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Rentnerlook

RentnerlookVielleicht dass hier nur Rentner hausen,
die aus dem Norden hergeschwappt,
um sich den Winter durchzuschmausen,
weil das vom Preise her noch klappt.

Doch dass sie drum auch vom Gewande
als Einheit zu erkennen wärn,
gilt von der Stadt nicht und vom Strande,
noch irgendwo, wo sie verkehrn.

Die Kluft, in der sie promenieren,
ist aber Grau in Grau zumeist,
wohl um den Sinn nicht zu verlieren
fürs Land, aus dem sie angereist.

Ja, andre bringen mit den Blusen
auch gleich die Küstenheimat mit –
weißblaue Streifen überm Busen
und Skipperbüx von feinstem Schnitt.

Genauso findet man vertreten
die lumpig-läss’ge Eleganz,
die wedelt statt mit den Moneten
mit Halstuch und mit Glatzenschwanz.

Na ja, und auch noch andre Typen,
doch nur als Spurenelement,
so wie im Meer man auch Polypen
hier unter tausend Fischen kennt.

Mich selbst indes, an welcher Stelle
reiht mich mein Selbstverständnis ein?
Kein bunter Hund auf alle Fälle;
und kann doch auch ganz bissig sein.

 

Vom Hundeleben

Vom HundelebenHab heute draußen mal gesessen –
hoch auf ‘nem Hocker vor der Tür
‘ner Schänke, dass ich währenddessen
der Sonne heißen Atem spür.

Zum Bier ‘ne Kleinigkeit gefuttert,
Kartoffeln und gegrillten Fisch.
Ein hübsches Kind hat uns bemuttert
und machte auch mal reinen Tisch.

Die selber wir nur Gäste waren
bekamen bald ‘nen Untergast –
‘nen Hund mit seidenweißen Haaren,
der unser Mahl ins Aug gefasst.

Wir ließen uns nicht lange lumpen
und luden ihn zum Essen ein.
Es gab für ihn Kartoffelklumpen,
die er manierlich nahm und fein.

Da war der andre Kerl schon rauer,
der unversehns dazugetappt,
ein größerer und dunkelgrauer,
der sich die Bissen barsch geschnappt.

Was soll man denn nur dazu sagen?
Der Straßenhund, der Hunger spürt,
weiß sich erzogner zu betragen
als „Robin“, den sein Frauchen führt!

Ich will jetzt keine Schlüsse ziehen;
es fiel mir halt nur mal so auf.
Ihr wollt Vergleiche, Theorien?
Dann macht euch selbst ‘nen Reim darauf!

Kleine Fische

Kleine FischeNie war den Fischen ich so nahe
wie jetzt drei Schritt entfernt vom Strand,
dass nur Jan Maat an Mast und Rahe
mit ihnen besser noch bekannt.

Natürlich kann ich nicht erlauschen,
was sie da tuscheln, tief im Meer,
doch höre ich die Wellen rauschen,
als ob es ihre Stimme wär.

Auch sind sie niemals zu erspähen,
wie sehr ich auch die Flut fixier –
nur wenn sie in die Netze gehen
und dann in Kisten ruhn am Pier

Als glitschig-glimmernd tote Masse,
entrissen ihrem Element,
Sardinensilber für die Kasse
des Fischers, der die Gründe kennt.

Und niemand, der sein Beileid sendet.
Gelebt, gestorben anonym.
Obwohl Organe sie gespendet
mehr als genug, dass man sie rühm.

Es ist halt so, dass große Fische
sich gerne von den kleinen nährn.
Gefühle fegen sie vom Tische –
das, was man speist, muss man nicht ehrn.

Im Übrigen: Mit seinesgleichen
hält es der Mensch ja ebenso.
Fürs Fressen geht er über Leichen.
So bleibt es stets auf Meer‘sniveau.

Raus in die Fische

Raus in die FischeFrühmorgens, wenn noch alle schlafen
genau wie ich in diesem Haus,
verlassen sie schon ihren Hafen
und jagen auf das Meer hinaus.

Es muss wohl an den Fischen liegen,
die stets geneigt zur Schwärmerei
und sich nicht mehr im Schlummer wiegen
schon vor dem ersten Knurrhahnschrei

Dass Fischer in die Stiefel fahren
im trübsten Morgendämmerlicht,
um sich die Chance zu bewahren
auf einen Fang von Schwergewicht.

Wenn endlich dann wir Hausgenossen
erwacht, gegürtelt und gestylt,
sehn wir die fleiß’gen Kielkarossen
weit übern Horizont verteilt.

Erst nachmittags fährt sich die Flotte,
die träge, plötzlich wieder warm,
und wie das Licht umschwirrt die Motte,
umkreist sie dann ein Möwenschwarm.

Mit schweren, ausgedehnten Schritten
zerpflügt sie die bewegte Flur –
der Markt lässt sich nicht lange bitten:
Versteigerung ab 18 Uhr.

Ein harter Arbeitstag zu Ende.
Die tausend Tampen sind vertäut.
Die Fischer reiben sich die Hände.
Dat langt ja woll noch mal. Für heut.

 

Störgeräusche

StörgeräuscheIm Hause hör ich’s ständig husten,
so laut, als wär da keine Wand.
Wie gerne würd gesund ich pusten
den Nachbarn, der mir unbekannt.

Dass unverzüglich er entbunden
von seinem bösen Rachenreiz
und in des Abends Plauderstunden
nicht länger mit der Stimme geiz.

In diesem Wunsch, ich will’s gestehen,
verbirgt sich noch ein andrer Zweck,
denn wirklich auf die Nerven gehen
Geräusche, kriegt man sie nicht weg.

Weil sie ja leider dazu neigen,
wenn mehr und mehr sie angehäuft,
den Pegel selbst zu übersteigen,
bei dem die Galle überläuft.

Doch nun mal ruhig, ganz gelassen,
und nicht auf andere gezeigt!
Muss selbst mich an die Nase fassen,
da auch mein Hals nicht immer schweigt

Und häufig sich zur stillsten Stunde,
wenn jeder Winkel Ohren hat,
vernehmlich kundtut in die Runde
so lieblich wie ein Sägeblatt.

Hat jemand, den’s im Schlummer störte,
mir einen Vorwurf je gemacht?
Und sicher ist, dass man es hörte –
bin selbst ja schon davon erwacht!

Nach dem Fest

Nach dem FestJetzt sind die Lichter ausgegangen,
die da so glänzend und so bunt
die ganze Weihnachtszeit gehangen
paar Meter überm Straßengrund.

Und ausgebrannte Birnen dümpeln
nun nutzlos im verspielten Wind,
bis jemand kommt, sie zu entrümpeln
samt Krippe und samt Jesuskind.

Es klingen keine Weihnachtslieder
mehr durch die offne Kirchentür,
mit gläub’ger Inbrunst, fröhlich-bieder
gejauchzt, gejubelt für und für.

Und auf den hölzern-harten Bänken,
die Menschen trugen dicht wie Laub,
in ihr Gebet sich jetzt versenken
nur Stille, Dämmerung und Staub.

Es drängt nicht mehr mit festem Schritte
der Christ in den geweihten Raum,
dass in der Mitgeschwister Mitte
er fromm erhasche Gottes Saum.

Verriegelt steht die hohe Pforte,
dem Blick entzogen der Altar,
verklungen sind die Weihnachtsworte,
versiegelt für ein ganzes Jahr.

Ist das nicht wie mit Raritäten,
die man dem Volk nur selten zeigt?
Dann kommt’s zuhauf auch ungebeten
und vor dem Wunder sich verneigt.

 

 

Nicht risikofreudig

Nicht risikofreudigAm Meer, was für ein buntes Treiben!
Die halbe Welt zieht es dahin,
um in ihr Tagebuch zu schreiben:
Jetzt bin ich, wo ich glücklich bin!

Zwar sind verschieden die Int’ressen
bei dieser hormonellen Kur,
doch geht es meist ums Kräftemessen
mit den Gewalten der Natur.

Da ist der Fischer, der die Netze
um das Getier der Tiefe schlingt
und zum Gewinn der schupp’gen Schätze
mit Stürmen um sein Leben ringt.

Da ist der Seemann, der die Fluten
als Handelsweg zu nutzen pflegt
und dem auf bodenlosen Routen
Freund Hein schon mal ein Schnippchen schlägt.

Da ist der Sportler, Jachtbesitzer
oder ‘nes Surfbretts Eigner nur,
der mit dem flotten Wellenflitzer
schon manch riskante Kurve fuhr.

Was aber von den Kreuzlern sagen?
Schippern sie still und sicher nicht?
Ihr Abenteuer ist der Magen:
ob er’s behält oder erbricht.

So oder so mich zu bewähren,
dagegen bin ich wohl immun.
Die See mag gähnen, sie mag gären –
ich lass den Blick nur auf ihr ruhn.

 

Abseits des Strandes

Abseits des StrandesObwohl direkt am Meer ich hause,
hab ich es heute nicht gesehn
und war doch raus aus meiner Klause,
auf Wochenzeitungspirsch zu gehn.

Hab halt den Strandweg nicht genommen,
lief nur die Avenida lang,
auf der ich auch zurückgekommen –
kein Meerblick und kein Wellenklang.

Nur ein paar Schritt entfernt vom Strande
ist’s aus mit all der Herrlichkeit.
Da döst das Dörfchen im Gewande
des Städtebaus moderner Zeit.

Die Häuserzeilen – strammgestanden!
Die Einzelblocks – in Reih und Glied!
Und präsentiert, soweit vorhanden,
den Klinkerstein – sonst Eternit!

Dem Meer läuft jämmerlich zur Seite
der ganze Schund, der menschgemacht;
Mixtur aus Hässlichkeit und Pleite,
der Gier nach Mammon dargebracht.

Und um das Bild noch zu verschärfen,
im Hintergrund dies Bergmassiv,
das wohlgeübt im Faltenwerfen,
natürlich, nobel und sportiv.

Das Meer besinnlich anzuschauen
wird mancher ja wohl niemals satt.
Vielleicht weil jene Art zu bauen
er dann nur noch im Rücken hat.

An Ultimo

An UltimoBrauch aus dem Supermarkt ich Trauben
als Kost für jeden Glockenschlag,
dem neuen Jahr das Glück zu rauben
beim Ausklang am Silvestertag?

Und ob ich mir die Beern erspare!
Vergoren sei’n sie mir verzehrt –
und als Willkommensgruß zum Jahre
mehr als der zwölfe Gegenwert!

Ansonsten deuten wenig Zeichen
voraus auf die bewusste Stund;
paar Kerls nur durch die Gegend streichen
und geben sie mit Schüssen kund.

Sonst liegt die Stadt im schönsten Frieden.
Die Festbeleuchtung schwankt im Wind.
Vorm Kirchlein, Gottes Haus hienieden,
glühn Lämpchen bunt als Jesuskind.

Die Uhr ist elf. Das große Schweigen.
Nur noch ein Stündchen für das Jahr.
Was mag hier in den Himmel steigen?
Ein Feuerwerk? ‘ne Engelsschar?

Im Haus ist nicht ‘ne Maus zu hören.
Kein Jauchzen, keine Zecherei.
Ja, selbst das Meer ließ sich beschwören
und gibt sich seltsam stürmefrei.

Ich hab da so’n Gefühl im Magen
wie’n Wächter nachts auf seinem Turm.
Die Stille will mir nicht behagen –
ist das die Ruhe vor dem Sturm?

Echter Landgewinn

Echter LandgewinnJa, größer ist es schon geworden,
Europa, einig Vaterland.
Von Ost nach West, von Süd nach Norden
wie’n Riesenlaken ausgespannt.

Schön bunt und mit ‘ner Masse Falten,
die irgendwie da reingeknickt,
in denen hartnäckig sich halten
die Wanzen, die kein Finger zwickt.

Die meisten hocken unzufrieden
in irgendeinem Winkel rum
und hadern mit dem Los hienieden,
das ihnen kein Elysium.

‘ne Handvoll krabbelt unverdrossen
geschäftig übers Tuch dahin,
weil es der andern Blut genossen
und neue Beute schon im Sinn.

Doch jene, die man angebissen,
die liegen ausgelaugt und bleich
schon halbwegs auf dem Sterbekissen
und warten auf den Zapfenstreich.

Die Beißer gehn jetzt größre Wege,
weil es sich lohnt für ihre Gier,
denn aus dem einstigen Gehege
wurd ja ein mächtiges Revier.

Die Wächter aber, Oberwanzen,
die der Gesamtheit dienen solln,
beeifern sich, nur zuzuschanzen
den Beißern, was sie immer wolln.

Na ja, so mag es vielleicht gehen
bei dieser eklen Kreatur,
doch weil wir Menschen höher stehen,
kann der Vergleich doch hinken nur.

Nie würden wir verkommen lassen
ein Wesen unsrer eignen Art,
nur um im Großen zu verprassen,
was dieses sich vom Munde spart.

Grad in Europa der Gedanke
schlug Wurzeln schon vor langer Zeit,
dass statt des Löwen rauer Pranke
auf Erden walte Menschlichkeit.

Und dann die vielen, vielen Jahre
mit Kyrie und Requiem –
wie dass ein Christenmensch verfahre
so käferhaft mit irgendwem?

Und kommt uns doch einmal zu Ohren,
dass Groß-Europa oft bereut –
Gerüchte nur, aus Neid geboren,
von richt’gen Wanzen ausgestreut!