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Des Abends Schweigen

Des Abends SchweigenDes Abends Schweigen, unverfroren
wie das des Täters vor Gericht.
Ich bin zum Richter nicht geboren,
hab keine Ahnung, wie man’s bricht.

Da drüben Fenster, die vertränen
ihr Gelb aus Zügen, so erstarrt,
als wärn versteinert sie im Sehnen,
das längst mehr keiner Zukunft harrt.

Am dachgezackten weiten Himmel
zeigt in Vollendung sich die Nacht –
kein Feuerfunkensterngewimmel,
wie Kohle alles, Flöz und Schacht.

Das lust’ge Blattspiel der Platanen
verdarb der Wind, der sich empfahl.
Kein Stau mehr auf den Autobahnen.
Kein Keuchen mehr im Krankensaal.

Die Möwen sind zur Ruh gegangen,
die Amseln taten’s ihnen gleich.
Die Hühner hocken auf den Stangen,
die Frösche um den Gartenteich.

Sie alle nahmen in den Schlummer
die Sorgen ihres Daseins mit,
die Küchenschabe und der Brummer,
der Weisel mit dem Bürstenschnitt

Der Marder auf dem Trockenboden
und Kumpel Maulwurf unter Tag,
der Regenwurm in Löss und Soden,
die Kokke unterm Zahnbelag.

Nie werd ich ihr Geheimnis lüften,
mit fester Faust bewahrt’s die Nacht,
die alle Wohnungen zu Grüften,
das Schweigen zum Mysterium macht.

Ja, selbst die Musen müssen schlafen,
neun Schwestern hübsch in Reih und Glied.
Zum Zähln von goldbevliesten Schafen
beflügle sie dies Wiegenlied!

Eiertanz

EiertanzVerzeiht, wenn ich mich heute wende
an euch als Kenner ausnahmsweis
und leg in eures Hirnes Hände,
was untern Nägeln brennt mir heiß!

Ich will’s erst gar nicht spannend machen:
Es geht um Eier rundheraus –
ja, selbst bei solchen runden Sachen
ist manchmal doch noch etwas kraus.

Ihr werdet sicher Beifall nicken,
wenn ich zum Beispiel dies erwähn:
Die kleinen gibt es und die dicken,
die Stall nur und die Land gesehn.

Und ihre ganze Farbpalette
erschöpft in Weiß sich und in Braun.
Nun kommt’s, was ich zu fragen hätte:
Was wir da in die Pfanne haun

Wär es nicht bunter auch zu kriegen
(mal abgesehn vom Osterei),
dass wir auch auf Ovale fliegen
mit etwa … rotem Konterfei?

Ich sehe euch entgeistert gucken –
das reicht mir auch als Antwort schon.
Die Frage schien euch nie zu jucken,
spricht sie doch der Erfahrung Hohn.

Das deutsche Ei, seit tausend Jahren
sich selber gleich wie Tag und Nacht
und in geheiligtem Verfahren
vom deutschen Huhn zu Fall gebracht

Aus gutem Grund in diesen Tönen
allein lässt die Natur es schaun,
weil diese nur dezent verschönen
die grobe Schale: Weiß und Braun.

Nun, ich hör auf, hier rumzueiern
und geb euch ein Geheimnis preis:
Bei einer meiner Frühstücksfeiern
aß eins ich – weder braun noch weiß.

Ein Grün der allerersten Sahne,
so zart und dennoch so markant,
war wie bei feinstem Porzellane
ihm in die Pelle eingebrannt.

Und nicht dass unsre guten Dänen
was zum Verkauf hier aufgefärbt,
nein, echt von Hennen und von Hähnen
und echt geworden und vererbt!

Ihr wollt mich für verrückt erklären?
Raunt von zerrüttetem Gemüt?
Es stimmt, so wahr ich hier zu Ehren
der Musen über Versen brüt!

Um solche Eier zu erlaufen,
muss man sich höllisch gut beschuhn.
Oder bei *** sie kaufen.
Direkt vom Araukaner-Huhn.

***Meine Gedichte sind ohne Werbung. Falls Sie die Bezugsquelle
wissen möchten, rufen Sie mich gern an.

Schwüle schlaucht

Schwüle schlauchtDes Jahres erste schwüle Stunden –
und endlich Abend und vorbei.
‘ne Brise hat sich eingefunden
und bläst mich wieder perlenfrei.

Das Hemd löst langsam sich vom Rücken,
mit dem ‘s so lange fest „verschweißt“.
„Bloß nicht bewegen oder bücken!“
gottlob nicht mehr das Motto heißt.

Die wen’gen Haare, die verblieben,
am Kopfe klebend tags durchnässt,
gleich Fädchen in die Lüfte stieben,
wie sie der Löwenzahn entlässt.

Den Lebensgeistern selbst, den siechen,
die dämmernd vor sich hingedöst –
als ließ man sie am Fläschchen riechen,
sind wieder Kräfte eingeflößt.

Als ob man aus dem Regenwalde
wär vom Äquator heimgekehrt
zu seiner nord’schen Trockenhalde,
die Klee statt Orchideen nährt.

Wenn dieser „Götterwind“ nicht wäre
wie aus dem Nichts jäh aufgetaucht,
hätt diese Luft, die drückend schwere,
mich wohl zu Tode noch geschlaucht.

Wird der sich aber nicht bald legen,
dass wieder hechelt man und jappt?
Der nicht, weiß Gott! – Der nicht? Weswegen?
Weil’s mit ‘nem Quirl doch immer klappt!

 

Gegen den Strom

Gegen den StromSo hat’s die Wetterfee verheißen,
so trat es denn auch wirklich ein:
Ein Tag, um Bäume auszureißen –
mit dreizehn Stunden Sonnenschein.

Heut unbedingt was draußen machen,
ein toller Tag erwartet Sie.
Der Frühling lässt es richtig krachen,
so warm war’s dieses Jahr noch nie!

Kein Wölkchen, das den Fuß nur setzte
in diese schimmernde Glasur,
als ob es selbst ihn just so schätzte,
den schier unendlichen Azur.

Dazu ging mit gemessnen Schritten
der Wind gewichtig hin und her,
als Kühlespender wohlgelitten,
als Sonnenstrahlen-Feuerwehr.

Die Temp’ratur steigt an den Küsten
auf gute dreiundzwanzig Grad,
und bis zum Harz herunter müssten
es dreißig sein – fürs Sonnenbad!

Wie bin der Fee ich recht zu Willen?
Wie folg ich ihrem Rate nur?
Auf einer Wiese Würstchen grillen?
Auf ‘nem Kanal ‘ne Paddeltour?

‘ne Menge Kilometer fressen
und sich ergehn am Meeresstrand?
In frischer Seeluft sich entstressen,
‘n Krabbenbrötchen in der Hand?

Experten warnen: Umso klarer
drohn stockender Verkehr und Staus.
Drum Vorsicht, liebe Autofahrer,
und kehrn Sie wieder heil nach Haus!

Zu guter Letzt mein altes Leiden,
das manches Schöne mir vergällt:
Ich konnt partout mich nicht entscheiden,
was mir am besten so gefällt.

Wie jener Esel unentschlossen
einst zwischen den zwei Haufen stand
und da wie dort kein Heu genossen,
dass er den Tod durch Hunger fand

So hielt’s, des schwachen Willens wegen,
auch mich wie angewurzelt fest
wie’n Grautier, das sich selbst mit Schlägen
nicht von der Stelle bringen lässt.

Hab keine Bäume ausgerissen
ekstatisch, ha, im Sonnenkult,
doch mach ich mir auch kein Gewissen
ob dieser unvererbten Schuld.

Bin gegen diesen Strom geschwommen,
der (beinah) alles mit sich reißt,
von Menschen, die „was unternommen“,
damit man sie dynamisch heißt.

Vielleicht ist manches mir entgangen,
was Freude und Entspannung schafft,
da ich zu Hause saß gefangen
in meiner Luxus-Einzelhaft.

Auf Muße, Kost und Saft der Reben
übt ich ja keineswegs Verzicht.
Ich wusst auf meine Art zu leben –
bin ich ein Esel oder nicht?

Billigbrille

BilligbrilleDas Schicksal einer Billigbrille:
dass ihr der Dorn am Bügel bricht
und ohne Halt sie der Pupille
verweigert, was sie braucht – die Sicht.

Kein Beinbruch, sollte man ja meinen,
und so kein Grund, dass man erbost:
Mit wen’gen Münzen, nicht mal Scheinen,
erwirbt man neuen Augentrost.

Doch halt! Da auch an kleinen Dingen
des Menschen Herz gar häufig hängt,
ist schwer er davon abzubringen,
dass diese größer als man denkt.

Gewöhnung! Über viele Jahre!
Selbst so’n Gestell wird einem lieb,
zum Fetisch glatt die schnöde Ware –
doch anders, als es Marx beschrieb.

Wer möcht vor seinen Klüsen missen
die Gläser, die ihn (unbefleckt)
bewahrn vor diesen Finsternissen,
wo Kleingedrucktes sich versteckt?

Und das mit ‘nem Gewicht von Mücken,
dass man den Druck kein bisschen spürt,
der sonst leicht auf dem Nasenrücken
zu einer roten Furche führt.

Design – fast hätte ich’s vergessen:
Ein Faktor, der nicht minder zählt –
zwar nicht in Dioptrien zu messen
jedoch mit Sorgfalt ausgewählt.

Nun, um den Nachruf zu beenden:
Beklagen werde ich das Stück –
bis ruckelnd ich mir mit den Händen
ein neues auf den Zinken drück.

An diesem Akt in aller Stille,
dass mein Gedenken ernst, erkennt.
Die neue: auch ‘ne Billigbrille –
die in der gleichen Weite brennt!

Abendbefindlichkeit

AbendbefindlichkeitDer größte Teil der Hausfassaden
gefällt sich schon im Trauerkleid,
doch da und dort in Licht sich baden
noch Fenster, einzeln und gereiht.

An ihrem Fuß die Ladenzeile
schwelgt allerdings im vollen Glanz
des Neons, dass sie Kunden keile
für ihren Waren-Firlefanz.

Vor diesem irdischen Gefunkel
zieht selbst der Himmel heut den Hut,
verkriecht sich in sein graustes Dunkel,
bläst Trübsal in die Sternenglut.

Der breite Strom der Wassermassen,
den tags er schleuste über Bord,
ist nun versiegt und rinnt am nassen
Asphalt als schwache Spur noch fort.

Doch mühelos kann ich ihr lauschen,
auch ohne dass ich spitz mein Ohr –
die Reifen bringen sie zum Rauschen,
das Rauschen rauscht zu mir empor.

Und mit dem Regen – wie Kumpane,
die heimlich abgestimmt ihr Tun –
ergab der Wind sich, weiße Fahne!,
und ward zum Säuseln der Taifun.

Nach eines Tages Sturm die Ruhe.
Und eine Nacht, die ihm verzeiht.
Ich greif zum Wein in kühler Truhe,
mich zu versöhnen auch bereit

Mit diesem launenhaften Leben,
dem eines tödlich nur gewiss:
Zu wild, zu wild, ihm Halt zu geben,
der Tanz von Licht und Finsternis!

Die immer rascher, rascher drehen
den lieben langen Tag sich lang,
dass ineinander übergehen
sie beinah ohne Übergang.

Hock gestern ich in dieser Ecke
und glotz da auf die Häuserreihn?
Saß morgen zu demselben Zwecke
ich hier und schlürfte meinen Wein?

Ich würde es wohl niemals wissen,
wär da die treue Chronik nicht:
Wie vom Kalender abgerissen,
doch immer anders – ein Gedicht!

Monotoner Wechsel

Monotoner WechselIst dieser Abend denn derselbe,
der gestern doch mir schon entschwand?
Im Dämmer erste Lichter, gelbe,
dann nimmt das Schwarze überhand.

(Grammatikern zuvorzukommen:
„Der gleiche“ wäre hier korrekt –
doch bin ich gen den Strom geschwommen,
weil das ja nur Interesse weckt.)

Fassaden, die im Meer versinken
von Schatten, deren Pegel steigt,
und hunderttausend Sterne blinken
als Leuchtturm, der kein Ufer zeigt.

Der Autos monotoner Reigen
stampft nicht mehr den Asphalt entlang,
die Amsel füllt dies schöne Schweigen
mit herzergreifendem Gesang.

Verschwunden alle die Figuren,
die tags da unentwegt spaziert
auf fleiß’gen und auf faulen Touren –
der Abend hat sie wegradiert.

Mit aufgerissnen Augen stieren
geschäftig Fenster in die Nacht,
die aufzuhübschen kolorieren
mit Neon ihre Flitterfracht.

Und hier und da ein leichtes Flimmern,
das bläulich durch die Luken huscht
von lichtverlassnen Fernsehzimmern,
wo Homo vor der Glotze kuscht.

In diesem Sinne fortzufahren
wär mir ein Leichtes, seid gewiss,
doch kann ich’s mir getrost ersparen,
kennt ihr doch selbst die Finsternis

Und ihre tausend Phänomene –
und folglich bestens selbst ermesst,
warum die grad geschaute Szene
am Zeitenfluss mich zweifeln lässt.

Im Grunde hock ich seit Äonen
vor diesem gleichen Bühnenbild,
dem schlichten Schauspiel beizuwohnen,
das dem urbanen Abend gilt.

(Wie andre Menschen gleicherweise,
die dieses Manko wohl nicht stört,
da man sie klatschen, nicht mal leise,
doch auch nicht buhn und zischen hört.)

Ich weiß indes auch nicht zu sagen,
ob’s anders vielleicht besser wär –
würd täglich wechselnd ich ertragen
Dramatik, groß und folgenschwer?

So: Sterne, die vom Himmel fallen
und zischend an der Luft zerschelln
und eh sie noch im Nichts verhallen
mit Blitzlicht ihre Bahn erhelln.

So: Häuser, die in jähem Beben
sich lösen halb vom Fundament,
um schwankend wo nach Halt zu streben,
bevor die ganze Hütte brennt.

So: Autos, die zusammenkrachen
(zu Schaden und der Gaffer Spott)
mit 70 oder 80 Sachen,
verkeilend sich zum Haufen Schrott.

So: Typen, die ‘nen Raptus kriegen
und wolln Randale unbedingt,
und Feuer blitzen, Steine fliegen,
Sirenen heulen, Blaulicht blinkt.

Wär das die Art von Nervenkitzel,
die meinem Affen Zucker gibt?
Ach, nicht mein kleinster Seelenfitzel,
der so was von Spektakel liebt!

Nein, lieber selbst ich Ausdruck gebe
dem Tag auf meine sanfte Tour:
Dass er nicht unbemerkt entschwebe,
streu ich ihm Verse in die Spur.

Halbjahresbilanz

HalbjahresbilanzEin halbes Jahr nun schon in Rente!
Und? Fließt sie ruhiger, die Zeit?
Vermehrten sich die Glücksmomente,
seitdem die Arbeit nicht mehr schreit?

Frühmorgens reißt kein Radiowecker
mich aus des Schlummers schönster Stund –
dem Störenfried zog ich den Stecker
und stopfte ihm den Quasselmund.

Erwacht, dreh ich mich noch im Kissen
dreimal, bevor ich ihm entwisch,
und dreimal länger kau den Bissen
gemütlich ich am Frühstückstisch.

Und auch die andern Rituale
verlaufen nun mit mehr Bedacht –
warum auch, dass mit einem Male
dem Stuhlgang man noch Beine macht?

Da mich Termine nicht mehr drücken
und keine Akten ich mehr wälz,
füll ich mit Muße mir die Lücken –
doch nicht wie auf dem Bärenpelz!

Gemächlich, doch mit festem Rahmen,
in den ‘ne neue Pflicht gespannt:
Geschäfte, die zu kurz stets kamen,
die nehm ich endlich in die Hand.

Auf Vordermann die Bude bringen,
die Patina längst angesetzt,
gehört mit Vorrang zu den Dingen,
die ich nun treibe – ungehetzt.

Doch was ich tue auch und lasse,
es ist von keinem Zwang diktiert.
Der Freiheit ganzes Ausmaß fasse
ich jetzt erst, alt und pensioniert.*

(*Dies Wörtchen dient dazu, zu spalten
Bürovolk von Beamtenschaft.
Man soll es nicht für möglich halten,
dass dieser Dünkel noch in Kraft!)

Am Sonntag geh ich Flieder gucken
entspannt am Osterbekkanal.
Der Montag kann mich nicht mehr jucken:
Zurück zum Job? „Es war einmal …“

Das Wochenend vom alten Schlage,
das ständig ich herbeigesehnt,
es hat für mich die beiden Tage
auf sieben nunmehr ausgedehnt.

Jetzt hör ich abends öfter singen
die Amsel oder wer es sei
und zwitschernd um ihr Dasein ringen
ungleich dem Rentner: vogelfrei.

Derweil im schönsten Nest ich hocke
aus hartem, wetterfestem Stein
wie unter einer Käseglocke
und schlürf gebratne Tauben ein.

Ich könnte wohl die Welt genießen
so unbeschwert wie einst als Kind –
würd auch so zäh wie diesem fließen
die Zeit, die mir wie Schaum zerrinnt!

Italia

Italia„Italia“? Ach, wie dieser Name
Erinnerungen weckt in mir
an jene schöne, stolze Dame,
die Königin von Meer und Pier!

Vom Kopfe war sie bis zum Kiele
in elegantes Weiß getaucht,
das trug sie bis zum Reiseziele,
von schwarzen Wölkchen nur umhaucht.

Und was für ausgeprägte Formen:
Der ganze Leib geübt, gestählt,
im Rahmen aller lloyd’schen Normen
vom rauen Geist der See beseelt.

Gerade, makellos geschnitten,
beinah vollkommen linear,
nur wenig Kurven dran gelitten
wie dieses hübsche Schornsteinpaar

Das, schon von Weitem zu erkennen,
hielt sein Emblem hoch übers Deck,
das von ‘ner Dame nicht zu trennen:
‘nen kugelrunden Schönheitsfleck.

Und der Erscheinung schlichte Würde
tat es die edle Seele gleich,
die wie Christophorus die Bürde
trug sicher übern großen Teich.

Stets war die „Muss-i-denn-Kapelle“
am Höft im Hafen aufmarschiert,
die ganze Tränenwasserfälle
zum „Städel“-Abschied produziert.

Dann löste langsam von der Mauer
wie widerwillig sich der Bug,
bis nach dramatisch langer Dauer
es in den Strom, auf Kurs ihn trug.

Noch hingen Blicke wie ein Krake
ihm an der schwindenden Kontur:
Jetzt „Alte Liebe“, Kugelbake,
danach verlor sich seine Spur.

Wie mittlerweile mir entschwunden
des Weins die in der Flasche auch,
die mir die Fantasie entbunden
mit groß ITALIA auf dem Bauch.

Der hat sich auf die weite Reise
ganz von Sizilien her gemacht,
zwar nicht auf jenes Dampfers Weise
mit hoffnungsvoller Menschenfracht

Doch mit ‘nem ganz passablen Tropfen,
dem man mit Freude zugesteht,
an fremde Türen auch zu klopfen,
die offen sind für Qualität.

Meisterbeschwörung

MeisterbeschwörungWie gern würd ich die Flasche teilen,
die ich jetzt vor der Nase hab,
mit einem Meister schöner Zeilen,
und weilte er auch schon im Grab!

Archilochos, das wär so einer,
der schlüge keinen Becher aus,
zumal mein Tropfen hier wohl feiner,
als was gewohnt er von zu Haus.

Auch Li Taipo, könnt ich mir denken,
und schon aus Höflichkeit allein,
ließ gern ein Schälchen voll sich schenken –
gerade jetzt bei Mondenschein!

Und auch nicht grad ein Kostverächter
war ja der Muschelbruder Franz,
der Schrecken aller Tugendwächter
nähm die Bouteille gewiss auch ganz.

Gern würde ich den Bellman sehen,
der brächte gleich die Laute mit.
Und mag er auch auf Sundgau stehen –
sagt zum Pinot er nicht igitt!

(Nie würd indes ich invitieren
Herrn Goethe, trink- und sangesfroh,
da könnte ich mich nur blamieren
mit schnödem Landwein – statt Château!)

Horaz, den liebend gern hingegen:
Der mochte alles ländlich schlicht –
und auch mal selber Hand anlegen,
beim Pflug so gut wie beim Gedicht.

Doch: Wär das wirklich auszuhalten,
säß mir da plötzlich vis-à-vis
so eine dieser Top-Gestalten
globaler Spitzenpoesie?

Ich spürte sicher Unbehagen,
und meine Zunge tät sich schwer,
das rechte Wörtlein anzuschlagen,
das jenem angemessen wär.

(Mag jeden man auch Dichter nennen,
der sich mit Versen Ruhm errang,
sind da doch Raum und Zeit, die trennen
den einen von dem andern Sang.)

Ach, sicher läg’s mir in der Kehle
allein aus Ehrfurcht wie ein Kloß,
dass ich die auferstandne Seele
mit offnem Maul bestierte bloß.

Vielleicht ist’s besser, nicht zu stören
die Geister, die dem Tod vermählt,
zumal ja heut, sie zu beschwören,
auch jene Endor-Hexe fehlt.

Sie hätten mir wohl Tipps gegeben,
wie bestens man gebunden spricht.
Nun hol ich Rat mir bei den Reben –
hat der nicht (Oechsle!) auch Gewicht?