Archiv der Kategorie: Mensch

Freie Sicht garantiert

Freie Sicht garantiertO diese Fläche, die sich kräuselt,
im Schlag der Welln nie stillesteht,
die, wenn der Wind nur leise säuselt,
zur leichten Gänsehaut sich bläht

Doch hoch sich türmt zu schweren Wogen,
wenn Zorn den Blasebalg ihm schwellt
und fern des Horizontes Bogen
in Zacken auf und nieder fällt –

Was kann ich ihr denn abgewinnen,
der grenzenlos gefurchten Flur,
in der nur salz’ge Fluten rinnen,
aus denen nie ein Hälmchen fuhr?

Dass von den Meeren dieser Erde
ich keinem je so nahe dran
und ich Poseidons wilde Pferde
im Schlaf noch schnauben hören kann!

Das Wasser steht mir bis zur Schwelle,
doch friedlich mir die Füße leckt,
die außerdem für alle Fälle
im ersten Stock sich noch versteckt.

Bin hier in meinem Elemente
und freu mich wie ein Nikolaus –
der alte Küstenfreak in Rente
mit Meer und Sonne achteraus!

Und bloß der Sandstrand noch dazwischen –
die See, die See, so weit man schaut.
Da kann kein Hai im Trüben fischen,
dass er den Ausguck mir verbaut.

Lebende Bilder

Lebende BilderAn halbwegs windgeschützter Stätte
und rund, so scheint es, um die Uhr,
steht steif wie in ‘nem Kabinette
des Bettlers graue Wachsfigur.

Mit einzig diesem Unterschiede,
der aus der bloßen Form ihn hebt,
dass mit gestrecktem Fingergliede
er nach bescheidner Münze strebt.

Und diese Krumen, die vom Tische
der Glücklichen ihm manchmal falln,
sind Futter höchstens für die Fische
und nur zum Gürtel-enger-Schnalln.

Dabei kann er von Glück noch sagen,
wenn ihm die Gabe ganz auch bleibt
und nicht zu einem Boss zu tragen,
der „offne Hand“ en gros betreibt.

Mit einem Wort, der in die Ecke
sich vor der Blicke Phalanx duckt,
ist alles andre als ein Recke,
den’s Schätze zu gewinnen juckt.

Die Not hat ihn dahin getrieben,
von seiner Armut wohlgenährt,
denn was an Mitteln ihm geblieben,
des Miethais breites Maul verzehrt.

Von Gott und Welt im Stich gelassen,
war glücklos er im Lebenskampf,
steht draußen jetzt in allen Gassen,
nichts weniger als ein Hans Dampf.

Ein Bild, ein lebendes, schon eher,
wie’s früher man so gern gestellt,
damit der Pulk der Partysteher
der Langeweile nicht verfällt.

Nein, lieber will ich’s Schandmal nennen,
das ‘ne Gesellschaft produziert,
die in dem großen Reibachrennen
das Maß für Menschlichkeit verliert.

Reine Erziehungssache

Reine Erziehungssache‘ne Frau mit Hund mein Schicksal heute,
ach, was man so erleben kann!
Ein Einzelpaar und keine Meute,
doch wuselig wie ein Gespann.

Kommandos bellte dementsprechend
die Herrin, die die Strippe zog,
den Eigensinn indes nicht brechend
des Tiers, das auf Markierung flog.

In jedem Winkel fand das Wesen
der Artgenossen frische Spur –
das Frauchen sprach von „Zeitunglesen“,
ich brummte was von „Pinkeltour“.

Und dabei wechselt‘ es die Seite
so jäh an seinem Gängelband,
dass dauernd es in voller Breite
mir bis zum Knie im Wege stand.

Das war ein Zerren und ein Zurren,
ein Grummeln und Bei-Fuß-Geschrei:
der Dame permanentes Knurren,
der Hündin wilde Spielerei!

An ein Gespräch war nicht zu denken.
Nur Worte, flüchtig aufgeschnappt!
Man kann sich so’n Spaziergang schenken,
wenn als Statist man mit nur tappt.

Dem Tier hab ich nichts vorzuwerfen,
das gibt nur seine Freude kund.
‘ne Leine bräucht’s für Frauchens Nerven:
Da liegt begraben wohl der Hund!

 

Verwandtschaftsbande

VerwandtschaftsbandeNatürlich haben wir den Affen
nicht ausgesprochen viel voraus.
Das Leben hat uns gleich geschaffen
im groben Kleid des Körperbaus.

Dern Beine kürzer, Arme länger,
die Augen höher im Gesicht –
allein für Glaubensrattenfänger
noch Unterschiede von Gewicht.

Und auch, was diese gern behaupten,
ist eben nicht des Pudels Kern:
dass geistig wir so hoch uns schraubten,
dass jenen wir unendlich fern.

Mag sein zwar, dass des Menschen Brägen
mehr Masse auf die Waage bringt
und diesen ganzen Zellensegen
zu engeren Kontakten zwingt

So dass auf den gefurchten Fluren
in großer Vielfalt Frucht gedeiht,
dern oftmals unheilvolle Spuren
zum Buch man der Geschichte reiht.

Doch dafür tat auch Jahrmillionen
der Mensch sich mit dem Fortschritt schwer
und half sich mangels von Neuronen
mit Faustkeil aus und Schleuderspeer.

Der Sprung hat niemals stattgefunden
vom dumpfen Dämmer gleich ins Licht –
ein Bär, den die uns aufgebunden,
denen ’s an Märchen nie gebricht.

Doch dieses ganze Geistgelaber
ist eh nur Augenwischerei –
wie’n Tier muss ohne Wenn und Aber
er in die Kiste eins, zwei, drei!

Der alte Egotrip

Der alte EgotripNun, als Geschlecht von Karnivoren
sollte uns das geläufig sein:
Man ist zum Frieden nicht geboren
und eher Wild- als Kobenschwein.

Seh ich die Menge der Verbrechen,
die selbst in Staaten schon passiern,
wo Richter meistenteils sie rächen
und sie durch Gitter minimiern –

Was soll ich von den Gräueln halten,
die ‘ne brutale Mörderbrut
im Rücken schwacher Herrschgewalten
an ungeschützten Völkern tut?

Und die von Ehrgeiz angetrieben
nach Macht und Münze unentwegt,
die alten Wölfe doch geblieben,
in denen sich kein Mitleid regt?

Und was von dieser Menschenmasse,
die sich ‘nes guten Rufs erfreut
und doch im Winkel ihrer Gasse
dem Nachbarn tausend Gifte streut?

Bilanz: Was alle sie vereinigt,
ist Selbstsucht als ihr Leitmotiv,
um ein paar Weicheier bereinigt,
die machen sie nicht weiter schief.

So ist auf jeweils eigne Weise,
über das Trennende hinweg,
der Mensch stets auf Erob‘rungsreise,
den Geist der Hölle im Gepäck.

Kann er ein Schnäppchen wo erhaschen,
mit welchen Mitteln immer auch,
wird er vom Baum des Frevels naschen
für seinen nimmersatten Bauch.

Wie soll da einer ruhig schlafen
mit den Gedanken unterm Dach?
Ich pfeife auf das Zähln von Schafen
und bleibe lieber weiter wach.

Kuschelweihnacht

Heiße WeihnachtHeut grüße aus dem schönen Süden
ich die verschnupfte Leserschar
mit einer meiner Vers-Etüden,
die Frühling atmen, Adebar.

Soll ihrem Ohre wohl bekommen
und ihrem nordischen Gemüt,
auf dass auch mir, dem Musenfrommen,
ein neues Mauerblümchen blüht.

Die Sonne frisst sich alle Tage
hier durch den saftigen Azur
und bringt ‘ne Masse auf die Waage
mit leicht erhöhter Temp’ratur.

Erst wenn der Abend angebrochen,
der letzte Schimmer sich verzehrt,
kommt jene Kälte angekrochen,
die dich auch hier das Fürchten lehrt.

Der goldnen Münze andre Seite.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Heißt: Trotz der geograph’schen Breite
auch Wolle hier Furore macht.

Doch dies allein der Wahrheit wegen.
Tagsüber noch Spätsommerflair.
Und mit den reichen Lichterträgen
geht leichte Bräunung auch einher.

Dezember herrscht in diesen Landen,
die man sich weiß nicht denken kann.
Über den Straßen Lichtgirlanden –
mit Schlitten und mit Weihnachtsmann.

Schöne Nachbarschaftshilfe

Schöne NachbarschaftshilfeEs hat zum Guten sich gewendet,
ich freue mir ‘n Loch in’n Bauch:
Mein Internet, das schon verendet,
erblühte wie ein Frühlingsstrauch.

Und welcher Sonne war’s zu danken,
die aus der Starre es erlöst,
aus dieser Haft der Passwortschranken,
in der es tatenlos gedöst?

Der Nachbarin! Der guten Seele,
die unter mir den Laden führt
und, dass dir nichts im Haushalt fehle,
die Lust auf Eisenwaren schürt.

Die ließ mich nicht erst lange bitten,
als ging es um den heil’gen Gral –
ist gleich zum Apparat geschritten
und zeigte mir die Zugangszahl.

Ich wie der Blitz zu mir gesprungen,
den Laptop aus dem Schlaf geweckt
und mit dem Schlüssel, just errungen,
ins neue WiFi eingecheckt.

Das lief tatsächlich wie am Schnürchen:
„Verbunden“ mit dem www!
Ich wieder raus aus meinem Türchen,
Vollzug zu melden meiner Fee.

Sie freute sich, weil ich mich freute,
es war ihr deutlich anzusehn.
So lernt man kennen Land und Leute –
und die, die mit den Zeiten gehn.

 

Spätes Neuland

Spätes NeulandDenkt euch, auf meine alten Tage,
Methusalem steht vor der Tür,
ich mutig noch was Neues wage
und mich aus meinen Puschen rühr!

Denn der, der stets mich treu begleitet,
der Rechner revoltierte jäh
und nicht mehr das Programm bestreitet
der www.odyssee.

Zum ersten Mal in meinem Leben,
das, siehe oben, lang genug,
hab ich mich ins Café begeben,
das „Internet“ im Schilde trug.

Und das auch noch in fremden Landen,
da nennt man das nicht einmal so,
missachtet die, die es erfanden,
und spricht vom „locutorio“.

Gut. Nummer drei! Gehorsam sackte
ich auf den harten Untersatz
und zögernd auf die Tasten hackte
wie’n ohrenfeuchter Hosenmatz.

Zu suchen galt es ja der Zeichen
und Lettern labyrinth’sche Spur,
die sich erlauben, abzuweichen
vom Zickzack unsrer Tastatur.

Die Hürde war zu überwinden.
Ich kam, verstolpert leicht, ins Ziel,
um dort mich schön belohnt zu finden
mit ‘nem gelungnen Einkaufsdeal.

Klar weiß ich nicht, wie viele Jahre
mir bleiben noch für meinen Stolz –
ich weiß nur, dass mich bis zur Bahre
verfolgen wird dies harte Holz!

Ziemlich blauäugig

Ziemlich blauäugigGenetisch gleichen den Schimpansen
und psychisch wir den Wölfen mehr,
doch nennen Meier uns und Hansen
und tun uns mit den Tieren schwer.

Ja, schmeicheln uns, als Sonderposten
im Sortimente der Natur
von gleicher Lethe nicht zu kosten
wie Elefant und Totenuhr.

Nur weil die Schöpfung uns Gedanken
allmählich im Gehirn entfacht,
an denen wir doch eher kranken,
als dass sie je uns Glück gebracht.

Denn böse waren’s mehr als lichte,
die herrschten übern Menschengeist –
wie ’n Blick nur auf die Weltgeschichte
als blut’ge Wahrheit es erweist.

Um des geringsten Vorteils willen
schlug man sich schon die Birne ein,
und niemals war die Gier zu stillen
nach Reichtum, Macht und Hudelei‘n.

Auch darin glich man noch dem Tiere,
dass aufgeplustert wie zur Balz
man sich in dieser Horrorschmiere
geschmückt vom Hintern bis zum Hals.

In Samt und Seide die Prälaten,
in Purpur, was sich König nennt,
das heißt ein Aufzug von Primaten,
wie ihn nur diese Bühne kennt.

Und alle flitzten wie die Irren
stets um das goldne Kalb herum,
um es vor ihren Karrn zu schirren
als Zugpferd für ihr Gaudium.

Man gab sich fromm. Doch nicht in Taten.
Da stach man ab nach Herzenslust
und ließ das Fleisch im Feuer braten –
die Helden- wie die Hühnerbrust.

Erst kurz vorm unseligen Ende
man in das Horn des Friedens stieß,
gab Hab und Gut in Pfaffenhände
als Schmiergeld für das Paradies.

Abstruser kann man wohl nicht denken
in eitler Selbstgefälligkeit,
als einen Krümel Dreck zu schenken
dem Schöpfergott von Raum und Zeit.

Und so ‘nen Lohn sich zu erhoffen,
der alles Ird’sche übersteigt –
das Tor zum ew’gen Leben offen,
die Todesfuge ausgegeigt.

Die Wahrheit ohne Lobgehudel:
Der Mensch, wenn er nicht angeleint,
ist bissig wie der Wolf im Rudel
und gegen den gestellten Feind.

Er ist ein Teil des Stirb und Werde,
da beißt die Maus kein’n Faden ab.
Und sicher auch der Herr der Erde –
für seine achtzig Jahre knapp.

Dunkle Rauchzeichen

Dunkle RauchzeichenEs ist den Leuten nicht entgangen,
die weise unser Land regiern,
dass viele Menschen sich verfangen
in Dünsten, die sich schwer verliern.

Und dass die blässlich blauen Schwaden,
die rhythmisch deren Mund entfliehn,
den inneren Organen schaden
mit Giften wie dem Nikotin.

Beflissen sie auch hier verpfänden
ihr Wort für Wohl und Sicherheit –
zumal ja, Schaden abzuwenden
vom Volk, verpflichtet durch den Eid!

Wie ernst sie diese Sache nehmen,
rein menschlich schon und qua Mandat,
erkennt man – wie bei andern Themen –
ganz beispielhaft durch ihre Tat.

Mit Eifer fing man an zu streiten
gegen dies tödliche Toxin!
Ihr Kampf füllt tausende von Seiten
in Brüssel, Straßburg und Berlin.

Dass es kein Ruhen gab und Rasten,
ist ebenso protokolliert,
wie dass bis aufs Diätenfasten
man jede Lösung diskutiert.

Die Menschen sterben wie die Fliegen,
weil man die Lulle ihnen lässt.
Doch wie ein Gegenmittel kriegen,
das auch politisch wasserfest?

Man sollt es nicht für möglich halten –
der Durchbruch kam dann über Nacht.
Das schaffen nur die Staatsgewalten,
so raffiniert war das gemacht!

Man schob die lästigen Probleme
zurück dem Bürger in den Hals:
Dass er nur schön in Acht sich nehme,
weil Exitus droh andernfalls!

Mit Inschrift und ‘nem Trauerrande
verziert man nun die Schachtelgruft.
Am Grabe greint die Heuchlerbande
und freut sich der verschafften Luft.