Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Mobil

MobilBisweilen wälzen sich noch Wagen
die asphaltierte Piste lang,
um Leute durch die Nacht zu tragen
mit ungebrochnem Tatendrang.

Oder, was weiß ich, auch nach Hause,
wo ihre Puschen deponiert
und man die Feierabendpause
mit einem Gruselfilm goutiert.

In jedem Fall, die Blechschatulle,
von jedermann geschätzt wie Gold,
gemütlich oder volle Pulle
die Menschheit durch die Gegend rollt.

Bequem, mit wetterfester Haube,
erreicht sie Ziele nah und weit –
daher der immobile Glaube
an ihre Unentbehrlichkeit.

Doch bringt sie leider auch Blessuren
bis hin zur letzten, die entseelt;
in unsern Städten, unsern Fluren
ruhn ihre Opfer ungezählt.

Und wie sie die Natur zerschnitten
mit tausend Wunden kreuz und quer,
dass Mensch und Tier darunter litten,
als ob’s nicht mehr die ihre wär!

Doch davon will man lieber schweigen,
nur ihres Nutzens eingedenk –
und sich trojanisch dankbar zeigen
für Daimlers Danaergeschenk.

Hoch hinaus

Hoch hinausNun, die bedeutendsten Figuren
auf diesem ganzen Erdenball
sind Investoren, deren Spuren
von großem Eindruck überall.

Nicht dass sie Kuhlen hinterließen,
zwar sichtbar, doch wie Füße klein,
nein, Häuser, die zum Himmel schießen,
den Babyloniern nah zu sein!

Und zwar so hoch, dass sie verdunkeln
die Sonne uns am lichten Tag –
was mehren soll, wie manche munkeln,
des Architekten Reinertrag.

Politiker, seit ew’gen Zeiten
dem Kolossalen sehr geneigt,
mit Steuergeldern gern bestreiten,
was sich an Folgekosten zeigt.

Raff der Investor Geld in Haufen,
sie kommen damit gut zurecht;
Leuchtturmprojekte, die verkaufen
im Wahlkampf nämlich sich nicht schlecht.

Konsens herrscht also, zuzupflastern
Natur, zum Bauland degradiert,
und den zu rühmen in Katastern,
der mit dem Bagger gern hantiert.

Erbau’n, verkaufen und vermieten:
der Investoren Lebenstraum
vom Glück der steigenden Renditen
für Fläche und genutzten Raum.

Dass Lebensraum sie so vernichten,
der Wesen angestammten Platz,
sie meinen, locker es zu richten –
mit ein paar Blümchen als Ersatz!

Der Bürger, der im Angesichte
des steinernen Kolosses wohnt,
begreift sehr schnell, dass die Geschichte
für ihn sich auch nicht grade lohnt.

Ließ sonst er gern die Blicke schweifen
bis weithin übers Häusermeer,
muss Fernsicht er sich nun verkneifen,
ein Riesenklotz kommt ihm da quer.

Und während so des Städters Kehle
stets wen’ger Luft zum Atmen hat,
erfrischt der Bauherr seine Seele
am weiten Strand von Trinidad.

Doch was, wenn jemand seiner Güte,
das heißt nur auf Profit bedacht,
der Insel unberührte Blüte
zum Opfer seiner Baulust macht?

Wahrscheinlich würd er sich empören,
dass man sein Paradies ihm klaut,
obwohl im Paradies-Zerstören
er selbst doch reichlich vorgebaut.

Und wenn verbraucht einst das Gelände
und nichts mehr bleibt zum Betoniern?
Was soll’s! Dann wird er halt am Ende
in Dachbegrünung investiern!

Unter Christen

Unter ChristenWie oft mir nicht schon Zweifel kamen,
ob wirklich christlich sie agiert,
wenn die Partei mit diesem Namen
sich nur für Reiche engagiert!

Doch dass ich da in falschem Gleise
gedacht, hab endlich ich erkannt:
Auf äußerst raffinierte Weise
reicht sie dem Armen so die Hand!

Der Reiche, wie wir alle wissen,
lebt mit dem schrecklichen Malheur,
die ew’gen Freuden einst zu missen
wie das Kamel vorm Nadelöhr.

Drum muss er eben schon auf Erden
die goldnen Schätze an sich ziehn,
um glücklich mit ‘nem Gut zu werden,
das nur auf Lebenszeit verliehn.

Dem Armen andrerseits verheißen
Entschädigung in Eden ist –
er muss sich nur am Riemen reißen
für diese kurze Erdenfrist.

Und ist nicht sel’ger denn zu nehmen,
wenn man das Wen’ge von sich gibt?
Der hies’gen Not muss sich nicht schämen,
wer droben nie mehr Kohldampf schiebt.

Drum weiter so, ihr Christparteien,
dass ihr nur blüh’nde Beete netzt
und des verdorrnden Volks Gedeihen
dem Himmel auf die Rechnung setzt!

Mit Recht könnt ihr darauf verweisen,
dass ihr nie elitär gedacht
und weiten, ganz normalen Kreisen
den Zugang dazu leicht gemacht.

Ja, grade in den letzten Jahren
(das lass euch der polit’sche Neid)
sie ganz besonders fruchtbar waren,
die Werke der Barmherzigkeit.

Man kann sie kaum in Worte fassen,
so ungeheuer ihre Zahl:
Verwirklicht endlich für die Massen
des Christen Armutsideal!

P. S. Für diesen Ansturm nicht gerüstet
wurd’s Himmelreich zum Notquartier:
Die, die’s nach Paradies gelüstet,
auch da sie leben von Hartz IV!

Grabpflege

GrabpflegePrämisse: Eine Großbaustelle,
die jede Menge Geld verschlingt
und doch an der Vollendung Schwelle
um weitere Millionen ringt.

Prämisse: Wenn total verfahren
die Lage bis zum Gehtnichtmehr,
holt man, Millionen einzusparen,
sich ‘nen gewieften Sparfuchs her.

Schluss: Unser findiger Experte
verhandelt erst mal sein Salär,
das wegen der Millionenwerte
auch seinerseits millionenschwer.

Nun fängt er an, den Job zu machen,
für den man ihn ja eingekauft,
und lässt die Geistesblitze krachen,
dass jeder sich die Haare rauft.

Und wie zu Hornberg dieses Schießen
geht dann die ganze Sache aus:
Millionen müssen weiter fließen.
Da spricht der Fachmann. Gut. Applaus.

Die Staatsmacht ist aktiv gewesen,
hat Kosten nicht und Mühn gescheut.
Und kaum vom letzten Schlag genesen,
zahlt hier das Steuervolk erneut.

Von unserm Freund, dem anonymen,
nur dies ich noch zu sagen hab:
Wenn er einst stirbt, kann er sich rühmen
fürn doppeltes Millionengrab.

Verschlankung

VerschlankungVon Bürgern hör ich heut noch reden,
die mit ‘nem Ausweis man erfass,
doch morgen sehe ich schon jeden
mit einem Konsumentenpass.

Der hat nicht nur so wie bei Waren
das Datum des Verfalls notiert,
nein, speichert auch noch das Gebaren,
mit dem sein Eigner konsumiert.

Denn zum Gesetz hat man erhoben,
dass jeder möglichst viel verbraucht,
damit der schwarzen Gang da oben
der Schornstein immer fröhlich raucht.

Drum ist der Pass auch abgelaufen
schon binnen einer Jahresfrist
und wird erneuert, falls beim Kaufen
zumindest man im Soll noch ist.

Dies aber weiter anzuheizen
nachhaltig mittels Bild und Ton,
wird wen’ger noch mit Werbung geizen
in Zukunft man als heute schon.

Dazu hat man die Werbezeiten
im Fernsehn so weit angeschwellt,
dass zu Minuten-Winzigkeiten
der schönste Spielfilm noch zerfällt.

Das wird auf uns herunterrieseln
wie Schnee und Regen, ungefragt,
dass dauernd wir in Läden wieseln
zur unfreiwill’gen Schnäppchenjagd.

Für Bürgerrechte, schwer errungen,
gibt’s nicht einmal mehr ein Gericht.
Statt dessen wird uns aufgezwungen
das strenge Joch der Kundenpflicht.

Es dreht um Preise und Produkte
das Lebenskarussell sich nur –
und wehe, wenn da einer muckte,
man schickte ihn zur Koofmich-Kur!

Die Armen werden immer ärmer,
indes man stetig wachsen sieht
das Säckel jener Wirtschaftsschwärmer,
die nichts im Brägen als Profit.

Doch wer soll daran Anstoß nehmen?
Das pralle Konto ist ja Kult,
und wer nichts hat, soll sich was schämen:
An Elend ist man selber schuld.

So reden sich heraus die Reichen,
so ihr moral’sches Feigenblatt:
Dem Ärmsten soll man noch mehr streichen,
da ohnehin er faul und satt!

An ihrer kurzen Leine halten
die Bosse mit geballter Kraft,
den Staat ersetzend und sein Walten,
die ausgepresste Bürgerschaft.

Verschlankt und in den Tod getrieben
nebst allen Pflichten, angestammt,
ist als sein letzter Rest geblieben –
nur das Skandalvertuschungsamt.

Herr der Meere

Herr der MeereSo einer braucht nicht wenig Grütze,
um auf der Brücke da zu stehn
und mit der goldbestickten Mütze
den Chef zu geben, den Kap’tän.

Und neben all den naut’schen Sachen,
die kompliziert schon von Natur,
muss er bei Wind und Wetter machen
auch noch ‘ne gute Mannsfigur.

Er muss sich kerzengrade halten,
an Bord die Füße steif und fest,
selbst wenn im Wüten der Gewalten
vor Angst schon mancher Wasser lässt.

So flößt er seinen Passagieren
das nötige Vertrauen ein,
in besten Händen zu kutschieren,
und bräch die Sintflut selbst herein.

Knapp und präzise die Befehle,
mit denen er die Crew regiert
und seiner Kommandantenseele
manch Lustgefühlchen generiert.

Auch bei der Damenwelt zu spielen
den Hahn im Mastkorb, mit Verlaub,
gehört nicht zu den Reisezielen,
für die sein Seemannsherz zu taub.

Hat er den Globus nicht befahren
die kreuz und quer und lang und breit –
von Hamburg zu den Nikobaren,
von Halifax bis nach Kuwait?

Und hat er sich nicht rumgetrieben,
äh, umgesehn in jedem Port
und sich ins Gästebuch geschrieben
mit Treueschwüren immerfort?

Nur jene reden von den Planken,
die selber vor dem Kopf ein Brett:
dass sie nur schlingern und nur schwanken –
ihm gelten sie als Weltparkett

Im Tanz der Wellen und der Wogen,
der sich in tausend Rhythmen wiegt,
dass er des Erdballs kühne Bogen
von Meer zu Meer im Rausch durchfliegt.

Da muss man sich doch wenig wundern,
wenn weit sein Geist vorausgeeilt
dem Schwarm der aufgedrehten Flundern,
mit denen er sein Dickschiff teilt.

Hat er denn in der Wasser Weiten
als Herr und Richter auf dem Pott
etwa noch andre Obrigkeiten
als nur die allerhöchste: Gott?

Er weiß sich stets auf gutem Fuße
mit Neptun und Klabautermann,
dass selbst in Mallung und in Muße
ihn nichts vor Unheil wahrschaun kann.

Indes, auf beide Phänomene
ist letzten Endes kein Verlass.
Auch er verlässt dereinst die Szene
und beißt ins Gras. Das auch noch nass!

Leichte Beute

Leichte BeuteKommt, stellt euch schön an meine Seite,
und leiht mir euren spröden Leib,
dass ich mit eurer Hilfe schreite
zu meiner Nächte Zeitvertreib!

Auf dem Tablett die grüne Flasche,
die aus La Mancha angereist;
ein Cheddar in der Backentasche,
der würzig in den Gaumen beißt.

Auf einem kleinen runden Teller
die Kerze lautlos sich zerflennt,
dern Flämmchen ganz gewiss nicht heller,
doch wärmer als die Lampe brennt.

Ein Blatt Papier mit Unterlage,
damit kein Fettfleck es beschmutzt
an einem Tisch, der unterm Tage
als Futterstelle mehr genutzt.

Das sind so meine Spießgesellen,
mit denen den Parnass ich stürm,
von wo ich auch in vielen Fällen
nicht ohne Beute wieder türm.

Das Magazin geraubter Lieder
ist gut gefüllt inzwischen schon,
und Nachschub kriegt es immer wieder,
da ungeschützt der Musenthron.

Nur eine Handvoll kühner Recken:
Wein, Käse, Kerze – und er fällt!
Wieso gibt’s da an allen Ecken
denn nicht mehr Dichter auf der Welt?

Keine Pause

Keine PauseGern würd ich diesen Tag besingen,
ihm Größe irgendwie verleihn,
dass auf des Musenpferdes Schwingen
er ins Gedächtnis ziehe ein.

Doch wo sind heut die Katastrophen,
die man so schnell nicht mehr vergisst,
vom Platz uns reißend hinterm Ofen,
der trügerisch nur trocken ist?

Von Überschwemmung: keine Rede.
Von Feuersbrunst: nicht eine Spur.
Von Dauerfrost: der liegt in Fehde
mit lauer Frühlingstemp’ratur.

Kein Flieger ist zu Fall gekommen,
kein Schiff ging sinkend in die Knie,
kein Wal hat tödlich sich verschwommen,
dicht hielt die Strahlendeponie.

Das mit den Eiern und den Gäulen,
das war ja letzte Woche schon,
und gift’gen Futtermittel-Fäulen
gebührte gestern erst der Thron.

Mag’s auch an Unglücksfälln nicht fehlen,
grad heut ist einmal nichts passiert,
dass den sensiblen Dichterseelen
das Blut im Gänsekiel gefriert.

O nein! Wir müssen sie nicht missen!
Die Christen mit dem Krämersinn
in höchsten Ämtern noch zu wissen:
Die Katastrophe, ach, schlechthin!

Natürlich

NatürlichTja, in der besten aller Welten,
wie Leibniz einst sie tituliert,
Verhältnisse auch öfter gelten,
die nicht mal er hätt gern goutiert.

Zu seinen spätbarocken Zeiten
(das Menuett war Mode-Schwof)
pflegte das Federvieh zu schreiten
raumgreifend übern Hühnerhof.

Und für den Auslauf zum Spazieren,
zum Picken, Gackern und zum Kräh’n
wollt es sich „höflich“ revanchieren
mit Eiern, prächtig anzusehn.

Das Landvolk, eher kurzgehalten
so auf dem Level von Hartz IV,
ließ einfach die Natur nur walten
und aß mit mehr Genuss als wir.

Und dass man Dinge erst verschandelt
zum billigen Fabrikprodukt
und sie dann schweineteuer handelt,
wenn auf Geschmack der Kunde guckt

Es wäre ihm absurd erschienen,
der Gipfelpunkt der Narretei!
Noch extra daran zu verdienen,
dass die Natur natürlich sei!

Die Perversion ist vorbehalten
unsrer gloriosen Gegenwart,
die anders als die armen Alten
an Qualität am liebsten spart.

Denn das Extrem, in das wir fielen,
nachdem der Himmel abgeschafft,
hieß möglichst viel Gewinn erzielen,
und Gott ist, wer am meisten rafft.

Wir müssen mit Skandalen leben,
die dieses Credo üppig nährt:
Heut Eier, die sich glücklich geben,
und morgen Rinderbrust vom Pferd.

Heut ist der Vater aller Dinge
nicht mehr der Krieg – und Gott sei Dank!
Auf des Profits agiler Schwinge
zeigt sich der Mensch genauso krank.

Der nächste Schmu, was wolln wir wetten,
nicht lange auf sich warten lässt:
mit Hosen, Nudeln, Federbetten
und mit der Sore ganzem Rest.

Die Fantasie kennt keine Grenzen,
ist sie ‘nem Reibach auf der Spur –
wobei sich ideal ergänzen
dies Credo und die Menschnatur.

Solange wir zum Mammon beten:
Erlös uns von der Armut Schmach!,
so lang wird man vergeblich jäten,
rasch wächst das Unkraut wieder nach.

Die Politik? Ein großer Jäter;
sie zupft und zeigt sich schwer aktiv.
Zum Schein! Wer wird schon zum Verräter
an Geistern, die er selber rief?

 

Chefgehälter

ChefgehälterJetzt bitt ich mal bereitzuhalten
die Taschentücher, Dam’n und Herrn –
ein Trauerfall. Die Hände falten.
Wer singen will, der singe gern!

Was fürn Verlust hat ihn getroffen!
Wir alle fühlen mit ihm mit.
Wie unversehns stehn Gräber offen
und schwindet, was nie Qualen litt!

Drei Säckel tot und abgeschrieben,
millionenfach mit Gold gefüllt.
Das Dutzend, das da hinterblieben,
hat sie ins Leichentuch gehüllt.

Noch lange wird an diesem Tuche
er nagen (wenn auch hungers nicht),
schlägt ihm dies Minus doch zu Buche
als stolz zu tragender Verzicht.

Um wie viel mehr muss man beklagen
den, der vom Schicksal so geprellt,
hat seines Unternehmens Magen
er doch stets vollgestopft mit Geld!

Wie wird er jetzt die Kurve kriegen,
dass er nicht elend vegetier
von Summen, die nur höher liegen
grad tausendmal, ach, als Hartz IV!

Ein Trost, sich nicht zu Tod zu grämen:
Die ganze Firma teilt sein Leid.
Ja, das Problem ihm abzunehmen,
wär noch der letzte Stift bereit!