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Spendable Gäste

Spendenfreudige GästeEin Feiertag, der uns entgangen,
weil irgendwie sie kalt uns lässt –
die Gabe, die das Kind empfangen
von Königen zum Wiegenfest.

Obwohl doch diese Potentaten
durchaus sich nicht an Geiz begeilt
und als geborene Magnaten
mit vollen Händen ausgeteilt.

Denn Weihrauch waren, Gold und Myrrhe
der Karawane reiche Fracht,
die sie aus ihrer Wüstendürre
zum Stall von Bethlehem gebracht.

Sie wollten ihre Gunst erweisen
‘nem Knäblein, dem geweissagt war,
es würde einst in höchsten Kreisen
befehligen ‘ne Engelsschar.

Nun, König ist er nicht geworden,
da lagen unsre Weisen schief.
Und dennoch ganze Menschenhorden
er zu gesalbten Füßen rief.

Die willig seiner Lehre lauschten,
vom Geist der Liebe hingerafft,
dass manche gar den Job vertauschten
und folgten ihm auf Wanderschaft.

Was für ein Licht in jenen Zeiten,
als das Gesetz des Dschungels galt:
sich mit der Klinge Recht erstreiten
und auch sein Unrecht mit Gewalt.

Er musst es mit dem Leben büßen,
ein Märtyrer der Menschlichkeit.
Die wahren Kön‘ge lassen grüßen –
vor dem Gefühl sind sie gefeit.

Doch sei’s, dass falsch verstanden haben
sie, was die Leute so geschwätzt –
dem Kind gebühren diese Gaben,
auch wenn es selbst sie nie geschätzt.

Die Trias dieser Morgenländer,
in Spanien wandelt sie noch heut;
nicht Gold-, doch Karamellenspender –
was wohl die Lütten mehr noch freut.

Kühle Venus

Kühle VenusWo ich nur Finsternis erwartet,
ein Meer, das wo im Schwarz verschwand,
war schon ein Einzelstern gestartet,
der anderen vorausgebrannt.

Frau Venus, wenn ich richtig tippe,
die sich als Erste nicht geziert
und die notorisch große Lippe
zu ihres Leibes Lob riskiert.

Das war indes kein bloßer Fimmel –
sie strahlte in so hehrem Glanz,
dass jede Konkurrenz am Himmel
nur Flitter wär und Firlefanz.

‘ne Sonne unsrer frühen Nächte
in rabenfiedrigem Azur –
wenn sie nur dieses Licht nicht brächte,
das kalt wie eine Schneckenspur!

So kroch ich auf dem Wege weiter
mit meinem Beutel in der Hand,
die Flamme ständig als Begleiter,
die kühl ich und unnahbar fand.

Ob deshalb wohl die kleinren Lichter,
die neidisch auf dies große schaun,
verschüchtert ihre Bleichgesichter
sich herzuzeigen noch nicht traun?

Nun, bis zu meiner Haustür Schwelle
war da noch keines aufgetaucht,
des ganzen Abendhimmels Helle
von einer Lampe ausgehaucht.

Hab, in mein Kämmerchen zu steigen,
von ihr mich schließlich dann getrennt.
Zurück in meiner Klause Schweigen.
Wie warm mir da das Kerzlein brennt!

Gutes Wechselklima

Gutes WechselklimaDie Beine in die Hand genommen
und sie den Lüften anvertraut,
zack, zack mal in die Hufe kommen,
da schon die Sonne nach dir schaut!

Des alten Jahres Abschiedsszene,
Verbeugung, Beifall, Vorhang zu –
und du klebst an der Sessellehne
wie’n Gummi unterm Straßenschuh!

Na also, erste Gehversuche.
So weiter, weg vom Küchentisch.
Und mit ‘ner Jacke dich betuche,
damit nicht Wind dich kalt erwisch!

So redete mich mein Gewissen
in barschem inn’ren Monolog
empor aus meinem Schlummerkissen,
dass in den Tag hinaus ich zog.

Doch hat sich was mit Abenteuer!
Wie friedlich alles um mich lag:
die Sonne mit gedämpftem Feuer,
das Meer mit sanftem Wellenschlag.

Ich wanderte ‘ne ganze Weile
am Hafen und am Strand entlang
mit der des Rentners würd’gen Eile –
gemächlich ohne Tatendrang.

Und wie ich mich so fortbewegte
wie eine faule Bauernmagd,
sich Zweifel an der Botschaft regte,
die mir der Wetterfrosch gequakt.

Die Jacke streifte ich vom Leibe,
die warm mich drüber aufgeklärt,
dass eher sie den Schweiß mir treibe,
als dass der Gänsehaut sie wehrt.

Muss ich es noch mal wiederholen?
Silvester war’s, Dezemberschluss.
Und ich lief wie auf heißen Kohlen
ein flammenscheuer Fidibus.

So ist zum Lehrpfad mir geraten
der Weg, den träge ich spaziert:
Zugvögel in der Sonne braten,
wenn Michel sich ins Neujahr friert.

Lehrreiche Exkursion

AraratEinst fuhr ich rauf zum Ararat
mit meinem Mountain-Fahrrarad,
mir Noahs Arche anzusehn.
Da fand ich noch, zu Stein erstarrt,
den Kahn, in dem er ausgeharrt
als 40-Tage-Kapitän.

Die Planke bog sich wie ‘ne Gert‘
genau vom Bug noch bis zum Stert
mit wunderbarem Schwung.
Das ganze Deck lag unter Gras
mitsamt der Brücke, wo der Baas
gelugt nach Wetterbesserung.

Doch als ich näher mir beäugt,
was von ‘nem Wrack angeblich zeugt,
hab ich’s als Täuschung dekuvriert.
Es hatten ja die Felsen nur
versehentlich zur Schiffskontur
sich geologisch formatiert.

Ein Weilchen ich verdattert stand,
bis diesen Fund ich typisch fand
für Traditionen mancher Art.
Man guckt ein Ding von Weitem an
durchs Brillenglas von jedermann
und Einzelheiten sich erspart.

Doch geb ich unumwunden zu,
nicht jeder kann wie ich und du
den Himmel stürmen sportsmanlike.
Den alten Esel, der aus Draht
und nie sich einem Gipfel naht,
fahrn viele noch statt Berge-Bike.

Dann sauste ich vom Ararat
begeistert und erkenntnissatt
zurück in mein gewohntes Nest.
Doch wie auch immer ich erregt,
er hat sich keinen Deut bewegt
und hielt an seinem Mythos fest.

Notwendige Urlaubsergänzung

Notwendige UrlaubsergänzungEin treuer Kumpel dieser Breiten,
der dich bei keinem Schritt verlässt,
kommt morgens schon von allen Seiten
auf leisen Sohlen in dein Nest.

Er lässt in rücksichtsvoller Weise
dich unbehelligt noch im Bett,
obwohl nach nächtlich langer Reise
er Anspruch auf Willkommen hätt.

Erst wenn erwacht mit einem Satze
du saust in dein Pantoffelpaar,
wirst seine ausdruckslose Fratze
mit grauen Pickeln du gewahr.

Doch statt ihn freudig zu begrüßen
als deiner Bleibe lieben Gast,
trittst du ihn rüde noch mit Füßen
und machst ihn dir erst recht verhasst.

Und noch vor allen andern Dingen
wie Körperpflege und so fort,
willst du ihn um die Ecke bringen,
heißt mit dem Eimer über Bord.

Worunter wir hier nicht verstehen
die Pütz, wie sie der Seemann rühmt,
sondern, um Müll ihr anzudrehen,
die in der Küche mauerblümt.

Mit Schaufel rennst du und mit Besen
so Tag für Tag durch dein Revier,
um trockne Losung aufzulesen,
die da und da und immer hier.

O Sisyphus mit deinem Brocken,
den nichts auf seiner Höhe hält –
hier sind‘s Legionen leichter Flocken
von Staub, der stets zu Boden fällt!

Vergeblich wär es, zu verstopfen
den Eingang, der nach draußen geht –
vom Strand her sich in feinsten Tropfen
beständig Sandgewölk entlädt.

Da kannst du gern den Besen holen:
Der stille Gast, er ist nicht dumm.
Er heftet sich an deine Sohlen
und wandert in der Bude rum.

Am Abend noch mal rausgeschmissen,
bevor man sich zur Ruhe legt –
belagert morgens er dein Kissen,
vom Winde wieder reingefegt!

Zu Palmenstrand und Meer und Sonne,
wie sie das Urlaubsherz begehrt,
gesellt sich noch die Abfalltonne,
zu der man immer wieder kehrt.

 

Unter Druck gestanden

Unter Druck gestandenSchwer atmend lag es in den Armen
der schwarzen, unbeugsamen Nacht,
das Meer, das selber ohn Erbarmen
dem Fahrensmann heut Angst gemacht.

Wie gut konnt ich es keuchen hören
im steten Takt von Berg und Tal
und ähnlich jenen Friedenschören
des Nachts in einem Krankensaal.

Und wie in Letzt’rem in der Regel
ein Lämpchen trübe wo noch glimmt,
stand hoch hier überm Wasserpegel
der Mond, zur Sichel abgedimmt.

Die lag zu Füßen dem Trabanten
als Schiffchen der besondren Art ,
wie alte Meister schon verwandten
es für Mariä Himmelfahrt.

(Erst dacht ich an ein Wiegemesser,
mit dem der Mond die Luft zerteilt,
doch fand die Jungfrau schließlich besser,
die diesem Jammertal enteilt.)

Da war es nur ein Glück und Segen,
dass die Laternen Licht spendiert,
zumal der vollen Blase wegen
ich mehr gerannt als promeniert.

So fand ich nach dem Festgepichel
im Endspurt noch aufs heim’sche Klo,
ein biergeblähter deutscher Michel
aus Andalusiens Rentnerzoo.

O Wollust, jäh sich zu entleeren
in dieser Schüssel Priesterohr
und aus dem Stuhle heimzukehren
so unbeschwert wie nie zuvor!

Kaum hatte mich der Druck verlassen,
erwachte neuer Tatendrang –
Gedichte etwa zu verfassen,
und wären sie zehn Strophen lang.

So kam dies Machwerk hier zustande.
Erleicht’rung hielt den Vers in Fluss.
Bis zur besagten Zehnerbande –
der Stelle, wo man wieder muss.

Ein Wort zum Fest

Ein Wort zum FestEin Abend, den wir heilig nennen,
weil kalendarisch er so heißt
und weil man, ihn uns einzubrennen,
seit unsrer Wiege sich befleißt.

Die Eltern, Nachbarn und Verwandten,
als Ohrenbläser wohl erfahrn,
die, was sie selber nicht erkannten,
auch ihrem Nachwuchs nicht ersparn

Warn stets die will’gen Pollenträger,
um Geistesfrüchte zu vermehrn,
von denen fleiß’ge Heilserreger
als Priester ihre Pfründen nährn.

Und pfiffig trichtert man schon Kindern
die fromm gelogne Weisheit ein,
bevor Verstandeskräfte hindern,
dass sie sich frisst in Mark und Bein.

Denn ihre Ohrn, die niemals tauben,
sind optimal dafür gewählt,
weil einfach alles sie noch glauben,
was ihnen Hinz und Kunz erzählt.

Und wenn mit wachsendem Verstande
auch hier und da der Zweifel keimt,
erweisen sich die frühen Bande
doch mit dem Herzen gut verleimt.

Kurzum, die aufgeklärte Seele
belächelt diesen Kirchenstuss,
dass man mit himmelsdurst‘ger Kehle
nur Hosianna gurgeln muss.

Doch dann die Hirten auf dem Felde.
Der Stern. Die Kön’ge eins, zwei, drei.
Man fällt aufs Knie vor dem Gemälde:
Was für ein Meister, Lukas 2!

Rieselnde Stille

Rieselnde StilleEin Hupen – wohl aus Weihnachtsfreude,
‘nen andern Grund find ich nicht raus.
Sonst kein Geräusch im Strandgebäude,
in meinem Rentnerwinterhaus.

Kein Wind zu hörn, kein Wellenrauschen,
kein Nachbar, der sich unterhält.
Das Ohr muss in sich selber lauschen,
dass Stoff ihm in die Muschel fällt.

Bethlehemitisch diese Stille,
der rechte Auftakt für das Fest,
das uns des Höchsten Wunsch und Wille
für seinen Sprössling feiern lässt.

Da draußen spannen sich Girlanden
geschmeidig über den Asphalt
mit Lämpchen, die gezackt umranden
‘nen kobaltblauen Tannenwald.

Und auch des Kirchleins schmächt’ger Giebel,
in den die Glöckchen eingerückt,
hat mit ‘nem zünft’gen Bild der Bibel
aus Neonbirnen sich geschmückt.

Doch klingen keine Lobgesänge,
wie tags sie mir noch zugeweht,
aus des bestuhlten Chores Enge
durch das Portal, das offensteht.

Die Welt liegt da im tiefsten Frieden,
erfüllt auch mich mit schöner Ruh.
Und von der Heimat weit geschieden,
brauch ich nicht einmal Schnee dazu.

 

Ein rundes Wiegenfest

Ein rundes WiegenfestNun bin ich also reingeschlittert
mit diesem üblichen Tamtam –
beküsst, beglückwünscht und beflittert,
geduldig wie ein Osterlamm.

Ein Gasthof halbwegs auf dem Lande
gab seinen letzten Tisch uns her.
Da hockten wir als Viererbande
und putzten unsre Teller leer.

Mir war nicht feierlich zumute,
doch fühlte ich mich angeregt,
wie wenn man von der graden Route
sich schnell mal in die Büsche schlägt.

Ist das nicht mehr als man erwarten
von einem Freund der Weisheit sollt?
Die Zeit kennt Pausen nicht und Sparten,
wie ’n Stern sie einfach weiterrollt.

Da ist kein Punkt, um einzuhaken
des Lebensschiffchens Haltetau,
nur Öde ohne Bojen, Baken,
geschweige denn ‘ner Meerjungfrau.

Und dies sogar einmal beiseite:
Wer setzte uns den Floh ins Ohr,
dass eitel Glück es uns bereite,
rückt unser Zeiger weiter vor?

Der Tag, den man nach Brauch und Sitte
mit Segenswünschen reich belädt,
erscheint mir nach der Lebensmitte
wie eines nahen Ends Prophet.

Und Jahr für Jahr hört man ihn schreien
nur umso lauter unbeirrt,
als er beim Ende-Prophezeien
allmählich immer sichrer wird.

So kaute ständig die Gedanken
im Hirn ich eifrig hin und her,
als ob mit Backen und mit Banken
ich nicht genug beschäftigt wär.

Dann war das Mahl auch schon zu Ende,
die Rechnung rauschte aufs Tapet.
Ein Stückchen Fett, ein Eckchen Lende –
der Rest, der vor die Hunde geht.

Die milden Siebziger

Die milden SiebzigerNoch hab ich eine gute Stunde,
in der als Sechziger ich gelt,
dann wird auch diese Zehnerrunde
dem Chronos ins Archiv gestellt.

Will deshalb schnell sie noch benutzen,
ihr diesen Nachruf hier zu weihn,
doch ohne sie herauszuputzen
wie’n Lobspruch auf ‘nem Marmorstein.

Zu früh ist sie dahingegangen,
in zarter Jugend mir geraubt,
bevor die rosenblühnden Wangen
von Falten schattig noch belaubt.

Das sagt natürlich nichts zur Sache,
ist nur Lamento, floskelhaft.
Doch wie, wenn wirklich Ernst ich mache
mit zeithistor’scher Wissenschaft

Und unter eure Nase reibe
so lang wie breit und detailliert,
was einem bei lebend’gem Leibe
in ‘ner Dekade so passiert?

Na bitte, will doch keiner wissen.
Ist kaum auch was der Rede wert –
vielleicht als ich der Welt entrissen
kurz in ‘ne Klinik eingekehrt

Wo man mit allerlei Bestecken
mir eifrig auf den Pelz gerückt,
doch ohne Appetit zu wecken
auf Leckerein, die mich entzückt.

Nein, als ich friedlich in Narkose
der Dinge harrte unbewusst,
stieß der Chirurg, der rigorose,
mir eine Klinge in die Brust.

Ein Stich, der glücklich mich befreite
von ‘nem gefräßigen Filou,
so dass erleichtert ich nun schreite
auf die besagten siebzig zu.

Sonst wär nichts weiter zu erzählen.
Nur Schmalkost und kein Sternekoch.
Doch könnt ich mir die Jahre wählen:
Die nächsten bitte fader noch!