Archiv der Kategorie: Allgemein

Fast wie neugeboren

Fast wie neugeborenEin neues Leben soll beginnen,
nachdem das Übel endlich weg,
nachdem der Brand im Bauch da drinnen
erstickt mit klinischem Besteck.

Vertauscht mit meinem schlichten Kissen
das Krankenbett, dies Wunderding,
das ganze Strippenzeug zerrissen,
mit dem ich da am Galgen hing.

In der Umgebung, der vertrauten,
vollende sich der Heilprozess,
bis stolz die Bulletins verlauten:
„Genesen und gesund.“ Indes

Soweit des frommen Wunsches Denken.
Und nun die bittre Wirklichkeit:
Die Knochen mich mit Schwäche kränken,
sind lange noch nicht dienstbereit.

Wie Watte fühlen sich die Beine,
wie Pudding noch die Arme an,
dass mit dem Rumpfe im Vereine
ich kaum drei Schritte gehen kann.

Dann bin ich auch schon aus der Puste,
dass ich ein Weilchen stehen bleib,
wobei ich japse und mir huste
die Seele rasselnd aus dem Leib.

Und dann die Treppe, meine Fresse,
wie sie den dritten Stock erklimmt!
Verflucht die luftige Adresse,
die mir den letzten Atem nimmt!

Und angelangt am heim’schen Herde,
leg ich erschöpft mich erst mal flach,
damit des Sofas Muttererde
mir mählich wieder Beine mach.

So theoretisch wohl genesen
mit Arztes Segen und Attest,
bin ich doch ein gebrechlich Wesen,
das noch zu wünschen übrig lässt.

Doch will ich in Geduld mich üben
und hoffnungsvoll der Dinge harrn.
Kommt Bess’rung nicht in kleinen Schüben?
Spinnt dicker, Parzen, euer Garn!

Abkühlung

AbkühlungDer heut so hitzig angefangen,
er hat sich abgekühlt, der Tag.
Die Sonne ist ihm durchgegangen –
ich schätze, dass es daran lag.

Er hatte sie ins Herz geschlossen
und fest an sie geglaubt.
Wie elend ist er nun, verdrossen,
des Lebensmuts beraubt!

Sie hat mit ihm nichts mehr am Hute,
ihr reicht das kurze Rendezvous.
Das Feuer, das ihr wallt im Blute,
es treibt sie einem andern zu.

Ich kann es ihm gut nachempfinden,
dies abendliche Herzeleid,
würd mich ja selbst auch lieber binden
an eine Schöne lange Zeit.

So schleicht er stille denn von dannen
im schwarzen Überwurf der Nacht.
Man sieht das Himmelszelt sich spannen –
die Glut der Sterne rings entfacht.

Drinnen und draußen

Drinnen und draußenJetzt müssen ja die Rosen blühen
an Hecke und an Strauch,
mit Wangen, die wie Feuer glühen
vom heißen Zephirhauch.

Jetzt müssen ja die Lilien ragen
aus dichtbegrüntem Grund,
jetzt der die Blätter hochgeschlagen,
der Purpur-Türkenbund.

Jetzt muss mit seiner Kolbentraube
der Aronstab auch stehn,
jetzt um die heimelige Laube
der Weißdorn Blüten säen.

Jetzt glänzt am busch’gen Wegesrande
gewiss Johanniskraut,
und auf geblümtem Gartenlande
die Malve rosa blaut.

Jetzt sieht in aufgeschoss’nen Wiesen,
dern Kräuter Legion,
zuallererst man diesen:
den flammend roten Mohn.

Der Sommer führt den bunten Reigen
der Blumenvölker an,
Zikaden, die ihm dazu geigen
mit Hacke und mit Spann.

Und unsre Sonne gießt darüber
ihr Licht, das lau und lind,
indessen leichte Nasenstüber
verteilt ein lust’ger Wind.

O welche Lust und Lebensfreude
strahlt jetzt die Erde aus –
da kränkelnd ich die Zeit vergeude
im bleichen Dämmer meines Baus!

Bunte Mischung

Bunte MischungOje, ist der geladen,
spuckt Gift und Galle aus!
Das Blech nahm doch nur Schaden –
und lässt die Sau gleich raus!

Na, manche haben’s eilig,
bei Rot schnell rüber noch.
Schwörn notfalls hoch und heilig:
Die Ampel grünte doch!

Was ist das fürn Gedröhne,
das lärmt ja lichterloh!
Die reinsten Rattertöne –
‘n Hubschrauber, ach so!

Paar Stimmen, die sich zanken.
Ein kleiner Kerl, der weint.
Zwei Zecher, wie sie schwanken
in sel’gem Suff vereint.

Ein Kradler pest die Piste
in irrem Speed dahin.
In Flensburg diese Liste
kommt ihm nicht in den Sinn.

Die muntren Spatzen hüpfen
und schnappen nach Insekt.
Den Hut vor’nander lüpfen
Jurist und Architekt.

Auch zeigt der Mond bisweilen
sein strahlendes Gesicht
und taucht die Häuserzeilen
in mattes Silberlicht.

Es können sich auch freuen
die Gurrevögel hier,
weil Körner öfter streuen
die Menschen im Quartier.

Da heult ein Krankenwagen
sich grad ‘ne Schneise frei.
Der Ton schlägt auf den Magen –
damit er wirksam sei!

Im Park gleich um die Ecke
schnäbelt ein Liebespaar.
Die Straßen sind heut Strecke
für ‘ne Athletenschar.

Dazu ein Riesenrummel!
Spontanes Straßenfest.
Man macht ‘nen kleinen Bummel –
der Alkohol den Rest.

Das soll erst mal genügen.
Mehr passt auch nicht aufs Blatt.
Sucht selbst hinzuzufügen
so Szenen einer Stadt!

Nach Büroschluss

Nach BüroschlussDie Rechner sind runtergefahren.
Die Putzfrau erobert das Feld.
Beamte ihr Siegel verwahren
im Safe bei Papieren und Geld.

Mit Sorgfalt die Türen verschlossen.
In Ordnung der Schreibtisch gebracht.
Verwaist von Belegschaft und Bossen
verdämmert der Raum in die Nacht.

Die Ordner, sie reihen im Schranke
sich regungslos bis in die Früh.
Die Maus, auf dass Ruhe sie tanke,
verzichtet sogar aufs Menü.

Die Hefter, die Locher, die Klammern,
sie liegen nun müßig herum.
Doch keinen da hörte man jammern,
sie nehmen die Pause nicht krumm.

Hat wer die Luke aufgelassen,
weht kühl es ins Zimmergeviert.
Es trocknen dann schneller die Tassen,
der Kaktus am Fenster nur friert.

Auch Plankton, es rieselt vom Himmel,
das still in die Ecken kriecht,
ein winziges Staubgewimmel,
das milde nach Moder riecht.

Ins Fenster hinein schaun die Sterne,
doch niemand erwidert den Blick.
Nur draußen die Straßenlaterne
fühlt kribbeln sie leicht im Genick.

Es sitzt in diesem Kerker
kein Sträfling ein zurzeit.
Die Hand- und Geisteswerker
auf Freigang weit und breit!

Beziehen erst die Zelle
nachdem es sieben schlug.
Bürohaft nur bei Helle.
Moderner Strafvollzug.

 

Erfolgsbilanz

ZwischenbilanzDie Republik, in der wir leben,
sucht ihresgleichen auf der Welt.
Man muss nur immer fleißig streben,
dann ist man prompt auch gut gestellt.

An Arbeitsplätzen herrscht kein Mangel,
und wer Beschäftigung nicht scheut
hat schnell auch eine an der Angel,
die Kohle ihm aufs Konto streut.

So machen uns die Medien glauben,
so uns die Politik es lehrt.
Doch dass auch sauer manche Trauben,
man gerne untern Teppich kehrt.

Das mit den Jobs ist so ‘ne Sache
und spricht der Propaganda Hohn.
Da heißt es oft ja: Tu und mache,
doch bittschön für ‘nen Hungerlohn.

So manchen wird es darum geben,
der zwei- und dreifach jobben muss –
und nur fürs nackte Überleben,
geschweige denn fürn Überschuss.

Lasst uns vom Haupterfolge reden,
den unsre Herrscher stets zur Hand:
Mehr Wachstum. – Nun, nicht grad für jeden,
doch für die Reichen hier im Land.

Dern Börse wurde schön geliftet
durch Zugewinn an Gut und Geld,
wofür ins Abseits denn gedriftet
manch Bürger aus dem Mittelfeld.

Ein Mehr an Luxus und Behagen.
Und noch ein „Plus“ ist gut zu sehn:
Mehr Kinder, die mit leerem Magen
des Morgens in die Schule gehn.

Der Gier der Großen zu genügen
durch Plünderung des Mittelstands –
das scheint mir so in groben Zügen
der Herrschenden Erfolgsbilanz.

Verdacht nur, nebulös? – Mitnichten.
Die Zahlen zeigen klipp und klar:
Der Graben zwischen diesen Schichten
vergrößert sich von Jahr zu Jahr.

Das Volk indes lässt sich verschaukeln
mit Wahlversprechen dann und wann,
die’s schaffen, ihm was vorzugaukeln
vom Paradies für jedermann.

Die Wahrheit: Timokratisch werden
regiert wir von ‘ner kleinen Crew.
Und hirtenfromme Wählerherden
tragen noch selbst ihr Kreuz dazu.

Maulsperre, urban

Maulsperre, urbanDas freche Mundwerk dieser Stadt,
das tags nie stille steht,
sich ausgeplappert hat
und seufzt sein Nachtgebet.

Kaum Lärm noch auf den Gassen,
verödet der Verkehr.
Von großen Menschenmassen
ist keine Rede mehr.

Auch scheint’s, als ob die Tölen
‘nen Maulkorb angelegt,
die eben noch zum Grölen
die Lefzen wild bewegt.

Das gilt auch für so Tiere
wie Taube, Mücke, Maus,
die schon im Nachtquartiere
sich schweigend schlafen aus.

Nur eines Vogels Klage,
nicht Ruf und nicht Gesang,
erdröhnt mit einem Schlage
zu aberwitz’gem Klang.

Dann wieder tote Hose
wie ‘n Kreuzgang nachts um drei.
Das Ohr selbst ‘ner Mimose
wär jetzt beschwerdefrei.

Der Dichter kommt ins Grübeln:
Ist Kunst denn so akut?
‘ne Stille wie aus Kübeln
tät auch dem Schlummer gut.

O Paradiesesruhe –
zu schön, um wach zu sein!
Vom Versfuß weg die Schuhe,
ins Betttuch mit dem Bein!

Die Tage kürzer

Die Tage kürzerDie Tage kürzer treten.
Der Juni schon verblich.
Im Stübchen die Tapeten
beschatten früher sich.

Wenn ich zum Griffel greife,
der Verse mir verspricht,
spür ich des Tages Reife
schon an dem mürben Licht.

Und zwei, drei Strophen später,
wenn kurz ich Luft mal hol,
herrscht Finsternis im Äther
bis rauf zum Himmelspol.

War nicht die Sonne grade
als Leselicht noch gut?
Auf meinem Musenpfade
die Lampe Dienst nun tut.

Ja, jüngst zu dieser Stunde
hat’s droben noch geblaut,
wo jetzt auf schwarzem Grunde
man’s golden schimmern schaut.

So weiter ohne Ende.
Der Sommer kommt und geht.
Der Herbst. Die Winterwende.
Und schon der Lenzwind weht.

Gewiss ein wüster Reigen,
der sich der Zeit empfahl,
in deren Fluss wir steigen
auch nur ein einz’ges Mal.

Und ich in diesem Schwunge
hielt wirbelnd immer Schritt!
Wie lange macht die Lunge
und alles das noch mit?

Ein Feierabendszenario

Ein FeierabendszenarioIn den Häusern, die da drüben
stumm sich in die Schatten reih’n,
müssen Menschen sich nun üben
in der Kunst, daheim zu sein.

Unisono seit der Frühe
hat man den Moment ersehnt,
da des Tages Last und Mühe
nicht mehr aus den Poren tränt

Und entspannt man der Maloche
erst einmal den Rücken kehrt,
dass man mit ‘nem Stimmungshoche
heiter Richtung Heimat fährt.

Und was hatte man für Pläne
auf dem Weg nicht schon bereit,
lebte schon vorab die Szene
herzensguter Häuslichkeit!

Fröhlich also eingetreten
in die Wände, die vertraut.
„Musst du dich denn stets verspäten?“
Gleich ein Dämpfer durch die Braut.

Soll man da nicht Kontra geben?
Schwäche zeigen wär fatal.
„Fürstlich, wie wir wieder leben.
Zungenwurst zum zehnten Mal.“

Schweigend wird das Mahl genommen,
und die Kleinen schweigen mit.
‘Kaum ist er nach Haus gekommen,
nörgelt Papa schon, igitt!’

Irgendwie hängt nun der Segen
dieses schönen Hauses schief,
nur der beiden Worte wegen
breitet sich ein Regentief.

ER

Wenn sie meint, sie müsste maulen,
weil’s nicht nach der Stoppuhr geht,
soll sie bitte doch verfaulen,
eh ich nach dem Mund ihr red.

SIE

Lässt uns mit dem Essen warten,
und er schert sich nicht mal dran.
Spiel du mir hier nur den Harten,
bis du schwarz wirst, lieber Mann!

KINDER

Blöde, sich so anzugiften.
Sind die beiden jetzt verkracht?
Lieber gehn wir schon mal stiften.
Küsschen, Küsschen. Gute Nacht!

Auf dem Sofa Seit an Seite
hockt das Paar nicht sehr beredt,
Augen blicklos in die Weite,
wo die Krimischleuder steht.

Lustlos folgt man dem Geschehen
dieses heut’gen Thrillertipps,
und die Hand greift unbesehen
nach dem Topf mit Käsechips.

Kommen aus verletzter Seele
dennoch Worte dann und wann,
tonlos trocken bleibt die Kehle,
und man sieht sich nicht mal an.

Nun, das reine Filmvergnügen
stellt natürlich sich nicht ein,
wo sich zwei so deutlich rügen,
ihrer Ehe müd zu sein.

Leider blieb die Kluft bestehen
lange noch nach Fernsehschluss,
und zu Bett sah man sie gehen
ohne den Versöhnungskuss.

Ihren Träumen nach sie hingen,
jedes seinem eignen Traum,
und anstatt sich zu umschlingen
pflegten sie den Zwischenraum.

Doch noch ist ja aller Tage
Feierabend lange nicht
und der beiden stumme Klage
nicht das Ende der Geschicht.

Wie sie heut den Ärger teilen,
teiln sie morgen ihren Spaß.
Ja, auch in den Häuserzeilen
ringt man um das rechte Maß.

Kleines Bestiarium

Kleines BestiariumEin Käfer, der die Sonne liebt,
gerad ‘ne ruh’ge Kugel schiebt
und rücklings auf ‘nem Kresseblatt
am Bauch ein schönes Kribbeln hat.

Dem naht sich aus dem Gräserwald
ein Frosch, der eher nass und kalt
und auch nicht sehr darauf erpicht,
dass ihn besagte Sonne sticht.

Und der, das sei damit gesagt,
auch niemals lange danach fragt,
was denn da so ein Käfer treibt,
bevor er ihn sich einverleibt.

So kam es, wie es kommen muss,
der Sumsemann, der Luftikus,
gar dämlich aus der Wäsche guckt,
als ihn der Pitschepatsch verschluckt.

Wes Aug sich jetzt in Tränen löst,
sei mit dem nächsten Vers getröst’t:
Der edle Rächer sich schon naht,
der diesem Schuft vergilt die Tat.

Ein ausgewachsner Storchenmann
stakt just auf dem Gestelz heran,
als der vertilgte das Insekt
genüsslich sich die Lippen leckt.

Und da er selbst auf Beute aus,
verschmäht er nicht den jähen Schmaus
und schnappt sich flink und gar nicht faul
den Braten mit dem Klappermaul.

Was Wunder, dass das Krötentier,
das eben noch auf Wolke vier,
den letzten Seufzer ausgequakt
und so sein Leben abgehakt.

Indes der Meister Adebar
ganz glücklich mit dem Dasein war,
das er dem Quaker doch bestritt,
und selbstzufrieden weiterschritt.

O dieser Sünder, den nichts reut,
auch er hat sich zu früh gefreut!
Denn wie er so am Boden geht,
des sichren Fluges er enträt!

Und einer, dem der Magen knurrt,
des Vorteils auch gleich inne wurd
und lautlos durch die Schneise schnürt,
die ihn direkt zur Mahlzeit führt.

Der Fuchs – der in die Luft sich schwang
und jenem an die Gurgel drang,
in die er blutig sich verbiss,
bis dem der Lebensfaden riss.

An diesem kleinen Beispiel schon
zeigt sich des Friedens Illusion:
Die Wiese, schönes Blütenreich,
kommt eher einem Schlachtfeld gleich.

Es müht sich dort im Lebenskampf
ein jeder, dass er’n andern mampf,
wobei stets der, der größer ist,
mit Haut und Haar den Klein’ren frisst.

Was allerdings man doch erspart
dem Schwächeren der eignen Art.
Zwar gibt es auch mit dem Verdruss,
doch selten bis zum Exitus.

Der Mensch indes als Karnivor
nimmt sich auch seinesgleichen vor,
das heißt er zieht ihn sich nicht rein,
doch schlägt ihm gern den Schädel ein.

Das macht den Unterschied zum Tier!
Und dünkt sich doch der Erde Zier
und nennt sich Gottes Ebenbild –
ein Wesen, das aufs Töten wild!

Da lief in der Natur was schief,
dass den sie grad zum Herrn berief!
Wir hätten’s Paradies hier glatt,
wär es die Kuh an seiner Statt!