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Mein Wecker

Mein WeckerWenn morgens ich aus tiefem Schlummer
zu meinem Müßiggang erwach,
begrüßt mich stets die gleiche Nummer:
im Atrium der Kinderkrach.

Es müssen ja die kleinen Lämmer
so schrecklich früh zum Unterricht,
da ich noch selig weiterdämmer
bis mir die Uhr ins Auge sticht.

Und wenn die ausgelassnen Rangen
ihr Pausenbrot verschlingen schon,
dann hat mein Tag erst angefangen –
ganz zwanglos ohne schul’sche Fron.

Nicht mehr von Stund zu Stunde hetzen
mit Schrader hier und Schrader da,
mit Schrader hoch! und Schrader setzen!
und all dem Pauker-Trallala!

„Herr Lehrer, ich! Die Alëuten
sind Inseln vor der Küste X.
Da gibt’s unendlich viel Kanuten“.
Wer das nicht weiß, der weiß ja nix.

Mit solchem Wissensschrott beladen
erlahmt des Kinds spontaner Geist –
und kriegt er keinen Dauerschaden,
wird er doch trüb und träge meist.

Ach, wie ich trotzdem sie beneide,
die vielgeplagte Schülerschar –
auf ihrer frischen Frühlingsweide
blüht alles noch so wunderbar!

Nur ein Traum

Nur ein TraumDas höchste Staatsziel: Kinderlachen,
verbrieft gesetzlich und bestimmt,
und dass sie tüchtig Streiche machen,
die keiner ihnen übel nimmt.

Dann: Dass den Bürger man belange,
des Lebensziel Profite nur
und dem des Armen hohle Wange
nie schmerzlich an die Nieren fuhr.

Und dass den Wahnsinn man verbiete,
man müsse höher stets hinaus
mit dem Gewinn und der Rendite
für dies gerupfte Erdenhaus.

Auch endlich mal vom Sockel holen
die ganze falsche Heldenbrut,
die schamlos, ihrem Gott befohlen,
gebadet nur in Menschenblut.

Bescheidenheit wär auch geboten,
wenn Stellung man zum Tier bezieht –
der Mensch geht auf den Hinterpfoten,
das ist der ganze Unterschied!

Denn fressen, wachsen, altern, sterben,
das macht ihn allen Wesen gleich;
doch blind sich brüstend will er erben
als Einziger das Himmelreich.

Den Herkules man wiederbringe,
um aufzuräumen mit dem Mist,
damit er endlich flöten ginge –
der alte Steinzeit-Egoist!

 

Globale Vielfalt

Globale VielfaltDa gibt es wunderschöne Villen,
Paläste, die Millionen wert –
und Mütter, die ihr Baby stillen
in Hütten, die der Wind durchfährt.

Da gibt es Luxuslimousinen,
für die könnt man ein Haus erstehn –
und Kinder, die nicht mal Pantinen
am Fuße, wenn sie betteln gehn.

Und Zimmer gibt’s und gute Stuben,
die groß wie Kinosäle sind –
da Menschen hausen noch in Gruben,
durch die das Regenwasser rinnt.

Von Partys hört man, Festgelagen,
wo ‘n Tausender nur wenig wiegt –
genauso wie von Hungertagen,
die vielerorts man gratis kriegt.

Von exklusiven Sportskanonen
im Polo- oder Golfsegment –
indes nach Brot und Pferdebohnen
vergebens mancher täglich rennt.

Mit solchen derben Diskrepanzen
wartet die Erde uns hier auf:
‘ne Handvoll häufelt die Finanzen,
das Volk zahlt fröhlich oben drauf.

Ich korrigiere: Nicht die Erde
‘ne solche Unterscheidung traf:
In dieser blinden Menschenherde
bewacht seit je der Wolf das Schaf.

Schützende Wände

Schützende WändeWas hinter diesen schwarzen Mauern
da drüben alles wohl passiert?
Ob Laster und Verbrechen lauern
in Höhlen, die als Heim kaschiert?

Ob da ein Süffel oder Kiffer,
dem rasch die Galle überläuft,
im Schutze seiner Dunkelziffer
wen in der Wanne grad ersäuft?

Ob da ein vorbildlicher Vater,
der selten prügelt Weib und Kind,
die Nase voll von dem Theater,
aufs blutige Finale sinnt?

Ob eine Hausfrau, frustgeschwängert,
noch vorm Termin beim Trenngericht,
den Ehebund nicht mehr verlängert,
indem sie ihren Kerl ersticht?

Ob da des Staates Stolz und Stütze,
ein Polizist mit Ordnungssinn,
von Zeit zu Zeit hält seine Mütze
‘nem strafbefreiten Spender hin?

Da sehen sie als einz’ge Zeugen
direkt dem Schurken ins Gesicht –
doch der hat gut Gesetze beugen:
Die Mauern, weiß er, halten dicht,

Und kommt es dennoch mal zum Schwure,
dass man ihm auf die Finger haut,
hat selbst der Nachbar auf dem Flure,
ach, die Fassade nicht durchschaut!

 

Starke Reize

Starke ReizeDer alte Zweifel: Warum dichten?
Was ändert das am Lauf der Welt?
Gefühls- und Fantasiegeschichten,
die kaum noch wer für nötig hält!

Nicht mal, um sich zu unterhalten –
da bietet doch der Bildschirm mehr.
Kaum hingelatscht, ihn einzuschalten:
Ein Kommissar, gedankenschwer

Den letzten Todesfall zu lösen,
ein Mord, wie sich von selbst versteht,
wie auf der blut’gen Spur des Bösen
er standhaft in die Irre geht

Bis er mit Pauken und Trompeten
den Schuft, der äußerst ausgekocht,
samt den ermeuchelten Moneten
in den verdienten Karzer locht!

Ja, wer mit solchen prallen Reizen
sein Oberstübchen animiert,
trennt wohl nicht recht die Spreu vom Weizen
und schließlich den Geschmack verliert.

Die Poesie will keine Bilder,
die für das Auge vorgekaut.
Ihr Ziel ist, dass sie Dinge schilder,
die man im Innern selber schaut.

Da kann man aus den Träumen streichen
‘ne Leserschaft von größrer Zahl.
Doch einen einz’gen nur erreichen –
selbst Gott genügte das einmal!

Sonntag vor Montag

Sonntag vor MontagAus klingt der Sonntag. Still’re Straßen
durchziehen jetzt den Bau der Stadt.
Zu Abend schon die Bürger aßen.
Die Stuben schimmern bläulich matt.

Und über allem liegt ein Bangen,
Erwartung, die die Seele lähmt,
die Angst vor jenen Rosenwangen,
dern sich Aurora niemals schämt.

Die aber auch den Montag künden,
den Auftakt jener Wochenfrist,
dem mancher Mensch aus guten Gründen
am wenigsten gewogen ist.

Warum auch diesen Tag nicht scheuen,
an dem der Arbeitstrott beginnt
und bis zum Pausenglück, dem neuen,
die Zeit unendlich zäh verrinnt?

Und um entspannt noch zu genießen
die paar Minuten vor dem Schlaf,
lässt man gemeinhin um sich schießen
und freut sich, wenn’s den Rechten traf.

(Den Chef natürlich, Vorgesetzten,
der jeden Job zur Hölle macht,
indes er selbst am Monatsletzten
sich lukrativ ins Fäustchen lacht.)

Der Tag klingt aus. Und ganz gelassen
hockt unser Rentner vor dem Blatt.
Nichts treibt ihn morgen auf die Gassen –
auch montags hat er Sonntag satt!

Dunkle Worte

Dunkle WorteEs ist ein Kreuz, ich geb es zu,
nur abends Verse zu verbocken.
Vom Eise ist des Tages Kuh,
der Bürger sitzt entspannt in Socken

Und stiert seine Ikone an
so gläubig etwa wie ‘ne Flunder,
die wohl ein Krimi dann und wann
beglückt mit einem blut’gen Wunder.

Nichts ist mehr auf der Straße los.
Verpieselt ha’m sich die Passanten.
Das Auto kriegt’ ‘nen Gnadenstoß
und scheuert sich an Bordsteinkanten.

Ein Strahle-Himmel, Lichtermeer –
wer wollte damit heut noch punkten?
Aurora!, mir von Delphi her,
Aurora!, schon Orakel unkten.

Die Morgenröte, ach, indes,
sie bringt mich noch nicht in die Hufe.
Ihr kühler Kuss wär mir nur Stress
statt Ansporn zu dem Dichtberufe.

Die Glieder sind noch starr und steif,
auch das Gehirn kommt nicht auf Touren.
Erst wenn ich zu den Sternen greif,
dann ticken mir die Musenuhren.

Erwartet kein Erwachelied,
den Vögeln gleich zu jubilieren.
Die Früh ist nicht mein Jagdgebiet –
muss mit der Nacht mich arrangieren.

Noch ‘ne Ausnahmeerscheinung

AusnahmeerscheinungDer größte aller Zeitgenossen,
das ist der Mensch, den jeder kennt;
treibt meistens Sport, Musik und Possen
und trägt den Titel „prominent“.

Sein Name tut hier nichts zur Sache,
er laute Meier oder Pieps*.
Entscheidend nur, dass in der Mache
er stets des Medienbetriebs.

Er flimmert über alle Sender,
befüttert jede Klatsch-Rubrik
und gilt als profilierter Spender
von Trockenmilch für Mosambik.

Oft geht’s in seinem Eheleben
recht wild und ungebärdig zu.
Doch das kann seinen Ruf nur heben
als kleiner Schäker und Filou.

Man liebt ja grade seine Macken,
ja, man erwartet sie direkt –
soll der denn kleine Brötchen backen,
der täglich Glanz und Glamour schmeckt?

Er wird betütert, wird umworben,
wird angehimmelt bis, bis, bis…
Und ist er eines Tags gestorben,
ein schöner Nachruf ihm gewiss.

Da steht dann was zu seinem Ruhme
und seiner Größe ewiglich.
Danach deckt ihn die kalte Krume –
genauso wie einst dich und mich!

* Eingedeutscht für (Samuel) Pepys.

 

Entlastung

EntlastungVertrieb von Gift und Pestiziden
ist ehrenvoll und bringt Gewinn;
er dient dem Leben und dem Frieden
und stärkt gesunden Bürgersinn.

Dabei ist völlig auszuschließen,
dass man Gefahr damit verbreit’ –
die Stoffe lassen Früchte sprießen
grad wegen ihrer Schädlichkeit.

Beamte, fleißig und beflissen,
bemaßen ihren Sinn und Wert
und haben nach Pflicht und Gewissen
für unbedenklich sie erklärt.

Doch wie soll man dem Missbrauch wehren?
Wie’s halt in der Chemie geschieht:
Die Wirkung lässt sich auch verkehren
und umfrisiern zum Homizid.

Nun, dafür auch hat man am Ende
sich etwas Feines ausgeheckt:
Das Zeug kommt nur in solche Hände,
in denen’s keinen Argwohn weckt.

Dass aber, wie es grad geschehen,
ein Schuft damit sein Volk verätzt,
wer hätte das vorausgesehen?
Der edle Sender ist entsetzt.

So was von Wunden, Tod und Grauen,
das hätt sich keiner ausgemalt!
Doch war ihm das denn zuzutrauen?
Er hat doch pünktlich stets gezahlt!

Sprichwörtlich

SprichwörtlichLängst haben Lügen lange Beine –
das alte Sprichwort gilt nicht mehr.
Ja, die Gesellschaft, grad die feine,
nimmt’s mit dem Flunkern nicht so schwer.

Gehört schon fast zum guten Tone,
dass man den Staat um Steuern prellt,
zumal der jedem Al Capone
ein Schlupfloch notfalls offenhält.

Gehört zu den Gepflogenheiten
von Banken, fröhlich zu frisiern
Bilanzen; den Verlust bestreiten
die Bürger, die korrekt agiern.

Gehört zu dem Geschäftsgebaren
von manchem Fertigfraßkonzern,
schön aufzupäppeln seine Waren
mit Stoffen, die gesundheitsfern.

Gehört zum Credo der Parteien,
den Schwur zu leisten vor der Wahl,
für alles Kohle auszuspeien –
und hinterher: Ihr könnt uns mal!

Der Wahrheit gibt man nur die Ehre,
wenn ohnehin die Hütte brennt
und mindernd seiner Strafe Schwere
man seine Untat „frei“ bekennt.

Ganoven je in ihren Welten,
ich werfe sie in einen Topf.
Dies Sprichwort aber lass ich gelten:
Der Fisch, der stinkt vom Kopf.