Archiv der Kategorie: Mensch

Voll erwischt

Voll erwischtKaum hatt‘ heut früh ich aufgeschlagen
die Augen Richtung Zimmerdach,
erfasste mich ein Unbehagen
ganz deutlich, wenn auch erst noch schwach.

Und wie ich so in dieser Phase
mich bang noch fragte nach dem Grund,
verhalf ein Kribbeln in der Nase
mir jäh zum richtigen Befund.

Denn dieser Hohlraum, der zum Riechen
uns mitten vors Gesicht gepappt,
hat, wässrig-wund dahinzusiechen,
nur schniefend noch nach Luft geschnappt.

Mir wird’s ein ew’ges Rätsel bleiben –
wie kann das über Nacht geschehn:
Sich abends träg den Zinken reiben
und morgens ihn so rot zu sehn?

Doch Wissenschaft einmal beiseite,
es galt den Fakten sich zu stelln.
Rasch also suchte ich das Weite,
um Holz fürs Schnupftuch mir zu fälln.

Indes hab weitere Aktionen
ich mir für heute dann erspart
und, um die Nase recht zu schonen,
mich schräg im Zimmer aufgebahrt.

So schlummerte ich noch ‘ne Weile
und hoffte auf den Heileffekt.
Der allerdings, ganz ohne Eile,
hat nach der Decke sich gestreckt.

Kleine Ausnahme

Kleine AusnahmeVon einem guten Geist geborgen!
Mich wiegen Wellen in den Schlaf
und Sonne weckt mich jeden Morgen,
sobald ihr Kuss mein Auge traf.

Tags ist der Himmel blau gestrichen
perfekt und ohne Wolkenweiß;
und kommt der Dämmer angeschlichen,
ergraut er allenthalben leis.

Nachts punktet er mit tausend Sternen,
die übers Firmament gesät,
so wie ein Schimmer in Kavernen,
der Gold in ihre Decke näht.

Der Wind weilt häufig in den Kalmen
und legt sich zum Verpusten flach.
Dann spenden Kühle mir die Palmen
mit ihrem breiten Blätterdach.

Geht mir die Hitze an die Nieren
und taucht das Hemd in Feuchtigkeit –
warum denn die Geduld verlieren:
Das Windrad steht ja griffbereit.

So ist für alle Wechselfälle,
die die Natur hier produziert,
ein Mittelchen geschwind zur Stelle,
das Wohlbehagen garantiert.

Nur dieser Schnupfen, der seit heute
mein Nasenloch in Atem hält,
ist, wenn die Zeichen recht ich deute,
dem Geiste hier nicht unterstellt.

Windige Burschen

Windige BurschenDem Ersten ist schon nicht zu trauen,
da er mit Unsinn gleich beginnt
und, sich sein flücht’ges Nest zu bauen,
die ulkigsten Geschichten spinnt.

Was soll man von den andern halten,
die auch auf seine Fahne schwörn
und sich zu einem Trupp entfalten,
dem dreißig Nasen angehörn?

Sie haben doch in frühren Jahren
sich schon nicht eben zahm gezeigt
und mit der Wildheit von Barbaren
den Geist der Harmonie bestreikt.

Drum heißt es erst mal skeptisch bleiben
und warten, wie es weitergeht,
um dann post festum aufzuschreiben,
was künftig in der Chronik steht.

Bisher ist alles gut gelaufen.
Die Burschen brachten Sonne mit,
dass in den Tonnen und den Traufen
man unter großer Dürre litt.

Die soll auch in den nächsten Tagen
sich nicht in Sack und Asche hülln,
der Wetterfrösche Einkaufswagen
im Gegenteil zum Rande fülln.

Fürn ganzen Monat ‘ne Prognose
ich daraus nicht entwickeln will –
geht keine leichter in die Hose
als die für diesen, den April.

Fast sprachlos

Fast sprachlosDie Sprachverwirrung Marke „Babel“
ist allenthalben hier präsent,
da oft mit ganz verschiednem Schnabel
Tourist versehn und Resident.

Die Ladys und die Gentlemänner,
die von Britannien hergesandt,
ha’m als geborne Englischkenner
unweifelhaft die Oberhand.

Sie sind in größter Zahl zu finden
in dieser Küste Hinterland,
doch weigern sich, das Hirn zu schinden
mit Lauten, die ihm unbekannt.

Franzosen? Auch nicht schlecht vertreten
in dieser Volksmenagerie,
um eine Sonne anzubeten,
die heißer noch als im Midi.

Doch auch nicht scharf drauf zu verlassen
der Zunge eingeschliffnen Schlag,
um sich dem Fremdwort anzupassen,
wie sehr es auch verwandt sein mag.

Und dann die deutschen Pensionäre –
oft rührend ums Idiom bemüht,
doch dank der nord’schen Geistesschwere
nur stammelnd, was im Brägen glüht.

Was hier auf span’schem Grund und Boden
der Gast meist unverfälscht bewahrt,
sind Kommunikationsmethoden
nach Kauderwelsch- und Pidginart.

Doch nun zu dir, du Kritikaster,
des Finger nur auf andre zeigt:
Bis frei du von dem Stammel-Laster,
dem du die Meinung grad gegeigt?

Gewiss nicht, wenn ich’s offen sage,
da würgt sich manches kläglich raus,
was lieber ich zu Markt nicht trage
aus meinem dürft’gen Gaumenhaus.

Doch Mühe würd ich nicht bestreiten
dem polyglott gestimmten Geist –
vielleicht dass ihm in spätren Zeiten
der Faden nicht so schnell mal reißt.

Thema Vanitas

Thema VanitasSofern du, Les’rin, meine Zeilen
mit Neugier schon seit Läng’rem liest,
erübrigt sich’s, dir mitzuteilen,
dass vieles da zusammenfließt.

Oft hab ich die Natur beim Wickel,
weil ihren Geist man nie ermisst
und selbst der kleinste Nasenpickel
ein Wunder an Erfindung ist.

Doch auch der Mensch mit seinen Macken
ist mir willkommenes Objekt,
um am Schlafittchen ihn zu packen,
bis er zum Hals in Strophen steckt.

Auch nehm ich manchmal auf die Schippe,
was faul in unserm Staat ich find,
und dass an seiner Futterkrippe
mehr Satte als Bedürft’ge sind.

Ein breites Spektrum der Betrachtung,
in das mein Eifer sich versenkt
und meiner lyr’schen Tagesschlachtung
stets ‘ne gefüllte Kumme schenkt.

Doch reicht es, einfach zu zersplittern
den spröden Knochenbau der Welt,
und nicht dahinter auch zu wittern,
was sie im Grund zusammenhält?

Ist Selbstsucht dieser rote Faden,
der das gesamte All durchzieht,
die Galaxien und Sternnomaden
und ihren ganzen Schotterschiet?

Dass eins nur auf des andern Kosten
gewaltsam Oberhand gewinnt
und dies auch wieder, Auslaufposten,
im nächsten Höllencrash zerrinnt?

Und dass der Winzling auf der Erde,
der nach ‘nem Gott sich glaubt geprägt,
in diesem ew’gen Stirb und Werde
ganz nach dem Universum schlägt?

Die Skala seiner stärksten Triebe,
sie nährt ja grade den Verdacht –
die polygame Eigenliebe
zu Reichtum, Renommee und Macht!

Da tritt er in des Kosmos Stapfen
in seinem blinden Eigensinn,
um ähnlich Unheil zu verzapfen
gar bis zur Selbstvernichtung hin.

Und denkt nicht, dass nur wen’ge Jahre
in einem Winkel hallt sein Schritt.
Das bisschen Zeit nimmt auf der Bahre
in alle Ewigkeit er mit.

 

Frühling garantiert

Frühling garantiertGeht wieder aufwärts, liebe Leser,
verzweifelt nicht am Sonnenschein,
der März beißt fast schon in die Gräser
und kriegt auch noch den Winter klein.

Der hat sich heuer gut gehalten
und treibt sich immer noch hier rum
mit seinen finstren Hilfsgestalten,
dem Boreas und Pluvium.

Doch nichts mehr für die große Glocke –
allmählich steht er auf dem Schlauch.
Schon glänzt in goldenem Gelocke
am Wege der Akazienstrauch.

Für morgen also die Prognose:
Zum ersten Male frühlingshaft.
Kein Wind und keine Wasserhose.
Azur, der um die Sonne klafft.

Die schwer beladne Wäscheleine,
die drüben an der Hauswand hängt,
bekommt dann endlich wieder Beine
und wird im Kleiderschrank versenkt.

Und ich, der ich im Nest gefangen,
mehr oder wen’ger Trübsal blies,
krieg wieder Farbe auf die Wangen
und strandwärts ‘nen Sardinenspieß.

Doch ist dem Wetterfrosch zu trauen?
Was, wenn er uns verulken will?
Wär auch als Fortschritt anzuschauen:
Dann hätten wir halt schon April.

Kleine Sprachlehre

Kleine SprachlehreSo hab ich sie noch nie erfahren,
die Wetterlage hier vor Ort –
nur Wolken, ohne aufzuklaren,
nur Regen reichlich „frei an Bord“.

Da kannst du dir den Schädel kratzen,
weil du vollkommen ratlos bist,
es schüttet Hunde hier und Katzen,
falls Englisch dir geläufig ist.

Und das nicht nur mal ein, zwei Tage,
wie’s hin und wieder wohl geschieht,
nein, diese feuchte Himmelsplage
schon in die zweite Woche zieht.

Wo ich noch gestern Abend dachte,
der Spuk sei endlich nun vorbei
und sorglos auf den Weg mich machte
im Wahne, er sei flutenfrei.

Was nur von meinem Fenster oben
den falschen Anschein hat erweckt,
so dass ich blindlings rausgestoben
und keinen Schirm mir eingesteckt.

So kriegte voll ich auf die Platte
des Irrtums schlagenden Beweis,
dass triefend wie ‘ne Wasserratte
den Klügeren ich gab mich preis.

Muss ich den Vorfall drum bejammern?
Erst mal das nasse Zeug vom Leib
und in der Wohnung warmen Kammern
sodann zum Musenzeitvertreib!

Doch dichten soll mir nicht genügen:
Ich will was lernen aus dem Flop.
Auf Spanisch heißt’s: „Es gießt in Krügen“.
„A cántaros“. Das bleibt im Kopp.

Passender Fund

Passender FundAch, haben sie ihn ausgegraben,
Cervantes, unsern Dichterschelm,
der quer ließ durch La Mancha traben
Quijote mit dem Ritterhelm?

Vierhundert Jahre durft er dösen
in seiner stillen Klostergruft,
bis man mit Haken und mit Ösen
ihn rausgestochert an die Luft.

Wenn er’s denn ist. Denn die Gebeine,
auf die man in der Krypta stieß,
sie sind und sind vielleicht nicht seine
nebst andren in dem Grabverlies.

Dem Braten ist nicht recht zu trauen –
kurz vor dem runden Todesjahr
kommt selbst er, um vorbeizuschauen
bei seiner treu’n Verehrerschar!

Das riecht nach alten Kirchenbräuchen,
nach denen man, Simsalabim,
um Pilger auf den Weg zu scheuchen,
manch Märchen braute à la Grimm.

„Herbei, herbei aus allen Landen
und seht, was unser Herr vermag!
Den heil’gen Nimmerlein, den fanden
wir just an seinem Namenstag!“

Und dank der großen Menschenmasse,
die es zu diesem Wunder trieb,
des Sprengels sieche Kirchenkasse
bald wieder schwarze Zahlen schrieb.

Müsst es den Ruhm Madrids nicht mehren,
brächt diesen Trumpf man noch ins Spiel?
Auch könnt man einst das Tuch verehren
des Flügels, der im Hieb zerfiel!

Warum indes vor Knochen beugen
sein wandermüdes Pilgerknie?
Kann uns daheim ein Buch nicht zeugen
vom unverweslichen Genie?

 

Relativ warm

Relativ warmEin Mythos ist das mit dem Süden
und seiner steten Molligkeit,
dass locker da den nordisch rüden,
den rauen Winter man vermeid.

Das mag zur Not für draußen gelten,
wo wohlig noch die Sonne wärmt,
da sie in den borealen Welten
sich fröstelnd schon am Himmel härmt.

Doch streunt der Mensch denn auf den Gassen
am Tag wie ’n herrenloser Hund,
ein Stückchen Sonne sich zu fassen
als heiß ersehnten Knochenfund?

Und selbst wenn Stunden er verbrächte
im temperierten Freien wo,
würd er zumindest doch der Nächte,
der schweinekalten hier nicht froh.

Kann sein, dass in der sommerschwülen
Behausung wer sich so erhitzt,
dass er nun, um sich abzukühlen,
in seiner eis’gen Bude sitzt.

Doch ich, der ich dem Frost entflohen,
mir dieses Fleckchen hier gewählt,
hab wirklich nichts von ‘nem Heroen,
der gern sich durch Extreme quält.

Die Crux ist, dass die Wohnlichkeiten
nur unvollkommen ausstaffiert
mit Wärmequellen für die Zeiten,
wenn nicht der Schneider nur hier friert.

Meist klebt wo in ‘ner Zimmerecke
so ’n Klimakasten an der Wand,
dass sommers Kühle er erwecke,
die er im Winter möglichst bannt.

Doch niedrig bleibt der Hitzepegel
und auf den einen Raum beschränkt,
die gute Stube in der Regel,
in der besagter Kasten hängt.

Paradoxon der Klimazonen,
das technisch nur zu lösen wär:
Im Winter lässt sich’s wärmer wohnen
im Norden als am Mittelmeer!

 

Vielseitige Bekanntschaft

Vielseitige BekanntschaftEin Ausflug, und ich lernte kennen
‘ne Frau, die nicht mehr ganz so jung
doch auch nicht grade alt zu nennen
mit ihrm fidelen Geistesschwung.

Sie hatte etliche Int’ressen,
die sie schon bald mir anvertraut,
sie einzeln schildernd, währenddessen
ich aufmerksam gehörgeschaut.

Da war der Garten beispielsweise,
der eng sich an ihr Häuschen schmiegt
und wo Dionysos zum Preise
die Rebe sich im Winde wiegt.

Der rückt sie mit der Heckenschere
zur Lese mächtig auf den Leib,
damit zu ihrer Winzerehre
ein Fässchen nach dem Keltern bleib.

Und ähnlich schien ihr zu gefallen
‘ne andre Art von Handarbeit –
sich Stoffe holen frisch vom Ballen
und schneidern sie zum Straßenkleid.

Auch Leinwand lässt sie gern sich reichen,
doch nicht zum Schnippeln und Vernähn,
nein, sie mit Farben zu bestreichen,
dass Landschaftsbilder draus entstehn.

Dazu ergreift sie ihren Hocker
und schleift ihn raus in die Natur,
die ihr Modell sitzt leicht und locker
und noch verschafft ‘ne Frischluftkur.

Nicht schon genug der Steckenpferde?
Sie mischt auch in der Kirche mit
und macht, dass einmal Friede werde,
sie für die Ökumene fit.

Mir hat’s die Sprache fast verschlagen
vor diesem quirligen Gemüt –
ein Weib in seinen späten Tagen,
wie es vor Laune nur so sprüht!

Wer so für alles aufgeschlossen,
dem kann man ja Respekt nur zolln.
In den Verwundrung auch geflossen:
Von mir hat sie nichts wissen wolln!