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König Fußball

koenig_fussballDie ganze Welt im Fußballfieber!
WM und Titelkampf am Kap!
An Ebro, Kongo, Rhein und Tiber
läuft diese Show am Bildschirm ab.

Und kaum ein Tag in diesen Wochen,
an dem die Glotze spielefrei.
Der Superkicker goldne Knochen
versüßen uns den Alltagsbrei.

Im Fahnenschmuck die Hausfassaden,
beflaggt die Autos überall,
weil Hunderte Athletenwaden
sich balgen um den Lederball.

Die Stürmerstars, sie kombinieren;
sie flanken, zaubern: Doppelpass;
am Strafraum erst den Ball verlieren
sie an des Gegners Abwehrass.

Doch einen neuen Angriff tragen
jetzt makellos die Burschen vor,
riskieren muss er Kopf und Kragen,
der Keeper, doch vergeblich: Tor!

Tor! Tor! Da gibt es auch kein Halten
fürn kühlsten Kommentator mehr.
Tor für die Basken, für die Balten,
Tor für das Team von Finisterre!

Durchs Stadion Jubelstürme branden,
grell blökt der Tröten Halali.
O wie viel Hoffnung wird zuschanden
am Fuß des Gegners oder Knie!

Und wie sie nur für ihre schreien,
für alle andern taub und blind!
(So hilft man Völker zu entzweien,
die eigentlich befreundet sind.)

Finale endlich – Sieg! Und Frieden.
Vergeben ist am Kap der Cup.
Die eigne Elf längst ausgeschieden –
nach großem Kampf natürlich, knapp.

Begeistrung, die elektrisierte
die Fans rund um den Erdenball,
verebbt nun vor dem Platzgevierte,
der Dribbelgötter Gras-Walhall.

Der Alltag senkt sich auf die Köpfe
der Menschheit wieder wie vorher.
Gefüllt sind noch der Reichen Töpfe –
und die der Armen sind noch leer.

Heut Abend

schlandHeut Abend kann ich Ruhe tanken,
kein Hupkonzert die Welt beglückt.
Der Fußball lässt sie falln, die Schranken:
Die ganze Menschheit spielt verrückt!

Kaum dass der Schiri abgepfiffen
und deine Mannschaft hat gesiegt,
wird auch zum Lenkrad schon gegriffen,
sich in den Fahrersitz geschmiegt

Um in den Korso sich zu reihen,
der lärmend das Quartier umkreist
und mit frenet’schen Jubelschreien
Verstand für seinen Sport beweist.

Die Jagd nach diesem heil’gen Grale,
dass der WM man Erster sei,
geht bald schon weiter: Halbfinale.
Und Schwarzrotgold ist auch dabei!

Dass nach dem Spiel mir übermorgen
bevorsteht eine heiße Nacht,
weiß Gott, ist dringend zu besorgen,
weil „Schlaaand“ ganz schön Furore macht.

Seht in mir gleichsam denn zwei Seelen
in ihrem faust’schen Widerstreit:
die eine, die Geräusche quälen,
die andre, die berauscht verzeiht.

Wie kann den Knoten ich zerhauen,
dass ich der Wirrung mich entwind?
Nach Mittelchen und Wegen schauen –
und hopp, bevor der Tag beginnt!

Nach einem Matchgewinn ‘n Pfropfen,
der mir die Lauscher fest verschließt?
Nein, besser sie mit Wein verstopfen,
der Schlummer in die Kehle gießt!

Dies Mittel trug schon viele Male
mich sicher fort aus Zeit und Raum.
Anstatt Radau denn und Randale –
ein ungetrübter Fußballtraum!

So kann ich doppelt nun genießen,
was man die Abendstille nennt:
die heute ohne Toreschießen,
die morgen, wenn die Hütte brennt.