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Passender Fund

Passender FundAch, haben sie ihn ausgegraben,
Cervantes, unsern Dichterschelm,
der quer ließ durch La Mancha traben
Quijote mit dem Ritterhelm?

Vierhundert Jahre durft er dösen
in seiner stillen Klostergruft,
bis man mit Haken und mit Ösen
ihn rausgestochert an die Luft.

Wenn er’s denn ist. Denn die Gebeine,
auf die man in der Krypta stieß,
sie sind und sind vielleicht nicht seine
nebst andren in dem Grabverlies.

Dem Braten ist nicht recht zu trauen –
kurz vor dem runden Todesjahr
kommt selbst er, um vorbeizuschauen
bei seiner treu’n Verehrerschar!

Das riecht nach alten Kirchenbräuchen,
nach denen man, Simsalabim,
um Pilger auf den Weg zu scheuchen,
manch Märchen braute à la Grimm.

„Herbei, herbei aus allen Landen
und seht, was unser Herr vermag!
Den heil’gen Nimmerlein, den fanden
wir just an seinem Namenstag!“

Und dank der großen Menschenmasse,
die es zu diesem Wunder trieb,
des Sprengels sieche Kirchenkasse
bald wieder schwarze Zahlen schrieb.

Müsst es den Ruhm Madrids nicht mehren,
brächt diesen Trumpf man noch ins Spiel?
Auch könnt man einst das Tuch verehren
des Flügels, der im Hieb zerfiel!

Warum indes vor Knochen beugen
sein wandermüdes Pilgerknie?
Kann uns daheim ein Buch nicht zeugen
vom unverweslichen Genie?

 

Vielseitige Bekanntschaft

Vielseitige BekanntschaftEin Ausflug, und ich lernte kennen
‘ne Frau, die nicht mehr ganz so jung
doch auch nicht grade alt zu nennen
mit ihrm fidelen Geistesschwung.

Sie hatte etliche Int’ressen,
die sie schon bald mir anvertraut,
sie einzeln schildernd, währenddessen
ich aufmerksam gehörgeschaut.

Da war der Garten beispielsweise,
der eng sich an ihr Häuschen schmiegt
und wo Dionysos zum Preise
die Rebe sich im Winde wiegt.

Der rückt sie mit der Heckenschere
zur Lese mächtig auf den Leib,
damit zu ihrer Winzerehre
ein Fässchen nach dem Keltern bleib.

Und ähnlich schien ihr zu gefallen
‘ne andre Art von Handarbeit –
sich Stoffe holen frisch vom Ballen
und schneidern sie zum Straßenkleid.

Auch Leinwand lässt sie gern sich reichen,
doch nicht zum Schnippeln und Vernähn,
nein, sie mit Farben zu bestreichen,
dass Landschaftsbilder draus entstehn.

Dazu ergreift sie ihren Hocker
und schleift ihn raus in die Natur,
die ihr Modell sitzt leicht und locker
und noch verschafft ‘ne Frischluftkur.

Nicht schon genug der Steckenpferde?
Sie mischt auch in der Kirche mit
und macht, dass einmal Friede werde,
sie für die Ökumene fit.

Mir hat’s die Sprache fast verschlagen
vor diesem quirligen Gemüt –
ein Weib in seinen späten Tagen,
wie es vor Laune nur so sprüht!

Wer so für alles aufgeschlossen,
dem kann man ja Respekt nur zolln.
In den Verwundrung auch geflossen:
Von mir hat sie nichts wissen wolln!

Hoher Herrscher

Hoher HerrscherEr hält in seiner Hand die Fäden,
mit denen er ein Reich regiert,
mit leichtem Zug bewegend jeden,
dass willenlos er ihm pariert.

Wenn morgens ins Büro er schreitet,
erstarren sie vor Ehrfurcht schon.
Der Pförtner seine Augen weitet
und klingeln lässt das Telefon.

Die ganze Brut der Bürokraten
traf dienstbeflissen vor ihm ein,
um ihrem Oberpotentaten
ein Bild von stetem Fleiß zu sein.

Dann macht er sich an die Geschäfte,
eins nach dem andern, nach Gewicht,
und bündelt seine Geisteskräfte
auf jedes, das ihm Ruhm verspricht.

Und selbstverständlich in dem Rahmen,
der seinem hohen Rang gemäß,
er muss nicht in Lappalien kramen,
als ob er im Bezirksamt säß.

Nein, in den Aktenkonvoluten,
durch die er sich tagtäglich frisst,
geht’s etwa um die Alëuten
oder um Naurus Vogelmist.

Da muss gerissen er entscheiden,
was förderlicher seinem Zweck,
und notfalls sich als Lamm verkleiden,
dass er den Fang des Wolfs verdeck.

Und schließlich kommt, was kommen musste,
weil es seit Olim stets so geht:
Er stiehlt ein Stückchen von der Kruste
des Lands der Nachbarmajestät.

Ein Staatsmann also erster Klasse,
ein Großer auf dem Erdenrund,
weil seiner schönen Heimat Masse
er kühn vermehrt um fünfzig Pfund.

So wird er es nicht ewig treiben,
denn auch der Mächt’gen Zeit verrinnt –
ein letztes Mal Geschichte schreiben
am Friedhof, wo er Land gewinnt.

Abfallbehandlung

AbfallbehandlungZum Thema „Kleine Unterschiede“,
wie es sie gibt von Land zu Land,
ein Beispiel hier in diesem Liede,
das aus Erfahrung mir bekannt.

Ich bin in dies System geboren,
dass täglich seinen Müll man häuft,
und steht er dir bis an die Ohren,
mit ihm zur nächsten Tonne läuft.

Der Zeitpunkt war stets meine Sache
für den finalen Beutelwurf,
so dass ich mich nicht strafbar mache,
wenn nachts ich zum Container kurv.

Warum denn auch Restriktionen?
So ’n Prallsack plumpst ja lautlos fast,
um auch des Nachbarn Ohr zu schonen,
das jede Ruhestörung hasst.

Und hier in Spanien kein Gedanke,
dass über Lärm man sich beschwer –
und trotzdem baute man ‘ne Schranke
dem unbegrenzten Müllverkehr.

Die Tüte nämlich darf man schwenken
im Winter erst ab neunzehn Uhr
und sommers gar den Arm verrenken
noch später auf Containertour.

Des Rätsels Lösung ist die Sonne,
die so verschwenderisch hier scheint
und auch nicht Halt macht vor der Tonne,
die manchen Rest in sich vereint.

Würd sie zu ihren besten Zeiten
erhitzen dies Verfallsgemisch,
es müsst sich ein Geruch verbreiten
miasmisch wie ein fauler Fisch.

Drum kommen nachts hier fleiß’ge Hände
und schaffen weg, was noch nicht stinkt.
Bedeutet: Frischluft ohne Ende –
doch in der Küche nur bedingt.

Schiff ahoi

SchiffspassageWenn ich mal in die Weite spähe,
zeigt öde sich das Meer zumeist.
Es scheint, dass hier in Küstennähe
kein Schipper gern vorüberreist.

Die für die Fahrt bestimmte Rinne
auf offner See weit draußen liegt,
dass mit dem schärfsten aller Sinne
man sie nicht vor die Klüsen kriegt.

Und wenn dann dennoch in der Ferne
so’n Kahn mal klein zu sehen ist,
klebt seinen Blick darauf man gerne,
weil in der Not man Fliegen frisst.

So hab ich’s heute grad erfahren,
als ich verträumt am Ufer ging
und unversehns mit Haut und Haaren
‘nen Frachter mit der Netzhaut fing.

Der kroch bedächtig wie ‘ne Schnecke
da auf dem hohen Kamm der Flut,
dass es wohl bis zur nächsten Ecke
noch in ‘ner Stunde nicht akut.

So lange wollte ich nicht stieren,
ich riss mich von dem Anblick los
und ließ das Pünktchen sich verlieren
in Mutter Meeres großem Schoß.

Erst jetzt, da ich’s in Tinte tränke
beim Kerzlein, das beharrlich blakt,
packt mich ein Schauder, wenn ich denke,
wie klein man in die Welt sich wagt!

 

Erkenne dich selbst

Erkenne dich selbstWürd jemand für ‘nen Schuft sich halten,
‘nen Halsabschneider, Tagedieb?
Nein, Augen hoch und Hände falten –
der Schlimmste gibt sich schrecklich lieb.

Treibt täglich seine Gaunereien,
zieht den und jenen übern Tisch
und würde stets „Ich war’s nicht!“ schreien,
dass er Justitia entwisch.

Mit andern, die vom Wege weichen,
geht immer hart er ins Gericht,
indes er sich und seinesgleichen
stets frei von Schuld und Sünde spricht.

Das ist die Crux in unserm Leben:
Wir glotzen immer vorne raus,
um nie uns Rechenschaft zu geben
über dies dunkle Hinterhaus.

Es wimmelt nur so von Gerechten
in dieser unvollkommnen Welt,
die lammfromm ihre Schafe schächten,
damit ihr Wandel Gott gefällt.

Und fröhlich an die Gurgel fahren
dem Nächsten um ein Körnchen Reis,
doch ein Gewissen sich bewahren,
das sich im Stand der Unschuld weiß.

Die Weltgeschichte nur ein Schlachten,
‘ne Orgie nur von Tod und Leid,
dass aus der Erde Friedhofspachten
erwürbe sich die Obrigkeit?

So haben aufgeklärte Geister
es wohl bis gestern noch gedacht,
doch heute, hochverehrte Meister,
hat Neues man ans Licht gebracht.

Denn endlich sind die tiefsten Triebe
aus Seelenschlamm hervorgewühlt –
und rein und redlich auch die Liebe,
wie man sie für sich selber fühlt.

Die ist so stark, dass notgedrungen
für andre nichts mehr übrig bleibt
und man der eignen Niederungen
Gestank auf deren Konto schreibt.

Man könnte sagen, dass der Heil’gen
Gemeinschaft wunderbar präsent –
die, die sich gern am Schein beteil’gen,
so wie man’s von der Kirche kennt.

Uns ist, sagt wer, das Wort gegeben,
zu bergen der Gedanken Lauf.
Genau. Und ganz besonders eben,
dass man als edel sie verkauf.

Über Führungskräfte

Über FührungskräfteSie rennen, rennen ohne Ende
zu sechsen immer im Gespann
und rennend fühln sie im Gelände
sich selig wie ein Wandersmann.

So hecheln sie gewalt’ge Strecken
auf weiter, wegeloser Flur,
indem nichts weiter sie bezwecken
als eben dieses Hecheln nur.

Ein Hindernis ist keine Hürde,
sie setzen über Stock und Stein,
gebremst nicht einmal von der Bürde
im Schlepp, die ihnen hinterdrein.

Das ist des Zugs Kommandobrücke,
die seinem Lauf die Richtung weist
und dass er bei des Bodens Tücke
nicht kurvend irgendwo entgleist.

Und immer vorwärts jagt die Meute
im Hundsgalopp durch Eis und Schnee,
bis endlich Halali – und Beute:
Ein Fischkopp, leidlich frisch von See.

Ein solches Team zu dirigieren,
das wünschte sich wohl jeder Chef:
beharrlich, schnell auf allen vieren
und lohnbegeistert mit Gekläff.

Nichts leichter: Gleich den Schlittenhunden
er einmal dies behandeln müsst.
Die kloppen ihre Überstunden
für jeden, der sie herzt und küsst!

 

Von Kunstfreunden

Von KunstfreundenDa gibt es Leute, die begaffen
banausenhaft ‘ne Bilderwand,
nur um auch diesen Punkt zu schaffen
auf ihrer Touri-Tour durchs Land.

Und andre, die genüsslich lächeln,
indem ganz dicht heran sie gehn,
zu zeigen, dass sie niemals schwächeln
in ihrem schönen Kunstverstehn.

Doch beide ehrn auf ihre Weise
der alten Meister Malerei
und tragen so zu ihrem Preise
im Doppelsinn des Wortes bei.

Wie wenig Kunstsinn aber zeigen
grad die, die ganz versessen drauf,
dass diese eine just ihr eigen,
wie immer teuer auch der Kauf!

Sie gehn nicht um in Galerien,
sie kennen ihr Objekt ja schon.
Es bleibt nur noch an Land zu ziehen
im Zuge einer Kunstauktion.

Und da sehr scheu sie und bescheiden
in ihrer ganzen Lebensart,
ham sie, den Rummel zu vermeiden,
ihn fürn Agenten aufgespart.

Der schneidet mit diversen Zeichen
Millionen aus den Rippen sich,
bis endlich die Rivalen weichen
und er kriegt, Hammerschlag, den Stich.

Was für ein Aufwand wird getrieben
mit bloßem Kapitalgespür:
Die Meister schon sind arm geblieben
und wieviel Menschen heut dafür!

Mensch und Majestät

Mensch und MajestätEin Leben ohne Goldmedaille,
Pokal und Ordensstern am Frack –
gut fritzisch wär man ‘ne Kanaille,
das heißt auf Preußisch: Lumpenpack.

Warum als König er geboren
und nicht als Kätner oder Knecht,
hat immer frei und unverfroren
behauptet er als Himmelsrecht.

Wofür, wie alle Potentaten,
er die Beweise schuldig blieb,
die auch die Knechte nie erbaten,
weil man sie sonst zu Paaren trieb.

Doch wie nach bunten Perlen gierten
die Eingebornen einst der Welt,
freut heut noch die „Zivilisierten“
der Flitter, der ins Auge fällt.

Und schreitet wer in Samt und Seide,
gilt er als großes Kirchenlicht,
da die textile Augenweide
vermeintlich auch für Weisheit spricht.

Wovon die Kön’ge profitieren,
die schon als Kind auf goldnem Thron
gehalten warn zu defäzieren
mit bester Ware Ton in Ton.

Wie wäre dann im spätren Leben
der Einfall jemals dem absurd,
es könnte keinen andern geben
als ihn von göttlicher Geburt?

Man legte ihm schon in die Wiege
zum Räppelchen ein ganzes Land,
das selbstverständlich wie die Fliege
im Stall ‘ne Kuhmagd er empfand.

Und dann: Wer oben auf der Leiter,
fragt nach den Gründen eh nicht gern –
er macht mit seinem Dünkel weiter
als Hätschelkind des höchsten Herrn.

Wann aber wäre Prunk gewesen
ein Ticket zur Unsterblichkeit?
Hab von ‘nem Fürsten nie gelesen,
der aus dem Grab Hosianna schreit.

Und da die Argumente fehlen,
die ihrem Anspruch Recht verleihn,
tun diese adelsstolzen Seelen,
als ob’s nicht anders könnte sein.

Was sie indes „von Gnaden“ nennen,
ist nur die Blindheit der Natur.
Man mag den „Königsweg“ nicht kennen –
man kommt ihm schon noch auf die Spur.

Über Fischen

Über FischenFrühmorgens gehn sie auf die Reise
und dampfen in ihr Fanggebiet,
wo immer noch auf Petri Weise
man Maschen durch die Fluten zieht.

Da kreisen sie denn Stund um Stunde
in eng begrenzter Region
und bergen ihre feuchten Funde
fürn ungewissen Tageslohn.

Dann heißt’s schon in die Hände nehmen
den Kiel am späten Nachmittag,
damit sie nicht verspätet kämen
zu des Versteig’rers Hammerschlag.

Der fällt hier in der Hafenhalle
unweigerlich Punkt 18 Uhr –
indessen nicht für Krill und Qualle,
für Seehecht und Sardine nur.

Wenn sie dann schon vorm Bierchen hocken,
um durchzuhecheln ihren Fang,
machen sich andre auf die Socken
und stillen nachts ihrn Beutedrang.

Die geistern lockend dann als Lichter
in diesem Sott von Nacht und Meer,
mal draußen weiter und mal dichter,
doch immer lautlos hin und her.

Eintrudeln morgens, wenn die andern
die Lider grad vom Schlaf befrein –
sofort zum Auktionator wandern,
weil Käufer schon nach Ware schrein.

Da Fischer ständig ihn bejagen,
erholt sich nie ihr Lebensquell.
Die Brut wird ihm davongetragen
in Einkaufsnetzen XXL.

Na und, wird mancher vielleicht höhnen,
beschwert sich wer aus diesem Kreis? –
Zumindest hör ich nächtlich stöhnen
die Welln, die Winde – ach, wer weiß!