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Abendmonolog

AbendmonologDer Tag klingt wieder aus mit Reimen,
mit Versen zieht er in die Nacht,
mit Worten, die im Herzen keimen
fast wie von selbst und unbedacht.

Schon ist auch das Gerät zur Stelle,
das für den Musendienst ich brauch:
Heft, Schreiber und, Garant der Helle,
ein Flämmchen ohne Ruß und Rauch.

Den Ellenbogen auf die Kante
des buntbetuchten Tischs gestützt,
besteig ich meine Rosinante,
die grad wie Pegasus mir nützt.

Der Stift zieht fröhlich seine Kreise,
verknüpft zum Viererpack die Zeiln,
um ordentlich auf diese Weise
in Strophen alles einzuteiln.

Und so entsteht im Handumdrehen
‘ne Menge an verschnürtem Text,
die mich ermahnt, mich vorzusehen,
dass mir kein Epos draus erwächst.

Man kommt wohl leicht ins Fabulieren,
grad wenn man mit sich selber spricht
und keiner hilft zu regulieren
den Redefluss, der Dämme bricht.

Fehlt mir auch viel noch zum Poeten,
so doch nicht seine Einsamkeit,
erwünscht halb und halb ungebeten,
gibt sie schon lang mir das Geleit.

Drum hab ich in den stillen Stunden
mir gleichsam als Homunculi
die kleinen Freunde ja erfunden –
die aus dem Reich der Poesie.

Ein Meilenstein

Ein MeilensteinNun hat auf ihren Wanderungen,
von deren Pfaden sie nicht weicht,
die Erde wieder notgedrungen
des Herbstes Meilenstein erreicht.

Und weil sie’s immer so gehalten
am Grenzpunkt einer Jahreszeit
wie hier beim Übergang zur kalten,
wechselt auch diesmal sie ihr Kleid.

Sie trennt beherzt sich von dem Laube,
das grün im Sommer sie erfreut,
und lässt es welk dem Wind zum Raube,
der’s weithin auf die Wege streut.

Sie macht, dass die behalmten Fluren,
die ährenschwer der Sichel harrn,
nach deren Schnitten und Blessuren
verstümmelt aus den Stoppeln starrn.

Umwindet sich mit Nebelschleiern
wie eine Dame mit ‘nem Flor,
die statt des Lebens lust’gen Feiern
dem Witwenstande sich verschwor.

Trägt nächtlich goldene Pailletten,
die funkeln eisig klar wie Firn
und sich zu Bildern oft verketten
wie dem vom Siebenergestirn.

Dies könnt ich bloßen Augs erkennen,
da sich auch hier der Himmel spannt
und unbesehn sein Licht lässt brennen
wie über Stadt, so über Land

Läg tausendfach im Lampenscheine
nicht jegliche Fassade da,
verschlingend alles Ferne, Kleine
und übergroß dem Blicke nah.

Und Felder, deren stolze Triebe
zu bloßen Stümpfen man zerhaun,
ich kann sie hier bei aller Liebe,
in meinem Wohnquartier nicht schaun.

Drum herbstlich also nichts empfunden,
ganz eingestellt auf Sommer noch?
Ach, an des Tages kürzren Stunden
spür schmerzlich ich sein Nahen doch!

Abgetrocknet

AbgetrocknetBisweilen riss die Wolkendecke
ein wenig auf wohl hier und da,
so dass man kurz an solchem Flecke
das kühle Blau des Himmels sah.

Die Lüfte frisch, doch ohne Kälte.
Kein Blättchen zitterte im Wind,
nichts, was die letzten Pfützen wellte,
die auf den Wegen blank und blind.

Und sollt man nach der Sonne trauern,
da doch kein Tröpfchen Regen fiel?
Nach all den Stürmen, all den Schauern
lag endlich mal die Welt auf Kiel!

Welch klare, heitre Atmosphäre!
Und schärfer jegliche Kontur,
als ob nun alles greifbar wäre,
was gestern grade sichtbar nur!

So auch die Ruhe, auch der Frieden,
den uns der Wettergott gewährt,
der seinen Zorn zum Blitz zu schmieden,
jetzt andre Gegenden beehrt.

Mein Herz, es müsste sachter schlagen
in heiterer Gelassenheit –
doch grad an solchen stillen Tagen:
Wie die Erinn‘rung darin schreit!

Herbstlich beizeiten

Herbstlich beizeitenFür unsre Spatzen kaum noch Krumen,
statt Rosen Astern in der Flur:
Aus Vögeln redet sie, aus Blumen,
und immer ehrlich, die Natur.

Sie sagt: Der Sommer ist gewesen.
Sie sagt: Das Jahr nimmt seinen Lauf.
Im Süden heißt es Trauben lesen,
im Norden: Spannt die Schirme auf!

Herr Celsius muss kürzertreten,
doch dicke tut sich Herr Beaufort:
Der platzt vor Stolz aus allen Nähten
und orgelt sich in jedes Ohr.

Die Heizung langsam höherschrauben.
Den Pulli plätten und den Schal.
Bei Sturm empfohlen: Regenhauben,
die lege man zurecht schon mal.

Im satten Grün der Eichenkronen,
im mild’ren, das die Linde ziert,
sieht immer mehr man Motten wohnen:
die Blätter, die zu Braun mutiert.

Und auch an roten wird’s nicht fehlen,
sofern man auf ein Ahorn trifft,
die diesem nichts an Schönheit stehlen,
sind fürs Gedeihn sie ihm auch Gift.

Man sollte sich nicht unterstehen
dem Laub, das auf dem Weg verstreut,
bedenkenlos zu Leib zu gehen,
das hat schon manchen Fuß gereut

Der unversehns den Halt verloren,
weil ihn die Bodenhaftung floh
auf Blättern, die gegerbt, gegoren
in Schauern, Morgentau & Co.

Und dann der Lüfte kühles Schweigen,
wenn morgens dämmernd man erwacht –
kein Zwitschern hört zum Himmel steigen,
nur Lärm man, den die Mülle macht.

So muss er notgedrungen kommen,
der Herbst, wie er uns prophezeit.
Da seh ich ihn auch schon verschwommen –
im Fenster da, im Nebelkleid!

Viel Schreiberei

Viel SchreibereiDa hock ich wieder, zu diktieren
mir mein gereimtes Testament,
in Versen, immer schön zu vieren,
wie man’s von Paragrafen kennt.

Indes ist das ‘ne lange Leier,
viel länger als Notarspapier,
denn dieses Lebens Frust und Feier
verlangt ‘ne Menge Text von mir.

Schon manches Blatt hab ich gewendet,
das ich mit Strophen überhäuft,
doch ist das Opus nicht vollendet,
solang die große Uhr noch läuft.

An Wundern unsre gute Erde
noch immer neue sich ersann,
die täglich auf dem Musenpferde
bestaunen ich und schildern kann.

Selbst dieser grämliche Geselle,
als Nachtwächter ein Urgestein,
der Mond geht mir nicht auf die Pelle,
so wandelbar an Leib und Schein!

Ja, auch die allerkleinsten Dinge –
nicht eines, das dem andern gleicht.
Die Käfer, Kiesel, Schmetterlinge:
naturbelassen, ungeeicht.

Vom Nebelfeld der Krähe Klage,
der Schrei des Hirschs zur Dämmerung –
so alt wie unsre Erdentage,
dem Herzen aber ewig jung.

So viel, was sich dem regen Geiste
fortwährend in die Seele schreibt,
wobei trotz allem ihm das meiste
für immer doch verborgen bleibt.

So mag ich mich wohl noch so mühen
und komme nie und nie zu Pott,
versuch den Gaul nach vorn zu hüen –
er aber, störrisch, kurvt nach Hott!

Doch will ich’s ihm nicht übelnehmen,
verfehlt er nie ja sein Walhall –
selbst wenn wer weiß wie spät wir kämen,
wir kämen doch auf jeden Fall.

Auf Hatz

Auf HatzWas soll ich, Les`rin, von mir schildern?
Du weißt, man wird nicht jünger halt.
Doch immer noch geh gern ich wildern
im museneignen Wörterwald.

Will dir mein Wildpret denn noch munden,
dem Gaumen es noch Kitzel macht,
das auf der Hatz in vielen Stunden
zur Strecke schwitzend ich gebracht?

Gleichwohl, ich werde weiterknallen
und werf die Flinte nicht ins Korn,
mag auch so mancher Fehlschuss fallen –
so schnell ist Polen nicht verlorn.

Soll man es dilettantisch nennen –
ich brech nicht gern was übers Knie.
Doch dann: Dem Verb eins überbrennen,
dem Adjektive, halali!

Am Ende kann ich „Sau tot“ blasen,
häuft sich die Beute Reih in Reih:
Metaphern, Reime, Paraphrasen
und Punkt und Komma gleich dabei.

Und wenn es erst im Topf bereitet,
was Bessres blüht dem Kenner nicht –
Genuss, der zu den Sternen schreitet,
ein Festmahl, sag ich, ein Gedicht!

Das edle Waidwerk möge leben!
Fühlst wie Diana nicht auch Du?
Nun ja, es soll ja Leute geben,
die stört gerade der Hautgout.

Herbstmond

HerbstmondIn Nebel völlig eingesponnen,
in dem sein bleiches Licht verschwimmt,
sich weiter dürftig zu besonnen,
der Mond allmählich höher klimmt.

Schon sieht man weit ihn überragen
der Dächer schwindende Kontur
und seinen Schädelschleier tragen
gespenstisch durch die Himmelsflur.

Da schwebt er, zünftig zu beschließen
den Tag, der sanft und sonnig war
und ohne Wolken, die begießen
das dröge Erdeninventar.

Ja, mit den milden Temp’raturen,
dem Wind, der süßlich nur gehaucht,
kam noch mal richtig heut auf Touren
der Sommer gleichsam unverbraucht.

Und da zur Hälfte schon verstrichen
des neunten Monats Lebensfrist,
schätzt doppelt man den sommerlichen,
den Tag, der wie ein Glücksfall ist.

Doch mag man sich auch noch nicht sorgen,
dass dieser Sommer wankt und weicht:
Den Mond, der da im Dunst verborgen,
ihn hat der Herbst wohl schon erreicht.

Hausfrieden

HausfriedenWenn manchmal ich nach unten lausche,
streng ich mein Ohr vergebens an,
ja, selbst wenn ich den Platz vertausche,
es haften höchstens Flusen dran.

Auch stethoskopisch abzuklopfen
den ganzen Boden kreuz und quer,
es hieße nur die Muschel stopfen
mit Grabesstille immer mehr.

Kein Pieps dringt hoch aus diesen Zonen
zu mir, der ich darüberhock,
und müssen da doch Menschen wohnen:
die Leute aus dem zweiten Stock.

Die über mir den Raum behausen
mein Hörsinn eher schon ergreift,
wenn dumpf sie übern Teppich sausen,
ein Stuhlbein übern Estrich schleift.

Wenn polternd Gegenstände fallen,
ein Lachen plötzlich schrill erklingt,
wenn Worte hohl wie Echos hallen
und unterm Tritt die Decke schwingt.

Doch sind auch dies nur schwache Zeichen
von Leben, das verborgen bleibt,
als würden da Gespenster schleichen,
gesteifte Laken, die entleibt.

Und ist doch Zelle hier für Zelle
wie bei ‘ner Wabe angereiht,
der Menschen Schlaf- und Futterstelle
in inniger Gemeinsamkeit.

Indessen führen dicke Mauern
um jede dieser Klausen rum,
dass ewig einsam jene kauern,
Gebein im Kolumbarium.

Gelegentlich treff so ‘nen Knochen
im Treppenhaus ich abends spät,
doch kaum zwei Worte noch gesprochen,
herrscht wieder Anonymität.

Kann etwas Fremderes es geben
als diese Nachbarn hierzuland,
die Tag und Nacht zusammenleben
so Tür an Tür und Wand an Wand?

In steinerne Kokons sich spinnen,
unnahbar in der größten Näh,
auf engstem Raume Raum gewinnen –
des Städters Lebens-Abc.

Das mögen finstere Gestalten,
die vor dem Tageslicht sich scheun,
von mir aus für ‘nen Vorteil halten
und fehl’nder Neugier sich erfreun.

Ich aber möchte mehr erfahren
von dem, der meinen Bau hier teilt,
Distanz ein bisschen wen’ger wahren
mehr Lächeln ernten, das verweilt.

Ja, dieses ganze Leisetreten,
sei’s mit den Füßen, mit dem Mund,
es weiche einem offnen, steten
und fröhlichen Bewohnerbund!

Dazu will’s mir am besten scheinen,
ich gehe selbst aus mir heraus –
wenn ich denn treffe irgendeinen
in diesem seltsam stillen Haus.

Drückende Stille

Drückende StilleDes Tages Lärm wie weggeblasen,
Asphalt und Pflaster menschenleer.
In hunderttausend Metastasen
steigt Stille aus dem Häusermeer.

Von keinem Windstoß unterbrochen,
von keinem Seufzer der Natur.
Nur von der Wand ein leises Pochen
im Herzschlag einer Küchenuhr.

Das ganze Haus, es scheint zu ruhen.
Nicht eine Diele, die wo knarrt.
Kein rüder Tritt von Straßenschuhen
fällt auf die Treppenstufen hart.

Was Wunder, dass auch meine Stube
an dieser Stille fast erstickt,
die wie gepresst aus einer Tube
so gelhaft glasig eingedickt.

Ein Lämpchen leuchtet meinen Zeilen
mit seinem Lichte, unbewegt,
um diese Grabesruh zu teilen,
die schwerelos es weiterträgt.

Auch droben, wo die Dächer enden,
füllt Schweigen den gewalt’gen Raum,
hält Zeus, statt Blitze zu versenden,
den Zorn, den göttlichen, im Zaum.

Und diese säckeweise Funken,
die wahllos in die Nacht gestreut:
nichts weniger als feuertrunken,
nein, Glut, die sich der Asche freut.

Da gleitet etwas durch die Sterne:
ein Flugzeug, Reisende an Bord!
Doch lautlos in der großen Ferne;
ein Blinken – und schon wieder fort!

Wenn wenigstens ein Anruf wäre!
Doch auch das Telefon bleibt stumm.
Ich fühl der Stille ganze Schwere –
als Last, nicht als Mysterium.

Bei Einbruch der Dämmerung

Bei Einbruch der DämmerungAuf einmal wieder spinnt der Dämmer
die Welt in seine Schleier ein.
Das feine Vlies der Wolkenlämmer
flammt auf im letzten Abendschein.

Das satte Blau der Mittagszeiten
hat sich mit milch’gem Weiß bespannt,
es hüllt die lichten Himmelsweiten
und liegt wie Gaze auf dem Land.

Die gammlig gelben Häuserfronten
verblassen unter staub’gem Grau.
Wo eben sich noch Steine sonnten,
türmt fröstelnd sich ein Ziegelbau.

Der träge Asphaltstrom der Straße
verflüchtigt sich im Sott der Nacht.
Verschwimmende Konturen, Maße –
es fehlt nicht viel an „Schicht im Schacht“.

Schon blinzeln da und dort auch Sterne
noch müd mit kleinen Augen her,
indes hienieden die Laterne
die Flamme beugt gedankenschwer.

Die Zeiln, die aus dem Pinsel fließen,
verliern sich wo auf dem Papier
und sich dem Blicke auch verschließen,
wenn ich wie blöd nach ihnen stier.

Allmählich aus der Dichterstube
der Rest an Helligkeit entweicht,
dass wie am Grunde einer Grube
mich ahnungsvolle Angst beschleicht.

Dabei lässt alles sich erklären:
Der Tag, er hat sich ausgebrannt –
da muss die Finsternis sich mehren.
Womöglich sogar im Verstand?