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Reklamation

ReklamationDa klebt es bunt ihr an der Stirne,
das Angebind aus Glas und Licht,
ein Bild, erschaffen aus der Birne,
die glühend sich zum Muster flicht.

Und das Motiv, das wir erkennen
in dem Fassaden-Diadem,
ist äußerst weihnachtlich zu nennen –
die Stallgeburt in Bethlehem.

Ganz schön auf Draht, muss man schon sagen
fürn Kirchlein in so`m lütten Fleck:
Es weiß die Trommel laut zu schlagen
auch optisch für den heil`gen Zweck.

Grad heute gingen durch die Pforte
ihm wieder viele Schäfchen ein,
um dem gesalbten Priesterworte
auf hartem Holz Gehör zu leihn.

Doch wohlgemerkt nach dem Kalender,
wie er in diesen Breiten gilt,
dem als bewährtem Festtagsspender
viel Rot aus seinen Zeilen quillt.

Die Feier jetzo: Dass empfangen
Maria einst des Geistes Lust
und mit der Jungfrau eignem Bangen
ihr nicht zu wehren hat gewusst.

Und dass dem wundersamen Akte,
der doch platonisch wohl verlief,
ein Kind entsprang nach kurzem Takte,
das Kön`ge an sein Krippchen rief.

Der Jesus, der uns da geboren,
war wahrlich mehr als diese wert,
die gold- und myrrhegeilen Toren,
die schenkend Mammon noch verehrt.

Der Göttlichkeit, ihm unterschoben
von Schwindlern nur aus Geltungsdrang,
hört nie man ihn sich selber loben
sein ganzes kurzes Leben lang.

Prophet, so nannt er sich bescheiden,
beschwörend, seiner Zeit zum Trotz,
das Volk, Gewalt und Hass zu meiden
als Kinder eines Vatergotts.

Da glänzt er nun als Lichterkette
aus seinem grellen Neonpfühl
mit den Laternen um die Wette
im frostigen Metallgestühl.

So wird seit je sein guter Name
als Kirchenzugpferd gern verwandt –
die heute, Meist’rin der Reklame,
ihn poppig vor den Karren spannt.

Gesprächstechnik

GesprächstechnikDer Technik haben wir`s zu danken,
dass wir uns zügig kontaktiern
und über alle Landschaftsschranken
den roten Faden nicht verliern.

Fand einst selbst über kleine Strecken
man höchstens mit Gebrüll Gehör,
kommt heut bis an der Erde Ecken
man flüsternd wie ein Rossdompteur.

Das sollte man nicht Fortschritt nennen –
`nen Laberkasten im Gepäck,
dass wo wir rasten oder rennen
er uns die neuste Nachricht steck?

Und in gewissen krassen Fällen
ist so was schließlich Goldes wert –
zum Beispiel um ein Gleis zu stellen,
auf dem man in die Klinik fährt.

Um einen Notruf abzusetzen,
fasst man in seine Tasche bloß
und holt sich aus den „Tempo“-Fetzen
Gerät samt Nummer auf den Schoß.

Doch alles, was wir so erfinden,
geht über seinen Zweck hinaus,
so dass wir leicht ans Bein uns binden
Effekte Marke Irrenhaus.

Denn statt es sinnvoll zu verwenden
fürn wichtigen Gedankentausch,
behält man`s permanent in Händen
zum ambulanten Dauerplausch.

Da labert man des Laberns wegen,
als ob der Hafer einen stäch,
um irgendwie sich abzuregen
im Dialog – heißt Selbstgespräch.

Und wie im Beichtstuhl sozusagen,
wo man den Lauschenden nicht sieht,
kann leichter man zu Markte tragen,
was sonst dem Lippen nicht entflieht.

Drum hält sich der Gewinn in Grenzen,
den uns auch diese Kunst gewährt,
indem wir findig sie ergänzen
durch dies und jenes Troja-Pferd.

So könnt ich lang das Hirn verrenken
des Fortschritts wegen unsrer Zeit –
doch, ach, es hat sich was mit Denken:
Es klingelt grade. Tut mir leid…

Der Dichter

Der DichterWie Sie sich wohl `nen Dichter denken?
Lassen Sie mich raten, bitte sehr!
Ich glaube, ohne Sie zu kränken,
in dieser Weise ungefähr:

Ein Bursche, kränklich schon seit Kindesbeinen,
doch mit ‘nem starken Geist begabt,
mit Abscheu vor dem Niedrigen, Gemeinen,
der nur an Nektar und pp. sich labt.

Er pflegt in Gärten gern sich zu ergehen,
damit ihn Rosendüfte inspiriern,
ja, schon im Mai die blütenweißen Schlehen,
die rings des Feldrains Büsche ziern.

Und schreibend mit sensiblen Händen,
führt leicht er übers Blatt den Kiel,
Signale seines hohen Herzens auszusenden
in einem vornehm antiquiertem Stil!

Er hat sich seine eigne Welt erschaffen,
in der er wohler sich als in der wahren fühlt,
ein Eden ohne lieben Gott und Pfaffen,
vom Musenquell elysisch nur umspült.

Et cetera. Was sagen Sie? Hab ich’s getroffen?
Hab ich Apollos Jünger auf den Punkt gebracht?
Nur zu! Ich bin für Ihre Korrekturen offen.
Sie schweigen? Gut, das hab ich mir bereits gedacht.

Doch unter uns (ich denk, ich weiß, wovon ich rede):
Sie schleppen da ein Zerrbild mit sich rum.
Vergessen Sie die Einzelheiten schleunigst, jede!
Und nehmen Sie`s Zerpflücken mir nicht krumm!

Wenn ich mir auch nicht schmeichle, als Poet zu gelten,
sollte mein Beispiel Sie indes belehrn
und wo bisher, Pardon!, ein Vorurteil Sie fällten,
Ihr Blick sich für die Fakten klärn.

Die Welt, in die er taucht in stillen Stunden,
kann ihn von Alltagspflichten nicht befrein,
zu eisern ist an Amt er und Büro gebunden,
um sich allein dem Helikon zu weihn.

Ein Paradies kann ihm das schönste Lied nicht bieten
und Milch und Honig nicht der schönste Versefluss –
nur Planken sind`s im Meere der Quiriten,
an die sein Geist sich klammern muss.

Und was er schreibt, kliert er mit grober Klaue,
dass er`s zu Blatt erst einmal bringt –
Laokoon und seine Söhne schaue:
So heillos Zeile sich in Zeile schlingt!

Doch läuft er nicht in obsoleten Hosen!
Er ist geläutert vor Damaskus, ist schon Paul –
kein Freund rhetorischer Preziosen,
schaut er dem Volk gut lutherisch aufs Maul.

Ihn zu verstehn, muss man nicht Sterne deuten,
den del’schen Taucher nicht bemühn,
nicht den Gelehrten bitten, den zerstreuten –
fürs Schlichte muss man nur erglühn.

Und als ein Quell der reinsten Freude
gilt die Natur ihm jederzeit,
mit der er schmückt sein Versgebäude,
weil sie ein grünes Dach ihm leiht.

Doch über Veilchen, Rosen und Narzissen,
Holunder, Dost und Brombeerstrauch
schlägt ihm des “Boten“, Claudius‘ Gewissen:
„Und unsern kranken Nachbar auch.“

Mag er dem Schönen gern auch Blicke schenken,
verschließt er sie doch vor der Fratze nicht –
vor Monstern, die mit Blut die Erde tränken,
das aus den Wunden von Millionen bricht.

Und nicht als Tropfen nur, die fettig quellen,
nein, auch als feiste Ader auf der Stirn,
die dazu neigt, gleich anzuschwellen
aus Fremdenhass im unbedarften Hirn.

Spaliere liebt er, die sich unter Rosen biegen,
Gemäuer, das sich hoch zum Dome fügt,
doch ohne sich in diesem Wahn zu wiegen,
der sich zum Schönen stets das Gute lügt.

Wenn er auf kunsthistor`schen Pilgertouren
mit Staunen vor der Gotik steht,
sieht er des Glaubens grandiose Spuren,
doch auch des Jammers grause Majestät.

Was als Kultur wir überschwänglich preisen
ist nur der Aufsatz dumpfer Barbarei –
kann man mit Tryptichen die Armen speisen,
macht Maßwerk hör`ge Bauern frei?

Cellini hat man Morde gar vergeben,
nur dass er weiter modellier –
symbolisch fürs soziale Leben,
das Elend zu verbergen hinter Zier?

Wer sich erfreut an Bildern und an Tönen,
fühlt auch sich in den Nächsten ein –
die wahre Liebe zum Erhabnen, Schönen,
kann uns nur edel machen, nicht gemein.

Doch die, die alle Fäden der Ästhetik ziehen,
mit Kennermiene jedem Stück sich nahn,
Experten, Sammler, Händler, Galerien,
fühln statt dem Wert dem Markt nur auf den Zahn.

Sie lecken sich zu gerne nur die Lippen,
doch nicht aus Spaß am Kunstgenuss,
nein, weil sie auf ein hübsches Sümmchen tippen,
wenn Meister X mal untern Hammer muss.

Dazu warn viele ja, die heute unbestritten,
zu ihrer Zeit verspottet und verkannt
und in dem Sein, das für die Kunst sie litten,
nach allen ihren Regeln abgebrannt.

Mit Melodien, von jemandem erschaffen,
des Spur im Armengrabe sich verliert,
kann heute wer Millionen sich erraffen,
der ihn nur „kongenial interpretiert“.

(In eigner Sache eingeschoben:
Auch mir kommt keiner: „Gut, mien Jung!“
Mich wird wohl erst der Trauerprofi loben –
als Muss bei der Beerdigung.)

Doch wollt uns Salomo nicht lehren,
dass allen gleich die Sonne scheint?
Drum soll man Verse jedem auch verehren,
selbst wenn er ihren Sinn verneint.

Sich schenken ohne Gegengabe.
Und hoffen, dass man einige erfreu,
die`s, mehr auf Sein begierig denn auf Habe,
nicht schaudert vor dem geistigen Gebräu.

Doch nicht wie einer, unter Räuber grad geraten,
in heller Panik ihnen alles überlässt –
nein, die Gedanken wägend und die Taten,
zu nichts gezwungen und gepresst.

Kein Milchgesicht von stubenreiner Blässe,
von Pickeln pink und peinlich übersät
als Folge ungezählter geist’ger Aderlässe
und mickrig-magenschonender Diät.

Nein, einer, dessen rosig-runde Backen
er guter Hausmannskost verdankt,
nach der in plötzlichen Attacken
es sein Gelüste oft verlangt.

Und nicht gewillt, nur Feingeist zu verblasen,
kratzt er auch manchmal wem am Lack –
Hautgout ist nicht nur was für Hasen,
auch bei Honor’gen müffelt’s unterm Frack.

Kurzum: Wir müssen uns von Spitzweg lösen,
der drollig uns den Dichter porträtiert:
als zipfelmützig unbedarftes Kammerwesen,
das sich heroisch durch die Verse friert.

Würd dafür heute jemand Hunger leiden?
Sich für ’ne Handvoll Reime ruiniern?
In teures Tuch will man sich kleiden,
mit Kettchen seine bronznen Glieder ziern.

(Sie sehn: Ich hab den Trampelpfad verlassen,
auf dem ich selbst virgilisch neben Ihnen ging.
Das Folgende mag für die Starpoeten passen –
nicht mehr für mich als bloßen Dichterling.)

Wo war ich eben doch noch stehn geblieben?
Ach ja, ich hatte mich dem Mammon zugewandt,
den unsre Literaten heute derart lieben,
dass wohl ihr Unwort wär: Verkannt.

Man möchte in der Musenliga ganz nach oben,
die Spitze sich erobern in der Bücherschlacht,
nur Sachen liefern, die die Texte-Schiris loben,
auf dass mit „Toren“ man schön Kasse macht.

Sind Sie nicht auch schon mal so tief gesunken,
dass denkfaul Sie sich diesen Listen anvertraut
und von der süff’gen Sülze der Skribenten trunken,
begeistert `nen trivialen Fraß gekaut?

Ist Ihnen dabei denn nichts aufgefallen?
Na, dieses Muster, dieses ständige Rezept:
Sich hauen, stechen, prügeln und verknallen –
schön zeit- und ortsexotisch aufgepeppt?

Was Helden so in Kassenschlagern treiben,
das hat System, wie`s den Autoren nützt –
die möglichst platte Sensationen schreiben,
auf die sich gern ein Drehbuch stützt.

Ich will’s mal bissig formulieren,
weil mich womöglich Neid bewegt:
`ne Lyra kann man noch so schmieren,
das Publikum sie kaum erregt.

Viel Action, Puppen und Randale –
da liegen Film und Prosa vorn.
Das Schlichte, Sanfte, Minimale
verdient sich keine goldnen Sporn.

Und überhaupt: Sich Thriller auszudenken!
Gibt’s davon „live“ nicht schon genug?
Warum dem Bösen so viel Augen schenken?
Ist das nicht auch ein böser Zug?

Warum denn Blumen nicht besingen,
ganz harmlos, ohne krumme Tour?
Auch wenn sie Quoten nicht erringen –
sind es nicht Wunder der Natur?

Von Monstern

Von MonsternAus Bergen holt man sie und Schluchten,
aus schwarzer Wälder Einsamkeit,
aus schroffen, gottverlassnen Buchten,
wo grässlich die Harpyie schreit.

Man holt aus Gräbern sie und Grüften,
aus Krypta und aus Kirchenchor,
wo sie die schwersten Quader lüften
des Nachts beim Großen Mauseohr.

Und auch aus Löchern und Verschlägen,
wenn sie schön finster sind und feucht
und sich nur Ratten darin regen
und Ungeziefer kreucht und fleucht.

Und sollte dieses noch nicht reichen
fürn Horror, FSK-empfohln,
kann in den Kosmos man entweichen,
um Monster sich ins Haus zu holn.

Da wuseln sie in Varianten,
doch eklig alle und brutal,
Vampire, Zombies und Mutanten
als Schreckgespenster erster Wahl.

Der Fundus unsrer Filmemacher
für den gepflegten Schock zur Nacht
ist proppenvoll und desto flacher,
je mehr Gebrauch davon gemacht.

Die Sache hat nur einen Haken:
Sie spart das Obermonster aus –
den viergefüßten Superkraken,
der mitten unter uns zu Haus!

Den Menschen. Der das größte Grauen
stets über seinesgleichen bringt,
der Männer mordet, Kinder, Frauen
wie Vieh in seine Dienste zwingt.

Der stiehlt, betrügt, zerstört und schändet,
verstümmelt, foltert und verhöhnt
und jederzeit Gewalt verwendet,
die oft er mit `nem Blutbad krönt.

Wieso da auf den Grusel warten
bis nächtlich spät vor Tag und Tau?
Man findet ihn in allen Sparten
um acht schon. In der „Tagesschau“.

Gehalt und Transfer

Gehalt und AblöseDas Leder kreuz und quer zu treten
so übern gut gepflegtes Feld,
bringt manchem Kicker viel Moneten
und Prominenz als Medienheld.

Was andere im Köpfchen haben,
hat er im rechten, linken Fuß,
zu rennen, dribbeln, blocken, traben
mithilfe seines Stollenschuhs.

Und wenn ihm gleichsam angewachsen
die Kugel am bewegten Bein,
dass Tritte selbst ihm in die Hachsen
ihn von derselben nicht befrein,

Hat eine Kunst er so vollendet,
die abzielt auf des Gegners Tor,
dass nicht einmal ein Fehlpass schändet
sein Ansehn beim Tribünenchor.

Der lässt es sich ‘ne Menge kosten,
zu sehn, wohin`s den Ball verschlägt
und ob im Netz er zwischen Pfosten
sich manchmal kurz zur Ruhe legt.

Und dieses Faible fürs Vergnügen,
sich aus dem Alltag zu befrein,
trägt denen, die den Acker pflügen,
besagte reiche Früchte ein.

Heißt nicht nur fürstlich sie entlohnen
als Stars in ihrem Elfertrupp,
nein, sie auch ködern mit Millionen
für irgendeinen Superclub.

Solln sie der Pfründen sich erfreuen
für ihren Unterhaltungswert,
der Fangemeinde auch, der treuen,
die schlachtenbummelnd sie verehrt!

Nur flüchtig ja aus diesen Massen
das unverhoffte Glück sie hebt,
wie es mit prall gefüllten Kassen
an ihren goldnen Hacken klebt.

Denn hat ihr Stündchen erst geschlagen,
ist auch die Knete für die Katz.
Wie Bürger X wird man sie tragen
nach schwarzer Karte, ach, vom Platz.

So plötzlich auf den Hund gekommen,
die flinken Flitzer schwer wie Blei,
wird in den Kader man genommen
des Fußballgotts. Ablösefrei.

Lichtgestalten

LichtgestaltenIm rauen Hauch der Abendstunde,
da Licht sich schon am Himmel rührt,
gehn Kinder heute ihre Runde,
die durch vertraute Gassen führt.

In Händen `ne Papierlaterne,
in der ein Flämmchen sich verzehrt,
damit sie gleiche einem Sterne,
der flackernd durch die Nächte fährt.

Mitunter gehn sie stumm und leise,
ihr Licht erhoben nur dahin,
mitunter singend eine Weise
von schlichtem Ton und schlichtem Sinn.

Als Aufgeklärte wolln wir wissen,
was das für alte Bräuche sind,
die von dem warmen Herd gerissen
nach draußen sie in Nacht und Wind.

Es ist, wird leicht man uns belehren,
die Kirche, die dahintersteckt:
Die hat ja, um sich selbst zu ehren,
schon manchen Lazarus erweckt.

Das heißt in dem speziellen Falle:
Martinus, in des Heeres Sold,
der hat, dass Satan ihn nicht kralle,
gewandelt sich zum Tugendbold.

Und gab `nem Bettler, den am Wege
er antraf vorm Erfrieren knapp,
als Lustobjekt der Armenpflege
die Hälfte seines Mantels ab.

Der Herrgott selber solche Milde
mit einer Pfründe ihm vergalt,
nachdem der Krieger, dieser wilde,
sich seinem Dienst geweiht alsbald.

Und hat ihm königlich gesegnet
des Lebens und des Nachruhms Spur –
dass ihm als Bischof Manna regnet
und Martin er wird, Sankt, von Tours.

Des Bettlers leid’ges Los dagegen
verzeichnet unsre Chronik nicht.
Er ist dem Frost wohl doch erlegen –
wofür der halbe Mantel spricht.

Im Ortsnetz der Erde

Im Ortsnetz der ErdeAuf Erden hab ich `ne Adresse,
wer mich hier sucht, kriegt mich beim Schopf;
und wenn ich selber sie vergesse,
behält ein Speicher sie im Kopf.

Wenn jemand, Nachricht mir zu schicken,
dem Internet sich anvertraut,
verweile ich nicht, prompt zu klicken
das Knöpfchen, das dahinterschaut.

Und will die Zeit wer noch verkürzen
per Einwahl in mein Trommelfell,
dann seht mich unverzüglich stürzen
zum Klingelkasten von Herrn Bell.

Sich heutzutag zu kontaktieren
geht ja so leicht und wie der Blitz –
noch Tinte aufs Papier zu schmieren,
das wär der reinste Aberwitz!

Doch trotz der vielen Möglichkeiten,
sich gegenseitig aufzuspürn,
versagen vor des Kosmos Weiten
die höchsten Telefongebührn.

Wo in den Sternenkatalogen,
wo in der Galaxien Archiv
find ich die Strippen, die gezogen,
dass mich das All beim Namen rief?

Wir werden nicht mal wahrgenommen,
als gäb`s uns gar nicht auf der Welt!
Ein Vorteil doch – weil eh verschwommen
das Netz uns auf die Nerven fällt.

Eine Art Geisterstunde

Eine Art GeisterstundeKaum war mein Flieger hier gelandet,
im Schapp mein Trolley abgestellt,
als es mir war, als wär gestrandet
ich in `ner wahren Höllenwelt.

Der letzte Dämmer, und im matten,
noch schläfrigen Laternenschein
bewegten überall sich Schatten
mit andern Schatten im Verein.

Die meisten nur von Kindeslänge,
doch auch ein großer stets dabei,
als ob die kleineren er zwänge,
zu folgen seinem Konterfei.

So huschten stumm sie durch die Gassen,
in die die Nacht sich langsam stahl,
um kurz nur manchmal Fuß zu fassen
vor einem offnen Hausportal.

Da schmetterten sie in die Helle
`nen Schlachtruf, wenn nicht alles trog,
worauf der Hausherr auf die Schnelle
`ne Münze aus dem Säckel zog.

Er mochte wohl zu Recht erschrecken
vor diesen Fratzen, kriegsbemalt,
die Hörner an den Schläfenecken,
mit denen auch der Teufel prahlt.

Und diese aufgeputzte Bande,
von Ruß geschwärzt und Finsternis,
zog fröhlich plündernd durch die Lande
wie’n tausendfüß’ger Schattenriss.

Doch statt zu beben und zu bangen
vor ihrem schauerlichen Zug,
war mir beizeiten aufgegangen,
dass er den Schalk im Nacken trug.

Es war ja Allerseelen morgen,
der Tag, Verstorbene zu ehrn
und zünftig auch dafür zu sorgen,
dass sie nicht grauslich wiederkehrn.

Sind da denn unsre lieben Kleinen
in ihrem lust’gen Übermut,
als Schreckgespenster zu erscheinen,
nicht auch als Geisterbanner gut?

So ziehen sie auf sachten Pfoten,
auf ihren leichten Kinderschuhn,
zu bändigen die Allertoten,
die nichts mehr wem zuleide tun

Gedenken

GedenkenDer einunddreißigste Oktober,
vor Allerheiligen die Nacht.
Verstreute Blätter: Gold, Zinnober.
Der Toten wird demnächst gedacht.

Der Heil`gen, die ihr ganzes Leben
asketisch ihrem Gott geweiht,
bis zu dem Punkt, es hinzugeben
nachfolgend Christi eignem Leid,

Dass sie mit des Martyriums Krone
auf ihrem Haupte, ungebeugt,
den Kniefall tun vor Gottes Throne,
wo ewig man ihr Blut bezeugt.

Drum viele ihrer nun gedenken
mit Lichtern, auf dem Grab postiert,
dass Fürsprache sie ihnen schenken,
wird einst nach Gut und Bös sortiert.

Was für ein Flackern und ein Flimmern
sich breitet überm Gräberfeld,
als kämen aus den Totenzimmern
direkt die Flammen hochgeschnellt!

Gefunkel aus dem Fegefeuer,
das auf die Erde sich verirrt?
Kein Wunder, dass nicht ganz geheuer
so manchem bei dem Schauspiel wird.

Zypressen lauern. Friedhofsruhe.
Und kalte, weiße Nebel ziehn.
Gleich steigen sie aus ihrer Truhe,
die Geister selbst: O Halloween!

Lange Leine

Lange LeineSitz abends ich am Küchentische
Gedanken angelnd vor mich hin,
hab ausnahmslos ich kleine Fische
im Eimerchen der Beute drin.

Den großen bin ich nicht gewachsen,
die zieh ich einfach nicht an Land.
Der Fang von Dorschen oder Lachsen
wär einem Wunder sinnverwandt.

Doch lass ich mir drum nicht vermiesen
den Spaß, der mir so wichtig ist,
und denk (der Volksmund sei gepriesen!),
auch Kleinvieh macht ja schließlich Mist.

Kopf hoch somit und weitemachen
und weiter gründeln im Gehirn,
um, sei’s auch nur für sieben Sachen,
Poseidon vor den Karrn zu schirrn.

Doch was selbst das für Mühe kostet!
Man hält die Angel alias Stift
und wartet bis sie, halb verrostet,
noch irgendeinen Stromer trifft.

Am höchsten gilt bei diesem Sporte
aus gutem Grunde die Geduld.
Man hockt bewegungslos am Orte,
bis jäh es zuckt – mit Petri Huld.

Ein dicker Brocken eingefangen,
was Fettiges für Rost und Rauch?
Ach, wieder Schalen nur und Zangen!
Na, Austern, Krabben tun es auch.