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Stabwechsel

StabwechselDevot, kritiklos und beflissen –
mir fällt nichts andres dazu ein,
dass alle Medien hingerissen
vom neuen Kabinettsverein!

Nach etlichen Verhandlungstagen
steht nun die Turnerriege fest.
Mir dreht sich alles um im Magen,
dass man sich davon blenden lässt.

Das ist doch die normalste Chose;
als ob daran was Neues wär!
Die schmeißen sich in Heldenpose
und wurschteln weiter wie bisher.

Als würd bei denen, die da schlittern
in einen Posten, hoch dotiert,
das Herz auf einmal heiß erzittern
vor Mitleid für das Volk, das friert!

Doch dieses Wurschteln, wie ich’s nannte,
heißt ja nicht, dass man was verpfuscht:
Es ist ‘ne Art, ‘ne elegante,
mit der man seinen Kurs vertuscht.

Der lautet schon seit ew’gen Zeiten
bei dem, den an die Macht es treibt,
für sich und die Gefolgschaft streiten –
der Rest soll sehen, wo er bleibt.

Und kaum am Ruder, neue Pfründen
als Spitzenämter man erschuf.
Und schämt sich nicht mal seiner Sünden?
Nein, alles Christen von Beruf!

Auch Schafe zählen

Auch Schafe zählenEuropa ist ‘ne feine Sache,
zumindest doch von Fall zu Fall.
So hocken Jüte und Walache
jetzt friedlich ja in einem Stall.

Und können sich da frei bewegen,
nach Lust und Laune rumspaziern,
bei Sonnenschein und Sturm und Regen
und wenn die Beine fast gefriern.

Doch jene, die den Stall behüten,
die haben noch den meisten Spaß.
Sie lassen jeden Mist vergüten
sich nach des Eigners Extramaß.

Und da ja nun aus allen Landen
man emsig wandert kreuz und quer,
besagte Eigner niemals fanden
besagten Stall von Schafen leer.

Gesund ha’m längst sie sich gestoßen,
gesichert ihren goldnen Schatz,
und pofitieren nun im Großen
von ihrem größren Futterplatz.

Die Schäfchen aber wandern weiter
und suchen ihr bescheidnes Grün
am Fuße einer Hühnerleiter,
wo Frust und Bitterkeit nur blühn.

Und immer größer wird die Herde,
die um das Nötigste gebracht.
O dass doch ein Europa werde,
das nicht nur Wölfe fetter macht!

Am Scheideweg

Am ScheidewegDas Wasser erst und dann die Säure,
so hat’s uns die Chemie gelehrt,
denn sonst geschieht das Ungeheure –
ich weiß nicht was, o Leser wert!

Denn in der Schule alten Zeiten,
der Wissbegierde Frühlingstag,
beim Elemente-Zubereiten
ich stets in leichtem Schlummer lag.

Ob mit dem ethischen Empfinden,
das eben bei mir Wurzeln schlug,
dies wahlverwandte Sichverbinden
selbst atomar sich nicht vertrug?

Hantiern mit Kolben und mit Tiegeln,
mit Stoffen wie Metall und Gas
war mir ein Buch mit sieben Siegeln,
aus dem ich keine Früchte las.

Und mit den Laugen das und Basen
und dem berühmten Lackmus-Test
verstärkte nur die Dämmerphasen
bis hin zum Schlaf, der tief und fest.

Nur mit dem Schwefel diese Nummer,
die flößte stets Respekt mir ein –
bei dem Gestank konnt ja von Schlummer
nun wirklich keine Rede sein.

Hätt damals ich am Bunsenbrenner
des Flämmchens Zauber nur gewahrt:
Ich wäre ein sublimer Kenner –
und euch der blaue Dunst erspart!

Flohzirkus

FlohzirkusDa strahlt er mitten überm Meere
Zufriedenheit behäbig aus,
als ob zu Füßen ihm nur wäre
ein einz’ger großer Augenschmaus.

Der Zustand scheint ihn nicht zu scheren,
in dem sich der und der Bereich,
er muss die Erde überqueren
und findet überall sie gleich.

Na gut, aus der enormen Höhe
nimmt er ja nur das Gröbste wahr,
Globalstrukturen und nicht Flöhe
wie diese Tier- und Menschenschar.

Und wenn, dann säh er nur Gewusel,
Gekrabbel ohne Ziel und Zweck,
als stünden alle unter Fusel
und hätten alle einen weg.

Das wär noch das geringste Übel,
dass man aufs Saufen nur erpicht
und hauptbeschäftigt mit dem Kübel,
in den man seinen Bauch erbricht.

Doch diese Hektik hat hienieden
durchaus und leider ihren Sinn:
Sie dient dem Krieg und nicht dem Frieden
und nur persönlichem Gewinn.

Die kurze Sicht: fürn Mond ein Segen,
der ja nur ewig abwärts schaut.
Sonst würd es Ekel ihm erregen,
der ihm die ganze Tour versaut.

Rentnertreff

RentnertreffIm Supermarkt, mich einzudecken
mit dem, was man so täglich braucht.
Ein Herr da, der an allen Ecken
mit seiner Karre um mich kraucht.

Und schließlich kommen wir zur Kasse,
ich vor ihm, er mir im Genick,
da fragt er was, und ich verpasse
ihm ein Retour mit viel Geschick.

Na, und so weiter und so weiter,
wie ein Gespräch sich halt entspinnt.
Er, wegen meiner Antwort heiter,
auf freundliche Vergeltung sinnt.

Gibt sich als jemand zu erkennen,
der schon seit Jahrn zur Winterszeit
sich von der Heimatstadt kann trennen,
damit er da nicht eingeschneit.

Und wie er hört, ich gleichfalls plane,
für länger hier am Ort zu weiln,
beginnt er mit ‘nem Affenzahne
mir goldne Regeln mitzuteiln.

Und ich, geduldig wie ein Engel,
ich lausche seinem Worterguss
so wie ein kleiner Ladenschwengel
dem Chef, dem er gehorchen muss.

Blick ich so blöd, um zu erfahren
dies Maß an Solidarität?
Ich kenn die Bude hier seit Jahren –
Berliner Schnauze, bellst zu spät!

 

Standesunterschied

StandesunterschiedIn meinem Kirchlein gegenüber
trat heut wer in den Ehestand.
Der Himmel blau, kein bisschen trüber,
als ich ihn alle Tage fand.

Dem Brautpaar wünsche ich von Herzen,
dass dies ein gutes Omen sei
und ihm mit Küssen und mit Scherzen
versüßt des Lebens Einerlei.

Na, da ich dieses grad so denke –
was macht denn nun mein schönes Paar?
Sitzt wohl beim Feiern in der Schänke
und kriegt die Klüsen nicht mehr klar.

Die Gäste heiter, ausgelassen,
das Mahl, die Weine exquisit.
Und immer häuf’ger hoch die Tassen,
und immer öfter auch mit Sprit.

Das Leben hat ja erst begonnen,
rinnt noch nicht weit von seinem Quell,
und vor ihm liegen tausend Wonnen
und eine Zukunft, strahlend hell.

Auch ich bin in ‘nen Stand getreten,
so lange ist das noch nicht her;
indes nicht zum Altar gebeten,
zu seinem Gegenteil vielmehr.

Zu Rente, Ruh und letzten Dingen,
am Fluss noch, doch nicht auf dem Damm.
Wie gern würd ich mit ihnen singen,
doch nicht als Gast – als Bräutigam!

Heimliche Helfer

Heimliche HelferNein, aus den Augen nicht verloren
hab ich dich, einz’ge Leserin;
vor ihren Lidern, ihren Toren,
warst immer du – wenn auch nicht drin.

Verzeih mein unverzeihlich Säumen,
dich öfter einzubaun, gerührt,
und jenen Platz dir einzuräumen,
wie deiner Treue er gebührt.

Wem anders sollte ich denn weihen,
was unermüdlich ich erdicht,
wenn dir nicht und den andern dreien,
die’s sonst noch kriegen zu Gesicht?

Soll grad das Häuflein ich verprellen,
das meine Verse nicht zerreißt?
Man müsst mich in die Ecke stellen
für so ‘nen undankbaren Geist!

Ich weiß den Rückhalt wohl zu schätzen,
den deine Neigung mir verleiht,
und die Geduld, mich nicht zu hetzen.
Die Dinge brauchen ihre Zeit.

Denk nur, da kommt mir grad zu Ohren
was von ‘nem Kirchenaltenkreis:
Der Pfarrer gab da den Senioren
‘ne Probe meiner Künste preis!

Die Nachricht stimmt mich richtig heiter.
Dass das ich noch erleben kann!
Gemeinsam, Les’rin, gehn wir weiter.
Wir fangen ja bei null nicht an.

Eine Art Kirchgang

Eine Art KirchgangWeit steht die große Pforte offen,
denn heute ist der Tag des Herrn,
und alle, die auf Christus hoffen,
besuchen ihn besonders gern.

Die kleinen Glocken hoch im Giebel,
sie sammelten die Schäfchenschar
so aufgeregt zum Wort der Bibel,
dass sie sich überschlugen gar!

Die eine klang ein bisschen heller,
die andre gab sich dumpf und tief –
und eiferten, wer denn wohl schneller
das Volk zur Frohen Botschaft rief.

Die Kirche, die von Wuchs bescheiden,
erweckt gleichwohl Bewunderung:
Die weißen Wände gut sie kleiden
und der Fassade kühner Schwung.

Die Glöckchen und das Kirchgebäude,
die ihr soeben kennen lernt,
sie stehn zu meiner großen Freude
nur einen Steinwurf weit entfernt.

Muss nur mich aus dem Fenster beugen,
und alles mir vor Augen liegt –
und kann der Muse so bezeugen,
dass blickfangfrische Kost sie kriegt.

Wird feindlich sie zur Kenntnis nehmen,
dass ich auf fremder Götter Spur?
Kein Grund, o Muse, dich zu grämen:
Mein Tempel heißt Architektur!

Leihlektüre

LeihlektüreSoll Unflat ich in Verse gießen,
mir Reime aus der Gosse holn,
dass auf dem Beet der Musen sprießen
Gewächse, die ‘ne Sau empfohln?

Zwar muss es mir nicht keimfrei bleiben,
was man zur Lyra singt, steril,
doch auch nicht jene Blüten treiben,
die seuchenhaft der Sex befiel.

Um es euch näher zu erklären:
Hier seht ihr der Lektüre Spur,
die, meine Leselust zu ehren,
von einem Freund mir widerfuhr.

Roman. Ganz oben auf der Liste,
die für Verkaufserfolg man führt.
Und doch die ewig gleiche Kiste,
geschickt nach Schema F geschnürt.

Man nehme reichlich Mittelalter,
bekannte Größen ihrer Zeit,
Halunken, Huren, Schatzverwalter,
‘ne Untat, die zum Himmel schreit

Sowie ‘nen Bock, der seinen Ständer
in jede keusche Jungfer schiebt,
‘nen bullenmäß’gen Samenspender,
der’s allen geilen Müttern gibt

Und zu ‘ner Story es verrühre,
die ein’germaßen glaubhaft klingt –
wie dieses Helden Wahrheitsschwüre,
die erst die Folter ihm erzwingt.

Ja, außer den besagten Samen
muss literweise fließen Blut,
denn nur in diesem feuchten Rahmen
macht so ein Bestseller sich gut.

Gern wird der Leser auch verkraften,
der ja viel Krauses schon verdaut,
Verschwörungen und Bruderschaften,
die kaum der Autor selbst durchschaut.

Am Ende löst in der Schmonzette
in Wohlgefalln sich alles auf.
Bewegt begibt man sich zu Bette
und träumt gewiss vom Folgekauf.

Als früher man noch gut geschrieben,
warn solche Szenen ein Skandal.
Heut kräht kein Hahn nach diesen Trieben.
Doch heißt die Kunst jetzt: trivial.

Kleine Sinnkrise

Kleine SinnkriseRein gar nichts hast du um die Ohren,
nichts treibt dich morgens aus dem Bett.
Die ganze Welt hat sich verschworen,
dass sie dich nicht mehr nötig hätt.

Da dümpelst du in deinen Stunden
so ohne Halt und ohne Ziel,
an einen Anker angebunden,
der höchstens noch ein Pappenstiel.

Und krabbelst nur noch, um zu leben,
hältst aus Gewohnheit dich in Gang,
kannst nichts mehr aus den Angeln heben
mit Ehrgeiz und mit Tatendrang.

Für Kenntnisse und Qualitäten
hat man Jahrzehnte dich geschätzt;
nun bist mit Pauken und Trompeten
du in den Laienstand versetzt.

Darfst täglich deine Bude putzen,
füllst wöchentlich die Wäsche ein –
und kannst dein Staatsdiplom benutzen
als längst verblassten Heil’genschein.

Ein Leben wie an diesen Strippen,
die’s künstlich dir verlängern nur,
genauso gut, es wegzukippen
und auszulöschen seine Spur.

Wie aber sinnvoll es gestalten,
wo es an Pflicht doch fehlt und Fleiß?
Lass Geist und Körper nicht erkalten –
und mach dir nicht die Hölle heiß!