Archiv der Kategorie: Allgemein

Nachtfantasie

NachtfantasieAls ob’s ein Riesenraubtier wäre,
hat sich der Bau, von nichts bewegt,
in seiner ganzen schwarzen Schwere
zur Nacht aufs Trottoir gelegt.

Kein Zucken zittert in den Flanken,
kein Härchen kräuselt sich im Fell,
nur über ihm ein leises Schwanken
von Sternen, die mal trüb, mal hell.

Die gelben Katzenaugen lauern
noch hier und da, verlöschend schon,
doch wo kein Fenster in den Mauern,
füllt Finsternis die Region.

So wird er bis zum Morgen liegen,
bis ihn der kühle Dämmer weckt,
und er, um wieder Licht zu kriegen,
den Scheitel in die Sonne reckt.

Na ja, ihr wisst schon: die Fassade
der Häuser, die vom Musensitz
ich abends sehe, wenn ich grade
mir Verse aus den Rippen schwitz.

„Die Nacht schuf tausend Ungeheuer“ –
das, was ein Dichter einst empfand
bei einem Liebesabenteuer,
es narrt noch heute den Verstand.

Man muss nicht mal durch Wälder jagen,
dass einen Angst vor Schatten packt –
auch Städte schlagen auf den Magen
mit mancherlei Gebäudetrakt.

Erst wenn der Tag mit seiner Funzel
entlarvend vor dem Monster kniet,
verkehrt die Furcht sich in Geschmunzel,
dass man so schnell Gespenster sieht.

Soll ruhig es da drüben liegen,
das Ungetüm aus Glas und Stein,
sich selbst in dunklen Träumen wiegen –
und Hüter auch der meinen sein.

 

Alte Kollegen

Alte KollegenHiermit will jener ich gedenken,
die so wie ich bei trübem Licht
durch Pinsel- oder Griffelschwenken
sich schufen manches Nachtgedicht.

Wenn ich das rasch mal überschlage,
ist ihre Zahl nicht grad gering;
schon immer galt, dass Freud und Klage
man schön sich von der Seele sing.

Das taten schon die alten Griechen,
die Römer taten’s ihnen gleich.
Doch grad so „nach der Lampe riechen“
die Verse aus der Mitte Reich.

Wang Wei, Tu Fu und all die andern,
die in der goldnen Zeit zu Haus,
ihr Lied wird ewig weiterwandern,
kommt’s auch aus China kaum heraus.

Ein Inseldasein führte lange
auch Nippons feine Poesie –
von knapper Form, doch höchstem Range,
den ihre Tiefe ihr verlieh.

Na, und so fort – durch alle Zeiten
und über alle Grenzen hin
ließ sich von Mond und Sternen leiten
der tausend Träumer Musensinn.

Ob ich auf ihren Schultern stehe?
Im Sinne, dass sie Riesen, schon,
doch nicht, weil ich drum weiter sehe –
ich finde ja nicht ihren Ton.

Mir reicht es, ihnen nachzueifern
in unermüdlichem Bemühn –
die Älter’n bleiben sie, die Reifer’n
und ich womöglich ewig grün.

(Ich bin ja nicht nur Versemacher,
sondern auch Versekonsument –
sind meine eignen nicht der Kracher,
erfreut mich halt der Konkurrent.)

In jedem Fall fühl ich mich ihnen
(vielleicht entfernt auch nur) verwandt,
da wir den gleichen Musen dienen,
auch wenn nicht stets sie gleich genannt.

So weit zu meinem Dichterhimmel,
der ewig mir im Hirn sich dreht.
Dahin, dahin! hab ich den Fimmel –
wenn nicht als Stern, dann als Planet!

Unsere kleine Welt

Unsere kleine WeltDort in der Front aus Putz und Ziegeln
glimmt hier und da ein trübes Licht.
Wie dünnes Wachs scheint’s zu versiegeln
Gemächer ohne Angesicht.

Der Fenster aufgereihte Rahmen
füllt pergamentner Schimmer nur,
perfekter Vorhang für die Dramen,
denen der Spanner auf der Spur.

Was wissen wir von Nachbarsleuten,
die einen Steinwurf nur entfernt?
Dass selbst, wenn wir die Müh nicht scheuten,
man niemals alle kennenlernt!

Und sind doch alles Zeitgenossen,
vereint zu flüchtiger Präsenz –
wie Gräser, gleichem Grund entsprossen
für einen kurzen Erdenlenz.

Muss man sie nicht schon deshalb lieben,
weil aus derselben Erde Bauch
vom Schicksal sie ins Sein getrieben
und in dieselben Stunden auch?

Die ungeboren in Äonen
mich Ungebornen nicht gekannt,
die Meiers, die da drüben wohnen,
sind heut mir übern Weg gerannt!

Der Ausruf hätte gut beschworen
die Größe der Begebenheit:
Zwei, die im Ewigen verloren,
begegnen sich in Raum und Zeit!

Stattdessen fühlt man sich betreten
und macht sich schnellstens aus dem Staub.
(„Das sind doch irgendwie Proleten;
beim nächsten Mal stell ich mich taub.“)

Das kommt nur, weil in unsrem Wesen
vom Maulwurf noch ein großer Rest.
Auch wenn wir Kant und Einstein lesen –
der Riecher klebt am Boden fest.

Die Gasse, wo uns unser Leben
die Wiege heimlich hingestellt,
sie gilt seit diesem Zeitpunkt eben
als unsre eigentliche Welt.

Mag übern Dächern sich auch dehnen
das Firmament unendlich weit,
wir Wühler („Realisten!“) wähnen,
die Bahnhofstraße sei so breit.

O Dimensionen, seid verschoben!
Zum Riesen bläst sich auf die Laus,
erklärt den Götterhimmel droben
für ihresgleichen rundheraus.

Und dieser Schwachsinn hat Methode
(Ich dank dir, Will, für dieses Wort!):
Der Winzling fühlt als Antipode
des Tierreichs sich in einem fort.

Will nur für sich in Anspruch nehmen
‘ne Seele, die nicht sterben muss,
weshalb ins Paradies nicht kämen
der Affe und der Oktopus.

(Das wäre mir ein schöner Himmel,
wo süße Kätzchen man entbehrt
und in dem reinen Menschgewimmel
es nur von Heiligen so gärt!)

Und auch wenn wir seit Sigi wissen,
das kommt von der Verdrängung her –
die Laus mag ihren Tick nicht missen
und kultiviert ihn umso mehr.

Der nie ermüdet sich zu rühmen
der nur ihm eigenen Vernunft,
der Mensch: ein Spielball von Enzymen,
so frei wie’n Keiler in der Brunft.

Und auch so „frei“, sich selbst zu hassen
in seines Nächsten Ebenbild
und keine Chance auszulassen,
die seine Lust zu raufen stillt.

Stopp! Aufhörn mit dem Schwadronieren!
Gedicht sei dies und nicht Traktat!
Ein letztes Wort nur noch verlieren:
Zur letzten Strophe denn – Spagat!

Hab gut gebrüllt – doch an der Pranke
erst zeigt sich, was ein Löwe ist.
Für alle Meiers künftig: Danke,
Gefährten meiner Lebensfrist!

Papierverbrauch

PapierverbrauchHeißt es denn nicht Papier vergeuden,
bläu Tintenzeilen ich ihm ein,
mir selber zwar zu tausend Freuden,
doch nicht der Menschheit allgemein?

Viel Holz hab ich auf alle Fälle,
doch ohne Schaden auch geritzt,
da ja der Wald als seine Quelle
auf wachsenden Reserven sitzt.

Vom Vorwurf, Raubbau zu betreiben,
bin ich damit zumindest frei.
Und dennoch bleibt dies „Warum schreiben?“
‘ne Frage, die erörtert sei.

Ich will’s auf einen Nenner bringen,
wenn’s hinterm Komma auch nicht stimmt:
Die Dinge sind’s, die mit da schwingen,
wenn Bolle den Parnass erklimmt.

Ambiente, sag ich nur, Ambiente!
Man witschert ja nicht so drauf los!
Ein Talglicht fördert die Talente,
ein Riesling zieht Poeten groß!

Dass man beim Dichten sich entspanne,
das ist das ganze A und O –
man hockt am Tisch wie in ‘ner Wanne,
wo’s wohlig schwappt um Herz und Po

Und sich die steifen Glieder lösen
im Spiel der badesalz’gen Flut,
dass man sich fühlt, als würd man dösen
zur Siesta unterm Sonnenhut.

Das ist so gut wie Meditieren –
nur dass man nicht die Lider klappt
und, um den Bauch zu amüsieren,
sich ab und zu ein Häppchen schnappt.

Der teure Haushalt der Gefühle,
hier kommt er wohl ins Gleichgewicht –
so völlig fern der Alltagsmühle
in deines Stübchens Abendlicht.

Das Schreiben? Reine Nebensache.
Nur dass die Hand nicht müßig geht.
Ein andrer Mann von andrem Fache
zum gleichen Zwecke Schrauben dreht.

Doch mag es manchmal sich ergeben,
dass mit mehr Dusel als Verstand
ein Meistervers sich schleicht ins Leben,
im wahrsten Sinn unter der Hand.

Ein Beifang nur der Atmosphäre,
in der nach goldner Ruh ich fisch.
Doch nicht ein Grund auch, dass ich mehre
die Zeit am Musen-Mußetisch?

 

Kurz nachgedacht

Kurz nachgedachtDer Abend ruht in seiner Stille,
von allem Lärm des Tags befreit,
ein Wesen ohne Wunsch und Wille
im Schattenarm der Dunkelheit.

Erloschen ist der Sonne Funken,
der tags noch glomm im Wolkenmeer,
das selber nun ins Nichts versunken,
als ob es nie gewesen wär.

Und war kein Stern mehr, ihm zu dienen,
verlor sich aus der Kammer auch
der trüb den Tag mir heut beschienen,
der Dämmer wie ein feiner Rauch.

Ein letzter Stummel von dem Kranze,
den lieb wer zum Advent mir wand,
erhellt mir dürftig nun das Ganze,
das jäh sich so verfinstert fand.

Grad hört ich noch die Reifen flitzen,
raubeinig rüttelnd am Asphalt –
jetzt leis nur, wie auf Zehenspitzen,
als hätte man sie angeschnallt.

Die Flagge auch, die sich zu sträuben
es liebt im kraulenden Südwest,
als würde jemand sie betäuben,
klebt willenlos am Maste fest.

Am Fuß der düsteren Fassaden
gleißt nackt und kalt das Neonlicht –
doch statt zum Kaufen einzuladen,
rät’s eher zum Konsumverzicht.

Und droben diese Himmelsbühne
soeben unser Mond betritt!
Wie blass wirkt aber heut der Kühne
und wie viel dünner als im Schnitt!

So kann man ihn am Morgen sehen,
wenn übernächtigt er und bleich
im Lichte muss des Sternes stehen,
der auffuhr aus dem Schattenreich.

Dann kitzeln auch der Sonne Küsse
mein Aug, das noch nach Träumen jagt,
dass sacht sie mahnen mich, ich müsse
hinaus ins Leben unverzagt.

Wie fern ist, ach, schon dieser Morgen,
da ich gehadert mit dem Tag
und, etwas Aufschub mir zu borgen,
noch lange faul im Kissen lag!

So rasch zerfließen diese Stunden,
die mit dem Zifferblatt man misst.
Die Zeiger drehen ihre Runden
so stur wie’n Gardeinfant’rist.

Wie anders, wenn wir ewig wären:
Wir lachten uns ins Fäustchen nur,
würd greinend wer sein Aug entleeren
in eines Heute flücht’ge Spur!

Doch so, wie auf der Zeit wir treiben
in unaufhaltsam stetem Fluss –
was hilft’s, dagegen anzuschreiben
im Stile eines Sisyphus?

Genug! Wir wolln die Lider schließen
vorm hellen Licht der Grübelei
und diesen Augenblick genießen
bei Gläschen Nr. 1 und 2…

Da hab ich einen Wonnetropfen,
der wohlig mir die Seele netzt.
Ich glaube (rasch auf Rebholz klopfen!),
ich glaub, die Ewigkeit ist jetzt.

Steckenpferd

SteckenpferdeWas machen die, die jetzt nicht dichten?
Unvorstellbar, dass wer’s nicht tut –
gemütlich nach des Tages Pflichten,
wenn ganz man in sich selber ruht.

Ein Gläschen schimmert feucht zur Linken,
zur Rechten sich ein Flämmchen wiegt.
Am Himmel tausend Lichter blinken,
da still der Mond vorüberfliegt.

Wie friedlich lächelt dir die Klause!
Kein Mäuschen mag dein Grübeln störn.
Und du schreibst unbeschwert „nach Hause“
ein Liedchen, fröhlich anzuhörn.

Gibt es ein größeres Vergnügen
als Zeil’n zu sä’n ins Musenfeld?
Doch andrerseits, ich will nicht lügen:
Bin grade ich das Maß der Welt?

Da wird von anderem Gemüte
wer ebenso mit Mark und Bein
‘nem Stückchen aus der Wundertüte
sich dieses bunten Lebens weihn.

Gefühlvoll in die Tasten greifen,
mit Schwung ein Trommelfell traktiern,
behänd auf allen Löchern pfeifen –
so mancher wird wohl musiziern.

Und wem es nicht vergönnt im Leben,
zu spielen selbst ein Instrument,
dem ist zumindest doch gegeben
Musik zu lauschen das Talent.

Sollt es bei Bildern anders laufen?
Manch einer selbst die Farben rührt,
doch meistens muss der Kunstfreund kaufen
ein Ticket, das zu Rembrandt führt.

Und haust nicht mancher auch versunken
in seiner grauen Werkstattwelt,
der da von Öl und Schmiere trunken
den Hammer für das Höchste hält?

‘ne andre, auch entrückt, indessen
im wohlig warmen Kämmerlein,
hat in ein Buch sich reingefressen,
als kaut’ ‘ne Schwarte sie vom Schwein.

Gespannt harrt auf dem Hosenboden
jetzt auch der Fernsehkonsument,
verfolgt des Kommissars Methoden,
mit denen er den Schuft erkennt.

Auch Leute gibt es, die nur reden,
und das vielleicht aus gutem Grund:
Mag sein, ‘s ist wegen Eheschäden,
mag sein zu neuem Liebesbund.

Nun will ich hier nicht runterbeten
der Hobbys ganzes Abc,
und auch schon deshalb kürzer treten,
weil nirgends ich ein Ende seh.

Bei so viel schönen Zeitvertreiben
(was sich ja jetzt von selbst versteht)
muss man nicht grad Gedichte schreiben,
damit die Seele Gassi geht.

Ja, wenn ich richtig es bedenke,
sitz einsam ich am Musenquell.
Des Flügelpferds verschwiegne Tränke,
sie findet sich wohl nicht so schnell.

Indessen will ich gar nicht klagen.
Darin liegt wohl ein tiefrer Sinn.
Vielleicht dass ich beim Eulentragen
athenwärts einfach einzig bin!

Kurze Erwärmung

Kurze ErwärmungDie wen’gen Autos, die noch fahren,
sie rauschen durch die feuchte Spur.
Kein Himmel heute, aufzuklaren
für Augenblicke von Azur.

Beharrlich rinnt noch immer Regen,
ein dumpfes Murmeln, dumpf und sacht,
doch jäh in hellen Trommelschlägen,
wenn eine Bö ihm Beine macht.

Dann jagen übers Eisengitter
um den Balkon, des Herr ich bin,
wie’n lust’ges Silberblitzgewitter
die kleinen Tropfenfüße hin.

Und unter diesen steten Güssen,
wie sollten sie denn fröhlich sein?
Die Fenster werden weinen müssen,
ob blind, ob trüb im Lampenschein.

Es lässt kein Mensch sich mehr erweichen,
noch durch die Nacht zu promeniern.
Die Pfützen mausern sich zu Teichen.
Die Bürgersteige vegetiern.

Und dann auf einmal diese Wärme!
Die Kehle atmet wie befreit.
Und wohlig machen ganze Schwärme
von Glühwürmchen im Leib sich breit.

Kann es denn sein, dass von den Horen
der Lenz das Zepter schon gekriegt,
obwohl das Jahr doch, neugeboren,
noch selber in den Windeln liegt?

Ich glaub, dass selten es auf Erden,
doch auch kein Kirchenwunder wär.
Was soll nur aus dem Glühwein werden?
Die Flasche ist ja erst halb leer!

Zum neuen Jahr

Zum neuen JahrWas wird das neue Jahr uns bringen?
So grübelt manche Stirne jetzt
und meint damit vor allen Dingen:
Bleibt meine Börse unverletzt?

Das Grübeln könnt sie sich ersparen.
Denn wer sie kennt, die Trickserein,
der weiß, dass auch in tausend Jahren
die Antwort leider lautet nein.

An Gründen wird es niemals fehlen,
der Fiskus ist erfinderisch.
Heut geht er nach dem Motto stehlen:
Die Schulden müssen erst vom Tisch.

Und wirklich zieht die Steuerschlinge
sich wieder enger um den Hals,
dass noch mehr Opfer sie erzwinge –
vom kleinen Manne jedenfalls.

(Vergleiche, internationale,
bezifferten erst jüngst beredt,
dass hierzulande die soziale
Gerechtigkeit auf Krücken geht.)

Ein Kreuzchen auf dem Wählerscheine
befreite von den üblen Herrn –
doch alle blöd gehaltnen Schweine,
sie folgen ihren Schlächtern gern.)

Der Punkt wär also nun im Kasten.
Wozu ist schließlich „Aldi“ da?
Nur jedes neunte Kind muss fasten –
noch sind wir nicht in Afrika!

Und sonst? Vom Geld mal abgesehen,
was kommt auf unsereins da zu?
Das sollte sich von selbst verstehen –
gibt diese Welt denn jemals Ruh?

Es werden Kriege sie erschüttern
und Wahnsinnstaten jeder Art,
sie wie gewohnt mit Blut zu füttern,
an dem ihr „Herrchen“ niemals spart.

Und weiter werden hungers sterben
die Ärmsten – Kinder allzumal,
dieweil des Krösus späte Erben
krüsch bei der Hundefutterwahl.

Und Mord wird’s geben, Hass, Intrigen –
die Menschheit bleibt gewaltbereit.
Die Tipps und Tricks dazu zu kriegen
täglich zur Krimisendezeit.

(Auf allen zig TV-Kanälen
wird das Verbrechen zelebriert,
weil nur die Gucker-Quoten zählen –
ein Mordsgeschäft, das expandiert!)

Und die sich mit Diäten päppeln,
wo immer sie die Fäden ziehn,
sie werden weiter uns veräppeln,
von Ouagadougou bis Berlin.

Die Preise werden weiter fallen –
d. h. erheblich ins Gewicht.
Man muss den Gürtel enger schnallen.
(Der Reiche aber schnallt das nicht.)

Ein Stückchen schließlich mehr in Scherben
wird auch die Umwelt wieder gehn –
bei „Ölpest“, „Gift“ und „Artensterben“
bleibt doch der „Ökonom“ nicht stehn!

Und dank der tausend Datenbahnen,
die förmlich nach Vernetzung schrein,
normiert man seine Untertanen
entzifferbar zu Zahlenreihn.

Der Papst, er wird sein Image pflegen
als des Humanen Advokat,
den zwei Millennien entgegen,
da Rom es roh mit Füßen trat.

Es werden frische Hits geboren
und Filme, die man sehen muss.
Die Liga glänzt mit Supertoren,
der Kassenwart mit Überschuss.

Gewohnt auch die Naturgewalten –
hier eine Flut, ein Beben dort,
der Schnee kann sich am Hang nicht halten,
der Krater wirft sein Feuer fort.

Kurzum, warum denn groß sich sorgen?
Die Zukunft ist nur Schall und Rauch.
Die Sensationen da von morgen,
sind es nicht die von gestern auch?

Ich will es anders formulieren:
Wer was erwartet unterm Strich,
muss übers Jahr nicht spekulieren –
er ändre selbst zum Bess’ren sich!

Ein Wettersturz

Ein WettersturzEin Wettersturz der ersten Güte!
Der Frosch sprang hoch mit einem Satz
und nahm, o dieser Abgebrühte!,
weit höher auf der Leiter Platz!

Wir halten aber ihm zugute,
dass deshalb er nach oben strebt,
weil die Natur mit kaltem Blute
und Lust am Lichte ihn belebt.

Wie eisig auch die letzten Tage!
Es hat gefroren Stein und Bein.
Ich glaub, selbst meine Wasserwaage
war froh, nicht außer Haus zu sein.

Ja, mein Balkon mit Eisengitter,
der nie sich irgendwie geregt,
der zeigte mir, damit ich zitter,
die Zähne – Zapfen, wie gesägt.

Das ist nun alles Schnee von gestern.
Wie rasch so was vertropft und taut
und Reste bleiben nur vom fester’n,
der Stadt zerfetzte Gänsehaut!

Wie nackt und schäbig sie da liegen,
entblößt von ihrem Winterfell,
die Straßen – enger sich zu schmiegen
an Sohle und an Fahrgestell!

Erleicht’rung also? Überwunden
des Frostbarts strenge Diktatur
mit langen, streusalzfreien Stunden,
die man im Schneckentempo fuhr?

Das würde an ein Wunder grenzen:
Dezember laut Kalenderblatt!
Und pflegt’s im März nicht erst zu lenzen
bei so und so viel Sonnenwatt?

Da muss der Frosch wohl noch viel klettern,
indem er auf und ab sich biegt –
o dass er bei den vielen Wettern
bloß keinen Muskelkater kriegt!

Laozis Utopia

Laozis UtopiaEin Land sei nur gering an Fläche
und klein die Zahl der Menschen auch.
Da schaff man mit des Armes Schwäche
und groß Geräte nicht gebrauch.

Gefahren soll man sich versagen
und weite Reisen sich ersparn.
Und hätt man Schiffe auch und Wagen,
soll keiner doch mit ihnen fahrn.

Und stünden Waffen zu Gebote –
es nehme niemand sie zur Hand.
Und dass man Schnüre wieder knote,
wie sie voreinst als Schrift verwandt.

Und jedem sei es dort beschieden,
dass gut er nähre sich und kleid.
In jedem Hause herrsche Frieden,
in allen Herzen Fröhlichkeit.

Das Nachbarland lieg gleich daneben,
dass Hund und Hahn herüberschallt –
doch nie soll wer sich hinbegeben,
und werd er hundert Jahre alt.

Dao Dejing, 80