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Der Stille abgelauscht

Der Stille abgelauschtAllein in meiner Küchenklause,
allein mit Tinte und Papier,
dem Bruder gleich in der Kartause,
der einsam blättert im Brevier.

Noch streift mit seinen bleichen Wangen
der Dämmer kränkelnd durch die Stadt.
Der Abend hat schon angefangen,
erzählt indes mein Zifferblatt.

Im Dunkel liegen alle Zimmer,
im Dunkeln liegt der lange Flur.
Aus diesem Dunkel äugt der Schimmer
des Lichts in meiner Kammer nur.

Ich will ins Treppenhaus mal lauschen:
Kein Laut verrät des Nachbarn Näh.
Nicht mal ‘ne Spülung hört man rauschen
als Lebenszeichen vom WC.

Vom Pflaster hallen keine Schritte,
kein Auto folgt der Straße Lauf.
Die Linie in der Fahrbahnmitte
löst langsam im Asphalt sich auf.

Der Himmel selbst, der doch so gerne
in Glanz und Flitter sich gefällt,
zeigt heute statt der Ordenssterne
die kalte Schulter nur der Welt.

Wie ausgestorben liegt die Stätte,
kein Lüftchen haucht ihr Leben ein,
als ob die Stadt in ihrem Bette
schon träumte ihren Traum vom Stein.

Und ich? In diesen Traum gesponnen
als wesenloser Bilder Teil?
Oder hab selber ich begonnen
zu träumen, da ich Verse feil?

Mag auch die Wirklichkeit entgleiten
dem schwindenden, geschwächten Sinn –
auf festem Boden werd ich schreiten,
denn seht: „Ich schreibe, also bin.“

Musen-Arche

Musen-ArcheIn meiner Arche hock ich wieder
und dümple still im Häusermeer,
da schwerelos vom Himmel nieder
die Schatten fallen um mich her.

Ich habe keine Passagiere,
ich bin der Einzige an Bord.
Giraffen, Löwen, Trampeltiere,
die zogen längst schon von hier fort.

‘ne Küchenfliege, meine Güte!,
gewiss hier wo im Winkel steckt!
In der geräumigen Kajüte
verliert sich aber so’n Insekt.

Auch eine Taube fehlt im Boote,
wie Noah gern sie zu sich lud,
dass flatternd sie ihm einst erlote,
ob wieder Land erwüchs der Flut.

Den Vogel kann ich gut entbehren,
da immer schon im Morgengraun
die Schatten sich im Licht verzehren
und mählich von der Erde taun.

Mein Floß, es irrt nicht auf den Wellen,
in Wind und Wasser, wild erregt,
da Blitze seinen Tanz erhellen
und Donner ihm die Pauke schlägt

Dass es nach vierzig langen Nächten,
in Angst verbracht und Einsamkeit,
den einzigen vor Gott Gerechten
zum Moses mach ‘ner neuen Zeit!

So viel Gefahr muss es nicht wagen,
bis heim es auf begrünter Flur,
es soll ja ungestört mich tragen
durch diesen einen Abend nur.

Und mit mir, dass sie nicht entfliehen,
die luft’ger als lebend’ge Fracht:
Ideen, Bilder, Fantasien –
zum Musen-Ararat gebracht.

Leben, rituell

Leben, rituellWie immer morgens nach dem Wecken
spult man die gleiche Leier ab:
Den Kopf ins kalte Wasser stecken,
das bringt den Kreislauf schön auf Trab.

Dann fährt man mit ‘ner frischen Klinge
die Backen lang bis an den Hals,
dass sie den Stoppelbart bezwinge –
sofern du männlich jedenfalls.

Nun kriegt die makellose Reihe
der Zähne ihre Rubbelkur
mit einem blütenweißen Breie,
der keimvernichtend von Natur.

Erledigt diese Prozeduren,
das Haar gekräuselt und gekämmt,
vergleicht man erst noch mal die Uhren
und ruckelt sich ins Oberhemd.

Dann Krönung dieser Rituale:
das flotte Frühstück eins, zwei, drei –
ein Toast, ein Kaffee, eine Schale,
die lückenlos gefüllt mit Ei.

Und so aufs Leben vorbereitet,
das feindlich vor der Haustür steht,
gemessen man durch diese schreitet,
wenn einem auch die Muffe geht.

‘ne Ewigkeit von Stunden später:
Man kommt von draußen wieder rein,
zerschlagen zwar wie Hackepeter,
doch froh, im eignen Bau zu sein.

Jetzt kann der Feierabend steigen,
jetzt macht er seinem Namen Ehr!
Von wegen! Müdigkeit und Schweigen.
Total. Wenn nicht die Glotze wär.

Ritual: Sich in den Sessel lümmeln.
Ritual: Die Beine aufgebockt.
Ritual: An Bier und Brezeln mümmeln.
Ritual: Den Spielfilm ausgehockt.

Am Ende wieder Zähneputzen,
Pyjama an, ins Bett getaucht.
Der Schlummer ist von großem Nutzen,
weil für die Leier man ihn braucht.

Untätig kann man uns nicht nennen.
Wir rennen ja von früh bis spät.
Doch ohne unser Ziel zu kennen.
Es sei denn, dieses Spielgerät …

Das geht so bis zum schönen Tage,
an dem man dich in Rente schickt
und morgens dir mit einem Schlage
die Uhr ganz friedlich weitertickt.

Du brauchst dich nicht mehr zu erheben,
du drehst dich um, den Hintern zu
dem abgehakten Arbeitsleben –
l. m. a. A., lass mich in Ruh!

Doch leider wirst du spitz bald kriegen,
dass der Triumph von Dauer nicht:
Du bleibst in deinem Kissen liegen,
weil irgendwo und -was dich sticht.

Bist du ein Jüngling denn geblieben?
Die besten Jahre sind vorbei,
in Jobscharmützeln aufgerieben,
in der Routine Einerlei.

Und die begleitet dich noch immer
und ärger, als es je dir schien.
Doch jetzt in blässlich gelbem Zimmer.
Der Nächste bitte! Arzttermin.

Festbeflaggung

FestbeflaggungWie kühn lässt er im Winde fliegen
sein buntes Tuch vom Flaggenmast,
als hätt er wen zu Füßen liegen,
dem er den Todesstoß verpasst.

Der Union Jack ist aufgezogen
und winkt mir vom Hoteldach her
und flattert dort in stolzen Wogen
Britannien überm Häusermeer.

Doch kündet er nicht Heldentaten,
bei denen man die Toten zählt,
nein, dass vor den Altar heut traten
zwei Liebende, die sich vermählt.

Auf königlichen Bühnenbrettern
wurd heut ein Märchenpaar getraut,
nicht nur vor seinen Adelsvettern,
nein, alle Welt hat zugeschaut.

Und alle Welt wird auch noch stieren,
wenn das Spektakel längst vorbei,
und hochnotpeinlich registrieren,
ob auch die Eh’ ein Märchen sei.

Da greif ich lieber still zur Leier
im Winkel wo wie Kunz und Hinz –
fühl als Anonymus mich freier
als jeder Medienmärchenprinz.

Was nützen jenen Ruhm und Ehre?
Sind sie nicht Staub wie du und ich,
dass sich der Wurm dereinst ernähre
von einem Blut, des Blau verblich?

Es werden wieder Fahnen wehen
beim Märchentrauerritual.
Doch werden diese halbmast stehen.
Am Ende heißt‘s: Es war einmal …

Der Feiertage letzte Stunden

Der Feiertage letzte StundenDer Feiertage letzte Stunden.
Die Schatten dunkeln schon zur Nacht.
Wie unter Zauberhand verschwunden,
was Lärm und was Spektakel macht.

Das große Himmelsaug’ gebrochen,
das stechend auf dem Tage lag.
Der Sterne goldne Herzen pochen
und pumpen Licht bei jedem Schlag.

Ein kühler Wind streift durch die Gassen
und stößt ganz leicht die Blätter an,
die scheu die Kronen noch umfassen,
da grad erst ihre Zeit begann.

Die Wendigen, die nach den Wonnen
von Wasser, Grün und Strand begehrt,
sind allen Stopps und Staus entronnen
und glücklich wieder heimgekehrt.

Und auch wenn sie schon alle schwächeln –
von Müdigkeit ist keine Spur,
noch die Strapazen durchzuhecheln
im Lauf ihrer Erholungstour.

Weshalb noch viel erhellte Zimmer
im Dunkel der Fassaden glühn.
Doch nach und nach erlischt ihr Schimmer;
Erschöpfte sich um Schlaf bemühn.

Wie Phönix aus der Asche: Frieden.
Nach Festgetümmel Grabesruh.
Im Wechsel strebt akust’scher Tiden
die Stille ihrem Gipfel zu

Nur ein paar Stunden zu verweilen
bis morgens, wenn der Wecker schrillt,
um als Fanal vorauszueilen
dem Lärm, der mählich wieder schwillt.

Hinaus ins Leben, Brot verdienen!
Genug geruht auf fauler Haut!
Papiere tummeln und Maschinen –
die Arbeit ist des Bürgers Braut!

Doch wird wohl mancher erst beim Schinden,
bei der Maloche, oft verflucht,
Kolumbus’ Ei der Muße finden,
das Ostern er umsonst gesucht.

Kleine Frühstückslehre

Kleine FrühstückslehreZum Frühstück, das am Wochenende
gemütlich man sich einverleibt,
gehören in Genießerhände,
dass man erwartungsvoll sie reibt

Nur solche Art von Leckerbissen,
die man sich anderntags versagt,
damit die Hauerchen gleich wissen:
Heut wird Besonderes benagt.

Zum Beispiel Brötchen. Vollkornschnitten
sind nämlich sonst mein täglich Brot.
Hab diese fünfmal ich gelitten,
brauch Weizenmehl ich ohne Schrot.

Genauso Wurst. Sind die Oblaten
von Blut, Mett, Leber erst verzehrt,
dann jieper ich nach Schweinebraten,
der zünftig mit Gelee mich nährt.

Nicht anders mit den Käsesorten.
Nach Chaumes, Camembert und Brie
winkt mit dem Ende mir der Torten
aus Wilster was und Normandie.

Doch jetzt das Höchste, was der Kehle
an Festtagsfreude kann passiern,
dass man auf keinen Fall verfehle
es auf der Tafel zu postiern.

Das ist, in welcher Variante,
ob weiß, ob braun, ganz einerlei,
das ohne Knick und ohne Kante
perfekt ovale Frühstücksei.

Und dies nicht etwa hart gesotten,
dass fest das Gelbe, kugelrund,
und deiner Gaumenlust zu spotten
wie’n Golfball grasig liegt im Mund.

Nein, wenn ich mit der Löffelspitze
behutsam in den Dotter tauch,
dass er nicht übern Becher spritze –
dann ist er weich, wie ich ihn brauch.

Jetzt wirst du, Leserin, schon ahnen,
dass mich ein Unglück heimgesucht
und mich auf meinen Schlemmerbahnen
ein böser Sternekoch verflucht.

Die volle Wahrheit zu gestehen:
Zum ersten Mal seit Jahr und Tag
war auf dem Tisch kein Ei zu sehen –
was, lach jetzt nicht!, an Ostern lag!

Es war partout keins mehr zu kriegen,
wiewohl ich überall geguckt,
ob sie vielleicht versteckt nicht liegen
bei sonst was für ‘nem Landprodukt.

Schlicht ausverkauft! Die Lagerstätten
der Supermärkte eierfrei.
Auf meinen Frühstücksservietten
nur ihr gemaltes Konterfei!

April, April

April, AprilApril, April, ich muss dich loben!
Besiegst die eigene Natur!
Statt dich wie üblich auszutoben,
bist brav du und beständig nur!

Du lässt die liebe Sonne scheinen
vom allerblausten Firmament
und nicht wie sonst nur mal so einen,
nein, viele Tage, dass sie brennt

Als ob es lange Mai schon wäre,
so voller Inbrunst vor der Zeit
und machtest gar dem Juni Ehre
mit deiner steten Heiterkeit.

Vertraut mit deinen Kapriolen,
man sich verdutzt die Augen reibt
und fragt sich auch schon unverhohlen,
wo denn der Wind und Regen bleibt.

Du aber drehst uns eine Nase
und zeigst dich weiter wechsellos.
Drei Wochen ‘ne Schönwetterphase –
wo gäb’s denn das im Sommer bloß!

Und doch bist du dir treu geblieben
auf eine Art, die angenehm:
Noch nie, seit man dein Tun beschrieben,
warst du als Hitzkopf so extrem!

Nach dem Vollmond

Nach dem VollmondSchon ist der Vollmond durchgezogen,
und einsam wieder liegt und leer
im bleichen Schaum der Wolkenwogen
das sternenlose Himmelsmeer.

Und diese Stadt an seinem Grunde,
die tags von Leben nur so sprüht,
verkümmert jetzt zur Abendstunde
wie eine Blume, die verblüht.

Von Schatten völlig übergossen
der Häuser steinernes Gesicht.
Wie unter Lidern, halb geschlossen,
glimmt spärlich nur noch Stubenlicht.

Und wo auf gegenläuf’gen Bahnen
nie, scheint es, der Verkehr versiegt,
kann man die Straße nur noch ahnen –
ein Asphaltbett, das trockenliegt.

Wie tief ist dies urbane Schweigen,
in das nicht mal ein Hofhund bellt
und nicht einmal Zikaden geigen
ihr Nachtkonzert vom Trümmerfeld!

Ja, wenn ich es nicht besser wüsste,
ich käm wohl noch auf die Idee,
die ganze Welt ging nun zur Rüste,
dass nie sie wieder aufersteh.

So werd ich ruhig schlafen gehen,
bis Eos ihre Flügel reckt.
Soll doch kein Hahn dann nach mir krähen –
wenn sanft mich nur die Sonne weckt!

 

Kleine Sinnsuche

Kleine SinnsucheWie einem Dasein Sinn verleihen
von derart flüchtiger Natur,
dass ruck, zuck sich die Tage reihen
wie Perlen auf der Büßerschnur?

Da hat wohl jeder ‘ne Methode,
mit der er seinen Frust verdrängt,
auf dass er aus dem Herzen rode
die Ängste, die da eingesenkt.

So kann man sich in Arbeit stürzen
in Blaumann, Kittel oder Frack,
mit „Leistung“ und „Erfolg“ zu würzen
des Lebens faden Beigeschmack.

Man kann auch in Vergnügen tauchen,
in denen man total versinkt,
wie Fußball, Pop und Kettenrauchen –
lässt man sich leiten vom Instinkt.

Gibt man dem Geist indes die Ehre,
erfüllt die Klassik diesen Zweck –
der Kunstfreund stopft desselben Leere
mit Shakespeare, Schiele oder Egk.

Auch der Verfasser dieser Zeilen
sucht Zuflucht im Delirium –
beim angestrengten Versefeilen
vergisst er alles ringsherum.

Und doch, in lichten Augenblicken
wird diese Scheinwelt ihm bewusst
mit ihren Mikromenschgeschicken
und ihrer aufgesetzten Lust.

Dann schaut er auf zum Sternenhimmel
und wachen Auges ihn durchmisst,
und weiß, dass in dem Lichtgewimmel
die Sonne seine Heimat ist

Um die wir mit dem Globus kreisen
wie Pluto, Venus und Merkur –
ein Haus, ein schwankendes, auf Reisen
nonstop im Nichts, rund um die Uhr.

Besiedelt von ‘ner Biomasse,
die in den Erdendreck sich duckt
und, dass nicht Schwindel sie erfasse,
erst gar nicht in die Tiefe guckt.

Kein Wunder! Muss doch deprimieren,
was schon ein flücht’ger Blick verrät:
Milliarden Körper, die rotieren,
doch nichts, was um den Sinn sich dreht.

An alln unzähl’gen Weltenecken
pflegt man den Schwung als Zeitvertreib
und scheint nichts andres zu bezwecken,
als dass man in Bewegung bleib.

Darum die Klüsen fest verrammeln
vor dieses Kosmos Affentanz
und Briefmarken zum Beispiel sammeln
als seines Lebens Glück und Glanz!

Auch ich in Arkadien

Auch ich in ArkadienDie Bäumchen, die den Weg hier säumen
in lichten, langgestreckten Reihn,
von Blüten förmlich überschäumen
wie junger Kirsch- und Mandelwein.

Und ihre morgenfrische Röte,
wie zünftig sie den Frühling ziert,
gleich dem Gezwitscher und Geflöte,
das aus der Luft ihn orchestriert!

Derweil aus wolkenlosen Weiten
die Sonne wieder freundlich sengt
und diese wintermüden Breiten
mit Wogen warmen Lichtes tränkt.

Ein leichter Wind verbreitet Kühle,
dass man nicht gleich in Schweiß gerät.
Balance zwischen Frost und Schwüle,
die mächtig zum Spazieren lädt.

Und wirklich wandeln auch Gestalten
durch diese Paradiesesflur –
doch zögernd irgendwie, verhalten,
und ohne Blick für die Natur.

Sie kommen aus den Klinkerklötzen,
die etwas abseits man gewahrt,
um sich im Freien zu ergötzen
auf diese seltsam stille Art.

Der Sache auf den Grund zu gehen,
tret an die Häuser ich ganz nah.
Da seh ich auch schon Schilder stehen:
STATION A, B et cetera.

In einem Meer von Lenzaromen
schwimmt heute hier das Hospital.
Fürs Leben wohl ein gutes Omen;
nicht zwingend für den Krankensaal.