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Nahrungsergänzung

Des Kühlschranks kalter weißer Magen,
der bis auf Milch und Quark geleert,
er möcht mal wieder voll sich schlagen
mit Kost, die eine Sünde wert.

Der Eigner kommt ihm gern entgegen,
die Forderung scheint ihm gerecht,
da ja von allen Schicksalsschlägen
der Hunger uns am meisten schwächt.

Ein Supermarkt war rasch gefunden,
der offensichtlich alles bot,
die Speisekammer abzurunden,
grad wenn ihr schon der Kollaps droht.

Gemustert also die Regale
und abgeschritten ihre Reihn,
ein bisschen gleich dem Generale,
der Truppen nimmt in Augenschein.

Nur dass ich nicht wie Bonaparte
die flinken Zungen honorier –
an Eisbein mit gekochter Schwarte
liegt mehr mir als am Füsilier.

An Würsten auch und Käsesorten,
die meinem Gaumen wohlbekannt,
dass ich wohl hätt des Ladens Pforten
für sie allein schon eingerannt.

Da komm ich grad am rohen Schinken
der Art „Ibérico“ vorbei –
ein Griff, und schon Genüsse winken,
gelinde ausgedrückt, hoch drei.

Und dann schon wieder: Karre stoppen!
Ich angel mir den Wildlachs raus.
Geschmacklich ist der kaum zu toppen,
trotz Kaviars und Kabeljaus.

Auch die Pastete von Sardellen,
mit gleichem Meeres-Stallgeruch,
gehört zu den markierten Stellen
in meinem kleinen Küchenbuch.

Ins Körbchen! Und beim Weiterschieben,
wie ich so durch die Reihen schlurf,
kommt mir das Schmalzfleisch (ohne Grieben)
noch unvermittelt in den Wurf.

Schon eingesackt fast unbesehen,
denn wie der große Spötter spricht:
Ich kann wohl allem widerstehen,
nur leider der Versuchung nicht.

Doch sollte bloß die Nahrung stimmen?
Auch hier fällt mir ein Sprichwort ein.
Im Deutschen heißt es: Fisch muss schwimmen.
Ich kurve also noch zum Wein.

Mehr kann mein Beutel nun nicht fassen.
Das andre wird mir Schall und Rauch.
Ich nehm’s wie Sokrates gelassen:
Wie viel es gibt, was ich nicht brauch!

Bergparadies

Die Luft ist ziemlich dünn hier oben
und manchmal fällt das Atmen schwer,
und wenn die Winterstürme toben,
hilft auch kein Reisigfeuer mehr.

Es gibt nur wenig breite Wege,
wo man ‘nem Bus sich anvertraut,
und ganz im Sinn der Landschaftspflege
hat Tunnel man hier nicht gebaut.

Um in dein Heimatdorf zu kommen
vor Einbruch noch der Bergesnacht:
Die Beine in die Hand genommen
und viel, viel Muße mitgebracht!

Doch lohnt es überhaupt die Mühe,
was dich zu Haus erwarten mag?
Die Sippe und ‘ne Handvoll Kühe
fürn kümmerlichen Milchertrag?

Und Butter, die man sich in Stunden
geduldig aus der Bütte stampft,
wie kann sie irgendjemand munden,
der nichts als dies und Käse mampft?

Ein bisschen Dörrfleisch hin und wieder
und Paprika, gekocht mit Reis.
Gebetsmühlnartig brav und bieder
dreht sich der Speiseplan im Kreis.

Wo soll er auch Impulse kriegen?
Was es im Dorf an Läden gibt
hat eher Zwirn und Hammer liegen,
als was ein feiner Gaumen liebt.

Das Nötige, was unser Ländler
nicht selber produzieren kann,
besorgt er sich bei einem Händler,
der hier ein wahrer Ehrenmann.

Er bietet nur solide Sachen,
zieht niemand übern Ladentisch,
und will nicht mal Reklame machen,
dass derart er im Trüben fisch.

Und die Behausung? Komfortabel?
Schon leicht von Luxus angehaucht?
Das Gegenteil von Sündenbabel –
nur was man so zum Leben braucht!

‘ne Handvoll Kissen, Kessel, Schalen,
ein Rad, mit dem man Fäden spinnt –
genug grad, um sich auszumalen,
dass selbst ein Dieb hier nichts gewinnt.

An dieser Dürftigkeit gemessen
lebt unsereins im Überfluss,
fest überzeugt davon indessen,
dass vieles man noch haben muss.

Man sollte also wirklich meinen,
wird einer hierzulande groß,
hätt allen Grund er, zu beweinen
sein karges, kummervolles Los.

Wo aber sind die Unglücksraben
mit ihrem Sauertopfgesicht,
die alle Hoffnungen begraben
in achselzuckendem Verzicht?

Man sieht nur helle, offne Mienen
und Fröhlichkeit in jedem Blick,
als würde man Fortuna dienen
und keinem widrigen Geschick.

Es scheint, dass sie sich wenig scheren
um steigendes Konsumniveau,
und ständig Hab und Gut zu mehren
nicht ihres Daseins A und O.

Nein, was wir längst verloren haben
an menschlichem Zusammenhalt,
gehört hier zu den großen Gaben –
Familiensinn bei Jung und Alt.

Und wenn man bei ‘ner kleinen Feier
gemeinsam in die Schüssel langt,
fühlt man gelöster sich und freier,
als hätt Hormone man getankt.

Dem Vogel gleicht das Glück, dem zagen,
so lautet hier ein schönes Wort –
je eifriger wir nach ihm jagen,
desto geschwinder fliegt er fort.

Krieg und Frieden

Kaum dass des Staates höchste Posten
an ihn und seine Clique fieln,
beginnt, die Macht voll auszukosten,
er mit dem Feuer schon zu spieln.

Denn mit dem Hang zum Größenwahne,
an dem es Herrschern meist nicht fehlt,
schwört er bei jedem Fetzen Fahne,
dass Größe man nach Schlachten zählt.

Und schickt auch folglich bald zu Felde
des Lands geballte Waffenkraft,
dass sie von früh bis spät ihm melde,
wie viel sie schon dahingerafft.

Zunächst noch lediglich Soldaten
(man stellt sich ja der Welt zur Schau),
doch aus den Fugen erst geraten,
nimmt so ein Krieg es nicht genau.

Denn ist sie einmal abgeschossen
die Kugel aus dem Sturmgewehr,
dann treibt sie ihre blut’gen Possen
mit Müttern und mit Militär.

So trifft es wahllos den und jenen,
ob Kämpfer oder Zivilist,
zu immer neuen Sterbeszenen,
an denen seinen Ruhm er misst.

Zum Schießen und zum Bombardieren
man immer ehr und schneller lädt,
dass ohne Mord und Massakrieren
die Sonne nicht mehr untergeht.

Doch stark sind überall die Mauern
und Helden überall beliebt –
da kann es schon mal Jahre dauern,
bis sich der Schwächere ergibt.

Dann ist sein Land ein Trümmerhaufen,
der Hunderttausende begräbt,
und die noch trostlos darauf laufen,
sie haben ungern überlebt.

Jetzt fehlt’s an Futter den Kanonen;
sie haben ihren Job gemacht
und die Geschlechter, die hier wohnen,
fast flächendeckend umgebracht.

Postwendend dann die große Biege:
„Für Frieden ist es nie zu spät.
Mehr als der Sieg in diesem Kriege
freut der mich der Humanität!“

So der Aggressor vor der Presse.
Dann Pose für ein Gruppenbild,
ein schiefes Lächeln in der Fresse
des Schurken, der auch Kinder killt.

Erleichterung bei den Nationen,
im ganzen feigen Gaffer-Kreis.
Sie werden‘s ihm wohl gar noch lohnen
mit dem begehrten Friedenspreis.

Strandverkauf

Sie waren an den Strand gelaufen,
der gleich vor ihrer Haustür liegt,
um da wie Gräser auszuraufen
das Gut, das in den Sand sich schmiegt.

Kein Plunder aus durchweichten Balken,
Gerümpel oder Plastikschrott,
nein, Tiergehäuse, fest und kalken,
und für ihr Alter noch sehr flott.

Denn die verschiednen Muschelschalen
und Schneckenhäuschen, meeresfrisch,
den lieben Kleinen sich empfahlen
als Ware für den Ladentisch.

Und was sie fleißig sich erräubert
bei Möwenschrei und Wellenklang,
haben geputzt sie und gesäubert
gewissenhaft von Mud und Tang.

Nun waren auf der schmalen Krone,
die’s Mäuerchen am Strande trägt,
in einer klar begrenzten Zone
in Reih und Glied sie ausgelegt.

Nicht anders könnte seine Steine,
die anspruchsvolle Leiber ziern,
ein Juwelier („nur lupenreine!“)
der noblen Kundschaft präsentiern.

Wärn’s Kinder nicht, die Kaufmann spielen,
dass es ihr Selbstbewusstsein stärk,
man dächt, Gewinne zu erzielen,
befänden Profis sich am Werk.

Natürlich geht es um Profite
der pfiff’gen Schar nur nebenbei –
vielmehr dass sie auf dem Gebiete
den Großen ebenbürtig sei.

Dem muss ich aber widersprechen:
Was Herz und Eifer hier erschuf,
das hat auf seinen Fensterflächen
so schön kein Krämer von Beruf.

O dass dies auch die Leute dächten,
die hier spazieren an der See,
und so ein Stück nach Hause brächten
aus Neptuns eignem Atelier!

Ich selbst entschied mich zünft‘gerweise
für eine Jakobsmuschel da –
als Zeichen meiner Pilgerreise
zum Sonnengott von Málaga.

Alles verpulvert

Vier Beine, die wie Säulenschäfte
dem bull‘gen Rumpfe unterlegt –
es braucht den Einsatz aller Kräfte,
dass dieser Mammutleib sich trägt.

Wir lassen kurz den Blick mal schweifen,
Europa…Malta…Afrika –
ein Esel jäh mit schwarzen Streifen:
Savanne, super, wir sind da!

Das Tier indes, bei dem ich weile
poetisch heut mit Herz und Hand,
es ist in keiner müden Zeile
der heiß geliebte Elefant.

Wenn in dem Punkt auch zu vergleichen,
dass ihm Trophäen Wert verleihn
und Wilderer ihn gern beschleichen
wie auf der Jagd nach Elfenbein.

Doch aus des Nashorns dickem Zinken
wer schnitzte sich ‘ne Gemme schon,
‘nen Sessel, zünftig einzusinken
in den erlesnen Fürstenthron?

Kein Schwein ging solcher Künste wegen
mit diesem schnaubenden Koloss
sich Aug in Auge anzulegen –
es wär denn ein Rhinozeros.

Doch in dem dicken Horngebilde
verbirgt sich ein begehrter Schatz,
den nicht nur der vermeintlich Wilde
erstrebt bei seiner Nasen-Hatz.

Der Höcker, Feinde zu vertreiben
mit seinem mörderischen Stoß,
er lässt zu Pulver sich zerreiben
mit Kräften, heißt es, riesengroß.

Geht jedem Übel an den Kragen,
vom Rheuma bis zum Tinnitus –
auch dem, mit dem der Mann geschlagen,
macht ihm die Männlichkeit Verdruss.

Doch nichts davon ist je bewiesen
und bleibt ein pures Hirngespinst,
wie denn ja oft aus Expertisen
der Geist der Narretei nur grinst.

Der Mythos aber war geboren,
der in die Birne eingebrannt
von Hypochondern und Senioren
mit mehr Vermögen als Verstand.

Der Graue hat es auszubaden,
der gar nicht weiß, wie ihm geschieht,
dass er auf seinen Trampelpfaden
so häufig eine Knarre sieht.

Würd er den Grund davon begreifen,
ich glaub, sein dicker Schädel gar
mit seines Hirns begrenzten Schleifen
fänd dieses mehr als sonderbar.

Warum, würd er verdutzt sich fragen,
jagt man ‘ner Sache hinterher,
die an die Knolle angeschlagen
als Waffe lediglich und Wehr?

Das wird allein die Menschheit wissen –
die allerdings sich selbst verkennt
und mit den windigsten Prämissen
am liebsten gegen Wände rennt.

Man nehme nur die Religionen,
dern Dogmen längst schon widerlegt
und die doch tief im Herzen wohnen,
wo immer auf der Welt es schlägt.

Der Mythos von dem jungen Gotte,
der stirbt und wieder aufersteht,
noch immer dem Verstand zum Spotte
der Wahrheit eine Nase dreht.

Knastkühe

Wo ist die Kuh auf grünem Anger,
die friedlich ihre Gräser käut,
von Babymilch das Euter schwanger
und jeder Schritt von Kirchgeläut?

Ein Bild, das immer mehr verschwindet,
weil es dem Eigner besser geht,
das heißt, mehr Milch er aus ihr schindet,
wenn „Liese“ nur im Stalle steht.

Und zwar zu hundert ihresgleichen,
die eine Wiese nie gekannt,
den Duft von Kiefern oder Eichen,
den Löwenzahn am Wegesrand.

Sie hausen auf Zementparzellen,
von Gitterstäben eingefasst,
als wärn es Raub- und Mordgesellen,
die büßen ihre Sündenlast.

Und hat man ihnen doch gestohlen
was jedem Wesen, das gebar,
ob Säugling, Gössel oder Fohlen,
seit je das Allerliebste war.

Um auch das Kälbchen zu betrügen
um seinen angestammten Trank –
es muss sich mit Ersatz begnügen
aus dem „humanen“ Chemo-Schrank.

Doch kann sie ihre Brut nicht säugen,
die Nahrung aus dem Beutel schleckt,
wie hilft der Kuh man vorzubeugen,
dass an dem Druck sie nicht verreckt?

Nun, wo mit kindlichem Behagen
genuckelt einst ein weicher Mund,
ist jetzt ein Saugnapf angeschlagen,
der melkt von selbst zur rechten Stund.

Auch sonst ist auf ihr Wohlbefinden
mit allen Mitteln man bedacht –
man pflegt ‘nen Clip ihr anzubinden,
der sie als Wanze überwacht.

Der schlägt mit findigen Frequenzen
auf ihre Leibsignale an,
damit man Störungen begrenzen
und sie bei Kräften halten kann.

Dem dient natürlich auch das Futter,
streng wissenschaftlich komponiert,
dass es der ahnungslosen Mutter
gewisse Drüsen optimiert.

Triumph der Technik: Mittlerweile
sind 20 Liter so am Tag
ein Witz, dass drüber keine Zeile
die „Landschau“ noch verlieren mag.

Die da von Technik angetrieben
im waagerechten Hamsterrad,
sie hat Geschichte längst geschrieben
und sich den 50 schon genaht.

Die Leistung aber, die erzielte,
sauteuer sie erkaufen muss –
normal sie sich bis zwanzig hielte,
doch so: Fünf Jahre, Exitus!

Doch schenkt auf ihre alten Tage
man ihr gewiss das Gnadenbrot?
I wo, zwecks bessrer Kassenlage
schickt man sie in den Schlachten-Tod.

Und sollten sich die Opfer fragen,
warum dies harte Los sie traf,
sie könnten nicht auf Tierschutz klagen –
es decken Norm und Paragraf.

Ich könnte allerdings mir denken,
bestimmten unsre Kühe mit,
sie würden sich die Marter schenken
und ihrem Milchdieb einen Tritt.

Flurbereinigung

Der erste Spielplatz, dem als Junge
ich samt Kumpanen mich gesellt,
war mitten in der grünen Lunge
ein Hügelchen im Stoppelfeld.

Es lag da gleichsam als Oase
in einem gelben Binsenmeer
und zeigte uns die Knollennase
ganz unverblümt von Weitem her.

Nichts konnte den Geräten gleichen:
naturbelassen, ohne Pfusch;
wir klommen auf die kleinen Eichen
und stöberten im Weidenbusch.

Ein Paradies für Lausebengel,
die sonst nur auf der Straße spieln
und über Blüten, Blatt und Stängel
die erste Kenntnis hier erzieln.

Dem „Feldherrn“ aber, unbescholten
von pädagogischem Kalkül,
vor Zorn sofort die Augen rollten
in bäuerischem Machtgefühl.

Er brachte schleunigst auf die Beine
‘nen Ordnungshüter jedenfalls
und hetzte, Köter an der Leine,
uns einen Tschako auf den Hals.

Mit Not sind beiden wir entkommen
und schlugen uns nach Hause durch,
wo zitternd wir uns vorgenommen,
dass unser Fuß kein Feld mehr furch.

Die Insel ist schon längst verschwunden,
der Bauer hat sie plattgemacht,
um seine Scholle abzurunden,
das heißt, indem er sie verflacht.

Für Vögel wie von unserm Schlage
war das ja nunmehr kein Verlust,
doch jeder Pieper da im Hage
das Feld genauso räumen musst‘.

Und immer größer wurd die Stille,
je weiter sich die Flur erstreckt,
die nach des Bauern Wunsch und Wille
mit einer einz’gen Frucht bedeckt.

Anstatt dass hier im Wechsel reiften
die Saaten Jahr für Jahr von vorn,
sah nun, soweit die Augen schweiften,
man Kolben nur von gelbem Korn.

Kartoffeln, Roggen, Raps und Rüben
genau wie Hafer oder Klee,
mochte es manchen auch betrüben,
sie warn mit einem Mal passé.

Mit diesem Hang zur großen Masse
lag unser Bauer nicht verkehrt,
die Ernte füllte ihm die Kasse,
das Gelbe wurde Goldes wert.

Wie mancher Hausherr kein Gewissen
sich aus der Not der Mieter macht,
hat er sie alle rausgeschmissen,
die hier ein Leben schon vollbracht.

Die Welt, in der wir alle hausen,
beackert er in seinem Sinn –
der Affe sollte mich doch lausen,
bringt das auch anderen Gewinn.

Für sich indes und seine Erben
hat er die Weichen klug gestellt
durch dies lokale Artensterben
in Richtung auf das große Geld.

Dass so man macht die Flur rentabel,
begeisterte die ganze Zunft –
sie ehrte mit der „Goldnen Gabel“
ihn bei der Hauptzusammenkunft.

In sehr bewegten Dankesworten
hat zur Natur er sich bekannt –
und offen standen ihm die Pforten
zum Vorsitz im Agrarverband.

Hitverdächtig

Ganz früh schon in der Musen Banne,
sang solo sie und Schaum im Ohr
in der berühmten Badewanne
dem Entchen lust’ge Lieder vor.

Und was an Stimme ihr noch fehlte
zur melodiösen Meisterschaft,
ersetzte, was nicht minder zählte,
durch Inbrunst sie und Wasserkraft.

Was für ein Groove! Und jeder Kenner,
der still gelauscht dem Wunderkind,
er hätt geschworn, dass hier ein Renner
die Reise in die Charts beginnt.

Prophetisch! Denn die süße Göre,
aus Schaum zur Venus aufgeblüht,
erwies sich bald als beste Röhre
des Labels „Bis die Platte glüht“.

Denn dieser Sound, den sie kreierte,
berührte so unmittelbar,
dass über Nacht sie avancierte
zum viel gefragten Schlagerstar.

„Ein letzter Kuss, mein Schornsteinfeger“
und „Bleib mir treu bis Ultimo“ –
vom Kellner bis zum Kammerjäger
flog alles auf ihr Kunstniveau.

Die Melodie ließ sich noch zeigen,
weil sie das Ohr in Honig taucht;
man kann wohl nicht so viel vergeigen,
wenn man nur wenig Töne braucht.

Der Text indes, der unterlegte,
sofern er aus den Klängen schallt,
doch mehr an gutem Willen hegte
als an geballter Sprachgewalt.

Grammatisch ging schon in die Hose
so mancher Haupt- und Nebensatz
und wurd trotz Bühnenheldenpose
kein Fundstück im Zitatenschatz.

Zwar war auch noch der Reim vorhanden
als einprägsamer Verseschluss,
doch nur verstümmelt, missverstanden
als Lautung, die sich ähneln muss.

Drum dieser Wust von Assonanzen,
die auf dem Weg zum Reim krepiert,
doch fröhlich aus der Reihe tanzen
wie Bolle, der sich amüsiert.

Den Fan wird das nicht weiter schrecken;
der Durchblick ist ihm eh versperrt,
und um die Lust auf Deutsch zu wecken,
geht keiner in ein Popkonzert.

Man will ja einmal live erleben
sein stimmgewaltiges Idol,
um seinem Sound sich hinzugeben
im Vollrausch ohne Alkohol.

Ja, so ein Song mit seinen Macken
den meisten Freaks weit besser schmeckt
als einer, der bis zu den Hacken
im Sonntagsstaat der Regeln steckt.

Es könnt nicht vorm Parnass bestehen,
was hier als Hit man gelten lässt
und selbst die klügsten Medien krähen
ins äußerste verschlafne Nest.

Doch unerforschlich sind die Triebe
des Menschen heute ja nicht mehr;
er schenkt den Dingen seine Liebe
auf keinen Fall von ungefähr.

Denn dank dem Jauchzen und dem Hüpfen
im bunt umfluteten Gewühl,
kann in ‘ne andre Haut er schlüpfen –
mit eingebautem Glücksgefühl!

Wetteraussichten

Es ist dem Stausee anzumerken,
dass er ‘nen Schluck dazugekriegt.
Mag der sich gerne noch verstärken –
jetzt wird erst mal nicht ganz versiegt!

Des einen Freud, des andern Jammer!
Am Strand fiel’s nicht so glimpflich aus,
da schlug wie mit ‘nem Vorschlaghammer
der Sturm sich ganze Stücke raus.

Und hat sogar zum großen Schrecken
am Bauch der kleinen Bars genagt,
die, Lust auf Fisch und Meer zu wecken,
zu weit ans Ufer sich gewagt.

Die müssen ihren Mut nun büßen
für diesen exponierten Stand
und baumeln mit den bloßen Füßen
auf Kippe überm Küstenrand.

Auch wo die Sande nicht versanken,
sah man sofort, wie’s da geweht –
mit Sträuchern, Flaschen, Plastik, Planken,
mit Trümmern alles übersät.

Das geht so schon die dritte Woche,
ein Ende ist nicht abzusehn.
Ich stecke fest in meinem Loche,
wo ich mich durch den Dämmer gähn.

Genauer: Über meinem Buche
dös unverhofft ich manchmal ein
und träumend mir ein Plätzchen suche
im schönsten Frühlingssonnenschein.

Erwach ich dann aus diesem Wahne,
es gleich mich zu erfahren drängt,
ob gegenüber noch die Plane
vor der geschlossnen Haustür hängt.

Der Nachbar, müsst ihr nämlich wissen,
dem’s öfter in die Bude schwappt,
schützt vor dem Regen sich beflissen,
indem die Schwelle er belappt.

Durch dies erprobte „Barometer“
zeigt ahnungslos der gute Mann,
ob ich mich früher oder später
getrost ins Freie wagen kann.

Es sind die alten Fischerkaten –
ein einz’ges Stockwerk unterm Dach;
wenn die in einen Guss geraten,
rauscht durch das Flett ein ganzer Bach.

Der Touri, der hier müßig schlendert,
den Anblick heiß und innig liebt.
Er steht, er staunt: „Noch unverändert.
Ein Glück, dass so was es noch gibt!“

O heiliger Kulturbanause!
Sieht alles nur im schönsten Licht,
doch nicht den Zustand dieser Klause,
die längst aus allen Fugen bricht.

Und hätte er im Weitergehen
sich kurz noch einmal umgedreht,
die Plane hätt er liegen sehen,
die ewig aus der Angel weht.

Die Höhle von Ardales

„He, schmeiß mir mal die Knolle rüber!
Doch auf den Fuß mir nicht, du Bock!
Dafür nimm diesen Nasenstüber.
Und nun den roten Zeichenstock!“

Wie überall stellt der Geselle
sich reichlich unbeholfen an,
was grade hier in der Kapelle
der Meister gar nicht leiden kann.

Denn pünktlich gilt es auszumalen
die vorbestimmte Weihestatt,
wie die Orakel sie empfahlen
und sie ein Traum bestätigt hat.

Vor Kurzem hat er aufgeschlagen
in diesem Saal sein Atelier
und Farben, Erden reingetragen
wie Brennholz vor dem ersten Schnee.

Und an den buckeligen Wänden
auch hier und da schon ausprobiert,
wo sich die besten Stellen fänden,
dass nichts versplittert und verschmiert.

Ein Klecks, ein Strich und andre Zeichen,
für manchen schon geheimnisvoll,
und warn doch nur ein Probestreichen,
dem das Gemälde folgen soll.

Inzwischen ist der Fels gefunden,
der alles hat, was man so braucht,
dass man in langen Arbeitsstunden
ihm Atem in die Rippen haucht.

Was gar nicht einfach untertage
in diesem weitverzweigten Schacht,
der mit ‘ner kühlen Wetterlage
und Feuchtigkeit zu schaffen macht.

Dann galt es auch zu überwinden
die Angst vor diesem Höllentor.
Wo aber sonst den Ursprung finden,
aus dem Lebend’ges sprießt hervor?

Und mochte auch die Fackel brennen,
von Fledermäusen schrill umschwirrt,
wie bei dem Flackern bloß erkennen,
wohin der Finger sich verirrt?

Doch ganz im Einklang mit dem Plane
hat zeitig man das Werk geschafft.
Der Häuptling und der Chef-Schamane
haben als Erste es begafft.

„Getroffen bis aufs Haar die Pferde,
die Ziege auch mit ihrem Bart,
die Weiber, Körper und Gebärde –
das nennt man Kunst der Gegenwart!“

Dem Meister fiel ein Stein vom Herzen –
die Obrigkeit war nicht pikiert,
befahl nicht, wieder auszumerzen,
was selbstbewusst er handsigniert.

Mit einer Feier, unvergessen,
beging die Kirchweih man darauf.
Der Seher las zwei Seelenmessen
und ließ der Gaudi ihren Lauf.

Nun hatte man zum ersten Male,
dass aller Brust sich ewig schwellt,
‘ne einzigart‘ge Kathedrale
zum Plaudern mit der Geisterwelt!

Der brave Steinzeit-Steuerzahler,
er hat wohl gern dafür geblecht –
als gläubiger Neandertaler
verhielt er so sich waidgerecht.