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Tröstlich zu wissen

Tröstlich zu wissenWas andres als ein Wolkenschatten,
der Lerche kurzes Tirili,
ein Knacken in den Schuppenlatten
ist diese flücht’ge Poesie?

Der, der sie seinem Hirn entwindet
in angestrengter Grübelei,
zum Lohn noch manche Perle findet
in diesem grauen Brägenbrei.

Doch Leute, die sie deklamieren
und lüstern an den Versen kaun,
sich oft nur deshalb damit zieren,
dass ihren Feinsinn man bestaun.

Die diese Kunst von Herzen wählen,
erliegend ihrem süßen Charme,
sind, mit Verlaub, wohl abzuzählen
alleine am Zwölffingerdarm.

Man mag sie daher brotlos nennen,
obwohl sie selbst nach Brot nicht geht
und bei dem großen Reibachrennen
bescheiden lieber abseits steht.

Der Dichter blickt von höhrer Warte
auf diesen ew’gen Stress und Streit
und sieht, dass auch die dickste Schwarte
verdirbt und fault im Fluss der Zeit.

Die Worte aber, ungelesen
in diesem winz’gen Jetzt und Hier,
sie werden lange nicht verwesen –
so schön gewickelt in Papier.

 

Meeresfrüchte

MeeresfrüchteDes Meeres unbebaute Fläche,
zerfurcht, doch nicht vom Pflug zerteilt,
dass Korn ihm aus den Wellen breche
als Same, der zur Sonne eilt –

Nur eine ungeheure Brache,
in die man keine Hacke schlägt,
weil diese salzgetränkte Lache
niemals des Feldes Früchte trägt.

So sind die üblichen Verfahren,
wie man zum Ackerbau sie wählt,
um Misserfolg sich zu ersparen,
beim Ozean durchaus verfehlt.

Das hatt‘ schon früh man auf der Pfanne
und auch, dass wenn man tiefer bohrt
in diese bodenlose Wanne,
da mancher Leckerbissen schmort.

So wurd die Fischerei erfunden.
Das ist jetzt ein paar Jahre her,
doch immer noch drehn ihre Runden
die Dampfer mit dem Netzgewehr.

Frühmorgens wenn die Hähne krähen,
begeben sie auf Pirsch sich schon.
Die Segel sie im Dämmer blähen
fürn flotten Ritt zur Fischauktion.

O wie’s da in den Kisten wimmelt
von meergeborenem Getier –
tagtäglich wenn zur Vesper bimmelt
das Kirchlein gegenüber hier!

Hand aufgehalten

Hand aufgehaltenVor jedem Supermarkt sie hocken,
den Klingelbecher vor der Brust,
dir rasch ein Scherflein abzulocken
von deiner Leib- und Magenlust.

Die einen regungslos nur sitzen
in Demut und Bescheidenheit,
da andre Münzen dir stibitzen
mit frommen Sprüchen auf ihr Leid.

Doch immer auf dem gleichen Gleise,
das zahm und ziellos man befährt,
und das auch noch auf eine Weise,
die ergonomisch wenig wert.

Mag Sonne glühen, Regen schauern,
mag Sturmwind brausen, Kälte zehrn –
in ihrer Ecke da sie kauern,
als ob sie fest verwurzelt wärn.

Tagaus, tagein für viele Stunden
am Eingangstor zum Paradies,
wie’s ihren gaumengläub’gen Kunden
die Wirtschaft immer schon verhieß.

Die schreiten meistens durch die Pforte,
zufrieden, dass sie auserwählt,
und schenken weder Blick noch Worte
dem armen Bruder, der nicht zählt.

Die Hand, die halten sie verschlossen,
Verachtung spiegelt ihr Gesicht.
Sie schnallen nicht: Die in den Gossen,
wenn jeder gäbe, gäb es nicht.

Wettlauf mit der Zeit

Gegen die ZeitSo wild entschlossen zu genießen,
was schwindend noch das Sein gewährt,
seh ich die Tage rasch verfließen
und wie im Fluge aufgezehrt.

Wie soll man sich dagegenstemmen?
Was hält den Kuckuck in der Uhr?
Klock sieben morgens Austern schlemmen,
verknüpft mit ‘ner Champagner-Tour.

Dann Sonnenbummel wo am Wasser,
dass man die Beine sich vertritt,
damit so gegen zwei der Prasser
für Tafelfreuden wieder fit.

Und wenn die Wampe vollgeschlagen
mit Vor- und Haupt- und Nachgericht,
ist auf ein Nickerchen fürn Magen
das Sofa erste Bürgerpflicht.

Erhebt man frisch sich dann vom Dösen,
flitzt auf die Piste man erneut –
zum Plaudern und Problemelösen
als durst’ger Tresentherapeut.

Die Augen sich da wem verdrehen?
Nun, ist ironisch ja gemeint.
Vom Gaumenspaß mal abgesehen
auch mir das alles fad erscheint.

Doch ehrlich: Wie wir auch gestalten
den Tag aus der und jener Sicht –
die Zeit, sie ist nicht aufzuhalten.
Nur auf Papier, nur im Gedicht.

Freizeitvergnügen

FreizeitvergnügenHeut muss man keine Brücke bauen,
es sei denn aus Versöhnlichkeit.
Nein, nur auf den Kalender schauen,
der bürgt auch so für freie Zeit.

Es hat sich nämlich so ergeben,
dass Freitag ist und Landesfest
und mancher auf der Arbeit eben
drei Tage sich nicht blicken lässt.

So liegt ein langes Wochenende
verheißungsvoll vor ihm und ihr,
und manche(r) reibt sich schon die Hände
und spitzt sich schon auf ein Pläsier.

Nur schade, dass die Datumsmacher
sich nicht aufs Wetter auch verstehn;
das wird womöglich auch so’n Kracher –
doch erst, wenn Blitze man gesehn!

Der heitre Ausflug ist zu streichen,
der Sonnensitz vor dem Lokal.
Es gilt nach innen auszuweichen,
wo nicht nach Haus zum Mutter-Mahl.

Kann in den eigenen vier Wänden
man sich nicht auch der Muße freun?
Entsprechende Signale senden
die Nachbarn grad, die sich verbläun.

Verbal zumindest. Nichts verschleiern,
von ihrem Zorn dahingerafft,
auf ihre Art die Feste feiern –
mit Bauch, mit Biss, mit Leidenschaft!

Signalstoffe

SignalstoffeSo wie die Kleider Leute machen,
so machen sie Berufe auch –
Schnitt, Tuch und Farbe vieler Sachen
beruhen ja auf zünft’gem Brauch.

Die Ärzte etwa weiß sich kleiden –
wohinter wohl die Absicht steckt,
dass wenn sie in die Beutel schneiden,
sich ihre Weste nicht befleckt.

Verständlich auch, dass die Soldaten
gern grau sich tarnen im Geländ;
das heißt dass man bei Missetaten
als Menschen sie nicht wiederkennt.

Das drohnde Schwarz der Priesterroben
gemahnt an Tod, Vergänglichkeit,
wovon, im Namen Gottes droben,
man alle Schafe hier befreit.

Auch dieser, der Geschäftemacher,
des Zwirns Geheimnis nie vergaß
und stellt zur Schau bei jedem Schacher
die schönste Biederkeit nach Maß.

Wie anders doch die Balletteuse!
Sie braucht ihr luftiges Trikot
fürs Leichte, Liebliche, Graziöse
und dass sie springe wie ein Floh!

Nur die Verkäuferin, die nette,
für die man sich glatt zweimal kämmt,
mit Sicherheit mehr Reiz noch hätte
ohne dies Ladenkettenhemd!

 

Auf Tuchfühlung

Auf  TuschfühlungMit wem wir auch gemeinsam wohnen
auf engstem Raume, Wand an Wand,
zu knüpfen scheint sich nicht zu lohnen
mit ihm ein enges Freundesband.

Den Nachbarn gegenüber grade,
der täglich unsre Scholle teilt,
betrachten wir als flau und fade,
weil da er statt woanders weilt.

Von diesem Phänomen uns Kunde
ja Jesus schon gegeben hat:
dass Weisheit aus Prophetenmunde
nichts gilt in seiner Heimatstadt.

Und so auch hier: Kaum kurz berochen,
schon wieder wird Distanz gewahrt.
Die ist bis heute ungebrochen –
und hat schon ‘nen Viermonatsbart.

Ich hör es schwatzen, schimpfen, scheppern,
wie Wasser läuft, ein Stuhl gerückt,
auch manches Eh’geschirr zerdeppern –
na, wie man halt den Tag so pflückt.

Doch wie ein Hörspiel, ohne Bilder
und ohne Stimmen, die man kennt –
als ob ein Radio mir schilder‘
Geschichten aus dem Orient.

Heut endlich der Kontakt, der späte:
Dem Nachbarn flog etwas davon –
von seinem Wäscheständer wehte
ein Handtuch mir auf den Balkon!

Kein Verlass

Kein VerlassJa, abends, wenn die Kerze flackert
und feurig sich dem Dämmer stellt,
dann ist es wieder abgeackert,
des Arbeitstages stein’ges Feld.

Natürlich hab ich hier im Auge
die Nachbarn, die malochen gehn,
da selbst ich dafür nicht mehr tauge
und schon mit Gnadenbrot versehn.

Gewiss der Ruhe sie schon pflegen,
am Tor des Schlummers angelangt.
Kein Rühren irgendwo und Regen:
Ein Haus, das frische Kräfte tankt.

In diese wiederkehrnde Lücke,
die nächtlich sich dem Lärm entringt,
mit Pinsel und Papier ich rücke,
dass still mein Lied darin erklingt.

Nichts lenkt mich ab von meinen Zeilen.
Wie’n Bächlein murmelt, tickt die Uhr.
Die Glocken hängen in den Seilen
wie Beutel à la Pompadour.

Und niemand weiß, was ich hier treibe,
wenn ich mir um die Ohren schlag
die halben Nächte mit ‘ner Schreibe,
die kaum ein Dutzend Leute mag.

Die Aura des Mysteriums spüre
ich dicht schon um mich rumgewebt:
Da wohnen wir doch Tür an Türe
mit einem, der verborgen lebt.

Und ohne Aufsehn zu erregen,
inkognito wie auf der Flucht,
gejagt vielleicht von Schicksalsschlägen
in diese gottverlassne Bucht…

Da plötzlich in dies schwere Schweigen
von fern ein Sturm von Flüchen weht,
als ob da wer den Marsch würd geigen
‘nem Menschen, der ihm nahesteht.

Das haut mich wirklich aus den Kufen.
Genervt leg ich den Pinsel fort.
Schluss, aus. Doch erst noch widerrufen
der fünften Strophe Eingangswort!

In aller Bescheidenheit

In aller bescheidenheitDas Leben, wär es selbsterkoren,
ich wüsste nun, was ich gewählt:
Als Rentner wär ich gern geboren,
der sich nicht erst mit Arbeit quält.

Und der sich mit bescheidnen Mitteln,
doch kampflos über Wasser hält,
zufrieden, ohne zu bekritteln,
wenn andre Säckel mehr geschwellt.

Kann man sich Wurst und Käse leisten,
dass man nicht Hunger leiden muss –
wie dass dir die Gedanken kreisten
um Pfauenzungen? Überfluss!

Fürn Gläschen Bier und Wein in Ehren
findest du stets ‘nen Obolus?
Warum sich also noch verzehren
nach Jahrgangsschampus? Überfluss!

Du hast ‘ne unscheinbare Bleibe,
gemütlich aber, gut in Schuss?
Wie dass dich die Begierde treibe
zur Luxusvilla? Überfluss!

Du hast etwas, was alle haben,
doch weißt davon nur du allein –
die ganze Welt mit ihren Gaben
vom Gipfel bis zum Kieselstein!

Kann man für Gold sich Sonne kaufen,
den Sang der Amsel auf dem Ast?
Solln andere nach Reichtum laufen –
sie suchen, was du lange hast!

Plötzliche Begegnung

Plötzliche BegegnungNach draußen, frische Luft zu tanken.
Der Tag, er ging schon auf den Rest.
Zur Rechten sah ich Wellen schwanken,
nach vorn den Weg, der bombenfest.

Doch weiter raus, da wo die Wogen
allmählich sich im Meer verliern,
warn meinen Blicken sie entzogen,
und mochte ich auch noch so stiern.

Da lagen sie in Nacht und Dunkel,
von einem schwarzen Loch verschluckt,
das bis auf schwaches Sterngefunkel
mit keiner Wimper nur gezuckt.

Doch plötzlich, wie ich noch so starre,
mehr in Gedanken als zur Sicht,
glimmt wie ein Malzkorn auf der Darre
am Horizont ein Fünkchen Licht.

Und dann, als wär das Eis gebrochen,
weil erst das eine ich erspäht,
ein zweites, drittes wie gestochen,
ein viertes ins Visier gerät!

Das zog sich wie ‘ne Perlenkette
gereiht und schimmernd übern Rand,
als ob ‘ne Meerjungfrau sie hätte
zum Trocknen auf die Kimm gespannt.

Ich weiß nicht, was die Fischersleute
so spät zu ihrem Fang noch trieb –
nur dass ich dieses Faktum heute
in meine trockne Chronik schrieb.