Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Plötzlich aufgetaucht

Plötzlich aufgetauchtSie kamen mir zu viert entgegen
auf jenem schmalen Uferpfad,
und dieser süßen Krabben wegen
ich schüchtern auf die Seite trat.

Sie warn nur eben so bekleidet,
wie’s an der Küste oft passiert,
wenn hoch im Blau die Sonne weidet
und heiß der Strand sich präsentiert.

Wie auf ‘nem Laufsteg bei Paraden
für Bademoden man es schaut,
entblößten diese Jungnajaden
sich weit bis auf die nackte Haut.

Ich wagte nicht, mich umzudrehen,
dass ich Verwunderung nicht zeig,
sah nur das Abbild ihrer Zehen
als feuchten Schatten auf dem Steig.

Dem ging ich nach ’ne kleine Weile,
und wenn auch schwächer wurd die Spur,
ich wie von einem Richtungspfeile
doch ihren Ursprung so erfuhr.

Im Mäuerchen war eine Lücke,
da waren sie hindurchgeschlüpft,
gewiss weil durch des Sandes Tücke
auf diesem man nur mühsam hüpft.

Sie hatten klar ein Ziel vor Augen,
das rasch zu finden sie gedacht –
ach, könnt ich doch als Triton taugen,
ich hätte gern sie hingebracht!

 

Unter uns gesagt

Offen gesagtSo frei weg von der Leber sprechen,
nach Lust und Laune so parliern,
für Hinz und Kunz ‘ne Lanze brechen
und unbedacht sein Wort verliern –

Das zwar von vielen aufgelesen,
doch nicht geahndet mit Gewalt,
weil heutzutag mit weichrem Besen
die Büttel unsres Staats bestallt –

Das ist ‘ne wunderbare Gnade,
die Chronos uns gewiss gewährt,
der blinde Gott verschlungner Pfade,
der uns Geduld und Spucke lehrt.

Drum muss ich hinterm Berg nicht halten
mit Meinungen, die offenbar,
nicht lammfromm nur die Hände falten
vorm allgemeinen Denkaltar.

Vorn Kadi wird man mich nicht zerren
für Sprüche, die zu scharf gewürzt,
mich foltern nicht, in Kerker sperren
als einen, der den Himmel stürzt.

Und niemand wird mich Volksfeind nennen,
nach dessen Blut die Menge schreit,
und meine dürren Zeiln verbrennen
zur Fördrung ihrer Lesbarkeit.

Wieso auch? Meine Freiheitsgrade
sind sicherlich so weit gespannt,
weil ich nicht mal ‘ner Fliege schade –
bin harmlos. Mehr noch: unbekannt.

Erdenfülle

ErdenfülleFast täglich gibt es neue Zeichen
für den ernüchternden Befund:
Die Erde ist nicht ohnegleichen
im grenzenlosen Sternenrund.

Nicht nur, dass massenhaft Trabanten
entfernter Sonnen schon entdeckt
im Rundflug um die Glutgiganten
auf Bahnen, die fest abgesteckt.

Nein, solche auch, die von der Masse
und der Distanz zum großen Licht
gehören in die gleiche Klasse,
wie unserm Globus sie entspricht.

Das sind, gepeilt so übern Daumen
der weitsicht’gen Astronomie,
die Zahl zergeht dir auf dem Gaumen:
Milliarden schon pro Galaxie!

Dies Stäubchen, das in öden Kreisen
nur in gelieh’nem Glanz erglimmt,
es wollte stets sich selbst beweisen,
dass es zu Höherem bestimmt.

Doch die Erkenntnis ist nicht ohne –
im Geiste wird jetzt aufgeräumt.
Der Mensch sei dieser Schöpfung Krone:
Ein Traum, der endlich ausgeträumt.

Und falls auch andere Planeten
so’n Alphatier hervorgebracht,
dann wird’s zu seinem Gotte beten,
der es nach seinem Bild gemacht!

Erste Hilfe

Erste HilfeDa hat wer einen bösen Husten,
ich höre dumpf es durch die Wand;
ging gerne rüber, um zu pusten,
ein Tropfenfläschchen in der Hand.

Doch hab ich keinerlei Arzneien
auf Vorrat irgendwo im Schrank,
zumal an äskulap’schen Weihen
ich schmerzlos schon von jeher krank.

Ach, deshalb Sorgen sich zu machen,
wär übertrieben sicherlich.
Die haben ihre eignen Sachen
und vielleicht bessre unterm Strich.

Was hülf es auch, sich einzumischen
in Sphären der intimen Art?
Da will man sich die Nase wischen
so, dass kein Gaffer es gewahrt.

Und dann müsst ich noch kauderwelschen
mit einem fremden Zungenschlag,
was meine Botschaft gar verfälschen,
die Absicht gar verdunkeln mag.

Womöglich wird der Nachbar denken,
mich nerve der orale Laut,
ich hätt, den Zaunpfahl nur zu schwenken,
so kummervoll hereingeschaut.

Dann träte zu dem Sprachprobleme
ein weiteres noch mit Verlass:
Wenn’s auch nicht aus dem Rachen käme –
man hustete mir öfter was!

Über Kreuz

Über KreuzVerzeiht, wenn ich’s so nüchtern sage:
Die Krone trägt es nicht zu Recht,
dies blutversessne, sarkophage,
sich durchvernünftelnde Geschlecht!

Und hätt ein Gott sie ihm verliehen,
hätt unfehlbar er sich geirrt,
weil nie zu Gutem noch gediehen,
was dieser trieb, der Schöpfung Hirt.

Ja, grad in dieses Gottes Namen,
des Milde stets im Mund geführt,
Millionen um ihr Leben kamen,
von heil’gen Häschern aufgespürt.

Die ganze Skala der Torturen
erprobten jene Brüder grad,
die sich als sanfteste Naturen
berühmten, auf der Liebe Pfad.

Mit Folter, Mord und Scheiterhaufen
erwarben sie sich Kirchenruhm,
gewappnet für ihr Amoklaufen
mit Bibel und mit Christentum.

Und was sie zynisch deklarierten
als Sorge für des Opfers Wohl,
war nur die Sorge des versierten
Halunken für sein Monopol.

Die Worte auf den Kopf gestellt.
Verhöhnt die Kranken und die Lahmen.
Aus allen Wolken Jesus fällt,
seit Pfaffen ihn erheben. Amen.

 

Bitte recht freundlich

Bitte recht freundlichDer blaue Baldachin da oben
war wieder völlig aufgespannt,
von Wolken wollig nicht durchwoben,
nur von der Sonne eingebrannt.

‘ner Kuppel gleich er überdeckte
das Meer in seinem Mammuttrog,
das sich die feuchten Lippen leckte
und gurgelnd seinen Atem zog.

Doch auch die Berge, deren Kämme
wie Wellen, die zu Stein erstarrt,
erfasste die azurne Schwemme
als des Gekräusels Widerpart.

Nun, um es einfach auszudrücken:
Des Tages schönes Bild verfing,
und um ihm auf den Leib zu rücken,
wohlweislich ich spazieren ging.

Was erst mal zu ‘nem Dämpfer führte,
denn wohl ein Tausend tat’s wie ich,
das auf der Promenade spürte
nach einem süßen Sonnenstich.

Doch immerhin hab ich erfahren,
dass die Kulisse man auch nutzt,
sie im Gedächtnis zu bewahren
auf Fotos, die herausgeputzt.

Ein Püppchen auf der Ufermauer
im weißen Brautkleid Pose stand.
Familie rings. Ein Blitzlichtschauer.
Die Kleine lächelt unverwandt.

Sprachlos

SprachlosWie sehr ich sie darum beneide!
Sie zucken mit der Wimper nicht
und plappern schon im Kindeskleide,
wie alle Welt hier eben spricht.

Dagegen geht mir von der Lippe
mit Mühe nur der fremde Laut,
so dass im besten Fall ich nippe
an des Thesaurus Außenhaut.

Und sollt mir dennoch mal gelingen
ein Satz in schönem Redefluss,
mir Worte prompt entgegenklingen,
bei denen ich schlicht passen muss.

Denn Übung macht auch hier den Meister,
und grade auf dem Sprachgebiet,
wo aus des Buchs Papier und Kleister
nur mäßig man Vokabeln zieht.

Gut lutherisch aufs Maul zu schauen
dem Volk, empfiehlt es sich auch hier,
und aus Gesprächen aufzubauen
sein täglich wachsendes Brevier.

Im Laden, wo ich Haushaltswaren
„quería“ öfter, „gerne hätt“,
hat sich bewährt schon dies Verfahren
vom „Eimer“ bis zum „Bügelbrett“.

Doch heut, als ich in erster Güte
mit ‘ner Kassiererin parliert,
fragt deutsch sie plötzlich: „Eine Tüte?“ –
da sieht man doch: Wer wagt, verliert.

Historisches Ausflugsziel

Historisches AusflugszielJetzt bin ich da, wo der Wandale
vorzeiten auch sein Glück gesucht
und statt Hotel- und Flugpauschale
nur Kampf und Feuersbrunst gebucht.

Doch solche ungeschlachten Brüder
man schon nach kurzer Zeit vertrieb,
worauf sich allerdings noch rüder
ins Gästebuch der Gote schrieb.

Der schlug hier ein die gier’gen Krallen
und wollte gar nicht wieder weg.
Doch über diesen herzufallen,
kam bald ein Trupp mit Marschgepäck.

‘ne Meute echter Wüstensöhne,
die mutig sich ins Meer gestürzt,
dass ihre schnöde Raublust kröne
ein Boden, der nicht sandgewürzt.

Die wollten lange Zeit nicht weichen
und hielten an der Bleibe fest,
so dass die Spur von ihren Streichen
sich heute noch erkennen lässt.

Dann ballten sich in span’schen Händen
die Lande wieder nah und fern.
Seitdem sah ihren Glanz man spenden
die Sonne keinem fremden Herrn.

Die Erben jener Finsterlinge
sind heute friedlich hier zu Gast:
Touristen ohne Axt und Klinge –
nach all dem Blut ein Wunder fast!

Mummenschanz

Bunte VögelWas Menschen so Geschichte nennen,
das ist ein ew’ges Kappenfest.
Mit Kopfputz und Geklingel rennen
die Brüder, die man herrschen lässt.

Da wird in feierlicher Runde
‘ne Krone wem aufs Haupt gedrückt,
und schon ist er in aller Munde
zum Kreis der Götter aufgerückt.

Da tritt sein väterliches Erbe
ein Knabe an aus Fürstenstand
und fördert gleich das Pelzgewerbe,
das ihn mit Hermelin umwand.

Der Papst, sich Majestät zu geben,
trägt zwar Kothurnen nicht zur Tracht,
doch lässt er überm Scheitel schweben
‘ne Mütze, die ihn größer macht.

An Herz und Geist gerad die Kleinen,
die hochgespült der Zufall blind,
sie wollen mehr nach außen scheinen,
als von Natur sie wirklich sind.

Was könnte da wohl besser passen
als Putz und Flitter aller Art,
mit denen man die dumpfen Massen
auch optisch ausgezeichnet narrt?

Der rote Faden, der die Zeiten
durchzieht in eher dunklem Grau,
das ist der Potentaten Schreiten
in ihrer blut’gen Modenschau.

Irdische Größe

Irdische GrößeDas unter einen Hut zu bringen –
ein Ding wohl der Unmöglichkeit:
Die Sphären, die im Raume klingen;
der Mensch, der lautlos sich verschreit.

In einem Räderwerk von Sternen
vollzieht sich unser flücht’ges Sein,
aus dem die Jahre uns entfernen
wie Flecken oder Wasserstein.

Doch da wir Flöhe sind auf Erden
und winzig unser Horizont,
hat alles leicht galaktisch werden
dem eitlen Spatzenhirn gekonnt.

Da kränzten manche sich mit Kronen
der Marke „Gottesgnadentum“
und ließen sich mit Leichen lohnen
den allerhöchsten Schlachtenruhm.

Und andre finstre Majestäten
erlogen gleich von A bis Z,
sie würden Gott höchstselbst vertreten
und wurden damit reich und fett.

Ach, über diese Psychopathen
könnt eigentlich man lachen nur,
wär nicht das Unheil ihrer Taten
und ihres Dünkels blut’ge Spur.

Doch Volksverächter und Schamanen
sind nicht allein von gestern bloß.
Sie ziehn noch immer ihre Bahnen –
geblähte Nullen, gernegroß.