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Der unbekannten Leserin

der-unbekannten-leserin-picassoIhr kennt mich schon, ihr zwei, drei Leser,
und meine Klaue, Stil genannt,
wisst, dass Murano mir durch Gläser,
Burgund durch Flaschen wohlbekannt.

Euch ist die Küche nicht verborgen,
die zum Parnass ich mir erwählt,
Apolls Geschäfte zu besorgen,
bei denen nur der Wohlklang zählt.

Und was ich an Gedanken hege,
gesteh ich euch ja frank und frei:
der Seele wundersame Wege
durch Wiesen und durch Wüstenei.

Mein Äußres hab ich euch beschrieben,
damit ihr mich leibhaftig seht,
nicht als Phantom, das, umgetrieben,
sich nur in Tintenspurn verrät.

Hab hautnah euch herangelassen
bis an den tiefsten Lebenskern,
wie einer, gleichsam anzufassen,
und nicht wie von ’nem andren Stern.

(Ganz sicher gibt es da auch Stellen,
an die ich euch kein Licht gesteckt.
Auch die würd ich euch gern erhellen –
hätt ich sie selbst nur erst entdeckt!)

Da lieg ich vor euch auf dem Blatte,
durchleuchtet wie von Röntgenlicht,
wie im Versuchslabor ’ne Ratte,
die man aufs Rad der Weisheit flicht.

Ein offnes Buch. Da ihr hingegen
mit sieben Siegeln mir versperrt,
ihr zwei, drei Leser, derentwegen
so viele Verse ich geplärrt.

Was hat zum Kuckuck euch bewogen,
grad diesen euer Ohr zu leihn,
die mit Sonetten und Eklogen
der höhren Dichtung nichts gemein?

Wie gern läs ich in eurer Seele,
wie ihr in meinen Zeilen lest,
dass sie mir klipp und klar erzähle,
was für ein Wind euch zu mir bläst!

Indes, bei näh’rem Überlegen
wär es wohl besser, wenn’s so blieb –
wer weiß, ob Freundschaft nur zu pflegen,
nicht nach dem Munde ich euch schrieb?

Drum weiter in gewohnter Weise
frisch einfach von der Leber weg –
nicht für blasierte Kennerkreise,
doch für das Herz am rechten Fleck!

Tag der Berufung

tag-der-berufung-francesco-petrarcaVersäumt, ach, diesen Tag zu ehren,
das fällt post festum mir nun ein –
zehn Jahre die Kultur vermehren
sollt Anlass des Gedenkens sein!

Um es konkreter auszudrücken:
So lange ring und reim ich schon
um Verse, die nur selten glücken,
doch stets der Mühe schöner Lohn.

(Ich muss mich hier bescheiden geben –
ein Urteil steht mir ja nicht zu:
Zur Kunst die Zeilen erst erheben
Experten, Leserin, wie du.)

Als ich indes vor ’ner Dekade
die ersten Strophen mir ersann,
wie wusst ich, ob ich auf dem Pfade
Euterpes wacker wandern kann?

Es ist kein Engel mir erschienen
auf eines Höheren Befehl,
der Menschheit fürderhin zu dienen
mit Leich, Terzine und Ghasel.

Es kam mir wohl aus eignem Triebe
und kam mir gleichsam über Nacht,
genau wie jede andre Liebe
aus dunklen Tiefen jäh erwacht.

Doch während Amors süße Pfeile
ihr Ziel verfehln nach kurzer Frist,
währt meine Schreiblust eine Weile,
die sich nach Jahren schon bemisst.

Die Treue kann ich nicht erklären,
mir macht die Sache einfach Spaß,
und keinen Tag möcht ich entbehren,
an dem ich froh zu Verse saß.

(Heißt nicht, ich hab den Bock verloren
auf dralles, pralles Menschensein –
ich bin auf beides eingeschworen
wie weiland Meister Wolkenstein.)

Ha! Kann man so zu Potte kommen?
Ich grapsche grübelnd mir ans Kinn.
Bin in den Redefluss geschwommen
und treibe träge in ihm hin.

Mehr Disziplin ist hier geboten:
Was du zu sagen hast, das sag!
Ich schlürfe also meinen Roten,
auf den verpassten Jubeltag

Und widme dieses Dutzend Strophen
dem Dämon, der mir Kraft verlieh,
dass zwischen Spüle ich und Ofen
noch folg dem Weg der Poesie!

Uhrenvergleich

uhrenvergleich-edvard-munchWill wieder mal die Verseschmiede schildern,
da wo Apollo, nicht Hephästos schafft,
im Reich der Küche hemmungslos zu wildern
nach Geistes- und Gestaltungskraft.

Dabei auch aus den Augen nicht verlieren,
was jenseits meiner Luke zu beschaun.
Ambiente diesem jämmerlichen Schmieren:
Die goldnen Lämmer auf den Himmelsau’n.

Nicht Geister durch den Ruhm entrückter Ahnen,
wie Scipio sie einst gesehn im Traum –
Laternen sind’s, damit auf ihren Bahnen
sich die Planeten nicht verirrn im Raum.

Ihr Licht, so winzig in des Kosmos Weiten,
strahlt seltsam mächtig mir doch ins Gemüt,
als wär’s dem Schlund der Räume und der Zeiten
wie Orchideen aus Permafrost entblüht.

Zurück indes zu unsren griffbereiten Dingen,
wie sie versammelt um den heim’schen Herd,
um mehr um Verse denn das Mahl zu ringen,
da auch bei diesen er sich gut bewährt.

Veränderungen sind nicht eingetreten,
wie lange mein Kontrakt hier auch schon läuft –
vom Atemzug der Zeit, dem stillen, steten,
hat’s etwas höher nur den Staub gehäuft.

(Der Store schien früher allerdings mir sauber,
jetzt wird er gegen seinen Saum schon grau –
da hilft wohl nur ein guter Wasserzauber,
den ich dem Luftgeist Ariel anvertrau.)

In etwa ist die Stimmung auch die gleiche:
Ein Dämmern, das der raschen Nacht gewiss.
Die Häuser drüben: Stein gewordne Deiche,
die bald schon überspült von Finsternis.

Wie üblich auch der Straße grobe Reize –
grad solche, die die Lauscher strapaziern;
doch dass sie auch mit Augenstress nicht geize,
lässt ab und zu ein Blaulicht sie rotiern.

Gerade kommt so‘n Martinshorn geflogen
mit seinen mächtig schwellenden Tatas –
die Straße dröhnt von Monster-Klangeswogen,
der Fuß, er fällt vor lauter Schreck vom Gas.

(Da seht verlegen mich am Schnauzer kraulen:
Der Lärm bringt völlig mich aus dem Konzept.
Ich fasse mich erst wieder, wenn dies Jaulen
mit wachsender Entfernung sacht verebbt.)

Gut, jetzt kann ich den Faden weiterspinnen.
Was wäre sonst noch, Les’rin, von Belang?
Der Kaktus? Will an Größe nicht gewinnen –
zeigt aber auch zum Schrumpfen keinen Hang.

Das kann ich von der Kerze gleichfalls sagen –
schon ewig hab ich sie nicht mehr entflammt!
Längst nistet Staub auf ihrem weißen Kragen,
ein feiner Film auf wächsern-glattem Samt.

Der ist indessen kaum noch zu erkennen,
das Dunkel saugt ihn auf wie Löschpapier.
Ich weiß nicht, lass ich noch mein Lämpchen brennen
oder verzieh ich mich ins Schlafquartier?

Na ja, an so‘n paar klitzekleinen Zeilen
blieb ich ein Weilchen doch noch gerne dran.
Das heißt fürs Wörterfinden und fürs Feilen
lass ich mir besser noch die Funzel an.

(Dezembertags, wenn früher schon die Fluten
der Schattenwogen lautlos uns umspüln,
seh gerne ich die Birne sich verbluten
in eiterbleichen, heißen Moleküln.)

Pardon, Verklammertes am besten streichen –
von Schrank sei nur die Rede und Regal;
und stellt euch vor: Die derben Bretter gleichen
den neuen noch von Anno dazumal.

Die Zeit, sie scheint mir hier so eingefroren,
als hätt man einen Winkel ihr gegönnt,
wo sie samt ihrem Schopfe ungeschoren
in aller Ruh einmal verschnaufen könnt.

Doch hat sie mir die Spuren eingeschnitten,
die ringsumher den Dingen sie erspart –
und dabei hab ich nicht einmal gelitten,
so still ging sie zu Werke und so zart.

Wer könnte sich verweigern ihrem Walten?
Dafür gibt’s nirgendwo ‘nen sichren Port.
Wohl hat sich mancher optisch gut gehalten –
doch auch im Innern nagt und frisst sie fort.

Sommers Erwachen

Sommers Erwachen, Claude MonetWie pünktlich ist der Sommer eingetroffen,
und wie der Frühling sich sofort verkroch!
Im Guten selbstverständlich, wolln wir hoffen:
“Leb wohl, und viele schöne Tage noch!“

Voll Blumen hinterließ er uns die Fluren,
die er des Winters kaltem Schoß entriss –
erst einzeln und danach in ganzen Fuhren
dem Horror unterird’scher Finsternis.

Mag nun der Sommer mählich reifen lassen,
was jener bis zur Blüte schon geführt,
bis die Natur auf allen ihren Gassen
die Gegenwart der süßen Früchte spürt.

Die 4. Strophe, diese, wollt ich weihen
dem Farbenrausch der Juli-Sinfonie –
doch will’s im Ansatz mir schon nicht gedeihen:
Der Taktstock klemmt auf einmal irgendwie.

(Wie peinlich ist’s mir, Les’rin, auszufechten
vor aller Augen hier den Seelenstrauß –
doch widersteht man jenen innren Mächten,
die heimlich herrschen in des Fleisches Haus?)

Drum soll der Lenz nicht einfach so verschwinden,
so völlig ohne Lob und Dankbarkeit –
will rasch ihm noch ein Lorbeerkränzchen winden,
dass auch besiegt erhobnen Haupts er schreit’.

O Frühling, schweigend bist du hingegangen,
dem Windhauch gleich, der leise sich verweht,
wie Röte auf beredten Mädchenwangen
in stille Blässe wieder übergeht.

So sang- und klanglos unsrem Blick entschwunden,
als wär ein Abschied nicht der Mühe wert,
als schämtest du dich deiner Erdenstunden,
weil du nicht selber Früchte auch genährt.

Doch unsre ganze Seligkeit hienieden
entspringt der Saat, die du einst ausgestreut.
Erst jetzt begreifen wir’s, da du verschieden
bei aller Glockenblumen Wehgeläut.

Wer ließe sonst so deutlich uns empfinden,
wie Leben aus den tiefsten Grüften steigt,
den muffig-feuchten und den maulwurfsblinden,
und sich so frisch und ungebrochen zeigt,

dass es im Kuss der apollin’schen Strahlen,
von göttlichem Verlangen ganz durchglüht,
aus seinen unsagbaren Winterqualen
sich in die Freiheit lichter Lüfte blüht?

Die Sommersonne brennt, doch ohne Feuer,
bebrütet nur, was Leidenschaft gebar,
dass sie, bemutternd bloß, die Frucht erneuer,
die bald sie opfert auf dem Herbstaltar.

Die Triebe aber, die dem Lenz entsprießen,
sie welken nicht und wittern nicht dahin.
Ja, immer höher nur ins Kraut sie schießen
mit übermütig-jugendlichem Sinn.

Wenn schließlich dann in seinen reifen Tagen
der Sommer prächtig sich durchs Leben schlägt,
wird manchmal wohl ihn sein Gewissen fragen,
wer diese Bahn so rosig ihm gelegt.

Nicht gut drauf

Nicht gut draufAch, alle naslang muss ich schniefen,
es hat mich leider voll erwischt.
Ob eher wohl die Nüstern triefen,
wenn sich ins Spiel das Alter mischt?

Sonst hatt’ ich damit nie Malesche,
seit Jahren gibt der Zinken Ruh,
dass ich mein Schnupftuch in die Wäsche
zur Pflege nur der Frische tu.

Und hätt’ ich das geringste Zeichen,
dass da was brütet, nur bemerkt,
ein Vitaminchen ohnegleichen
hätt’ bombensicher mich gestärkt.

Jetzt hock ich hier bei schönstem Wetter
und putz und putz mich rot und wund.
Mich nervt des Vogelvolks Geschmetter!
Na, das scheint wenigstens gesund.

Passanten auf der Gasse johlen –
sind offensichtlich blendend drauf.
Der Teufel soll sie alle holen,
nein, heiße ihre Nase: Lauf!

Ach, sehn erst die gefärbte Spitze
Kollegen nächstens im Büro,
hör lebhaft ich schon jetzt die Witze
von Säufernasen oder so!

Wer niesen muss und Schleim ausscheiden,
Geduld in seine Seele tank.
Unsäglich muss er Wochen leiden
und gilt nicht mal als richtig krank.

Niesbrauch, Nieswurz und Nieselregen
selbst mein Gehirn schon fantasiert
und wirkt der Aussicht krass entgegen,
dass dieser Spuk sich rasch verliert.

Ob mit des Glaubens Kraft versehen
ich schnellrer Heilung würde froh?
Doch wer ist, Beistand zu erflehen,
der Schutzpatron für HNO?

Auf einen ird’schen Arzt zu pochen
wär sinnlos, weil’s bekanntlich heißt:
Mit braucht so’n Schnüpfelchen zwei Wochen
und ohne vierzehn Tage meist.

Ich muss auf Biegen und auf Brechen
allein durch diese Foltertour –
Indianer kennen keine Schwächen,
„Zähne zusammen!“ reicht als Kur.

Doch wenn die Sache ausgestanden
und dieser Albtraum jäh vorbei –
wann wird den nächsten Coup er landen,
wer immer Herr der Viren sei?

Gewiss hat er dafür ’nen Riecher,
wann reif ich bin fürs Taschentuch,
und schickt die unsichtbaren Viecher
entsprechend pünktlich zu Besuch.

Doch was zerwühl ich mir den Brägen
und grüble was die Birne hält?
An solcherart von Schicksalsschlägen
zerbricht nicht gleich die ganze Welt.

Man muss nicht unters Schlachtermesser,
krepiert nicht wie das liebe Vieh,
ja, fühlt gebessert sich gar besser
als je zuvor. Na denn Hatschi!

Seneca lässt grüßen

Wie weiland SenecaBin heute wieder mal nach Haus geschlichen
und unter der Gedanken Last gebeugt,
vom Arbeitsplatz die Nase voll gestrichen,
der von der Emsigkeit des Leerlaufs zeugt.

Wie sollt ich da an Seneca nicht denken,
dem dieser Unsinn schon ins Auge fiel,
dass die „G’schaftlhuber“ sich verrenken,
die „occupati“ ohne Sinn und Ziel!

Verhalten, das Millennien überdauert –
was noch nichts sagt von seiner Qualität,
nur, dass des Menschen Wille gerne mauert,
wenn’s um den Abschuss seiner Schwächen geht.

Dass die Kollegen immer paradieren
wie Pfauen, die ein goldnes Ei gelegt!
Sie gingen notfalls auch auf allen vieren,
wär dies die Weise, wie man „was bewegt“.

„Ich hatte heute so viel Konferenzen,
dass ich, gackgack, nun völlig fertig bin“.
„Ach ja, auch ich möcht mal ein Meeting schwänzen
und krieg’s, gackgack, genauso wenig hin“.

Der alte Ochsenfrosch! Ich möchte schreien
und halte vornehm lieber doch den Rand.
Sie lieben ihre Spiegelfechtereien
und klatschen jeden Einwurf an die Wand.

Warum sich alle diesen Anschein geben
von Arbeitswut und Unentbehrlichkeit?
Sein wertes Image will man dadurch heben,
dass neue Pöstchen einem es erstreit.

Die Lebenslosung heißt: Karriere machen:
“Du kriegst schön Knete, und du stellst was vor“.
Das treibt sie um im Schlafen und im Wachen
wie seine Eifersucht Venedigs Mohr.

Ja, flitzt nur bis an euer sel’ges Ende
und balgt euch um dies falsch gemünzte Glück –
legt ihr demnächst nicht schon in Charons Hände
der letzten Reise schnödes Kupferstück?

Wär schön, mit Logik ihnen beizukommen –
doch gibt es eine Logik, die verfängt
bei einem eingefleischten Wirtschaftsfrommen,
der seinen Steiß um goldne Kälber schwenkt?

Am besten wär’s, das Spielchen mitzuspielen
nach Regeln, die sie selber aufgestellt –
als zielbewusster Streber unter vielen,
der mächtig was auf seine Dummheit hält!

Doch die Natur, sie wollt mich unterscheiden,
hat einen eignen Kopf mir aufgesetzt.
Zur Strafe muss ich morgen wieder leiden –
ach, vorm Büro graut‘s, glaubt es mir, schon jetzt.

Ich will mein Gläschen noch zu Ende bringen,
dann hole Morpheus mich, des Somnus Sohn.
Und mögen Englein mir im Schlafe singen –
aus vollem Herzen und für Gotteslohn!

Randa

Dasselbe ist NähRandae und Ferne zwischen dem Freund und dem
Geliebten. Denn so, wie sich Wasser und Wein vermischen,
vermischt sich die Liebe des Freundes mit der Liebe des
Geliebten; wie Wärme und Licht ist ihre Liebe verknüpft;
und wie Wesen und Sein stimmen sie überein und sind
einander nahe.

Ramon Llull, Vom Freund und dem Geliebten, 1283/84

Heut will ich, einz’ge Leserin, dich bitten,
dass du mir folgst nach ’nem bestimmten Ort.
Sei unbesorgt, ich wahr dabei die Sitten –
ich geb dir schriftlich hier darauf mein Wort!

Lass einen Hügel beide uns besteigen,
der einsam aus dem Tiefland sich erhebt –
ich möchte dir die Welt einmal so zeigen,
wie wenn als Adler man darüber schwebt.

(Anmerkung 1: Beinah 500 Meter
ragt dieser Buckel aus dem Grund empor,
steilt sich nicht nepalesisch in den Äther
und kommt doch hoch dem Autoklettrer vor.)

Wenn wir zur Spitze glücklich dann gedrungen
auf unsrem kurvenreichen „Knüppelpfad“,
sehn wir tief unter uns, vom Meer umschlungen,
die halbe Insel schön im Wellenbad.

Und Felder überall sich landwärts strecken,
von Büschen hier und Hecken da begrenzt,
mal weizenblond, wo Ähren sie bedecken,
mal silbrig, wo des Ölbaums Blatt erglänzt.

Auch, leicht für Haufen Feldgesteins zu halten,
die Dörfer, über diese Flur verstreut,
doch ledig aller Wagen und Gestalten
und selbst der Glocken klingendem Geläut.

Wie Äderchen die Wege sich verzweigen,
um sich in lichten Dünsten zu verliern.
Die ganze Erde unten atmet Schweigen,
scheint in der Glut des Mittags zu gefriern.

Lässt man den Blick dann immer weiter gleiten
bis an der Augenkünste Horizont,
verschwimmen diese abgesteckten Weiten
in einer schaumig-flachen Nebelfront.

Im Norden nur gewahrt man die Konturen
massiver Berge überm Küstensaum,
die bleiern lasten auf den fernen Fluren,
doch majestätisch auch in ihrem Raum.

Damit der Schöpfung Schönheit man empfinde,
hat diesen hohen Ausguck sie erbaut –
dass unbehindert wer in alle Winde
und alle prächt’gen Panoramen schaut.

Was heil’ge Schriften ehedem verheißen
als der Gerechten immerwährnden Lohn,
hier sieht man‘s unterm Blau Mariens gleißen,
ein Paradies auf sünd’ger Erde schon.

(Anmerkung 2 will ich dem Lullus weihen,
der hier vorzeiten seine Zuflucht nahm,
sich um der Wahrheit willen zu kasteien,
dass er in Lust und Luxus nicht verkam.)

Dem Zauber dieser Insel längst erlegen,
besonders auch dies Fleckchen mich entzückt,
ein wenig abseits von gewohnten Wegen,
dem Erdentreiben meilenweit entrückt.

Wie Moses einst vor dem Gelobten Lande,
das ihm sein Gott als Bleibe anbefahl,
so steh ich gern an dieser Klippen Rande
und blick ins weite, herrlich blühnde Tal.

Stubenhocker

Stubenhocker1, Roelant SaveryWer heute auf der Couch gelungert,
den treff des Faulen ganze Schmach!
Nach Schatten hab ich nur gehungert,
jetzt trauer ich der Sonne nach!

Ein Sommertag dahingeschwunden
mit allem, was das Herz erfreut!
Nun leck ich bitter meine Wunden,
ein Sünder, den Verpasstes reut.

Ach, Blumen boten ihre Leiber
dem fleiß’gen Flug der Bienen dar,
da ich, ein müder Zeitvertreiber,
Gedankenblüten nur gebar.

Die Fluren frisch mit Grün bezogen,
in dem sich gelb Getreide wiegt!
Ein Vogel flatternd aufgeflogen,
ein Rehkitz, das ins Gras sich schmiegt!

Im Wipfel irgendwo ‘ne Taube,
die käuzig ihre Lockung gurrt.
Und ich lag in der Stube Staube,
wo leise Klothos Spinnrad schnurrt.

Die Seele aber kriegt nur Frieden,
schöpft Atem sie in Feld und Flur:
Ein Paradies heut und hienieden –
drei Schritt entfernt vom Sofa nur!

Tagesnachruf

Tagesnachruf, Paul CezanneSo geht auch dieser Sonntag mir zur Neige,
da sacht verdämmernd ihm das Auge bricht.
Und ich, dass ich die letzte Stund vergeige,
pfeif aus dem Stegreif mir noch ein Gedicht.

Ein Grabgesang, der jämmerlich zu nennen,
bedenk ich, was der Scheidende mir wert.
Fagotte müssten schluchzen, Flöten flennen,
wenn so ein Duzfreund in die Grube fährt.

Die Tränen müssten kübelweise fließen,
die Wange nässend, die in Krämpfen zuckt,
und Asphodelus aus dem Herzen sprießen,
der Todestrauer blumiges Produkt.

Ein Tag? Nein, lasst mich’s in Minuten sagen:
Einsfünf beinah, wer hätte das gedacht.
Und sechzigfach Sekunden draufzuschlagen –
zur ganzen Fülle seiner Zahlenpracht!

Nur immer weg von dieser Uhr sich wenden,
dern spitze Klinge mir die Zeit zerstückt –
die Trümmer, unsichtbar, dahin zu senden,
wo Hades seine Schattensträuße pflückt.

Da heißt’s, Natur, dir für die Gnade danken,
dass Trägheit du in unser Herz gesenkt,
wie’s in des Chronos übermächt’gen Pranken
sich unverdrossen seine Zukunft denkt.

Seht mich hier fröhlich vor dem Teiche hocken,
der von der Flasche schön in Glas gefasst:
Kein Kauz-Orakel, keine Totenglocken.
Den Abgang grade wieder mal verpasst!

Vor dem Richterstuhl

Vor dem Richterstuhl, Honore DaumierHeut will ich eurer, Sänger, hier gedenken,
die ihr Apollos liebste Schüler seid,
ganz vorn auf des Parnassos stein‘gen Bänken,
das Rohr, die Lyra immer griffbereit.

Ich muss nicht lang euch erst beim Namen nennen,
die Tür an Tür ihr im Gedächtnis wohnt
der Menschen, die zum Worte sich bekennen,
das hoch über geschwätz‘gen Zungen thront.

Erlaubt mir, diese Zeilen euch zu weihen –
nicht als Votant, der euch um Segen fleht,
doch dass ihr meinen ständ‘gen Kritzeleien
mal musenkritisch auf die Pfoten seht.

Die hier ansonsten über Künste richten,
mir schleierhaft, wie ihren Spruch sie fälln!
Ob Goldschnitt, Ledereinband sie gewichten,
ob sie im Stillen Horoskope stelln?

Ob sie ergründen der Gedanken Tiefe,
den Klang empfinden, der sie stützt und trägt?
Ihr Lächeln schenken sie, doch dieses schiefe,
das seine Absicht selber widerlegt.

Unsterbliche, ich fleh euch um ein Zeichen,
mir zu gebieten „Weiter!“ oder „Halt!“ –
ein winziges, es würde mir schon reichen,
sofern es unverkennbar mir nur galt.

(Hier denkt euch eine Pause eingeschoben,
die vierzig, fünfzig Versfuß so umfasst,
dass die Juroren im Gewölk da oben
ihr Urteil bilden können ohne Hast.)

Ihr schweigt noch? Soll ich etwa selbst mich preisen
als einen Sangesbruder von Talent,
als Vater einer muntren Schar von Weisen,
die es wohl wert, dass sie Bewundrer fänd?

Ihr schweigt? Wollt ihr mich auf die Folter spannen
der Ungewissheit, die das Herz zernagt?
Oder passierten euch vielleicht gar Pannen,
dass ihr die Sache vorderhand vertagt?

Ihr schweigt? Ach, endlich habe ich’s begriffen!
Genau das eben ist als Wink gemeint!
Heißt’s nicht Wer schweigt seit alters schon geschliffen,
der offensichtlich zuzustimmen scheint?