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Laozi spricht

Laozi sprichtKann Wahr und Falsch zu unterscheiden
und Gut und Böse wer mich lehrn?
Das, was die Leute gerne leiden,
das eben halten sie in Ehrn!

Bleib ich denn ewig ausgestoßen?
So strahlend alle, Mann und Frau,
als ging’s zum Opferfest, zum großen,
auf Türme hoch zur Frühlingsschau.

Nur mir ward noch kein Weg beschieden;
wie’n Säugling, dessen Blick noch leer,
bin ziellos ich und irr hienieden,
als ob ich ohne Heimat wär.

Wie reichlich allen es gegeben,
indes ich arm mein Dasein frist,
und wie viel Glanz in ihrem Leben,
da meines wirr und trübe ist!

Wie klug, die in der Welt da weilen
und nicht wie ich verschlossen sind,
der immerfort bereit zu eilen
nach hier und da wie Welln im Wind.

Von Zwecken wissen sie und Zielen,
da ich wie ‘n Bettler müßig bin.
Nur ich schein anders als die vielen –
und zehr doch gern vom großen SINN.

Dao Dejing, 20

Im Laufe des Abends

Im Laufe des AbendsSchon sammeln sich die Schatten wieder
zum stillen Trauerflug der Nacht,
noch ohne Flitter ihr Gefieder –
nur hier und da ein Licht erwacht.

Noch huschen zwischen den Fassaden
wie Fledermäuse ohne Laut
die Tauben, gleichsam aufgeladen,
wie man so weiß sie blitzen schaut.

Das Lied der Straße ist verklungen.
Nur selten, dass sich noch entringt
ein schwacher Seufzer ihren Lungen,
der kaum bis zu den Traufen dringt.

Von Zeit zu Zeit gehn noch Passanten,
sind es noch Menschen oder nicht?,
so ohne Ecken jetzt und Kanten,
gespenstisch ohne Angesicht.

Bald sind auch sie nicht mehr zu sehen.
Was jetzt noch dämmernd, ungewiss,
wird bald mit beiden Beinen stehen
im tiefsten Sumpf der Finsternis.

Ich bohre ja mit meiner Feder
mich selber immer tiefer rein –
zieh noch bei Helligkeit vom Leder
und fechte noch bei Mondenschein.

Grad da ich diese Strophen schreibe,
denk unvermittelt ich: Wie spät?
Ich heb den Blick zur Fensterscheibe:
Kohlschwarze Flur, mit Gold besät.

Die Nacht ist weit schon fortgeschritten,
seitdem das erste Zeilenpaar
noch zögernd übers Blatt geglitten,
sich wohl bewusst der Sturzgefahr.

Da glimpflich nun die Kür gelaufen
und nicht ins Stolpern mehr geriet,
reicht wohl auch dieser Letternhaufen
für ein (zehn Strophen) großes Lied.

Du hättest auch mit neun begriffen,
o Les’rin, dass ich Schluss gemacht –
meine Maniern indes, geschliffen,
sie wünschen dir noch Gute Nacht!

Hausmittel

HausmittelAls heute Morgen ich erwachte,
war’ s Erste – da reibeisenrau –
die Kehle, die mir Kummer machte,
grad weil ich ihr viel anvertrau.

Ich wollte es genauer wissen
und brachte einen Ton hervor –
da klang ein Krächzen aus dem Kissen
wie von ‘ner Krähe an mein Ohr.

Bin ich womöglich gar erkältet?
Dann werde einer schlau daraus.
Ich hab ja nicht im Frei’n gezeltet,
genächtigt unterm Vogelhaus.

Und bin auch nicht wer weiß wie lange
in Wind und Wetter rumgetappt,
dass ich mir gleich so ‘n Ding einfange,
das mir die Gurgel heiser schrappt.

Doch nicht genug: Schon bald ich spürte,
dass auch die Nase etwas leckt’
und stets ein Tröpfchen mit sich führte,
das an die Spitze sie gesteckt.

Es wird mir, dacht ich, schon gelingen,
zu löschen dieser Übel Herd –
vielleicht mit Hildegard von Bingen
und andern Mitteln, die bewährt.

Ein Kräutlein aus dem Klostergarten,
ein Pülverchen, zerrieben fein,
so werde ich die Kur wohl starten,
um ruck, zuck wieder fit zu sein.

Gewiss. Doch hätt ich mir die Hacken
ablaufen müssen erst einmal,
um die Arzneien einzusacken,
die lindern sollten meine Qual.

Doch raus in Kälte, Nässe, Böen
war nicht der Weisheit letzter Schluss –
es konnt nur die Gefahr erhöhen,
dass ich noch schlimmer schniefen muss.

Was tun? Der rettende Gedanke
kam mir erst jetzt, im Abendlicht.
Hab ich grad hinter mir im Schranke
die Notfallapotheke nicht?

Nun sitz ich hier schon eine Weile
und spüre Bess’rung ganz nach Wunsch,
schreib eine nach der andern Zeile,
fast schon geheilt – durch Schwedenpunsch.

Herzlich willkommen

Herzlich willkommenGrüß Gott, ihr lieben Leseratten!
Schön, dass ihr mein Gedicht entdeckt,
das hiermit aus dem Musenschatten
sein Näschen in die Sonne reckt.

Ein Bier hat, wenn es nicht getrunken,
verfehlt, sagt Bismarck, den Beruf.
So könnt man auch von Versen unken,
die wer für den Papierkorb schuf.

Seid also herzlich mir willkommen,
damit mir diese blum’gen Zeiln,
für die viel Zapfzeit ich genommen,
besagten Saftes Los nicht teiln.

Ich will mir alle Mühe geben,
auf dass euch dieser Trip nicht reut
und ihr an Füßen, die sich heben
und die sich senken, euch erfreut.

Zwar kann ich nur mit Wasser kochen
und sing nicht göttlich wie Vergil,
doch dass ich reich’ an Ringeljochen,
das wär zumindest so mein Ziel.

(Wer wird da ‘ne Grimasse schneiden,
verziehn bedenklich das Gesicht?
Ich weiß, ihn mögen viele leiden –
was längst nicht für die vielen spricht.)

Die Kunst wächst nicht wie Runkelrüben
nach Bio-Bauplan im Gewann,
man muss sie vielmehr fleißig üben,
damit sie sich entwickeln kann.

Dabei ist auch Geduld vonnöten,
der Fortschritt kommt nicht über Nacht –
denn nicht nur lautes, langes Flöten
hat Jericho zu Fall gebracht.

Seid ihr noch da? Es ist so leise.
Ich fühle nicht, dass jemand liest.
Ach, wieder auf dem Abstellgleise,
und wiederum ein Tag vermiest!

Zu wenig Lyrik bei der Sache?
Vielmehr ein Poesie-Brevier?
Kein Grund, dass ich nicht weitermache.
Ich lern dazu. Vielleicht auch ihr?

Erster Schnee

Erster SchneeVerzeiht, wenn ich mich wiederhole
gewiss schrieb Ähnliches ich schon –
doch denkt an Sys- und Diastole:
Das Gleichmaß hat auch seinen Lohn!

Das gilt auch für die Jahreszeiten:
Der ewig gleiche Staffellauf,
den uns die ew’gen vier bereiten –
doch kommt da Langeweile auf?

Heut ist der erste Schnee gefallen.
Was weiter nicht verwundern mag –
so wie die Brust der Wasserrallen,
so grau war es den ganzen Tag.

Dass er dabei, was auszubrüten,
sah man dem Himmel förmlich an,
und wirklich: Winz’ge weiße Blüten,
die regnete es irgendwann.

Sie fielen nicht in dichten Schauern,
nein, spärlich und auch zögernd nur,
man sah sie kurz am Boden kauern,
und schon verlor sich ihre Spur.

Doch auf ‘ne rätselhafte Weise
gelang der Äste hartem Holz,
dass dieser Schwarm von flücht’gem Eise
an seiner Rinde nicht zerschmolz.

Gehäufelt liegen da die Flocken,
zu dünnen Streifen ausgericht’t,
wie Hühner auf der Stange hocken
auf engstem Raume dicht an dicht.

Und dieses Bild, muss es nicht rühren,
so friedlich, wie es ist, und leis?
Es lässt ja unsre Kindheit spüren,
versunkne Welten in Schwarzweiß!

Es ist, als wollt die Brut von Spinnern,
die’s wirklich bunt auf Erden treibt,
so die Natur daran erinnern,
dass sie die wahre Herrin bleibt.

So oder so

So oder soEs ist ein heißer Tag gewesen.
Ich saß zu Hause, hab gelesen,
trank Kaffee oder Tee.
So ist er mir dahingegangen,
kaum dass er grade angefangen.
Ade, mein Tag, ade!

Und wär’s ein kalter Tag gewesen,
ich hätt erst recht zu Haus gelesen,
mir dies und das gemacht.
Er wär genauso rasch zerronnen
wie mit dem Morgenrot gewonnen.
Gut Nacht, mein Tag, gut Nacht!

Und wär er heiß und kalt gewesen,
verwundert hätt ich was gelesen,
zur Hand ein Tässchen stehn.
Was auch die Wetterwend’schen bringen,
gewiss ist, dass sie jäh verklingen –
auf Nimmerwiedersehn!

 

Kleinmeister

KleinmeisterGlaubt ihr denn, dass man zwanzig Zeilen,
nein, dreißig, vierzig liefern müsst,
die Lust auf Lyrik aufzugeilen
bei dem, den keine Muse küsst?

Das Ganze kann man kürzer haben:
Ich denk da grad an das Gedicht
von unsres Goethes Heideknaben,
den einer Rose Hafer sticht.

Was macht man darum fürn Gewese,
wo es doch derart klein geriet,
dass ruckzuck ich’s herunterlese,
sofern mein Aug ‘s nicht übersieht.

Genauso das von diesen Wipfeln
(das auch der Dichterfürst gebraut),
die sich zur Grabesruhe gipfeln,
weil alle Lüfte abgeflaut

Und an dein totenstilles Ende
symbolisch dich gemahnen solln –
was braucht es Bücher da und Bände?
Zu Herzen spricht man ungeschwolln.

Das schöne Beispiel dieser Lehre,
in Nippon wird’s von je genutzt,
wo fleißig mit der Silbenschere
man die Gedichte runterstutzt.

Mit siebzehn Silben in drei Reihen
begnügt sich’s kürzeste der Art:
Lasst uns das Ohr ihm einmal leihen,
zu hören, dass es höchst apart.

Furuike ya
kawazu hairi-komu
mizu no oto

„Der alte Teich“, so würd es klingen
in Versen, wie sie uns vertraut,
„in den man einen Frosch sieht springen,
und man vernimmt des Wassers Laut.“

Was braucht es da noch weitre Worte:
Ein wunderbares Stimmungsbild!
Und dicht bei der Nirwana-Pforte,
wo’s Kleinste für das Ganze gilt.

Man müsst es auf die Spitze treiben:
Gefühl und Atmosphäre satt,
ohne ein Wörtchen nur zu schreiben –
die höchste Kunst: das leere Blatt.

Doch das wär mehr was für die Breiten,
wo man die Mini-Meister ehrt.
Wenn wir das Flügelross erst reiten,
kriegt kaum man runter uns vom Pferd.

Ihr seht ja selbst, wie rasch sich ballen
die Verse zum Format XL.
Drum lass ich jetzt die Zügel fallen
und geh dem Musengaul vom Fell.

Tragödie Faust

Tragödie FaustBeim Dichten seh ich meine Hände
wohl hin und wieder flüchtig an,
doch nicht als Glied, nur als Gelände,
in das ich meinen Griffel spann.

Doch ist mir nie was aufgefallen,
sie schienen stets mir glatt und gleich,
die Finger, Flächen, Höcker, Ballen,
die ich der Welt zum Gruße reich.

Und wie auch nicht? Veränderungen,
wie sie von Tag zu Tag geschehn,
wärn Flöhn nicht mal ins Aug gesprungen,
da sie so suutje vor sich gehen.

Das ist auch eine dieser Tücken,
mit der die Lebenszeit uns narrt:
Nie sichtbar, immer hinterm Rücken
sie leise uns zum Kirchhof karrt.

Nun, jedenfalls besagte Flossen,
die mäßig mein Gemüt erregt,
fast Zügelhalter für den Zossen
nur, der mich zum Parnassus trägt

Ich hab, wer weiß was mich getrieben,
sie einmal länger angeschaut –
die Pumpe wär fast stehn geblieben,
so was von rissig und geraut!

Ein Netz von Furchen und von Falten
durchzieht des Armes Ästuar,
dazwischen, ganz in Blau gehalten,
Geäder unter Haut und Haar.

Und keine Stelle zu entdecken,
die straff noch wäre und gespannt.
Da kann man nur noch Wunden lecken –
was für ein Schlag: Altmännerhand!

Da meint man immer so im Stillen,
man hätt sich nie was vorgemacht –
bis plötzlich dann die Glocken schrillen
und schrecklich man zum Licht erwacht.

Dies Übel lässt sich nicht mehr heilen.
Der Zeitpfeil – ach, ich weiß, ich weiß!
Wie schon gesagt: Die Tage eilen –
heut Gigolo und morgen Greis.

Und keine Chance mehr, zu verdrängen,
dass so ich das Problem umkurv:
Mein Aug hält fest nun in den Fängen
die Haut und ihren Faltenwurf.

Doch glaubt nur nicht, dass ich verzage!
Ich hoffe, dass trotz alledem
die Faust noch lange in der Lage*
zu schreiben – selbst ein Requiem.

*Dabei, bekenn ich unumwunden,
auf Renoir ich mich beruf,
in dessen lahme Hand gebunden
der Pinsel so viel Großes schuf.

 

Alter Rhythmus

Alter RhythmusEin neuer Tag, ein neuer Abend.
Es ist noch immer, wie es ist.
An einem Badischen mich labend
versuch ich mich als Wort-Artist.

Am Himmel hängt ein letzter Streifen
verwaschenen, maroden Blaus,
in das mit Flatterhänden greifen
die Flaggen auf dem Gästehaus.

Der Dächer regellose Kanten
erkennbar noch im fahlen Licht –
doch Schatten schon ihr Siegel brannten,
das erst der Morgen wieder bricht.

Das Dunkel wird mir noch bewusster
durch der Fassaden Fensterreihn.
Hier Schwarz. Hier Gelb. Ein Karomuster.
Doch spärlicher der Lampenschein.

Und über allem raunt ‘ne Stille
dir mitternächtlich schon ins Ohr,
dass du die Vor-dem-Schlafen-Pille,
das Zahnglas schon mal holst hervor.

Gelegentlich noch ‘ne Karosse,
die meint, sie müsst den Frieden störn.
Doch ihr Gebrumm ist für die Gosse,
hier oben fast nicht mehr zu hörn.

Nun ist (es dauert ja, das Dichten)
dahingeschmolzen dieser Streif
und hier und da ein Stern zu sichten
als erste Himmelsfrucht, die reif.

Nur schemenhaft sind noch zu ahnen
die Flaggen drüben auf dem Dach.
(Ich sprech bewusst hier nicht von Fahnen –
Puristen legen mich sonst flach.)

Apropos Dach: ‘ne schwarze Masse,
die weder First hat noch Kontur –
den Jungs, die ständig knapp bei Kasse,
Fanal für ihre Schränkertour.

Kaum setzt noch so ‘ne Motormähre
ihr Gummihuf auf den Asphalt.
Nur von der Kneipe in der Kehre
Palaver dumpf noch rüberschallt.

Ein neuer Tag, ein neuer Abend?
Als ob sich’s nie geändert hätt!
Die Szene. Und die Feder, schabend
die Spitze am Papierparkett.

Egal, wie wir die Tage nennen –
der Fluss der Zeit hat ein Gesicht.
Und dennoch ihm die Wasser rennen,
als wär er’s oder wär es nicht!

Ach, dies Dilemma auszubaden,
hat Heraklit uns eingebrockt!
Verzeiht indes, ich kapp den Faden:
Die Kumme leer, die Koje lockt.

Nachgedacht

NachgedachtAllein der Wein, der diese Stille
mit leichtem Gluckern unterbricht.
Ich sitz am Tisch, die Lesebrille
als Krücke vor dem Augenlicht.

Und freue mich auf klare Zeilen,
das heißt im Stile und im Sinn,
die stetig meinem Stift enteilen
als bleibender Kulturgewinn.

(Verzeiht, dies rutschte meiner Feder
wohl nur des Reimes wegen raus –
sie zieht ja sonst nicht so vom Leder,
bescheiden wie sie ist von Haus!)

Der Abend bildet die Kulisse
mal wieder für mein Küchenstück,
das Hintergründig-Ungewisse,
aus dem ich mir die Funken pflück

Dass sie den schlappen Geist erhellen,
der dunkel noch im Licht verharrt,
im düsteren der Kerkerzellen
des Tags, der uns mit Freiheit narrt.

Kurzum: Erlösung der Gedanken
aus Fesseln der Geschäftigkeit.
Und runter von den schmier’gen Planken
der Kogge, die nur kauffahrteit.

Allein der Wein, der diese Stille
mit leichtem Gluckern unterbricht.
Ich sitz am Tisch, die Lesebrille
als Krücke vor dem Augenlicht

Und lasse meinen Pinsel kreisen,
dass er mir male eine Welt,
die nicht von denen nur zu preisen,
für die sie Gold im Munde hält.

Ein Kind, das mit gereckten Händen
begeistert nach der Rassel greift,
warum muss es als Bänker enden,
statt dass es „bloß“ zum Menschen reift?

Die Unschuld, in der wir geboren,
man Stück für Stück uns wegerzieht,
bis wir sie schließlich ganz verloren
an Titel, Ehre und Profit.

Lässt sich ein größrer Irrsinn denken
für die paar Jahre hier auf Schicht?
Man soll den Großen Rasseln schenken,
dann spielen sie und schaden nicht!

Kein Wein nun mehr, der mir die Stille
mit leichtem Gluckern noch versüßt.
Sein Pegel sank; so sank mein Wille
zu wachen. Morpheus, sei gegrüßt!