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Die alte Leier

Die alte LeierIm Geist seh ich sie vor mir liegen,
die ich so häufig schon beschwor,
wenn zum Parnassus aufzufliegen
getummelt ich mein Tintenrohr.

Indes gewahr ich nur verschwommen
und düster nur sie von Gestalt,
die nie mir zu Gesicht gekommen
und nie noch wirklich mir erschallt.

Da ist was Rundes, will mir scheinen,
und was wie Hörner drauf am Rand,
dazwischen was wie Wäscheleinen,
wie Notenlinien eingespannt.

Und diese blässliche Schimäre,
und dieser ausgemachte Trug,
als ob ich nicht bei Sinnen wäre,
begeistert mich zum Höhenflug!

Wie andere mit heil’gem Schauer
beflüstern der Amati Wert,
rühm ich Apolls mich als Erbauer
der Leier, die mein Steckenpferd.

Mir gilt das Stück nicht minder teuer,
das nur mein innres Auge sieht,
weil ich mein Herz damit befeuer,
dass es mir schöne Verse schmied.

Gut. Darf ich nun im Stil der alten,
der Lieder, die am Schluss belehrn,
was von dem Ganzen hier zu halten,
im letzten Vierer euch erklärn?

Lässt von Vernunft der Mensch sich leiten?
Symbole lenken seinen Schritt.
Gib ihm ‘ne Handvoll Dreck – geweihten:
In jeden Krieg zieht er damit.

Festtage

FesttageMan kann es förmlich spüren,
dass dieser Tag was hat –
‘ne Stille zum Berühren
erfüllt die ganze Stadt.

Auf Pflaster, das getreten
von Hacken sonst zuhauf:
Nur Zettel, die verwehten,
nicht eine Sohle drauf.

Wo sind sie nur geblieben,
die Meiers überall,
was hat sie heut getrieben
wie Hühner in den Stall?

Als ob die ganze Sippe
da wo zusammengluckt
und futtert an der Krippe,
wenn sie nicht grade schluckt.

Ein Länderspiel von Klasse?
Ein Film mit Mord und Schreck?
Was saugt die Menschenmasse
so von der Straße weg?

Ihr habt es schon erraten –
der Tannenbaum ist schuld
und dieser Gänsebraten,
der seit St. Martin Kult.

Man hockt in trauter Runde,
genießt so allerlei
und lauscht der frohen Kunde
gerührt nach Lukas 2.

Man achtet nicht der andern,
aufs Fest so konzentriert –
heut müsst sie weiterwandern,
die Jungfrau, die gebiert.

Verrammelt wie vor Dieben
die Tore aller Welt.
Der Sinn für seine Lieben –
schön, wenn er länger hält!

Garstig Lied

imagesQZTHSZBHHe, du, kannst du politisch dichten? –
Wer, ich? Fällt mir im Traum nicht ein.
Gehört’s nicht zu den Bürgerpflichten? –
Wie’n Furz auf Krankenschein!

Und überhaupt: Was soll das heißen,
politisch – auf den Punkt gebracht?
Tyrtaiisch mit Tiraden reißen
Epheben in die Schlacht?

Den Samier beim Worte nehmen,
der hasenfüß’ge Verse schrieb
und, statt der Feigheit sich zu schämen,
nur Spott mit Ares trieb?

Soll in des Mantuaners Spuren
ich streuen meiner Strophen Saat,
zu adeln meine Heimatfluren:
Frucht einer Heldentat?

Wie Alighieri in Terzinen
verdammen alle, die ich hass,
dass ewig sie der Hölle dienen,
sie ew‘ger Schreck erfass?

Vielleicht den Umsturz gar besingen,
des Paradieses Morgenrot,
der heischt, Kulaken umzubringen,
ein ganzes Volk zur Not?

Soll ich dem Fuße Flügel leihen,
dem trommelnden, dem dumpfen Schritt,
der Mann an Mann in grauen Reihen
im Marsch die Erde tritt?

Zuallerletzt will ich verkünden,
was Mächtige schon vorgekaut:
„Gemeinwohl“? – Synonym für „Pfründen“ –
ein Narr, wer ihnen traut!

Politiker sind Existenzen,
bei denen Vorsicht angebracht:
Wenn die mit großen Plänen glänzen,
dann, Michel, gute Nacht!

Doch könnte ich dem nicht entrinnen,
dass Reiter nenne ich und Ross –
ich müsste mich nicht lang besinnen:
Vers 3, Archilochos.

Alles schläft

imagesZFHYDQD7Bis Mitternacht nur noch Minuten,
dann hat er ausgedient, der Tag.
Ich lausche, hör die Zeit verbluten
im kurzen, harten Zeigerschlag.

Nun werden alle schlafen gehen,
nun werden alle müde sein,
auch wenn sie über andern stehen
so hoch wie dieser Mondenschein.

Er wird ihn in die Ecke schmeißen,
den heil’gen Hut, der Kardinal,
um wieder Jupp und Joe zu heißen
für Freunde seiner engsten Wahl.

Er wird den Knoten wieder lösen
des Binders, unser Präsident,
dass ohne Haken er und Ösen
ganz frei durch seine Träume rennt.

Und der den Vorsitz innehatte
in höchstgerichtlicher Instanz,
er schiebt sich auf die Schlummermatte
mit eingezognem Schwalbenschwanz.

Dem größten auch der Potentaten,
an Macht und an Moneten schwer,
scheint Wechselkurs jetzt angeraten –
in Federn schwelgt der Aktionär.

Sogar die höchsten Offiziere,
die unverbesserlich man glaubt,
beziehen ihre Nachtquartiere
total entblättert und entlaubt.

Da röcheln sie in ihren Kissen
die weltbekannte Melodie,
und würde man’s nicht besser wissen –
man hielte glatt für Menschen sie.

Ein Werktag

EinimagesNO6DWV6J Werktag, und doch Sabbatstille.
Halb zehn erst zeigt das Zifferblatt.
Warum nahm ihre Schlummerpille
so zeitig heut die gute Stadt?

Gibt’s in der Glotze was zu gucken,
was früh die Herde heimwärts trieb?
Vielleicht „Der Fluch der Mamelucken“,
„Die Tote, die am Leben blieb“?

„Der Cowboy mit dem Pfeil im Köcher“,
„Inspektor unter Mordverdacht“,
„Die lange Nacht der Schwarzen Löcher“,
„Des Führers letzte Kissenschlacht“?

Nein, heute jibbert keine Seele
so sehnlich nach ‘nem Filmgenuss,
dass sie sich aus der City stehle,
weil dringend sie zur Röhre muss.

Viel eh’r würd sie in Wallung bringen
wie Wasser schäumend hinterm Kiel,
wenn Kicker kreuzten ihre Klingen
Bein gegen Bein beim Fußballspiel.

Ist denn da heute was in Gange –
ein Match der allerersten Wahl?
Wenn ich nach dem Programmheft lange …
ach was, ist mir doch sch…egal!

Soll sich doch auf dem grünen Rasen
bekriegen, wem danach der Sinn,
und Sautod mit der Tröte blasen
die Kurve nach dem Schlachtgewinn!

Was für ein Berg von Emotionen
für diese Maus an Wichtigkeit:
ein Lederfurz, dem’s Chöre lohnen,
geht er ins Loch, wie’n Tor so breit.

(Dass ich ihn hier zu schlecht nicht mache:
Wenn Nüchternheit den Fan befällt,
spricht er auch mal von „Nebensache“,
der „schönsten“ allerdings „der Welt“.)

Kurzum, der Urquell dieser Stille,
die sacht mir um die Ohren schwappt,
verbirgt sich, und mein eigner Wille
bewusst in ihrem Dunkel tappt.

Heißt es denn doppelt nicht genießen,
was von Geheimnissen umweht?
Die Tore kann man morgen schießen,
wenn alles in der Zeitung steht.

Ein Gläschen noch von diesem Weißen,
dem Riesling ich mir nicht verwehr,
der heut mir half, ein Lied zu kreißen,
das, hoff ich, nicht so drög wie er.

Dann werd ich in die Falle rennen,
dass mich der Schlaf für morgen stärk,
und werde sicher prächtig pennen –
trotz dieses Krachs vom Sägewerk.

Zackig

WieimagesEWZKFGJ4 zackig sich die Flaggen strecken –
im Gleichschritt, falls das Bild erlaubt,
als würde wer die Arme recken
zum Einheitsgruß fürs Oberhaupt.

Doch da wir Wind- und Wetterkenner,
kommt uns das gar nicht spanisch vor:
Der Herbststurm ist ein Dauerbrenner,
der rüttelt jedes Jahr am Tor.

Am Himmel schwarze Wolken jagen,
in denen bleich der Vollmond treibt,
von einer Strömung fortgetragen,
die ruhig und beständig bleibt.

Elsheimers Mond, so muss ich denken,
der aus den Schatten sich befreit,
den Flüchtenden sein Licht zu schenken,
dass sicher er zum Nil sie leit.

Wie oft ist er dabei gewesen,
wenn spät noch wer geschäftig war!
Aus manchem Nachtstück kann man’s lesen,
in dem wie hier der Mond der Star.

Der Maler auch ist aufgeblieben
und hat zum Himmel aufgeschaut
und hat die Farben fein verrieben,
gegilbt, geschattet und geblaut.

Wie konnte der Poet da schlafen?
Gedichte schuf er ohne Zahl,
die dieser Stimmung Nerv wohl trafen
wie „Füllest wieder Busch und Tal …“.

Nun, mit Natur kann ich nicht dienen,
zumindest hier am Boden nicht,
wo Bauten das Terrain verminen
mit ihrem groben Putzgesicht.

Romantik mag woanders keimen,
die Stadt mit andrer Elle misst:
„Gestalt“ muss auf „Funktion“ sich reimen,
„human“ auf „Wenn’s bezahlbar ist“.

Nur gut, dass an die höh’ren Sphären
des Menschen hohle Hand nicht reicht,
sonst möcht’s auch dort nicht lange währen,
bis die Natur der Walze weicht.

Der Mond, würd also er posieren
gemeinsam mit dem Häuserbrei,
er könnt an Schönheit nur verlieren –
drum streicht er eilig auch vorbei.

Da seh ich ihn auch schon verschwinden,
ein Dachstuhl ist sein Nachtquartier.
Gleich wird sich nichts mehr von ihm finden –
sein Heute nur noch auf Papier.

Der Stern

SoimagesTE3WWC8K muss er ausgesehen haben,
einst über Bethlehem der Stern
bei der Geburt des Christusknaben,
der Hirten rief und große Herrn.

Wie der jetzt über meiner Klause
auf schwarzem Grunde glänzt und gleißt –
ob er vielleicht zu mir nach Hause
auch Wanderern die Richtung weist?

Er thront ja übern Himmelsweiten
in so erhabner Majestät,
gebietend gleichsam, loszuschreiten,
Tribut zu zollen und Gebet.

Ach, als die Sterne Götter waren,
ihr ganzes Wesen Geist und Licht,
wie traten da die Völkerscharen
so schauernd vor ihr Angesicht

Dass dem, der seine Schafe hütet,
und dem, der seinen Schatz bewacht,
es beiden in der Seele wütet
und Kribbeln in den Füßen macht!

Schnitt. Zweimal tausend Jahre später.
Der Strahler, der da oben steht –
nicht das Mirakel unsrer Väter,
nein, nur die Venus, ein Planet.

Zweihundertfünfundzwanzig Tage
genügen ihm für seine Tour
rund um das Zentrum, dessen Lage
ihm näher als der Erdenspur.

Und auch wie er, der ohne Feuer,
ein Ansehn, sternengleich, sich schafft,
hat der Erkenntnis Abenteuer
enträtselt als der Sonne Kraft.

Doch sind wir darum wirklich schlauer
als jene Hirten auf dem Feld
und jene andern Kindsbeschauer
in ihrer Wunderglaubenwelt?

Solln Engel in den Sphären kreisen,
Dämonen, Götter, Seelen bloß,
des Alls Mysterium zu beweisen?
Fantastisch. Doch ideenlos.

Längst sind die Götter ja gestorben,
und auch der große Pan ist tot.
Doch haben Gleiches wir erworben,
das wir missachten ohne Not

Des Sisyphus gewalt’ge Steine,
die auf und ab am Himmel rolln,
titanenfrei, von ganz alleine:
Dem Wunder heißt es Ehrfurcht zolln!

Abendruh

WieimagesL9US8KQC still! Das Lüftchen selber ist zu hören,
das raschelnd durch die Blätter geht.
Wär’s nicht ein Baum, ich könnte schwören,
da murmelt wer sein Nachtgebet.

Nix los mehr auf den Bürgersteigen.
Entseelte Steine, tot und kalt.
Nur selten noch durchbricht das Schweigen
‘ne Sohle, die wie hundert hallt.

Und diese breite Asphaltschiene,
für Reifen eigens ausgelegt?
Die ewig graue Leidensmiene,
auch wenn sie keine Last mehr trägt.

Fassadenlicht wie Schinkenstücke
in Mauersülze eingebracht.
Unmöglich, dass man sie verrücke?
Nein, manchmal an- und ausgemacht.

Im Himmelsshop sind die Regale
von Sternen völlig leergeräumt.
Er hat was von ‘nem Wartesaale,
der über toten Gleisen träumt.

Und die im Abendwind oft schwanken,
die Peitschenmasten, Halme bloß,
versunken stehn sie in Gedanken,
die Neonähre regungslos.

Wo sind die Vögel, die Migranten,
die weit gereist nicht ohne Not?
Schon längst die Flügel sie entspannten,
denn nächtlich herrscht ja Flugverbot.

Von irgendwo ein leises Pochen.
Ich lausche. Hab ich mich vertan?
Nein, lauter nun, ununterbrochen –
jetzt weiß ich’s, ach, der Wasserhahn!

O wie mit tausend sanften Lippen
die Stille zu Gehör sich bringt,
nur leicht die Seele anzutippen,
dern Saite umso stärker schwingt.

Und doch, das große Ungeheuer,
die Tatzen friedlich ausgestreckt,
die Stadt träumt schon vom Abenteuer,
zu dem das Morgenrot sie weckt.

Es ist ein trügerischer Frieden:
Er hält nur bis Bürobeginn.
Dann, goldne Frucht der Hesperiden!,
der alte Wettlauf um Gewinn!

Nur dass sich einstmals Rittersleute
geschwungen auf ihr edles Ross,
damit nach Kämpfen reiche Beute
in dero Satteltaschen floss.

Heut sind’s die Broker und die Bänker
mit hundert Pferden unterm Steiß,
die sich als Börsenschlachtenlenker
gekrallt den ganzen Erdenkreis.

Auch ohne sich vom Fleck zu rühren,
denn heute ist der Drachenhort
giral und leicht zu überführen
gedankenschnell von Ort zu Ort.

Weicheier, die am Ofen hocken?
O nein, Raubritter unterm Strich!
Denn was sie scheffeln und verzocken
ist wirklich abenteuerlich.

Man sieht: Bis auf die Kleidermode
gibt’s keinen Wandel auf der Welt.
Der Mensch, meschugge und marode,
will immer nur das Eine: Geld.

Wie kann man aus dem Kopf ihm schlagen
ein Ideal, das materiell?
Schon Sokrates stellt’ solche Fragen
und büßte es mit seinem Fell.

Desgleichen der in Stroh geboren
in einer kalten Winternacht,
mit dessen Armut unverfroren
die Christpartei Reklame macht.

(Bedenkt man ihre Krämerseele,
ein wundersames Phänomen!
Hat sie womöglich gar Kamele
dressiert, durchs Nadelöhr zu gehn?)

Doch was hab ich denn an Rezepten?
Wenn’s schon den Besten nicht gelang,
wie so ‘nem unscheinbarn Adepten
mit mittelmäß’gem Leidensdrang?

Ich muss das erst mal überschlafen,
auch trügerisch bleibt Ruh ja Ruh.
Vielleicht fliegt mir beim Zähln von Schafen
– ein schwarzes, oh! – die Lösung zu!

Verhör

Wasimages063IA6L6 hat der Delinquent getrieben
an diesem sechzehnten August?
Hohes Gericht, ‘nen Vers geschrieben,
zu anderm hatt ich keine Lust.

Die Antwort kann hier nicht genügen,
das kann doch wohl nicht alles sein.
Drum bitte ich hinzuzufügen
noch Einzelheiten, klitzeklein.

Nun ja, ich bin wohl aufgestanden,
wie ich es morgens immer tu,
nachdem die letzten Träume schwanden,
‘nen Wecker braucht ich nicht dazu.

Dann ging es an die Körperpflege,
Rasieren, Waschen und so fort,
danach in Neigung und in Schräge
etwas Gymnastik, Zimmersport.

Am Ende dieser Rituale
das Frühstück, schon in vollem Licht.
Ich glaub, ‘ne weiße Eierschale …
Schön, schön, so detailliert nun nicht!

Ja, dann, ich muss mal überlegen,
womit ich nützlich mich gemacht.
War’s was wie Feudeln oder Fegen?
Ich weiß, nein, Ordnung hab gebracht

In einen ich der vielen Schränke,
dem es mal wirklich nötig tat.
Papier sortiert, ab in die Senke,
was Urkund nicht und Unikat!

Das mochte wohl bis Mittag gehen,
weil das ja die gewohnte Zeit,
im Bratenduft vorm Herd zu stehen,
zu brutzeln eine Kleinigkeit.

Danach griff ich wohl zur Lektüre,
die gegenwärtig mich entspannt,
dass sie ein Weilchen mich entführe
über des Alltags Tellerrand.

Ich hab nicht auf die Uhr gesehen,
doch irgendwann, so aus dem Bauch,
kriegt ich den Einfall, diesen jähen,
dass ich noch was vom Höker brauch.

Zum Supermarkt bin ich gesprungen,
zu dem hier um die Ecke gleich,
und mit dem Schatz der Nibelungen
kehrt heim ich in mein Küchenreich.

Dann war es auch schon Abend wieder,
ich würde sagen, fast im Nu,
kaum öffnet so ein Tag die Lider,
klapp, sind sie auch schon wieder zu.

Hier ließ nun endlich sich vernehmen
der Richter, der so lange stumm:
Und damit zu dem Punkt wir kämen,
der wichtig fürs Judizium.

Von Versen sprachen Sie, von diesen,
die beispielhaft für jeden Tag.
Doch grade das ist unbewiesen,
das glaube, wer es glauben mag.

Vermögen Sie denn beizubringen
‘nen Zeugen für die Dichterei?
Bestimmt nicht. Denn vor allen Dingen
verlangt sie, dass man einsam sei.

Die Muse pflegt nur einzukehren,
wo würd’ge Stille sie umfängt,
und nur ihr Füllhorn auszuleeren
dem, der sich ihr verschwiegen schenkt.

Das mag schon sein, doch Ihre Lage
bleibt demnach weiterhin prekär.
Ich wiederhole: Schadensklage.
Des Nachbarn Worte wiegen schwer.

Sie hätten ihm die Ruh gestohlen,
die süße, die der Schlaf verlieh,
mit Schritten wie mit Eisensohlen,
gestehn Sie – oder Alibi!

Absurd. Ich geh auf Zehenspitzen,
erwart’ die Muse ich zu Gast.
Ich würde Blut und Wasser schwitzen
beim kleinsten Laut, der ihr verhasst.

Zudem hab stets ich die Poeme
mit Monat, Tag und Jahr versehn.
Das fragliche man selbst vernehme –
das Datum müsste drunterstehn.

Dem Argument mocht sich verschließen
auch nicht der strenge Herr Jurist:
Zwar konnt ich Dichtung nie genießen,
doch hier, wo sie mehr Chronik ist …

Er ließ mich gleich ad acta legen,
erteilte mir Absolution:
Worüber Nachbarn sich erregen!
‘n Fliegendreck, Sie wissen schon!

Auch dies ein Grund, ‘ner Kunst zu frönen,
von der’s oft heißt: Geh mir bloß weg!
Denn dient sie auch mal nicht dem Schönen,
so doch gewiss ‘nem guten Zweck.

Unser täglich Tod

Wenn ich so dunser_taeglich_todurchs Programmheft reise
und schau, was in der Glotze läuft,
stoß ich auf Leichen haufenweise,
erdolcht, erschossen und ersäuft.

Von zwanzig unsrer größten Sender
sind’s sieben, die zur besten Zeit
auch heut als Blut-und-Tränenspender
dem Mord- und Totschlag sich geweiht.

(Um hier vom Spielfilm nur zu sprechen,
geschweige denn vom Serienmist,
in dem das Lieblingsschwerverbrechen,
das Morden, gang und gäbe ist.)

So heißt ein Machwerk „Todesstille“,
ein andres schlicht mit „Hass“ uns droht,
dann Hitchcocks letzter Krimiwille,
gerahmt von „Bang, Bang, Du bist tot“.

Wenn sich Herr Meier vollgeschlagen
mit Käse, Wurst und Bier den Bauch,
braucht für das Hirn, des Kopfes Magen,
er geistig Grobgehacktes auch.

Die Krimiköche (Dollarzeichen,
wo einmal die Pupille saß)
dem anspruchslosen Schlemmer reichen
den leicht verdauten Billigfraß.

Verstetigung der Guckerquoten,
was ja der Sender Zweck und Ziel,
schafft locker man mit Einschalt-Toten –
ich nenn das hier mal „death appeal“.

Der Prolo braucht den Nervenkitzel,
das weiß der schlaue Intendant,
er gibt ihm Gauner, Mörder, Spitzel
und was er sonst an Abschaum fand.

Und jener fläzt sich in den Sessel,
beknabbert ‘ne gesalzne Nuss
und schert ‘n Dreck sich um die Nessel,
in der ein andrer sitzen muss.

Was ja den Teppich noch nicht rötet –
wär da vielleicht nicht der Effekt,
dass Schuss um Schuss wird abgetötet,
auch was ihn selbst vom Schießen schreckt.

Mattscheibe! Dazu beizutragen,
dass diese Welt noch mehr verroht!
Mit all dem Ballern, Würgen, Schlagen
schlägt auch man die Empfindung tot!

Hinzu kommt: Wer als Krimineller
zum Meister es noch nicht gebracht,
holt hier sich, „frisch vom Plattenteller“,
die Tricks, die Kenner sich erdacht.

Genügend Fälle hat’s gegeben
von blinder, blanker Tötungswut
und Finger, die sich warnend heben:
Der Bildschirm auch verbreitet Blut!

Prompt melden sich die Offiziellen
jedweder Anstalt gleich zu Wort:
Wer wagt uns dies zu unterstellen?
Bei uns hat so was keinen Ort!

Entschieden müssn wir uns verwahren
dagegen, dass man uns verhetzt,
die nachweislich seit vielen Jahren
für Sanftmut wir uns eingesetzt.

(Wen’ger blauäugig blaue Augen
hat man wohl selten nur gesehn –
die gleichwohl immer dazu taugen,
dass viele auf den Leim ihn’n gehn.)

Bedauern nicht, nicht Bußgewänder.
Das übliche Geheuchel halt.
So bleibt er, was er war, der Sender:
Die Volksklippschule der Gewalt.