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Mein Mondlied

Mein MondliedKein Mond ist aufgegangen.
Der Himmel, dunstverhangen,
liegt bleich und sternenlos.
Die Straßen gottverlassen,
kein Hund mehr auf den Gassen,
des Windes Stöhnen bloß.

Es schweigen die Fassaden,
die ganz in Schatten baden,
wo Stubenlicht nicht starrt.
Ein Bus brummt hin und wieder,
der heim die müden Glieder
der Unentwegten karrt.

Der Tag in stiller Trauer,
dass von so kurzer Dauer
die Frist, die ihm gewährt.
Ich danke ihm den Frieden,
der mir dies Lied beschieden
und m e i n e Trauer nährt.

Auf in den Frühling

Auf in den FrühlingAuf diesen Kerl ist in der Regel
nicht grade unbedingt Verlass –
doch heute stieg der Silberpegel
der Säule, dass er „14“ fass!

Und pünktlich mit dem ersten Tage,
für den sein Kommen avisiert,
verbessert sich die Wetterlage,
so wie sie einen Frühling ziert.

Wie wird die Krokusse das freuen,
die schon in kleinen Grüppchen stehn,
um Gelb und Lila einzustreuen,
wo sonst nur Wiesengrün zu sehn.

Sie haben lange zittern müssen,
dass Sturm sie nicht vom Stängel reißt
und ihnen Frost mit eis’gen Küssen
‘nen schlechten Liebesdienst erweist.

Auf einmal alles Schnee von gestern.
Jetzt schmiegt man sich voll Lebenslust
mit manchen andern Blumenschwestern
an eines Zephirs breite Brust.

O dieses Glück, es möge dauern –
und auch das unsre, lenzverliebt.
Doch munkelt man schon was von Schauern
und dass ein Tief sich näherschiebt.

Das wär dann wohl der Schnee von morgen –
der mich wie der verflossne schert.
Muss ich denn heute mich schon sorgen,
zerstören, was noch unbeschwert?

Ins Freie schnell hinaus, ins Grüne!
Und keinen Schal mehr um den Hals!
Ich stürze auf die Weltenbühne –
und bin Statist da allenfalls.

Die lauen Lüfte zu genießen,
ergeht sich schon das halbe Land,
beäugt von Krokussen, die sprießen
als Publikum am Wegesrand.

‘ne veritable Massenszene,
doch ohne Richtung und Regie.
Geordnet ziehen nur die Schwäne,
der Alster stolzes Federvieh.

Mit Müh ich mich und dicken Backen
durch diese Völkerwand’rung wühl.
Trät jetzt mir einer in die Hacken,
dann hätt ich gar ein Lenzgefühl!

Das Gesetz der Politik

Das Gesetz der PolitikDa ist sie wieder, die Konstante,
die Einstein mit ‘nem Geistesblitz
unendlich wie den Kosmos nannte:
der Menschendummheit Aberwitz!

So fröhlich spielt der mit dem Feuer
wie’n Kind, das die Gefahr nicht kennt,
dass erst ihm etwas nicht geheuer,
wenn längst die ganze Hütte brennt.

Politiker in allen Breiten:
„Wir haben alles fest im Griff.
Nie wird das Ruder uns entgleiten.
Nur Spinner faseln was von Riff.“

Und auf dem Staatsschiff transportieren
sie ruhig manches Pulverfass.
„So’n Ding kann gar nicht explodieren,
wir halten es ja ständig nass.“

Kawumm! Mit Donner und Getöse
zerplatzt die schöne Illusion –
erwischt es heute Nippon böse,
so uns vielleicht auch morgen schon.

Die Logik der Politschamanen,
die ständig Sicherheit beschwört,
da schleudert sie aus ihren Bahnen,
die ewig, hieß es, ungestört!

Das Chaos straft die Schwätzer Lügen,
und Angst befällt der Bürger Herz,
indes Atom in vollen Zügen
verströmt sich erd- und himmelwärts.

Und unbeständig mit den Winden
nach hier mal und nach da geweht,
lässt rasch das Strahlengift sich finden
in Wasser, Luft und Gurkenbeet.

Dann wird ermittelt und gemessen,
Verantwortung wird vorgeschützt,
die wen’ger Volkes Interessen
als denen der Schamanen nützt

Die gern des Umstands sich bedienen,
der in Vers eins geschildert ist,
dass schon beim Anblick ernster Mienen
Herr Meier seine Not vergisst.

Wenn dann die Trümmer nicht mehr rauchen,
der Wind die Strahlenpest verjagt,
beginnt man gleich, zurechtzustauchen,
was an der Wahrheit nicht behagt.

Vor allem heißt’s herunterspielen,
dass uns Gefahr vom Meiler droh:
„Wir stehn zu den bewährten Zielen.
Und Pannen gibt’s auch anderswo.“

O-Ton der Herrn mit weißer Weste.
Und ihre saubre Energie
verkaufen wieder sie als beste –
bis zu der nächsten Havarie.

Der Mensch wird wohl erst wirklich schlauer,
wenn’s für die Schläue schon zu spät
und er im letzten Teilchenschauer
mit allem vor die Hunde geht.

Auch um den Frühling wär’s geschehen,
der jetzt grad webt am Blütenflor.
Heut hab ich Krokusse gesehen –
nie kamen sie mir schöner vor.

Spät am Küchentisch

Spät am KüchentischAm Küchentisch. Die Hauskulisse
von gegenüber schon erhellt.
Es dunkelt sich ins Ungewisse.
Kontur, wo immer auch, zerfällt.

Der Abend geht auf leisen Sohlen.
Geräusche nur noch dann und wann.
Nicht einmal der Betrunknen Johlen
kommt gegen dieses Schweigen an.

Ich lass den Blick zum Himmel wandern:
die absolute Grabesruh.
Von einem Ende bis zum andern
zog dicht er sich mit Wolken zu.

Nur in den Menschentaubenschlägen,
den Mietskasernen ringsherum,
sieht Schatten manchmal man sich regen
in Lichtquadraten, still und stumm.

Und wie auch oft in irrem Reigen
da Bild für Bild vorüberzuckt,
wo seine Freizeit zu vergeigen,
Herr Meier in die Röhre guckt.

In diesem ungestörten Frieden
vernimmt erst richtig der Poet
die Stimme, die beim Verseschmieden
vom Herzen auf den Amboss geht

(Dies Bild will mir nicht recht behagen –
dann wär ja mein Patron Hephäst,
ein Kerl, gewohnt draufloszuschlagen,
dass es die Bude beben lässt

Anstatt der Musen, deren Leier
nur Saiten kennt von feinstem Guss,
dass süß sie kling bei Fest und Feier
und traurig, wo sie klagen muss.)

Und unter wohlgezielten Hieben
des Tintenrohrs in Form gebracht,
indes die Geistesfunken stieben
wie Flocken in die Frühlingsnacht.

So günstig stehen heut die Sterne
fürn Liedchen, das sich frei und frisch
weg von der Leber in die Ferne
erhebt von meinem Küchentisch!

Du kannst mir, lieber Leser, glauben:
Das ist weiß Gott die Regel nicht.
Meist hängen höher diese Trauben,
aus deren Laub man Kränze flicht.

Das kommt, weil unser Zeitgenosse
Maloche nur und Mammon kennt
und meinem schönen Flügelrosse
oft lästig in die Quere rennt

Mit Störgeräuschen aller Arten,
die aus Geschäftigkeit geborn,
dass dieser Gaul, statt durchzustarten,
am Boden bleibt mit schlappen Ohrn.

(Kann man sich einen Dichter denken,
der, wo der Presslufthammer lärmt,
noch fähig, so sich zu versenken,
dass er vom Schlag der Lerche schwärmt?)

Du siehst ja, wie die Verse sprudeln,
wenn Stille um die Schläfen weht.
Das sag ich nicht, um lobzuhudeln
der eignen Produktivität

Nein, nur als Faktum, unbestritten,
wenn man’s mit Abenden vergleicht,
an denen ich im Flug geritten
und nicht mal halb so viel erreicht.

Doch stimmt’s, was manche Denker sagen,
ein Quantum, sei es auch banal,
tendiere dazu, umzuschlagen
in Qualität mit einem Mal?

Dann hätte ich hier gute Karten,
von so viel Versen schon umringt,
und könnt vom nächsten je erwarten,
dass er noch besser mir gelingt.

Ich glaub indes, das ging’ daneben.
Genug für heute, Schluss gemacht.
Mein Bestes hab ich doch gegeben –
wenn das nicht reicht! – Dann gute Nacht!

Mein Stillleben

Mein StilllebenMan nehme ein paar Gegenstände
und kunstvoll diese arrangier,
dann Quast und Malstock in die Hände,
dass man auf Leinwand sie fixier.

Da wird dann kein Porträt entstehen,
kein Genre-, Schlachtenbild gewebt,
nein, mählich wird man wachsen sehen
ein Stück, das von der Stille lebt.

Man kann sich zig Motive denken,
doch waren Blumen stets beliebt,
wohl weil der Farbe Duft sie schenken,
der üppig sich dem Auge gibt.

Modell ließ gerne man auch sitzen
die Früchtchen der verschiednen Art:
Man konnt sie auf dem Markt stibitzen –
der Künstler hat seit je gespart.

Und dann die Schnepfen und die Hasen:
Nature morte im wahrsten Sinn!
Das baumelt mit gesenkten Nasen
vom Haken auf das Hackbrett hin.

Wie viel lebend’ger die Pokale,
die Becher, Römer, hochgestielt,
im schimmernd schönen Widerstrahle
des Lichtes, das im Glase spielt.

Ja, und noch vieles wird es geben,
was auch in diesen Rahmen passt,
doch möchte ich mich hier entheben
der kunsthistorisch schweren Last.

Doch wie steht’s mit des Meisters Gründen,
wenn Dinge so zur Schau er stellt,
die keine Botschaft uns verkünden
und keine Weisheit von der Welt?

Er will uns von sich selbst berichten,
von seines Pinsels Zauberkraft,
der kreist, um Totes abzulichten,
und doch ein Bild des Lebens schafft.

Indem er mit der größten Treue
den Stoffen ihr Gesicht verleiht,
erweckt er magisch sie aufs Neue,
so wirklich wie die Wirklichkeit.

(Puh, jetzt nur noch die Kurve kriegen
zu meiner eignen Staffelei,
dann lass ich meinen Griffel liegen
und berg im Bett mein Konterfei.)

Grad so ich meinen Tisch drapiere
mit Flasche, Glas und Kerze stets,
dass er zum Vers mich inspiriere –
profane Art des Nachtgebets.

Indes sie bilden nur den Rahmen,
nicht meiner Schilderei Objekt,
und wenn sie je zu Ehren kamen,
dann nur im Hintergrund, verdeckt.

Doch muss das ewig denn so bleiben?
Gibt nicht der Maler an den Ton?
Bald werd die Buddel ich beschreiben –
verdient hat sie es lange schon.

Viel Glück!

Viel GlückBedenke, dass sie dich beäugen
wie eine Schönheit auf dem Steg!
Drum musst du rundum überzeugen:
Hier noch ein Tipp mit auf den Weg.

Worauf Jurorn als Erstes sehen:
die Form (na, typisch!), die Figur.
Und dann, ob deine Füße gehen
mit Anmut in des Rhythmus Spur.

Dann wolln sie deine Stimme hören,
entscheiden, ob ihr Klang gefällt –
ob lieblich sie gleich Himmelschören,
ob rau sie in den Ohren gellt.

Auch Kluges soll sie möglichst reden,
nicht einfach nur gespreizt daher,
dass aus der Worte losen Fäden
Damast sie wirk und Atlas schwer.

Missfällst du dennoch: Nicht gleich flennen.
Du bleibst doch stets mein bestes Stück.
Und nun, mein Liedchen, auf ins Rennen!
Für deinen Wettbewerb viel Glück!

Kleine Nachfrage

Kleine NachfrageWas magst du, Les’rin, grade treiben,
da dichtend deiner ich gedenk?
Sitzt du bei Wurst- und Käsescheiben
und Wein als Abendmahlgetränk?

Oder bequem in Sofakissen,
dem bunten Bildschirm zugewandt,
um Neues von der Welt zu wissen
und auch zu gucken, was entspannt?

Vielleicht hast du wen eingeladen
und übst dich in Geselligkeit,
bemüht, dass des Gespräches Faden
den faulen Mündern nicht entgleit.

Vielleicht auch, dass in kleinrer Runde,
mit deinem Lebenspartner nur,
du nutzt die vorgerückte Stunde
für eine Eheinventur.

Auch wäre wohl nicht auszuschließen,
dass noch im Haus was zu versehn:
„O Gott, ich muss noch Blumen gießen
und diesen blöden Knopf annähn.“

(Sofern du überhaupt zu Hause
und nicht grad auf der Piste bist –
Theater, Kino, Schlemmer-Klause,
wo immer man die Zeit vergisst.)

Natürlich könntest du auch lauschen
den Worten, die aus Blättern dir
von Büchern in die Seele rauschen –
dem ganzen Kosmos auf Papier.

Womöglich auch ein Spielchen spielen:
Die Augen konzentriert aus Brett.
Dem Gegner in die Karten schielen.
Ein bisschen schummeln beim Quartett.

Nun, dabei soll es denn auch bleiben.
Schluss mit dem Grübeln, ich geb auf.
Nein, eines noch: Du könntest schreiben –
wieso kam ich nicht eher drauf!

Du machst aus Liebe zu den Musen
dir selber deine Poesie
und pflückst dir aus dem vollen Busen,
was ich bisher dir kläglich lieh.

Na, jedenfalls würd ich mich freuen,
mal wieder was von dir zu hörn –
als Les’rin sei’s, der einzig treuen,
als Sappho sei’s, mir abzuschwörn!

Letzte Probe

Letzte ProbeHier schnell noch eine kleine Probe
der Sangeskunst, der ich mich weih,
bevor in leichter Nachtgarderobe
dem Bett ich meine Schwere leih.

Vom Tage will ich kurz berichten –
und dass er sich nicht ganz verlier,
ein Denkmal ihm noch rasch errichten
mit einem Sockel aus Papier.

(Soll mein Geschreibsel ich denn preisen,
als wär es für der Zukunft Ohr,
so „dauerhaft wie Erz und Eisen“?
Da sei mir mein Horaz davor!)

Wobei den Brauch ich mal durchbreche,
nur Heldenhaftes so zu ehrn –
der Tag, er zeigte nämlich Schwäche,
statt wahre Größe mich zu lehrn.

Wie kleinlaut er dahingeschlichen,
kaum hat den Mund er aufgekriegt!
Und mit der Dämmerung verblichen,
im Müll der Zeit er nun schon liegt.

Es hat ihn nichts aus den Kolonnen
hervorgehoben seiner Art.
Grau hat sein Dasein er begonnen,
grau schied er aus der Gegenwart.

Doch dass man mit der falschen Elle
den Unscheinbaren mir nicht misst!
Ist er nicht eine wicht’ge Zelle
im luft’gen Leib der Lebensfrist?

Und wie Millionen seinesgleichen,
die farblos ihre Runde gehn,
um rasch für immer zu verbleichen,
als unentbehrlich anzusehn?

Ja, meine Widmung will ich weiten,
dass übers Jetzt hinaus sie rag –
das Denkmal, schwerlich zu umschreiten,
es heiß: „Dem unbekannten Tag“.

Gerade dieses Unscheinbare
verbürgt uns Halt und Festigkeit,
indes das Glänzende und Rare
nur Zierrat ist am Hals der Zeit.

Die Schluss-Sentenz. Nun in die Falle.
Der neue Tag, er wartet schon.
Und sei er auch so grau wie alle –
es winkt ihm ein Gedicht als Lohn!

Lärmgeplagt

LärmgeplagtHomöopathisch sozusagen,
in kleinen Dosen, die nicht störn,
fahrn jetzt die Mittelklassewagen.
Man könnt ‘ne Nadel fallen hörn.

Die Straße ruht von ihrn Geschäften.
Die Läden zu. Silentium.
Nur ein Friseur schert noch nach Kräften
am Zottelschopf der Kunden rum.

Und die in dieser Ecke wohnen,
am Bahnhof gleich für Bahn und Bus,
sie können ihre Nerven schonen,
die tags so unter Lärmbeschuss.

Zwar fehlt noch viel an ‘ner Idylle –
zu trostlos reiht sich Haus an Haus
zu grünentkernter Ziegelfülle
im strengen Einheitslook des Graus.

Doch wem’s verwehrt, die Hand zu kriegen,
nimmt gern auch mal ‘nen Finger nur.
Wie unschuldsvoll sie nun da liegen,
die Sünden der Architektur!

Die Nacht in ihrer dunklen Gnade
zog Larven ihnen vors Gesicht –
da seht die scheußliche Fassade
geschönt mit Pflästerchen von Licht!

Der Regen rieselt jetzt so leise,
wie’s eigentlich nur Schnee vermag,
und macht damit auf seine Weise
fast feierlich noch diesen Tag.

(Besonders fein hat aus den Wolken,
die euterdick am Himmel ziehn,
ihn Petrus nur herausgemolken,
dass er dem vor’gen Verse dien.)

Das ist schon fast zu viel des Guten
für ein Quartier in Citynäh.
Was sag ich denn: Ein Heuln und Tuten
zerreißt die schöne Stille jäh!

Die Jungens mit der Feuerspritze!
Frei schießt den Weg das Tütata
aus ihrer Martinshorn-Haubitze –
brandeilig haben sie es ja!

Und kaum ist dieser Krach verklungen,
den wo der rote Hahn entfacht,
jault mit der Kraft von Pferdelungen
ein Peterwagen durch die Nacht.

Vorbei, uff! Und wie weggeblasen,
was eben noch die Ruh zerriss.
Wie Weidekühe friedlich grasen
Fassaden in der Finsternis.

Der Griffel, den ich maulend kaute,
weil mir der Lärm das Hirn blockiert,
beendet seine Schaffensflaute
und fröhlich wieder Zeilen schmiert.

Doch grad dass ich im Rausch der Lieder
an diesen Frieden mich verlor,
da platzen von der Straße wieder
Geräusche ins erschreckte Ohr.

In kurzen, wütenden Sentenzen
schimpft ein Betrunkner vor sich hin.
Rhetorisch will er gar nicht glänzen –
ihm steht nur nach Radau der Sinn.

Und unten, im beparkten Hofe,
fällt dröhnend eine Klappe zu,
wahrscheinlich weil ‘ne Ladenzofe
noch Müll entsorgt in aller Ruh.

Die ganze Nacht könnt ich hier sitzen,
bis auch der letzte Stern verblich,
und Runen in Papyrus ritzen –
nie wär die Stille klösterlich.

Denn mein Skriptorium, eh bescheiden,
entbehrt den großformat’gen Stein,
den, ihre Weltflucht zu umkleiden,
verbauten Münster und Abtein.

Liegt auch in Wäldern nicht und Weiten,
die nur des Pilgers Fuß durchmisst,
nein, wo zu allen Tageszeiten
das Zentrum des Urbanen ist.

Hier ist sie wirklich nicht zu haben,
die Stille, rein und unvergällt,
der lediglich der Feder Schaben
beruhigend sich beigesellt.

Doch wenn da gilt: An Widerständen
wächst, wer mit ihnen ernstlich ringt –
kann’s sein, dass frei von Lärmschutzwänden
ein Barde umso besser singt?

Das werden nur die Musen wissen
und Rezensenten allenfalls.
Die Erst’ren schweigen noch verbissen,
die Letzt’ren hab ich nicht am Hals.

Atelierküche

AtelierkücheIm Kerzenlicht ‘ne Kupferkanne,
ein guter Tropfen sowieso,
und auf dem Herd die Schmurgelpfanne –
voilà, das ist mein Studio!

Man könnte auch von Küche sprechen
(vor allem, wer den Braten roch),
doch Erbsenpaln und Bohnenbrechen
passieren hier nur selten noch.

Was eine Mahlzeit so erfordert,
geht ohne großes Drum und Dran.
Und außerdem: Der Single ordert
beim Pizzaservice nebenan.

Kein Futterplatz in Bausch und Bogen –
auch Klause in Pieriens Flur:
An diesem Ort hat sich vollzogen
ein echter Wandel der Struktur.

Wenn Bauch und Geist an einem Strange
zu friedlichem Behagen ziehn,
dann ist um Verse mir nicht bange,
dass würdig ich den Musen dien.

(Mit Lorbeern will ich und mit Reben
wie Epikur in alter Zeit
die Tage still zu Ende leben
in heiterer Gelassenheit.)

Sehr praktisch auch: Von dieser Warte
kann ich die Straße übersehn,
was mir schon häufiger ersparte,
erst lang auf Themenpirsch zu gehen.

Da liegt ja alles ausgebreitet,
was des Poeten Herz erfreut,
der gern auf einem Rosse reitet,
das vor Beton und Blech nicht scheut.

Zudem kann ich von hier erhaschen
beim Blick auf die Fassadenfront
ein Stückchen Himmel, trüb, verwaschen,
doch weitend meinen Horizont.

(Auch anderen verhalf zum Liede
schon mancher ungewohnte Fleck –
man denk nur an die Verseschmiede
mit ihrem Eisen, Ruß und Dreck!)

Was rede ich denn so verschroben?!
Macht denn der Ort die Poesie?
Im Oberstübchen, tick, da oben,
da muss sie stimmen, die Chemie!

Sonst müssten ja Vereinsnaturen,
die wandernd durch die Lande ziehn,
beglückt vom Zauber unsrer Fluren
so hymnisch sein wie Hölderlin.

Und auch die Wärter, deren Augen
im Bildersaal den Dienst versehn,
sie müssten für die Dichtkunst taugen,
auf Du und Du mit Dante stehn.

Doch Rucksackträger und Livrierte,
trieb’s je sie zum Parnass empor?
Ich weiß nicht, was sie so genierte –
in jedem Fall, es kam nicht vor.

Mag das Ambiente auch beflügeln,
im Herzen kriegen sie Kontur,
die Verse, die nicht zu erklügeln
mit ‘ner Poetik-Rezeptur.

Was will der Dichter damit sagen?
Dass er gesegnet mit Talent?
Um Himmels Willn, wie würd ich’s wagen –
das weiß allein der Rezensent.

Da seht nur (könntet ihr’s denn sehen)
mein Kerzlein, wie es innig glüht:
So sollt ihr mich als Licht verstehen,
bescheiden, aber stets bemüht.

Mit diesem Credo will ich schließen.
Längst füllt die Nacht das Himmelsrund,
und überall die Sterne schießen
wie goldne Pilze aus dem Grund.

P.S.

Ich werf den Pinsel in die Ecke.
Ich führ zum Stall den Pegasus.
Ich dreh mich kantisch in die Decke.
Ich ruhe sanft wie Claudius.