krachen,
ihm sicheren Gewinn verleiht?

Zuerst muss er den Leuten zeigen,
wie prächtig seine Hütte ist
und dass, um auf den First zu steigen,
der Weg nach Kilometern misst.

Als Zweites dann den Luxusschlitten,
der so viel feinen Sprit verzehrt,
dass von den Kosten unbestritten
man monatlich `nen Bauch ernährt.

Dann lässt den Gaumen er beeiden,
nur Haute Cuisine zu akzeptiern
und jede Art von Kost zu meiden,
die Prolos um den Bart sich schmiern.

Die Urlaubsreisen möglichst teuer –
Bahamas, Tonga – weit vom Schuss,
dass er des Grandhotels Gemäuer
nicht mit Mallorca teilen muss.

Und auch in allen andern Dingen,
da lieg ich sicherlich nicht schief,
will seinen Goldberg er bezwingen
mit Botten fein und exklusiv.

So stelzt er stolz und selbstzufrieden
durch seine sorgenfreie Welt,
die, weil sein Alter reich verschieden,
er für sein gutes Erbe hält.

Sein Füllhorn wird sich niemals leeren,
und lebte er in Saus und Braus.
Doch wie viel mehr müsst er entbehren,
gingen die Wünsche ihm mal aus!

Zunehmend Stückwerk

Zunehmend StückwerkGanz langsam, langsam wie auf Krücken
schleicht sich die Zeit in Fleisch und Bein,
um mir beharrlich wegzupflücken
mit jedem Tag ein Stückchen Sein.

Was schlimm genug ist. Doch noch schlimmer,
dass sie so roh zu Werke geht
wie`n Hufschmied oder Kohlentrimmer,
der triefend vor der Flamme steht

Und um das Weitre unbekümmert,
das seinem blinden Fleiß entspringt,
die Stoffe schmelzt und sie zertrümmert,
als wär dem Teufel er verdingt.

So trag auch ich denn ihre Spuren
verstreut schon längst am ganzen Leib,
die selbst mit Wässerchen und Kuren
ich nicht mehr von der Pelle reib.

Wie bei `nem Apfel, der gebraten,
die vormals glatte Haut sich wellt,
so auch dank Chronos` Missetaten
die meine mir in Falten fällt.

Und wo so gern die Winde spielen,
sei`s friedlich, sei`s im Übermut,
die Federn bis auf Reste fielen
zum Haarkranz unterm Doktorhut.

Nicht einmal mittschiffs meinen Hüften
erspart bisweilen sie Verdruss
und schickt mir jäh aus linden Lüften
`nen wohlgezielten Hexenschuss.

Dazu dann noch `ne Darmgeschichte,
die unvermittelt aufgetaucht
und die beim besten Heilsberichte
mich auch noch heute ziemlich schlaucht.

Da sollte ungetrübt sie lassen
das Auge, das sich beugt und biegt?
Es mag die Ferne noch erfassen,
doch nichts, was vor der Nase liegt.

Und schließlich hat auch, viel beschworen,
ihr Zahn die Beißer mir benagt –
die einen gingen schon verloren,
den andern nur der Rumpf noch ragt,

So dass `nem findigen Dentisten
ich mich am Ende anvertraut,
der Ersteren zu überlisten,
mein Maul zur Festung ausgebaut.

Was ist nun im maroden Leibe
nicht alles schon zurechtgeflickt!
Ob auch der Geist, aus dem ich schreibe,
noch einmal vor sich selbst erschrickt?

Graue Theorie

Graue TheorieHier einer dieser Zeitgenossen,
die Großes nur im Munde führn
und luftig stets auf hohen Rossen
den Weltgeist bei der Arbeit spürn.

Zu welchem Zweck und welchem Ziele
im Universum er verweilt
und mit des Hirnes Muskelspiele
an seinem steten Fortschritt feilt.

Und dass den winz’gen Karnivoren,
kaum sichtbar da vom Firmament,
zur Bleibe er sich auserkoren,
dass er in ihm sich selbst erkennt.

So bläst mit Hegels kräft’gen Lungen,
aus denen dieser Geist entfährt,
doch aufgehoben in den Zungen
von Marx und Engels er, verkehrt.

Soll er die Lebenszeit verdösen,
da’s Spießer selbst zu Taten drängt?
Er will, er, die Probleme lösen
und zeigen, wo der Hammer hängt.

Doch wird er je die Welt erretten,
wird seinen Sprüchen er gerecht?
Mag noch so er die Stimme fetten,
sie hehlt die Heuchelei nur schlecht.

Nicht mal in seinem eignen Hause
als Fürst des Friedens er regiert –
von allen fordernd ohne Pause,
dass man als Herrscher ihn hofiert.

Und weh’, wenn wer sich fehlverhalten
oder sich gar ihm widersetzt –
dann lässt er keine Gnade walten
und seinen Geifer auf ihn hetzt.

Nichts Neues. Über solche Sachen
Konfuzius schon weise sinnt:
Die Welt wird der nur besser machen,
der bei sich selbst damit beginnt.

Schön analog

Schön analogDa tickt mir doch was um die Ohren
ganz laut in diese Stille rein,
wo in Gedanken ich verloren
doch wähnte, völlig weg zu sein!

Doch gucke ich dann auf die Schnelle
in meiner Klause mich mal um,
entdeck ich nirgendwo die Quelle
für dieses Klopf-Kontinuum.

Von irgendeiner Uhr wird’s stammen,
doch Uhren gibt es hier genug:
Am Herde mit den glas’gen Flammen;
der Mikrowelle vor dem Bug.

Am Radio, dass man’s auch als Wecker
mit Aufwachmelodien benutz –
ach, fast an jedem Doppelstecker
haut mir die Zeit hier auf den Putz.

Das soll indes nicht Angst bedeuten,
dass er versiegt, der Zeitenfluss,
und mir sein stummes Glockenläuten
aus jedem Winkel klingen muss.

Nein, heute sind Apparaturen
der Küche halt so konstruiert,
dass über solche Einbau-Uhren
sich ihre Laufzeit reguliert.

Drum leuchten überall entgegen
mir rote Ziffern digital,
die sich minütlich nur bewegen
und nur zur nächsten ganzen Zahl.

Doch still, wie die besagten Mäuse,
weil eine Stimme ihnen fehlt:
der Zeiger drinnen im Gehäuse,
der hechelnd die Sekunden zählt.

So dass den Täter wir nun hätten –
die Wanduhr war’s, die ich gehört!
Doch will ich ihren Ruf gleich retten:
Ihr Schweigen hätt mich mehr gestört!

 

Ein Vorbild

Ein VorbildDie Dichter sehen alle aus,
als ob sie Krischan hießen;
sie tragen einen dünnen Flaus
und sind auch sonst zum Schießen.

Ich schieße keine Dichter tot
und lass auch diesen leben,
obwohl er uns aus Reimesnot
gefüttert mit „Zibeben“.

So hoch wie er am Himmel steht,
das werd ich nie erreichen.
Doch dass er früh sich müht und spät,
darin möcht ich ihm gleichen.

Schlafökonomie

SchlafökonomieDu hast den Teller leergegessen,
den letzten Bissen weggeputzt
und darfst dich nun mit Wesen messen,
die stets den Mittagsschlaf genutzt.

Macht Spaß, die Beine auszustrecken,
dass man die Sofalehne spürt,
und sich wie ’n Dachs im Bau zu recken,
der Schlummer nur im Schilde führt.

Gibt es ein größeres Behagen
als dies, das die Natur uns schenkt?
Sich kurz mal in die Büsche schlagen,
in seichte Träume nur versenkt?

Das A und O: Den Wecker stellen.
‘ne halbe Stunde ist erlaubt.
Denn in den „Widrigenfalls-Fällen“
uns Morpheus in die Arme raubt.

Da kann ich aus Erfahrung sprechen.
Bin öfter schon mal eingenickt,
wenn wo auf weichen Liegeflächen
kein Zeiger mir die Zeit getickt.

Nehmt dies wie Salomonis Sprüche
als schlichte Lebensweisheit hin –
als Moritat aus meiner Küche,
die Mörderisches nicht im Sinn.

Ich will’s zum Dogma nicht erheben
mit Siegel päpstlich und mit Brief –
wenn hundemüde auch soeben,
weil ich, wer weiß, tagsüber schlief?

 

Voll erwischt

Voll erwischtKaum hatt‘ heut früh ich aufgeschlagen
die Augen Richtung Zimmerdach,
erfasste mich ein Unbehagen
ganz deutlich, wenn auch erst noch schwach.

Und wie ich so in dieser Phase
mich bang noch fragte nach dem Grund,
verhalf ein Kribbeln in der Nase
mir jäh zum richtigen Befund.

Denn dieser Hohlraum, der zum Riechen
uns mitten vors Gesicht gepappt,
hat, wässrig-wund dahinzusiechen,
nur schniefend noch nach Luft geschnappt.

Mir wird’s ein ew’ges Rätsel bleiben –
wie kann das über Nacht geschehn:
Sich abends träg den Zinken reiben
und morgens ihn so rot zu sehn?

Doch Wissenschaft einmal beiseite,
es galt den Fakten sich zu stelln.
Rasch also suchte ich das Weite,
um Holz fürs Schnupftuch mir zu fälln.

Indes hab weitere Aktionen
ich mir für heute dann erspart
und, um die Nase recht zu schonen,
mich schräg im Zimmer aufgebahrt.

So schlummerte ich noch ‘ne Weile
und hoffte auf den Heileffekt.
Der allerdings, ganz ohne Eile,
hat nach der Decke sich gestreckt.

Fast sprachlos

Fast sprachlosDie Sprachverwirrung Marke „Babel“
ist allenthalben hier präsent,
da oft mit ganz verschiednem Schnabel
Tourist versehn und Resident.

Die Ladys und die Gentlemänner,
die von Britannien hergesandt,
ha’m als geborne Englischkenner
unweifelhaft die Oberhand.

Sie sind in größter Zahl zu finden
in dieser Küste Hinterland,
doch weigern sich, das Hirn zu schinden
mit Lauten, die ihm unbekannt.

Franzosen? Auch nicht schlecht vertreten
in dieser Volksmenagerie,
um eine Sonne anzubeten,
die heißer noch als im Midi.

Doch auch nicht scharf drauf zu verlassen
der Zunge eingeschliffnen Schlag,
um sich dem Fremdwort anzupassen,
wie sehr es auch verwandt sein mag.

Und dann die deutschen Pensionäre –
oft rührend ums Idiom bemüht,
doch dank der nord’schen Geistesschwere
nur stammelnd, was im Brägen glüht.

Was hier auf span’schem Grund und Boden
der Gast meist unverfälscht bewahrt,
sind Kommunikationsmethoden
nach Kauderwelsch- und Pidginart.

Doch nun zu dir, du Kritikaster,
des Finger nur auf andre zeigt:
Bis frei du von dem Stammel-Laster,
dem du die Meinung grad gegeigt?

Gewiss nicht, wenn ich’s offen sage,
da würgt sich manches kläglich raus,
was lieber ich zu Markt nicht trage
aus meinem dürft’gen Gaumenhaus.

Doch Mühe würd ich nicht bestreiten
dem polyglott gestimmten Geist –
vielleicht dass ihm in spätren Zeiten
der Faden nicht so schnell mal reißt.